Wer wissen möchte, wie das Büro der Zukunft aussieht, kann sich an Soziologen oder Innenarchitektinnen wenden, an Zukunftsforscher oder Trendgurus. Oder er kann sich Science-Fiction-Filme ansehen. Ihre Darstellung der Zukunft ist zwar längst nicht immer präzis, aber die darin gezeigten Szenarien verraten viel über das Wesen des Büros – auch in der Gegenwart.
Wie wird das Büro der Zukunft in Science-Fiction-Filmen dargestellt? Oft als Ort des Schreckens. In Terry Gilliams «Brazil» (1985) bezieht Sam Lowry sein neues Büro im Information-Retrieval-Ministerium. Der Raum ist schmal, doch gigantisch hoch; die Einrichtung besteht aus einem altmodischen Kleiderständer, einem Metallschreibtisch, einer Art Schreib- oder Rechenmaschine sowie zwei stapelbaren Ablagen und zwei dicken Büchern. Das Büro wirkt unheimlich, wie eine kafkaeske Installation. Ganz anders, aber nicht weniger düster, erscheint das Chefbüro: Hinter gepolsterten Türen beeindruckt der Arbeitsraum Mister Helpmans durch seine Grösse. Die Wände sind glatt, wie mit Holzplatten vertäfelt, und auf dem Schreibtisch steht ein gerahmtes Foto neben dem Telefon. Im Nebenraum sind in Augenhöhe zahlreiche Bildschirme an den Wänden montiert. Kein Zweifel, wir befinden uns im Zentrum der Macht.
Im Science-Fiction-Film sind die Gegensätze zwischen den Büros der kleinen Angestellten und der Bosse besonders ausgeprägt. In Ridley Scotts «Blade Runner» (1982) wird ein Replikant in einem dürftig eingerichteten Büro getestet: zwei Schreibtische, zwei Bürostühle, ein ausladender Ventilator, der über der Szene kreist. Das lange, schmale Oberlicht lässt keinen Gedanken an Flucht zu. Neben einem Sandwich und einer Thermoskanne stehen Geräte zur Aufzeichnung des Gesprächs und zur Kontrolle der Pupillen des Replikanten. Denselben Test nimmt Rick Deckard, der Blade Runner, wenig später an einem weiblichen Replikanten vor. Schauplatz ist jetzt aber die luxuriöse Residenz des Firmenchefs Tyrell. Wir sehen eine riesig dimensionierte Terrasse mit Blick auf die untergehende Sonne, Säulen, Podeste für wertvolle Antiquitäten, einen langen Tisch für Konferenzen oder Bankette. Reichtum wird mit Tradition assoziiert, mit der Vielfalt möglicher Erinnerungen an ein ägyptisches oder griechisch-römisches Altertum.
Dasselbe Muster der Polarität lässt sich in vielen Science-Fiction-Filmen entdecken. Entweder sind die Büros klein, armselig und miserabel eingerichtet, wie jenes Zimmer, in dem Agent Smith in «Matrix» (1999) den Programmierer Anderson alias Neo verhört, oder aber sie sind gross und spektakulär wie das Büro des Industriellen Zorg in Luc Bessons «The Fifth Element» (1997). Dieses Büro imponiert durch seine Einrichtung: Vitrinen mit den Modellen technischer Erfindungen, ein Schreibtisch mit in die Platte versenkten Steuerkonsolen, ein mit blauem Neonlicht eingerahmtes rundes Bullaugenfenster, von aussen gesehen das O im Namen Zorg. Das Büro protzt auch mit den Extras, die Zorg mit Hilfe seiner Tastatur aufruft: Pflanzen, Aktenordner, Hemden und ein bunter Miniaturelefant, eine gentechnische Kreation. Zorgs Büro ist die typische Zentrale des Bösen, der die Weltherrschaft anstrebt. Es ist grandioser, aber auch verspielter und witziger als beispielsweise die Grossraumbüros der Cyberdine Corporation in James Camerons «Terminator 2» (1991). Mit ihren Schreibtischen und Computern in niedrigen, aber weitläufigen, von Glas und Metall dominierten Räumen wirken diese Büros inzwischen wie Zitate aus dem Arbeitsalltag.
Schon nach wenigen Jahrzehnten erscheinen selbst die aufwendigsten Filmdesigns entweder wohlbekannt oder lächerlich: so wie der Konferenzsaal in Stanley Kubricks «2001: A Space Odyssey» (1968), in dem die Entdeckung des mysteriösen Monolithen im Mondkrater Clavius beraten wird. Vortragspult und Tische in U-Form überraschen nicht, im Gegensatz zu den ebenso unbequemen wie monströsen blauen Quadratstühlen, die an grosse Plastic-Eimer erinnern.
