NZZ Folio 11/92 - Thema: Geheimdienste   Inhaltsverzeichnis

Wozu noch Spionage?

Amerikas Nachrichtendienste und ihre Probleme.

Von Angelo M. Codevilla

Amerikas Nachrichtendienste beschäftigen 100 000 Leute; zusammen mit ihren Werkzeugen - Flugzeuge, Satelliten, Computer, Kameras und Antennen - kosten sie den Steuerzahler mehr als 30 Milliarden Dollar jährlich. Der Zusammenbruch des Kommunismus und das Ergebnis des Golfkriegs haben nun eine seit langem schwelende Debatte darüber, welche Art von Nachrichtendiensten die USA brauchen und wie viele, wieder angefacht.

Um diese Debatte verstehen zu können, wollen wir uns zunächst einmal ansehen, was für Nachrichtendienste es in Amerika gibt und was sie tun. Wir werden sehen, warum ihre Leistungen sogar während des kalten Kriegs Anlass zu vielen Fragen gegeben haben, und untersuchen, inwiefern diese Fragen in den letzten Jahren drängender geworden sind. Und schliesslich soll hier die Debatte dargelegt werden zwischen jenen, die so wenig wie möglich verändern wollen; jenen, die verlangen, dass die Nachrichtendienste sich der Wirtschaft und ökologischen Problemen zuwenden; und jenen, die möchten, dass sie sich weiterhin mit militärischen und politischen Konflikten beschäftigen, aber anders als bisher.

Entgegen der landläufigen Meinung besteht der amerikanische Geheimdienst aus viel mehr als nur der CIA. Fünf Ministerien plus ein paar unabhängige Organisationen verfügen über eigene Einheiten zur Nachrichtenbeschaffung. Manche davon sind sehr spezialisiert. So sitzen in der Einheit des Energieministeriums Amerikas beste Experten für ausländische Kernwaffen, während die winzige Einheit des Luftfahrtministeriums primär die Funktion hat, Informationen über Flugzeugentführer zu sammeln. Das Schatzamt konzentriert sich auf Drogenhändler, Waffenschieber und natürlich auf krumme Finanzgeschäfte. Der Nachrichtendienst des Aussenministeriums trägt Informationen aus allen Bereichen der Regierung zusammen, damit der Aussenminister täglich auf den neusten Stand gebracht werden kann. Dieser Dienst kooperiert auch mit den wirklich grossen Nachrichtendiensten der Nation und bringt die «National Intelligence Estimates» heraus - nachrichtendienstliche Lagebeurteilungen zu so grundlegenden Themen wie die Leistungsfähigkeit der russischen Raketen oder die Zukunft der chinesischen Politik. Der kleinste der grossen Nachrichtendienste ist jener Teil der Bundeskriminalpolizei (FBI), der sich mit Spionageabwehr befasst. Er versucht russische, chinesische und andere feindliche Nachrichtenoffiziere in den USA im Auge zu behalten und ihre amerikanischen Kontaktpersonen zu ermitteln.

Auf all diese Organisationen zusammen entfallen etwa 5 Prozent des Budgets für Nachrichtendienste. Rund 85 Prozent nimmt das Verteidigungsministerium in Anspruch. Innerhalb des Verteidigungsministeriums haben die Armee, die Marine und die Luftwaffe eigene Nachrichtendienste. Sie werden koordiniert von der Defense Intelligence Agency (DIA). Zum Pentagon gehört auch das National Reconnaissance Office (NRO), das nationale Büro für militärische Aufklärung, das über die meisten Spionagesatelliten verfügt. Ebenso dem Pentagon unterstellt ist die National Security Agency (NSA), der Staatssicherheitsdienst, ein gigantischer Komplex aus Antennen und Computern, die elektronische Signale auffangen und analysieren. Und schliesslich ist da die Central Intelligence Agency (CIA), die etwa 10 Prozent des Budgets beansprucht. Die CIA beschäftigt Spione im Ausland und ein Heer von Analytikern und sollte eigentlich die Arbeiten aller obenerwähnten Einheiten und Organisationen koordinieren, um die «National Intelligence Estimates» zuhanden der Regierung zu produzieren.

