NZZ Folio 12/05 - Thema: Was macht eigentlich...?   Inhaltsverzeichnis

Von Hutu und Tutsi bis Maus mit angenähtem Ohr


Hutu und Tutsi
Verfeindete Ethnien im Bürgerkrieg von Rwanda.
Offiziell gibt es sie nicht mehr, die Hutu und die Tutsi. Schliesslich sprechen die beiden Ethnien die gleiche Sprache. Im Rwanda nach dem Völkermord gibt es nur noch Rwander, ohne ethnische Unterschiede. So will es die von Tutsi dominierte Regierung. Wer etwas anderes behauptet, gerät schnell unter Verdacht, Zwietracht zwischen Hutu und Tutsi säen zu wollen. Und das kann drakonische Strafen nach sich ziehen.

Also verstummen die meisten Rwander, wenn man sie auf den Konflikt zwischen der Mehrheit der Hutu und der kleinen Tutsi-Minderheit anspricht. Dieser Konflikt gipfelte im Völkermord von 1994. Schätzungsweise 800 000 Tutsi und gemässigte Hutu fielen damals dem Mord- und Rassenwahn eines verbrecherischen Hutu-Regimes zum Opfer. Seither haben die Tutsi um Staatschef Paul Kagame die Macht an sich gerissen und konsolidiert. Die wichtigste Oppositionspartei der Hutu wurde kurzerhand verboten. Danach war die Präsidentenwahl für Kagame ein Kinderspiel. Er erhielt 95 Prozent der Stimmen.

Die meisten Drahtzieher des Genozids sitzen inzwischen hinter Gittern oder warten in den Zellen des Uno-Strafgerichts im tansanischen Arusha auf ihr Urteil. Einige Organisatoren des Völkermords sind allerdings immer noch flüchtig. In Rwanda selbst versuchen Volksgerichte, Zehntausende von Mittätern zu verurteilen. Die juristische Aufarbeitung des Genozids wäre eine wichtige Bedingung für eine Versöhnung in Rwanda. Dazu würde aber auch die Einsicht gehören, dass es zwei zu versöhnende Ethnien gibt. Hutu und Tutsi eben. Kurt Pelda


Jetpack
Das Flugzeug am Rücken, das auch James Bond schon benutzte.
Die Idee kommt aus einer Science-Fiction-Geschichte: In den 1920er Jahren flog Buck Rogers mit einer kleinen Rakete am Rücken durch die Gegend.

Als der Ingenieur Wendell Moore auf einen Treibstoff stiess, der einfach zu handhaben war und bei tieferen Temperaturen verbrannte als herkömmlicher Raketentreibstoff, erinnerte er sich an Buck Rogers und liess die Idee Anfang 1960 patentieren. Bald interessierte sich das Militär dafür, und am 20. April 1961 hob der erste Mensch zu einem freien Flug ab. Seither flog James Bond in «Thunderball» ein Jetpack, und zur Eröffnung der Olympischen Spiele 1984 in Los Angeles flog ein Mann mit einer Rakete am Rücken ein.

Dass den Jetpacks trotzdem kein kommerzieller Erfolg beschieden war und ihre Weiterentwicklung eine Sache von Technikfreaks blieb, hat vor allem mit einem unüberwindbaren Problem des Geräts zu tun: Der immer noch verwendete Treibstoff von Moore ist bei den tiefen Geschwindigkeiten der Jetpacks sehr ineffizient. Die maximale Flugzeit beträgt etwa 30 Sekunden. Reto U. Schneider


Johnson, Ben
Des Dopings überführter Sprinter.
Ben Johnson, 44, ist kein glücklicher Mann. 1988, an den Olympischen Spielen in Seoul, lief er die 100 Meter in 9,79 Sekunden und gewann die Goldmedaille. Zwei Tage nach dem Rennen wurde er positiv auf Doping getestet, sein Sieg war nichts mehr wert. Drei Jahre später versuchte er es noch einmal - und wurde noch einmal positiv getestet. Und durfte danach nie mehr ein Rennen rennen, gesperrt für den Rest des Lebens.

Ich habe ihn diesen Sommer getroffen im Hotel Victoria-Jungfrau in Interlaken und gefragt: «Wie sieht Ihr Tag aus, wenn Sie in Toronto sind?» - «Vielbeschäftigt, wissen Sie. Ich steh auf, hab vier, fünf Verabredungen am Tag, wissen Sie, wegen meines neuen Geschäfts, meiner Kleidermarke.» Im Berner Oberland war er nicht wegen der Bekleidung für Sportler, die er herstellen lässt und verkaufen will in Kanada, wo er lebt, sondern weil er am Swiss Economic Forum in Thun reden sollte, als Überraschungsgast.