Um diesem futurologischen Dilemma zu entkommen, befragte Steven Spielberg für seinen Film «Minority Report» (2002) Zukunfts- und Trendforscher, Architekten, Städteplaner, Mediziner und Hightechspezialisten. Damit wollte er die Glaubwürdigkeit des Films, der im Jahr 2054 spielt, erhöhen. Dennoch sieht das Department of Precrime im Film aus wie ein Einkaufszentrum für die Upper Class (so wie es Rem Koolhaas für die Mailänder Edelfirma Prada in New York gebaut hat); die Büros sind rund, die Schreibtische geschwungen wie die Nierentische der fünfziger Jahre, die Wände aus Glas mit Jalousien. Die Ablagen, Folien, Lampen, Handys unterscheiden sich ebenso wenig von aktuellen Vorbildern wie die Bildschirme an den Wänden, die bereits bei Kubrick auftauchten.
Ein Büro bleibt eben stets ein Büro, mit Schreibtischen, Lampen, Archiven und Kommunikationssystemen; anscheinend begegnet es jedem futuristischen Enthusiasmus mit hartnäckigem Widerstand. Neuartig sind in «Minority Report» einzig die Geräte, mit deren Hilfe John Anderton die ihm übermittelten Visionen der Precogs in einer Art von Cyberspace arrangiert. Precogs werden jene drei Medien genannt, die – sternförmig in einem Becken am Boden des Gebäudes placiert – die Zukunft vorhersehen können: präziser als die Experten, die Spielberg konsultiert hatte.
Der Film wurde kontrovers diskutiert: Unklar blieb nämlich, ob Spielberg die nach dem 11. September in den USA aktuellen Strategien einer hightechgestützten Verbrechensprävention befürworten oder kritisieren wollte. Im Grunde aber illustriert sein Film lediglich eine dominante Phantasie über die Zukunft der Macht und ihrer Organisation: Das Herrschaftssystem und sein Biotop, das Büro, werden nach Massgabe dieser Vorstellung immer weiter zentralisiert; das System verkörpert sich in einer Machtzentrale, in der die luxuriös ausgestalteten Chefbüros ebenso lokalisiert werden können wie die kleinen und hässlichen Bürokabinen von unbedeutenden Angestellten.
Mancher Regierungssitz wird als Moloch bezeichnet, die EU-Verwaltung in Brüssel etwa als «Büropa» undurchsichtiger Operationen und Verflechtungen. Ob sich in diesen Zuschreibungen auch Wünsche spiegeln? Die anonyme Macht der Verschwörungen, Geheimbünde und Netzwerke erscheint uns oft gefährlicher als die Macht mit einer zentralen Adresse, an der sich beispielsweise der Wunsch nach Aufstieg architektonisch ausdrückt – Chefbüros befinden sich stets im obersten Stockwerk – oder die Sehnsucht nach Identifikation und einem zeitlich wie räumlich gesicherten, festen Arbeitsplatz. Nicht umsonst werden mit mobilen Stellwänden ausgerüstete Grossraumbüros häufig abgelehnt; nach wie vor träumt der Angestellte von seinem eigenen Raum, in dem er auch persönliche Akzente setzen darf. Nicht umsonst werden andauernd neue Bürogebäude errichtet, auch wenn mancher Konzernleitung oder Regierung längst klar geworden sein dürfte, dass die horrenden Baukosten in keiner vernünftigen Proportion zum Nutzen und zur Funktionalität der angeblichen Zentralen stehen.
Machtzentralen und die in ihnen konzentrierten Büroetagen repräsentieren einen Mythos, der sich von der Wirklichkeit immer weiter entfernt. Kein Büroraum der Welt kann heute mehr als fester Arbeitsplatz figurieren; kaum eine Karriere entwickelt sich noch durch den vertikalen Aufstieg von Stockwerk zu Stockwerk, sondern vielmehr durch horizontalen Wechsel, durch berufliche Mobilität. Bezogen auf die Lebensplanung eines Angestellten, existiert das Büro seiner Zukunft nur im Plural: eher als Raum der Passage, nicht als Raum der Niederlassung.
Auf paradoxe Weise wurde dieser Paradigmenwechsel ausgerechnet durch den Terroranschlag auf das World Trade Center (WTC) demonstriert. Der Anschlag tötete dreitausend Menschen, und er vernichtete die architektonische Repräsentation einer mythisch dimensionierten Machtzentrale. Die Zwillingstürme waren mehr als vierhundert Meter hoch, auf jeweils hundertzehn Stockwerken erstreckte sich eine Gesamtbürofläche von mehr als neunhunderttausend Quadratmetern für rund fünfzigtausend Arbeitsplätze. Die mentalen und materiellen Schäden der Katastrophe können bis heute nicht realistisch abgeschätzt werden. Der einzige Schaden, der nicht eintrat – und just diesen ersehnten die Terroristen wohl am meisten –, betraf die Macht selbst.