Die meisten Angestellten der amerikanischen Nachrichtendienste sind in erster Linie Informationsvermittler. Sie ordnen Informationen, analysieren und bündeln sie entsprechend den Aufgaben ihres Ministeriums. Jeden Morgen müssen sie sich darauf gefasst machen, dass zum Beispiel ein Beamter des Energieministeriums oder des Aussenministeriums mit der Frage auftaucht, wie es um das irakische Kernwaffenprogramm stehe oder um Irans Verhandlungen mit China über den Kauf von Kernreaktoren. Der Beamte weiss, dass die Analytiker seiner Organisation alle entsprechenden Dossiers der Regierung durchkämmt, mit jedem Fachmann auf diesem Gebiet gesprochen haben - und mit den Daten auch etwas anfangen können. Ebenso ist ein Grossteil der Spionageabwehrarbeit des FBI bloss eine Erweiterung seiner Polizeiarbeit: Spionen wird nachgespürt wie Verbrechern - mit dem Ziel, sie schliesslich vor Gericht zu stellen. Auch das Verteidigungsministerium hat einen gewaltigen Nachrichtenbedarf. Wer ein neues Flugzeug entwickelt, möchte Dossiers über die Radarsysteme möglicher Gegner, und wer sich auf einen Luftkampf vorbereitet, will Dossiers über die Fliegerabwehr des Feindes. Das Weisse Haus und der Kongress könnten von überall Informationen beziehen, aber in der Regel holen sie Rat bei der CIA, die Tausende von Analytikern beschäftigt, jährlich Tausende von Briefings gibt und für hohe Beamte sogar ein streng geheimes Informationsblatt publiziert.

Ein kleinerer Prozentsatz der Leute im Nachrichtendienst sind Sammler. Sie verbrauchen den grössten Teil des Nachrichtendienstbudgets: ungefähr die Hälfte der jährlich 30 Milliarden Dollar wird für taktisch-nachrichtendienstliche Belange ausgegeben. Dazu gehören die Kameras und Radaranlagen, die irakisches Kriegsmaterial auf dem Schlachtfeld identifizierten und den amerikanischen Panzerwagen und Flugzeugen automatisch übermittelten, wohin genau sie zu zielen hatten; dazu gehören ebenso die Geräte zum Auffangen feindlicher Funksignale auf dem Schlachtfeld.

Die Hälfte der verbleibenden Hälfte, mehr als 7 Milliarden Dollar, wird für den Kauf von Kameras und Antennen ausgegeben, mit denen man tief in fremde Länder hineinzuhorchen und hineinzublicken vermag. Man nennt diese Instrumente National Technical Means (NTM), nationale technische Mittel. Die rund 2000 Agenten, die die CIA ständig im Ausland im Einsatz hat - sie werden von fast ebenso vielen in Washington unterstützt -, kosten weniger als ein grosser Satellit. Fast alle CIA-Leute im Ausland arbeiten von amerikanischen Botschaften und Konsulaten aus, angeblich als Diplomaten, Attachés für Landwirtschaftsfragen oder als andere Regierungsbeamte, aber ihre Hauptaufgabe ist es, Leute zu finden, die ihnen Geheiminformationen verschaffen. Zum Botschaftspersonal gehören auch Militärattachés, die ganz offiziell über die Armee ihres Gastlandes berichten. Diese Attachés kosten weniger als ein kleiner Satellit.

Rund 2500 FBI-Beamte sind fast schon alles, was die amerikanische Spionageabwehr zu bieten hat. Die CIA beschäftigt etwa 100 Leute, die feindliche Nachrichtendienste unterwandern und umgekehrt die Unterwanderungsversuche feindlicher Spione aufdecken sollen. Die militärischen Geheimdienste, die die Satelliten bauen und in Umlauf halten, stellen FBI und CIA wohl Daten zur Verfügung, haben aber keine eigenen Leute damit beauftragt, Nachforschungen anzustellen über feindliche Versuche, die amerikanischen Kameras und Antennen zu täuschen. Alles in allem macht die Gegenspionage einen vernachlässigbaren Teil des nachrichtendienstlichen Budgets aus.