Er stottert ein wenig, spricht Pidgin (er wuchs auf Jamaika auf) und ist, denke ich, wohl «street smart» irgendwie, aber eher ungebildet und auch nicht sehr gescheit, er fühlt sich Gesprächspartnern vermutlich unterlegen.

Dann fragte ich: «Was ist das Wichtigste, was Sie gelernt haben, als man Ihnen die Medaille wegnahm und Sie der Schande auslieferte, vor der ganzen Welt?» - «Welcher Schande? Schande, weil ich dasselbe tat wie alle?» Er denkt, alle Sportler brechen die Regeln. Aber bestraft worden sei er, weil er Kanadier sei und nicht Amerikaner.

Herr Johnson, denke ich, ist bitter wie Kochschokolade. Ob er glaubt, was er sagt, oder ob er weiss, dass er betrogen hat und dafür zu Recht bestraft wurde, dies aber nicht zugeben kann, auch nicht nach 17 Jahren, kann ich nicht beurteilen. Auch kann ich nicht beurteilen, welcher Grund schlimmer wäre.

«Treffen Sie noch Menschen, die Sie verehren, die Sie Champion nennen?» - «Die ganze Zeit», sagte er. Als ich ihn vor unserem Gespräch im Speisesaal beim Frühstück fand, sass eine blonde, mittelalte Frau, eine Schweizerin wohl, am Tisch mit ihm. Mark van Huisseling


Keeler, Christine
Gleichzeitig Geliebte des britischen Heeresministers und eines russischen Spions.
Die Stimme klingt höflich, bestimmt und sexy wie die von Anne Bancroft. «Mit der Presse rede ich nicht mehr. Tut mir leid, dass Sie Ihre Zeit verschwendet haben.» Sie legt auf, dabei hat sie mich angerufen, nicht ich sie. Das kam so: Ihr früherer Agent hatte mir ihre Faxnummer gegeben. Unter der Nummer meldete sich ein Anrufbeantworter und gab eine Handynummer an. Als ich sie wählte, klingelte es ins Leere. Aber Christine Keeler konnte offenbar der Versuchung nicht widerstehen, herauszufinden, wem die unbekannte Nummer im Anrufverzeichnis gehörte. Sie rief zurück.

Christine Keeler löste einen der grössten politischen Skandale in England aus. Am 8. Juli 1961 ging die 19-jährige Nackttänzerin mit dem britischen Heeresminister John Profumo ins Bett, am nächsten Tag mit dem russischen Spion Eugene Ivanov. Beides hätte vertuscht werden können. Aber Keeler hatte sich auch mit einem psychopathischen Gangster, einem Wucherer und einer Orgien-Organisatorin eingelassen. Ausserdem wohnte sie beim Lebemann Stephen Ward, dem die Aristokratenfamilie Astor ein Cottage im Park ihres riesigen Landsitzes Clivedon House zum Gebrauch überlassen hatte. Kurzum - die Verstrickungen um Keeler waren für die in ihren Anfängen stehende Boulevardpresse ein unwiderstehliches Fressen. Sie wühlte im Dreck, bis Profumo 1963 zurücktrat.

Clivedon House ist heute ein Nobelhotel, der Park ein populäres Ausflugsziel. Wer im Gras sitzt und den Enten auf der Themse zuschaut, hört Passanten immer wieder flüstern: «Das Häuschen dort drüben, ist das nicht, wo Keeler und Profumo . . . ?»

Keeler hätte mit ihrer Geschichte ein Vermögen verdient, wäre sie nicht von ihrem Manager übers Ohr gehauen worden. Später arbeitete sie in einer Schulkantine und einer chemischen Reinigung, ehe sie 2001 ihre Memoiren «The Truth At Last: My Story» publizierte. «Nicht John Profumo war das Opfer, sondern ich», schrieb sie. Das Establishment habe sie fertiggemacht, um das Versagen des Sicherheitsdienstes zu vertuschen. Stephen Ward habe für die Russen spioniert, ebenso wie John Hollis, der Direktor des britischen Geheimdienstes MI 5. Hans-Peter Künzler


