HISTORIKER müsste man sein oder Volkskundler, um exakt angeben zu können, wann Antiquitäten aller Art hierzulande Bestandteil des schöneren Wohnens wurden. Zwar gab es schon immer Leute, die einen alten Bauernschrank aus dem Puschlav einer modernen Wohnwand aus Suhr vorzogen, aber solche Kauzigkeit blieb die Ausnahme. So richtig los ging's, als in den Sechzigern die Kohlebügeleisen epidemisch übers schweizerische Mittelland hereinbrachen. Plötzlich musste jeder ein solches besitzen. Man stürmte die Alpen, plünderte Gaden, Stadel, Hütte und Hof und brachte Kohlebügeleisen zuhauf zu Tale.
Diese massigen Glätteisen waren weder schön noch selten, aber sie waren Wegbereiter für alles weitere Gerümpel, das noch kommen sollte. Und es kam: Kupferkessel, alte Bettflaschen und Dreschflegel, Heugabeln und Petrollampen; bald schon rollten auch die Wagenräder heran. Die Älpler und Bauern blieben als einzige vernünftig, wunderten sich und mokierten sich über die Städter, die ihnen für den Schrott so viel bezahlten, dass sie sich nun die neusten Dampfbügeleisen und Mixer leisten konnten.
Der Markt für antike rustikale Gebrauchsgüter brach, wie man weiss, zusammen. Überaus rar sind die Balkone geworden, von deren Brüstung ein schmuckes hölzernes Speichenrad grüsst, selten die Gaststätten, deren klosterverputzte Wände Mehlsäcke aus Zwillich zieren, ausgestorben die Handarbeitslehrer und Handarbeitslehrerinnen, die stolz ein altes Spinnrad ihr eigen nannten. All der bäuerliche Plunder wurde abgelöst von Nierentischen, altem Blechspielzeug, Emailletafeln, Musikboxen, Setz- und Flipperkästen, Haus- und Unrat aller möglichen Epochen. Irgendwann, schätzungsweise zu Beginn des nächsten Jahrtausends, werden wieder Höchstpreise bezahlt für die wenigen verbliebenen Kohlebügeleisen mit und ohne Messinggriff.