Noch weniger kosten sogenannte convert actions, verdeckte Aktionen. Wurde Mitte der fünfziger Jahre die Hälfte des CIA-Budgets dazu verwendet, ausländische Regierungen und die öffentliche Meinung zu beeinflussen, wird heute nur noch ein Prozent desselben (und damit ein Promille des gesamten nachrichtendienstlichen Budgets) für solche Zwecke ausgegeben.

Die USA haben den kalten Krieg nicht wegen, sondern trotz ihren Geheimdiensten gewonnen. Die Spionage hat keine der wichtigen Fragen je beantwortet. Satelliten und ähnliches vollbrachten technische Wunder, fixierten sich aber mehr und mehr auf die künstlichen Probleme der Rüstungskontrolle. Die Analytiker machten die Mode mit, denen das akademische Milieu huldigte. Die Gegenspionage vermochte praktisch keine Qualitätskontrolle mehr zu erbringen. Und den Befürwortern verdeckter Operationen erging es wie dem Zauberlehrling.

Während die amerikanische Regierung den kalten Krieg führte, produzierte die amerikanischen Geheimdienste Tausende von Seiten zu Frage folgender Art: Inwieweit wird Chruschtschew seine Drohungen gegen Berlin wahr machen? Was sind die Absichten der Sowjetunion bei den 1969 begonnenen Abrüstungsverhandlungen? Dienen die sowjetischen Raketen nur zur Abschreckung oder dem Ziel, einen Atomkrieg zu führen und auch zu gewinnen? Was beabsichtigt Gorbatschew eigentlich, und warum wechselt er so oft den Kurs? Wie wird sich die sowjetische Armee im Falle einer Revolution verhalten? Diese Papiere wurden von Leuten verfasst, die nicht wussten, was in den Köpfen der Sowjetführer vorging. Hätte die Geheimdienstarbeit etwas getaugt, wäre ein zehnseitiger Bericht bei weitem ausreichend gewesen. Doch so wurden von der amerikanischen Regierung zentrale Entscheidungen auf Grund von Spekulationen gefällt.

Das Wichtigste wurde nicht geliefert. Nicht, weil man sich zuwenig Mühe gegeben hätte, sondern weil man die Sache ganz einfach falsch anging. Da die CIA-Spione kaum verhüllt als Diplomaten auftraten und sich als Gentleman-Spione betrachteten, beschränkten sich ihre Kontrakte naturgemäss auf einen kleinen Kreis von Leuten. Selbst doppelt so viele CIA-Agenten hätten mit dieser Haltung und diesem Vorgehen nicht mehr erreicht, als die paar Sowjets zu betreuen, die von sich aus spionieren oder überlaufen wollten. Die Engstirnigkeit und die beschränkten Kontakte der CIA-Agenten, die oft weniger wussten als Journalisten, führten dazu, dass sie die Geschehnisse konsequent falsch einschätzten. So sahen sie die Rettung der Welt in der nichtkommunistischen Linken - indem sie etwa in Italien den linken Flügel der Democrazia cristiana und die Sozialisten unterstützten, um die Kommunisten zu schwächen; ferner waren sie beispielsweise überzeugt, dass die aggressive Säkularisierung Irans durch den Schah dessen Thronherrschaft stärke.

Die amerikanischen Spionagesatelliten und andere NTM wurden in den späten fünfziger Jahren erdacht, als das Hauptproblem Raketen mit einfachen Sprengköpfen waren, die auf ihren Abschussrampen mühsam zusammengebastelt werden mussten. Alle paar Monate gelangen einem Satelliten ein, zwei wolkenlose Bilder solcher Rampen. In den frühen sechziger Jahren war das kollektive Bewusstsein der US-Regierung schon deutlich auf den Weg ausgerichtet, der zu den Abrüstungsverträgen der siebziger Jahre führte. Diesen Verträgen lag die Annahme zugrunde, dass die Sowjetunion nie einen Atomkrieg führen könnte, ohne dass die USA durch die NTM rechtzeitig über Art und Zahl der sowjetischen Raketen vorgewarnt wären.