Koch, Ursula
Im Jahr 2000 zurückgetretene Nationalrätin und Parteipräsidentin der SP. Seither abgetaucht.
Ursula Koch ist ein Phantom. Das Phantom des Zürcher Niederdorfes. Dort wohnt sie, seit sie sich aus ihrem politischen Leben zurückgezogen und alle Leinen gekappt hat, die sie mit dem Damals verbanden. Keine Stellungnahme, keine Mandate, keine öffentlichen Termine. Natürlich, wer hätte anderes erwartet? Genossin Koch hat nie etwas schrittweise hinter sich gebracht: nicht ihren Karrierestart auf der Politbühne 1986, nicht die Wahl in die Zürcher Exekutive und nicht ihren Abgang im Frühling 2000, den Rücktritt als Nationalrätin und Parteipräsidentin der Sozialdemokraten.

Sie hat sich im Jahre fünf n. K. (nach Koch) von allen öffentlichen Erwartungen verabschiedet, sie hat sich noch einmal erfunden: ihre bevorzugte Lebensform ist die Möglichkeitsform. Ursula Koch führt ihr neues Dasein inkognito, und das notabene am alten Wohnort, das ist keine kleine Leistung. Auf ein Namensschild vor der Tür muss sie dabei nicht verzichten, die Schweizer Post übt Diskretion. «Koch» steht fein säuberlich neben einem anderen Namen, der ihrem neuen Lebenspartner gehören soll. Wer klingelt, dem wird nicht aufgetan; wer sie anschreibt, erhält eine unmissverständliche Antwort: Frau Koch bittet um Verständnis, dass sie an öffentlichem Interesse kein Interesse hat.

Bis auf das Klingelschild, bis auf den Namen draussen vor der Tür ist sie ein Gerücht. Wer sie sieht - auf der Uraniabrücke soll sie sich kürzlich materialisiert haben -, bleibt stehen, dreht sich um und versäumt dabei zu fragen: «Sind Sie das?» Nachbarn geben zu Protokoll, dass die fragliche Person auch äusserlich einen Wandel vollzogen habe. Zierlicher sei sie geworden und im Besitze eines neuen, kurzen Haarschnitts. «Ja, si lauft öppen ume», sagt ein Anwohner, «aber e chli andersch als früener.» Was sie denn tue? «Nüt.»

Natürlich ist dieses «nüt» mit Sicherheit der Gipfel der Frechheit und so falsch wie irgendwas. Doch wo Nachrichten fehlen, spriessen die Gerüchte. Im Zürcher Niederdorf hat man Kenntnisse von Ursula Kochs Weltreise. Woher man das hat? «Sie hat es selber gesagt. Vielleicht.» Doch niemand hat Beweise. Also phantasiert man zur möglichen Kochschen Lebensweise: einen Wohnwagen, mit dem sie um die Welt reise, mal da, mal dort Halt mache, wie es ihrem legendären Eigensinn entspreche.

Wieder andere dichten ihr - das alte Unverständnis für ihren exzentrischen Alleingang wiederholt sich - eine «Störung» an. Ein Nachbar etwa, durchaus gutwillig, der im Nebenhaus wohnt und die Vermisste im Lauf des letzten Jahres nur zweimal gesehen haben will. Was er denn daraus schliesse? Der Zeuge will sich nicht festlegen. Sein Tip ist das Reisebüro an der Ecke. Dort würde man seine Nachbarin wohl am ehesten treffen.

Wo immer sie ist, was immer sie tut, Ursula Koch lebt heute genau so, wie wir alle es uns erträumen: Ungreifbar und unangreifbar. Daniele Muscionico


Künstliches Herz
Ersatzpumpe.
Vier Jahre ist es her, dass er vor die Fernsehkameras trat. Robert Tools, 59, der erste Mensch, in dessen Brust ein autonomes, künstliches Herz schlug. Der Telefonfacharbeiter aus Kentucky lächelte der Welt entgegen, sechs Wochen nach der spektakulären und doch geheimgehaltenen Operation am 2. Juni 2001. Keine 30 Tage hatten die Ärzte ihm gegeben ohne die Operation. Fünfmal 30 Tage schaffte er mit der Operation. Einige davon grossartig (einmal ging er zum Angeln, ein andermal ins Theater), viele eher bescheiden (oft war er zu schwach, um aufzustehen).

