SCHREIBEN kann man natürlich so: «Mehr und mehr von heftiger Rührung ergriffen, konnte Heinrich die Worte nur mit Anstrengung herausstossen. Die Tränen strömten über seine Wangen, und als ihm die Stimme unter Schluchzen versagte, stand er stumm vor den im Innersten ergriffenen Eltern. Bestürzt und erschüttert blickten sie auf diesen Sohn, der nun der Verzweiflung nahe war.»
So kann man schreiben, aber man sollte es nicht - nicht also wie in diesem Beispiel aus «Engelhorns Roman-Bibliothek» von 1905. Ein Schriftsteller darf von zehn beabsichtigten Wörtern nur eines schreiben und nicht elf, hat Ludwig Thoma gefordert - und hier wimmelt es von elften Wörtern: zu den Tränen auch noch das Schluchzen, stumm mit versagender Stimme und bei alldem der Verzweiflung nah, und wo waren die bestürzten Eltern ergriffen? Im Innersten. Ungebremste Geschwätzigkeit oder Zeilenschinderei? Egal - wer Leser fesseln, wer gar Literatur produzieren will, der ist zum Gegenteil aufgerufen; nach dem Satz Voltaires: «Die Kunst, langweilig zu sein, besteht darin, alles zu sagen.»
Wie man nicht alles ausdrückt, das demonstrieren grosse Schreiber auf viererlei Weise. Erstens: Sie geizen mit Wörtern nach Ludwig Thomas Rat, sie sagen nichts zweimal, sie streichen Füllwörter und die meisten Adjektive, weil die die Sätze nur verdünnen. Die farbigsten Bilder entstehen im Kopf des Lesers dann, wenn er wenige kraftvolle Worte mit seinen eigenen Vorstellungen und Erfahrungen ergänzen kann.
Zweitens: Grosse Schreiber geizen mit Einzelheiten. Alle Gegenstände in einem Zimmer, alle Handlungen während eines Aufruhrs zu beschreiben ist ohnehin unmöglich. Nur sollte man daraus nicht folgern, man dürfe Leser mit abstrakten Floskeln abspeisen (überladenes Zimmer, grosses Durcheinander). Nein, Leser lechzen nach Details - nur eben nicht nach allen, sondern nach typischen, dem Pars pro toto, dem Teil statt des Ganzen. Es gibt keine bessere Stilfigur - vom biblischen Gleichnis, das nur die Lilien auf dem Felde nennt, obwohl für alle Pflanzen im Erdreich dasselbe gilt, bis zu Fräulein Smillas Bekenntnis (bei Peter Høeg): «Ich habe eine Schwäche für Verlierer - für Invalide, Ausländer, den Dicken in der Klasse und für alle, mit denen keiner tanzt.»
Drittens: Sie beschreiben nur Handlungen und überlassen alle Gedanken dazu dem Leser. Meister darin sind Isaak Babel und Ernest Hemingway, beide ohnehin durch kargen Stil bekannt; doch oft wählen auch solche Dichter diesen Weg, von denen man es nicht vermutet hätte, Grillparzer zum Beispiel. In seiner Selbstbiographie berichtet er von seinem Besuch beim alten Geheimrat Goethe: «Von den Tischereignissen ist mir nur noch als charakteristisch erinnerlich, dass ich . . . in dem neben mir liegenden Stücke Brot krümelte und dadurch unschöne Brosamen erzeugte. Da tippte denn Goethe mit dem Finger auf jedes einzelne und legte sie auf ein regelmässiges Häufchen zusammen.» Und mit keinem Wort erwähnt der Schreiber, dass er dies als abstossend empfunden haben dürfte; diese Vorstellung aus scharfer Tatsachenbeschreibung selber zu gewinnen, aktiviert den Leser und befriedigt ihn.
Viertens: Nicht einmal die Handlungen beschreiben sie ganz. Den Tod Dantons teilt Büchner, ausser im Titel des Dramas, gar nicht mit. Danton schmäht den Henker - nächste Szene: Vier Frauen plaudern und klagen über das Sterben - letzte Szene: Zwei Henker gehen singend heim. Ähnlich endet Hemingways «Wem die Stunde schlägt»: Robert Jordan, der Held, liegt mit zerschmettertem Bein auf dem Waldboden und kämpft nur noch um eines: dass er, bevor er die Besinnung verliert, die Flucht seiner Freunde vor Francos Soldaten decken kann, indem er möglichst viele tötet. Als die Verfolger sich ihm ahnungslos auf zwanzig Meter genähert haben, schliesst der Roman mit dem Satz: «Er spürte das Pochen seines Herzens auf dem Nadelboden des Waldes.»
Hemingway selbst hat dem Schriftsteller die «Eisberg-Technik» empfohlen: nur die Spitze zeigen; der Leser ergänzt sie in seiner Phantasie um die viel grössere Eismenge, die unter Wasser liegt. Die Stilistik spricht hier von Implikation (das Nichtgesagte wird einbezogen) oder Unterdetermination (es wird weniger als das logisch Notwendige ausgedrückt). Ist bei Büchner wie bei Hemingway der unausgesprochene Schluss der Handlung völlig klar, so geht Somerset Maugham in seiner Novelle «Rain» noch weiter: Der Leser muss sich selber zusammenreimen, was geschehen ist.
Da will also ein Missionar auf einer Südsee-Insel eine Hure vor der Hölle retten, in heiligem Eifer redet er auf sie ein bei Tag und bei Nacht. Eines Morgens aber liegt der Missionar mit durchschnittener Kehle am Strand - Selbstmord! Die Hure lässt von ihrem Grammophon Ragtime auf die Strasse dröhnen, und den entgeisterten Freund des Missionars, Dr. Macphail, empfängt sie mit den Worten: «Ihr Männer seid alle Schweine.» Danach heisst es nur noch: «Dr. Macphail keuchte. Er verstand.»
Hier alles zu sagen, hätte den Leser um eine kleine Anspannung betrogen, um ein Aha-Erlebnis. «Wenn zwei Sätze geschrieben sind, muss ein dritter, nicht geschriebener, entstehen», sagt Julien Green. «Der Klang dieses idealen Satzes muss hörbar sein, doch nur ein schlechter Schriftsteller würde versuchen, ihn in die Schrift zu sperren - er muss wehen wie ein Hauch, er ist es, der die Seite atmen lässt.» Anders als bei jenen Schluchzenden, die erschütternderweise auch noch Tränen vergiessen.