Nach den frühen sechziger Jahren wurde diese Annahme jedoch hinfällig: Neuartige Raketen wurden gebaut, und zwar in Fabriken, wo sie von den Satelliten nicht gezählt werden konnten, und ihre Bauweise erlaubte, dass sie von beliebigen Stellungen aus abgefeuert werden konnten. Die Satelliten konnten nur die Löcher im Boden zählen und vermessen, aus denen die Raketen möglicherweise gestartet würden. Das Aufkommen von Mehrfachsprengköpfen und die Verbesserung der Lenksysteme führten dazu, dass sich die militärische Schlagkraft nicht mehr nach der Anzahl von Flugkörpern bemessen liess. Die amerikanischen Satelliten lieferten somit immer mehr und immer bessere Bilder von Dingen, die immer weniger zu bedeuten hatten. Die amerikanischen Satellitenkonstrukteure waren damit beschäftigt, für die Rüstungskontrolle nützliche Informationen zu sammeln, und liessen Informationen ausser acht, die zur Zerstörung von Raketen - im Flug oder auf dem Boden - vonnöten gewesen wären. Um die von den NTM gesammelten Informationen für militärische Zwecke nutzbar zu machen, wurde ein Spezialprogramm entwickelt, mit dem sie an die militärischen Oberbefehlshaber weitergegeben werden sollten. Wie wir noch sehen werden, erwies es sich während des Golfkriegs 1991 als keineswegs befriedigend. Die von den NTM gelieferten Informationen vermittelten aber auch in Washington kein klares strategisches Bild. Sie waren vielmehr Zündstoff für fruchtlose Streitereien.

Ein Grund, warum die von der CIA und den NTM gesammelten Informationen keinen grösseren Wert hatten, lag darin, dass nie klar wurde, in welchem Masse die Informationsbeschaffer Täuschungen aufgesessen waren. Im Laufe der Jahre eliminierte die CIA die Überprüfung ihrer eigenen Operationen durch unabhängige Abwehrorganisationen fast vollständig. Vermutungen, dieser oder jener Überläufer könnte ein falscher gewesen sein, führten zu internen Kriegen. Fast dreissig Jahre nachdem der KGB-Agent Yuri Nosenko übergelaufen ist, hassen die CIA-Fraktion, die ihm glaubte, und jene, die ihm nicht glaubte, einander nach wie vor zutiefst.

Die NTM wiederum wurden entwickelt und benutzt im Glauben, die von ihnen gelieferten Bilder und Tonaufnahmen gäben in jedem Falle nichts als die Wahrheit wieder. Dabei wurde ausser acht gelassen, dass das Wissen über die Möglichkeiten der NTM weit verbreitet war - jedes wichtige Satellitensystem wurde den Sowjets durch Spionage verraten und in der Presse mehr oder minder präzise dargestellt. Wer weiss, dass er zu bestimmten Zeiten und auf bestimmte Weise fotografiert oder belauscht werden wird, kann manche Dinge verbergen und andere vorzeigen, um die Botschaft zu vermitteln, die ihm passt. In dem Masse, wie das Wissen um die NTM sich verbreitet hat, hat der Wert ihrer Informationen sich verringert.

Die offensichtlichsten Mängel der amerikanischen Nachrichtendienste zeigen sich in der Qualität der Unterlagen, die sie dem Präsidenten, dem Kongress und hohen Beamten lieferten. Es gab zwar kaum Einwände gegen die rein militärischen Nachrichtendienste; und sogar im Bereich der sogenannten National Intelligence gab es vereinzelte hervorragende Leistungen - zum Beispiel die Anzapfung der sowjetischen Untersee-Nachrichtenkabel durch eine einfallsreiche U-Boot-Besatzung. Was hingegen die Autoren übergreifender Analysen auf höchster Ebene betrifft, so kann man schwerlich anderer Meinung sein als der demokratische Senator Daniel P. Moynihan (New York), der befand: «Im Laufe des letzten Vierteljahrhunderts lag die CIA in der Analyse der wesentlichen politischen und wirtschaftlichen Fragen immer wieder falsch.»