Man sollte meinen, wer eine solche Machtzentrale vernichte, beschädige die Macht: die Weltwirtschaft, die im WTC praktiziert und gesteuert wurde. Dem Anschlag folgte aber kein schwarzer Freitag, kein Börsencrash, keine Serie von Konkursen. Nicht einmal Computerdaten und elektronische Archive gingen verloren; sie waren längst gespiegelt und an anderen Orten gespeichert worden.
Über dieses Phänomen wird viel seltener gesprochen als über die geplanten Neubauten auf Ground Zero. Offenkundig soll der Mythos von den Machtzentralen mit Hunderten von Büroetagen aufrechterhalten werden; als müsste eine Beunruhigung der Menschen vermieden werden, die schlicht daraus entspringen könnte, dass es diese Machtzentralen gar nicht mehr gibt.
Die Machtzentralen der Vergangenheit waren Einrichtungen zur Verarbeitung von Schriftträgern; Akten wurden in Büros eingespeist, bearbeitet, archiviert und wieder ausgestossen. Macht und Technik dieser Büros basierten also auf Schriftstücken, die in ihrer materiellen Gestalt – sei es als Keilschrifttafeln, Papyrusrollen oder Papierstösse – übersetzt, kopiert, korrigiert und aufbewahrt werden konnten. Der Umfang und das Gewicht dieser kulturellen Techniken sollten nicht unterschätzt werden: sie bildeten die Voraussetzung jeder Art von Tradierung. Auf die Materialität dieser Kulturtechniken verweist noch die etymologische Geschichte des Ausdrucks «Büro»: Bure oder burel hiess im Altfranzösischen ursprünglich der grobe Wollstoff, mit dem die Schreibtische bezogen wurden, danach bedeutete das Wort den Schreibtisch selbst und schliesslich die Schreibstube, die Kanzlei.
Kanzleien fungierten als säkulare Kanzeln, von denen kein Priester sprach, sondern der Kanzler, der nicht predigte, sondern Urkunden ausfertigte. Bis zum heutigen Tag kann diese Struktur studiert werden: Wer beispielsweise heiraten oder eine Staatsbürgerschaft erwerben will, geht mit verschiedenen Urkunden auf ein Amt; diese Urkunden werden kontrolliert, gelegentlich übersetzt, kopiert, mit anderen Urkunden verglichen und anschliessend archiviert, bevor eine neue Urkunde – ein Familienbuch, eine Lohnsteuerkarte, eine Aufenthaltsgenehmigung – ausgestellt wird.
Nach wie vor scheinen die Büros also genau jenen Typus von Organisation zu repräsentieren, den der Mathematiker Alan Turing 1936 als paper machine analysiert hat: Papiere werden als Input eingeschleust, in der Blackbox der Maschine verarbeitet und zum Ende als Output wieder ausgespuckt. Mit Turings berühmter Maschine begann freilich eine Geschichte, in deren Verlauf die Alltags- und Arbeitswelten des Büros radikal revolutioniert wurden: die Geschichte des Computers, der – inzwischen vernetzt – unser Leben prägt.
Denn dieses Computernetzwerk hat einerseits eine Immaterialisierung der Informationen bewirkt, die als elektronische Datenströme nicht länger zwingend auf Papierausdrucke angewiesen sind, andererseits eine folgenreiche Deterritorialisierung und somit Dezentralisierung der Macht.
Heute muss sich Macht immer weniger in einem Ort konzentrieren. Die neuesten Bürogebäude sind darum vielfach Kulissen, die erfolgreich verschleiern, dass wir längst zu Büros auf zwei Beinen konvertiert sind. Wir sitzen in Home-Offices, die auch in Schlafzimmern oder Küchen eingerichtet werden können; wir verwenden Laptops und Handys mit Internetanschlüssen. E-Mails und Attachments erlauben uns, selbst den Urlaubsort auf einer fernen Insel rasch in einen Arbeitsplatz zu verwandeln; Arbeitszeit und Freizeit verschmelzen nahezu unmerklich immer mehr.
