NZZ Folio 10/03 - Thema: Im Büro   Inhaltsverzeichnis

Duftnote -- Wie Romantiker riechen sollen

© Fabienne Boldt
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Von Luca Turin

MANCHE FORMEN von Schönheit bleiben für immer dazu verdammt, eine Sache der Minderheit zu sein. Stellen Sie sich vor, Sie stehen in der Menge vor Michelangelos David und bestaunen die Venen auf seinen grossen, untätigen, weissen Händen. Dann drehen Sie sich um 90 Grad nach rechts und betrachten Cellinis wenig beachteten Perseus, der sich, unnahbar und entrückt, von dem blutigen Werk erholt, das er soeben vollbracht hat (er hat Medusa kaltgemacht). Unwillkürlich stellt sich Ihnen die Frage: Wenn David, was sehr wahrscheinlich ist, Eau Sauvage benutzt, welch finstere Flüssigkeit steht dann in Perseus’ Badezimmer?

Jedes Kind ist irgendwann einmal ein kleiner Perseus, und diese Verstrickung mit dem Düsteren und Einsamen bleibt für die meisten Menschen eine akute Krankheit, die sie sich – je früher im Leben, desto besser – zuziehen und die selten wiederkehrt. Bei manchen jedoch bleibt sie so lange erhalten, dass sie nach einem passenden Duft verlangt. Wer mit 50 Jahren und Tränen in den Augen den «Grafen von Monte Christo» liest, braucht etwas, um sein unrasiertes Kinn zu benetzen, bevor er in die dunkle und stürmische Nacht aufbricht. Aber was?

Um es geradeheraus zu sagen: die Liste der Möglichkeiten ist kurz. Reine Melancholie kommt nicht in Frage: Traurigkeit hat ihr Recht, neigt aber zur Tatenlosigkeit. Ein wirklich roman tisches Parfum sollte zu Abenteuern anregen. Warten Sie auf den Anbruch des Herbstes, erinnern Sie sich an Raymond Radiguets «Le diable au corps», und besuchen Sie Serge Lutens’ Geschäft in den Jardins du Palais-Royal in Paris. Dort angekommen, fragen Sie kühn nach Bois de Violette. Dieser wunderbare Duft, eine ins Flacon gegossene Liebesgeschichte, ist eine Abwandlung von Shiseidos Féminité du Bois und gibt dem synthetischen Methylionon den ihm angemessenen Platz als poetischstes aller je hergestellten Moleküle zurück.

Oder darf es ein wenig viriler sein? Spazieren Sie durch das herabgefallene Laub zur Avenue Montaigne 34, betreten Sie den glitzernden Laden von Caron, und fragen Sie nach Tabac Blond, dem archetypischen Lederduft. Ledernoten sind in jeder Hinsicht romantisch, so sehr, dass sie für durchschnittliche Parfumhersteller nicht in Frage kommen; alle Versuche waren kommerzielle Fehlschläge.

Tabac Blond ist Ihnen zu süss? Dann gehen Sie zur Telefonzelle vor dem Petit Palais, und wählen +43 1 51 22 11 90. Sie werden mit Knize & Co. in Wien verbunden, einem Herrenausstatter (Arnold Schönberg pflegte sich dort einzukleiden – konservativ, wie man vermuten darf), der seit 1934 Knize Ten herstellt, einen so feinen, reinen und lebensfrohen Lederduft, wie man ihn sich nur wünschen kann.

Zu wenig luxuriös? Kehren Sie um zu Chanel in der Rue Cambon. Dort erhalten Sie den grossartigsten aller Lederdüfte, Cuir de Russie. Sprühen Sie ihn sich in die Ärmel, werfen Sie sich hinters Steuer Ihres Isotta Fraschini (oder ins nächste Peugeot-Taxi), und brausen Sie Ihrer hoffnungsvollen Zukunft entgegen.




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