Die CIA hat die militärische und wirtschaftliche Bedeutung der Zunahme sowjetischer Kernwaffen zwischen 1965 und 1975 falsch interpretiert, obwohl sie in Informationen schwamm. Bevor die Kommunisten in Osteuropa die Nerven verloren und gestürzt wurden, waren die Analytiker überzeugt, dass der Kommunismus einen festen Stand habe. Sie hielten die Sowjetunion für wirtschaftlich dreimal bedeutender, als sie wirklich war. Sie schrieben sogar, das Bruttoinlandprodukt pro Kopf von Ostdeutschland sei grösser als das von Westdeutschland. Sie waren überzeugt, dass die Ölreserven der Erde kurz vor dem Versiegen seien und dass die Bevölkerung von Nicaragua für die Sandinisten stimmen werde. Sie waren 1979 so sicher, dass eine neue Eiszeit anbreche, wie sie heute sicher sind, dass die globale Erwärmung uns zu zerstören droht. Um diese Fehleinschätzungen zu begreifen, muss man wissen, dass sie immer in perfekter Übereinstimmung mit den Ansichten der Besten und Intelligentesten der Elite-Universitäten waren.

Es wäre unfair, die Misserfolge verdeckter amerikanischer Aktionen der CIA anzulasten - das Aufwiegeln und anschliessende Fallenlassen der Kubaner, H'mong-Laoten, Kurden und anderer. Erfolg und Misserfolg verdeckter Aktionen hängen fast nie von den Fähigkeiten jener ab, die sie durchführen. Sie haben vielmehr zu tun mit der Konsequenz oder Inkonsequenz der Regierungspolitik. Unglücklicherweise wurden verdeckte Aktionen für die Regierung zu einem Instrument, das ihr ermöglichte, einander widersprechende Strategien gleichzeitig zu verfolgen: Man unterstützte Rebellen beispielsweise im Irak, in Nicaragua oder Angola, während man andererseits Dinge tat, die die Regierenden stärkten.

Mit dem Golfkrieg 1991 wurden viele dieser Probleme offensichtlich. Während sich der Irak darauf vorbereitete, Kuwait anzugreifen, waren die Analytiker mit geradezu überwältigender Übereinstimmung der Meinung, Saddam Hussein werde nicht einmarschieren. Während Saddams Truppen sich in Kuwait eingruben und darauf einrichteten, ihre Positionen zu verteidigen, waren die Analytiker einhellig der Meinung, sie bereiteten sich auf die Invasion in Saudiarabien vor. Nicht nur hatten die Analytiker den Hang, Meinungsmodeströmungen zu folgen, sie hatten ausserdem keine Ahnung von Saddams wirklichen Absichten. Dies ist nicht weiter überraschend, denn keiner der Diplomatenspione der CIA hatte je Kontakte zu Leuten aus Saddams engstem Zirkel zu knüpfen vermocht. Die USA hatten im Irak ganz einfach niemanden, der beispielsweise als Waffenhändler aufgetreten wäre und die nötigen Sprachkenntnisse gehabt hätte, um Saddams Geheimnisse ergründen zu können. Auch die amerikanischen Abhörspezialisten brachten nichts zuwege. Heutzutage können auch Entwicklungsländer Codes kaufen, die nicht zu knacken sind. Nach dem Golfkrieg fragten viel Amerikaner: Wenn unsere Nachrichtendienste uns nicht sagen können, was ein Feind beabsichtigt, wofür taugen sie dann?