Schon vor mehr als zehn Jahren wurden an der Mailänder Domus-Akademie Telefonzellen mit Computern entworfen; inzwischen bevölkert eine wachsende Zahl von Computern mit Internetanschluss den öffentlichen Raum, vor allem in Bahnhöfen und Flughäfen, an Orten der Passage. Das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart, das derzeit ein Verbundprojekt zum Thema «Office 21» durchführt, betonte zur Jahrtausendwende, das Büro der Zukunft werde neue Typen von Beschäftigungsverhältnissen wie Telearbeit oder E-Lancing kennen, vor allem aber viele Formen flexibler und mobiler Arbeit in virtuellen Strukturen. Die Bürokratie wird langsam von der «Adhocracy» abgelöst, das neue Motto lautet «Plug & Work».
Die Industrie hat sich dieser Entwicklung angepasst. Multifunktionale Büromöbel sollen in kreativen, wandlungsfähigen Arbeitsumgebungen eingesetzt werden. Der ergonomisch konstruierte «CommChair» ist vollständig vernetzt; wer auf ihm sitzt, kann über die «DynaWall», eine interaktive elektronische Wandtafel, oder über den «Interac Table» mit nahen und fernen Projektteams gleichermassen konferieren.
Das neue Büro rückt uns zunehmend auf den Leib. Seine jüngsten Erscheinungsformen erinnern daran, dass viele ältere Schriftträger, und nicht nur der Wollstoff des bure, aus Materialien hergestellt wurden, die ursprünglich zur Bekleidung dienten: Papyrus, Pergament oder das Papier selbst, das noch bis zum 19. Jahrhundert aus Lumpen erzeugt wurde. Heute wird vorgeschlagen, nicht mehr ins Büro zu gehen, sondern «intelligente Kleidung» zu tragen. In Zusammenarbeit mit dem Institut für Elektronik der ETH Zürich hat das Klaus-Steilmann-Institut in Bochum ein «Communication Jacket» erfunden, das den Arbeitsplatz geradezu über den Körper stülpt: Minirechner, Handy und GPS sind in die Kleidung integriert.
Die Wirklichkeit hat die Science-Fiction eingeholt, wenn nicht gar überholt. Im Unterschied zu «Mission Impossible» oder zu den James-Bond-Filmen, in die ein «Communication Jacket» leicht eingebaut werden kann, beschränkt sich die interaktive Autarkie der Science-Fiction-Helden, selbst in technologisch weit fortgeschrittenen Szenarios, auf das Handy. Das Future Office der Science-Fiction-Filme ist an einen Ort gebunden und damit konservativ.
Dieser Konservatismus kann auf die Bedürfnisse von Filmarchitekten und Produktionsdesignern zurückgeführt werden, aber auch auf die Schwierigkeiten, einen Science-Fiction-Helden als «Büro auf zwei Beinen» darzustellen.
Noch lässt sich erst spekulieren, wie die neuen Angestellten aussehen werden, die das Büro der Zukunft bevölkern sollen. Werden es Individualisten sein, die in ihren interaktiven Jacken und Bürostühlen mobil, flexibel und kommunikationsfreudig durch die postindustriellen Gesellschaften navigieren? Oder werden sie bloss noch die kleinen Schaltstellen in einem globalen Netzwerk sein, gleichsam die «Rädchen in der Maschine», wenn auch technologisch auf neuestem Stand? Womöglich verfehlt diese Polarisierung die triviale Pointe jedes Individualisierungsprozesses. Individualität ist ja noch kein Inhalt, sondern eher ein Sammelbegriff für Strategien, Techniken und Ausdrucksformen sozialer Distinktion: Ein Individuum ist, wer von sich glaubt und behauptet, anders zu sein als die anderen. Just darin sind wir aber alle gleich; wir sind bloss funktional differenziert.
Verbreitet ist die Rhetorik von «abgeflachten Hierarchien», von neuen Freiheiten in virtuellen Räumen der Arbeit und der Kommunikation, von künftigen Ich-Angestellten als spielerisch aktiven «Nomaden», die als Auftraggeber und Auftragnehmer in einer Person anstelle von Kamel- oder Rinderherden ihre Projekte durch die Landschaften treiben. Die Ich-Angestellten sind vernetzt und jederzeit erreichbar, beweglich und abrufbar, funktional wie individuell; ihre Stellung kann sich permanent ändern. Das Präfix «an» darf dagegen gleich vergessen werden; die neuen «Angestellten» werden seltener angestellt sein als ausgestellt, etwa als Bewerber und Konkurrenten um das nächste Projekt.
Gewiss, die aktuellen und bevorstehenden Entwicklungen sollten nicht dämonisiert werden; aber sie dürfen auch nicht utopisch verklärt werden. Zumindest so lange nicht, als die Sehnsucht nach dem «festen» und «sicheren» Arbeitsplatz nicht selbstverständlich abgetrennt werden kann vom Wunsch nach einem besseren und angenehmeren Leben.
Thomas Macho ist Professor für Kulturgeschichte an der Humboldt-Universität in Berlin.