Der Oberbefehlshaber im Golfkrieg, General Norman Schwarzkopf, gab klar zu verstehen, dass ihm die Analytiker überhaupt keine Hilfe waren und die NTM nur eine kleine: Satellitenbilder gab es wenige, und sie kamen zu spät. Und so wunderte sich die Welt, dass die USA, deren Flugzeuge ungehinderten Zugang zum irakischen Luftraum hatten und deren Satelliten fast nur auf diesen Krieg ausgerichtet waren, es nicht schafften, in einem kleinen, weitgehend flachen, öden Land die mobilen Scud-Raketen zu zählen, geschweige denn, ihre Positionen auszumachen. Ausserdem fielen die amerikanischen Informationsbeschaffer mehrmals auf irakische Attrappen herein. Die NTM waren nicht für den Kriegsfall entwickelt worden, und das merkte man ihnen an. Nach dem Krieg wurde klar, dass Informationssammler und Analytiker das irakische Atomprogramm unterschätzt hatten. Viele Amerikaner fragen: Wie würden die US-Nachrichtendienste gegen einen ernstzunehmenden Gegner und auf einem grösseren Kriegsschauplatz abschneiden?

Diejenigen Nachrichtendienstsysteme, die zur Unterstützung taktisch-militärischer Operationen entwickelt worden waren, funktionierten freilich glänzend. Je mehr sie mit der Kunst des Schiessens zu tun hatten, desto besser funktionierten sie; je weniger, desto schlechter.

Das Ende des kalten Kriegs und das des Golfkriegs sprechen beide deutlich dafür, dass die amerikanischen Nachrichtendienste vieles von dem, was sie während der letzten vierzig Jahre getan haben, nicht mehr tun sollten. Doch während aus dem Golfkrieg die Lehre zu ziehen wäre, dass sie sich darauf konzentrieren sollten, in politisch-militärischen Konflikten bessere Arbeit zu leisten, gibt es in Washington starke Strömungen, die meinen, Geschichte im politisch-militärischen Sinne gebe es heute nicht mehr und die Welt werde vom Kampf um die wirtschaftliche Vorherrschaft und von der Regelung der ökologischen Probleme bestimmt werden. Die nachrichtendienstliche Bürokratie ihrerseits würde am liebsten dem vorhandenen Personal neue Berufsbezeichnungen geben und möglichst keine Stellen abbauen.

Gleich nachdem er vom Senat im November 1991 als Direktor der CIA im Amt bestätigt worden war, besuchte Robert Gates eine Reihe von Ministern und Spitzenbeamten in Washington, um sie zu fragen, welche Leistungen sie künftig von den Nachrichtendiensten im allgemeinen und von der CIA im besonderen erwarteten. Gleichzeitig bat er um Unterstützung im Kampf gegen Kürzungen des Nachrichtendienstbudgets. Er bekam sehr unterschiedliche Antworten.

Einerseits spiegelte die Haltung der Washingtoner Beamten die intellektuellen Modeströmungen in Washington wider: Denen gemäss ist die Sicherheit Amerikas vor allem durch die wirtschaftliche Konkurrenz aus Japan und der EG bedroht. Wer bei diesem Wettstreit siegt, wird der Manager der Welt sein, die Verlierer dagegen die Arbeiterbienen. Der Sieg wird davon abhängen, ob die industriepolitischen Strategen die richtigen Entscheidungen treffen. Darum, so wird argumentiert, sollte Amerika Bürokraten haben, die ebensogut informiert sind wie jene im japanischen Ministerium für Aussenhandel und Industrie und am Sitz der EG-Kommission. Die amerikanischen Nachrichtendienste sollten versuchen, die industriellen Geheimnisse dieser Konkurrenten aufzudecken und die amerikanischen zu schützen. Amerikas Sicherheit sei auch bedroht durch die Drogenbarone in Kolumbien und durch Firmen rund um den Globus, die der Umwelt Gewalt antun, indem sie beispielsweise zu vielen Fluorchlorkohlenwasserstoffe in die Atmosphäre entweichen lassen oder indem sie zu viele Wale töten. Darum sollten die US-Nachrichtendienste sich darauf konzentrieren, Beweismaterial gegen solche Verbrecher zu sammeln.

Andererseits hielten sich die höheren Beamten eng an die Bedürfnisse ihres jeweiligen Ministeriums, als sie ihre nachrichtendienstlichen Prioritäten der Budgetbehörde vorlegten. Das Pentagon hat aus dem Golfkrieg seine Lehren gezogen und will deshalb die Überwachung der Kriegsschauplätze und die technischen Möglichkeiten zur Aufspürung mobiler Raketenbasen verbessern. Das Aussenministerium verlangt diplomatische Informationen, das Energieministerium alle Daten über die Verwendung von Kernenergie in anderen Ländern. Soviel sie auch davon reden, dass die Nachrichtendienste ökologische Aufgaben übernehmen sollten: niemand scheint willens, Geld aus seinem Budget abzuzweigen, um eine Expedition zu finanzieren, die abklären soll, ob Strahlung, die durch das antarktische Ozonloch dringt, in der Tierwelt von Feuerland Netzhautschäden bewirkt.

Die Zukunft der Wirtschaftsspionage ist noch weniger gewiss. In den Kreisen um den möglicherweise nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten, Bill Clinton, gibt es viele Anhänger eine Industriepolitik. Die CIA, auf der Suche nach neuen Aufgaben, wird sich vielleicht bemühen, ihnen entgegenzukommen. Aber eine solche Bemühung wäre zum Scheitern verurteilt. Erstens haben die Diplomatenspione der CIA keine Ahnung von Wirtschaft. Die Vorstellung, sie könnten mehr und bessere Informationen beschaffen, als der Markt hergibt, ist lächerlich. Zweitens kann man sich kaum vorstellen, dass jemand, dessen eigenes Geld auf dem Spiel steht, in wirtschaftlichen Fragen auf Analytiker der Regierung hört, deren Besoldung nicht davon abhängt, ob sie auch recht haben. Dritten wäre es politisch unhaltbar, nachrichtendienstliche Erkenntnisse - von welchem Wert auch immer - an bestimmte amerikanische Firmen weiterzugeben, an andere aber nicht. Viertens würde die US-Regierung verklagt, kämen irgendwelche Firmen in der zivilisierten Welt, von Helsinki über Toronto bis Bangkok, durch Industriespionage der CIA zu Schaden. Und letztens beruht der Reichtum einer Nation nicht auf dem Gewinn oder Verlust von Geheimnissen und ebensowenig auf ihren Bürokraten, sondern auf disziplinierter Arbeit, wenig Vorschriften und niedrigen Steuern. Aus all diesen Gründen hat die Wirtschaftsspionage keine grosse Zukunft.

Was wäre zu tun? Geheimdienste sind Werkzeuge des Konflikts. Und ob wir wollen oder nicht, die Geschichte politisch-militärischer Konflikte ist keineswegs vorbei. Die Herausforderung für die Nachrichtendienste besteht somit heute wie immer schon darin, sich den neuen Konflikten anzupassen. Es lässt sich leicht feststellen, was die modernen Konflikte in technischer Hinsicht von den Nachrichtendiensten verlangen. Hier ein paar Beispiele: Da moderne Waffen sich dadurch auszeichnen, dass sie von Computerprogrammen und anderen nicht beobachtbaren Faktoren gelenkt werden, nützt es wenig, für analytische Zwecke gute Fotos von ihnen zu machen; viel nützlicher ist es, sie einfach zu identifizieren, aufzuspüren und zu zerstören. Da es heutzutage einfach ist, Nachrichten so zu codieren, dass sie nicht zu knacken sind, hat es wenig Sinn, endlose Riemen von verschlüsseltem Funkverkehr aufzuzeichnen und Mathematiker anzustellen, die vergeblich versuchen, sie zu entschlüsseln; viel sinnvoller ist die Verwendung moderner Miniaturisierungstechnik, die es erlaubt, Abhörgeräte an interessanten Stellen anzubringen. Da die nachrichtendienstliche Technologie besser dafür geeignet ist herauszufinden, was passiert, als warum es passiert, sollte sie eher für taktische als für strategische Zwecke verwendet werden.

Die modernen Konflikte finden dezentralisiert und zwischen Menschen unterschiedlichster Herkunft statt; darum ist es wichtig, dass die Agenten diesen Leuten so ähnlich sind, dass sie an sie herankommen und sie verstehen können. Statt Leute anzustellen, die aussehen wie die Regierungskarrieristen, die sie sind, sollten die amerikanischen Nachrichtendienste Mitarbeiter beschäftigen, die Bürger anderer Länder, wissenschaftliche Experten, Geschäftsleute, Journalisten und ähnliches sind oder als solche durchgehen könnten. Die Kunst der Spionage besteht darin, an eine Quelle heran- und mit den gewonnenen Informationen wieder wegzukommen, ohne sie merken zu lassen, dass sie etwas preisgegeben hat. Das bedingt, heute mehr denn je, dass es so viele Arten von Informationsbeschaffern braucht, wie es Quellen gibt.

Es ist essentiell, die von Geheimdiensten - also möglichst ohne Wissen des Gegners - gewonnenen Informationen von solchen zu unterscheiden, die man unter bestimmten Bedingungen erhält, zum Beispiel im Rahmen von Abrüstungsverträgen oder wenn die Uno Inspektionen im Irak vornimmt. Aus diesem Grund sollte jede nachrichtendienstliche Tätigkeit - sei es menschliche, sei es technologische - einer Qualitätskontrolle unterworfen sein. Diese müsste dem Empfänger der Informationen zumindest Aufschluss darüber geben, wieweit der Gegner gewusst hat, dass spioniert wird, und wie er dieses Wissen dazu benutzt haben könnte, die über ihn gesammelten Informationen zu verfälschen.

Und um sicherzustellen, dass Spionage nicht nur eine Form von Voyeurismus ist, sondern einem konkreten Zweck dient, sollte die US-Regierung schliesslich ihren Beschluss von 1947 aufheben, der zur Einrichtung der CIA führte. Der gesunde Menschenverstand sagt einem, dass die nachrichtendienstliche Analyse zu jedem Thema sämtliche Daten von allen Regierungsstellen berücksichtigen sollte. Aus praktischen Erwägungen beschloss man 1947, dass dies von einer zentralen Stelle getan werden sollte, der CIA. Aber mittlerweile machen es die Computer jedem Analytiker möglich - egal, in welcher Regierungsstelle er sitzt -, zu jedem Thema alle der Regierung verfügbaren Informationen auf seinem Pult zusammenzutragen.

Und, was noch wichtiger ist: die Erfahrung zeigt, dass, mit wenigen Ausnahmen, die besten nachrichtendienstlichen Analysen von Leuten geleistet werden, die ein Interesse daran haben, sie in eine erfolgreiche Aktion umzusetzen. Die Erfahrung hat ferner gezeigt, dass Vorurteile den Blick trüben oder politischer Druck die zu ziehenden Schlüsse diktiert, wenn zu einer bestimmten Frage wenig harte Fakten vorliegen. Darum ist es gefährlich, sich auf eine einzige Analyse zu verlassen. Das trifft besonders dann zu, wenn mehrere Büros ihre unterschiedlichen Ansichten unter einen Hut zu bringen versuchen und als Kompromiss ein gemeinsames Papier vorlegen. Die amerikanischen Politiker sollten vielmehr verschiedene Büros - von denen jedes Zugang zu den relevanten Informationen hat - dazu ermuntern, ihre eigenen Analysen zu schreiben und einander zu kritisieren. Damit würde die Verantwortung für schwierige Entscheidungen denjenigen übertragen, die dafür auch zuständig sind: den Spitzenbeamten.

Angelo Codevilla ist Professor an de Hoover Institution in Stanford (Kalifornien). Er war Mitglied des Stabs im Geheimdienstkomitee des amerikanischen Senats und hat 1992 die Studie «Informing Statecraft» publiziert.


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