Dreizehn weitere schwerkranke Herzpatienten liessen sich seitdem auf den gewagten Versuch ein, sich die etwa orangengrosse Pumpe aus Plastic und Titan in die Brust setzen zu lassen. Mit zweifelhaftem Erfolg: Zwei starben noch auf dem Operationstisch; sechs erlitten binnen weniger Wochen tödliche Schlaganfälle; weitere drei Schlaganfälle, die zu Gehirnausfällen führten; einer verbrachte 53 Tage nach der Operation im Koma und starb dann. Immerhin ein Patient, Tom Christerson, 71, konnte nach Hause zurückkehren und lebte 17 Monate relativ normal.

Grund genug für die Firma Abiomed, Hersteller des gut 200 000 Euro teuren Kunstherzens Abiocor, bei der amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA Antrag auf Erweiterung des Versuches zu stellen. 4000 Patienten pro Jahr sollten in zehn verschiedenen Kliniken der USA von speziell trainierten Herzchirurgen operiert werden.

Im Juni 2005 entschieden die beratenden Ärzte und Ethiker der FDA mit sieben zu sechs Stimmen gegen einen Grossversuch. Damit erging es dem Kunstherzen Abiocor nicht anders als seinen weniger grazilen Vorgängern in den 1980er Jahren, zum Beispiel der kühlschrankgrossen Aussenkonsole Jarvik 7, die auch nie für eine grosse Studie zugelassen wurde. Die vierzehn Fälle, so die Begründung der US-Gesundheitsbehörde, hätten gezeigt, dass Abiocor überwiegend das Sterben, nicht aber ein lebenswertes Leben verlängern würde.

Die Firma darf das Kunstherz jedoch auf eigene Kosten an weiteren 20 Patienten testen. Abiomeds Aktien verloren nach der Entscheidung 40 Prozent ihres Werts. Stefanie Friedhoff


Lebertran
Ungeliebter Vitaminspender.
Man muss zur älteren Generation gehören, um noch den morgendlichen Schrecken erlebt zu haben: Beim Frühstück während der Winterzeit goss die Mutter in einen Suppenlöffel eine eklige, ölige Flüssigkeit, die man als Kind dann schlucken musste: Lebertran.

Lebertran ist ein Fischöl, das aus der Leber von Kabeljau (Dorsch), Schellfisch und Heilbutt gewonnen wird. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts erkannte man die günstige Wirkung von Lebertran zur Stärkung des Immunsystems und damit als Vorbeugung gegen Erkältungen. Besonders wertvoll erwies sich der hohe Gehalt an Vitamin A und D. Vitamin A fördert die Wundheilung; ein Mangel kann Hautkrankheiten und Sehstörungen wie Nachtblindheit verursachen. Vitamin D ist wichtig für das Knochenwachstum sowie bei der Vorbeugung von Osteoporose.

Die Mitte des letzten Jahrhunderts noch häufige Rachitis (englische Krankheit) mit Wirbelsäulenverkrümmung und Verbiegung der Beinknochen beim Säugling und Kleinkind machte die Lebertrantortur geradezu zur elterlichen Pflicht. Irgendwann kam eine scheinbar humanere Variante auf den Markt: Man mischte dem Lebertran zur geschmacklichen Verbesserung Orangenaroma bei. Was nicht selten dazu führte, dass das Kind auch gegen Orangen eine Abscheu entwickelte.

Ein Durchbruch war die Entwicklung der Lebertrankapseln; das Schlucken der Ware wurde damit zwar akzeptabel, das spätere Aufstossen blieb jedoch weiterhin eklig. In den 1980er Jahren erhielt die Lebertranforschung einen weiteren Schub durch die Entdeckung des Gehalts an Omega-3-Fettsäuren (mehrfach ungesättigte Fettsäuren), die vorbeugend gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen (etwa Arteriosklerose) wirken.

Hat solcher Nutzen dem Lebertran den Markt erhalten? Ja, Lebertran werde nach wie vor nachgefragt, sagt der Apotheker, wobei er als Konsumenten vor allem ältere Leute und kaum noch Kinder vermutet. Lebertran werde vorwiegend als Kapseln verkauft; eine kleinere Kundschaft wolle aber nach wie vor das Fischöl in der Flasche. Bei einem vermuteten Mangel an Vitamin A und D bevorzugten die meisten Kunden jedoch ein Multivitaminpräparat.

Eine Nachfrage bei Halibut, der traditionellen Marke für Lebertrankapseln, ergab für die Schweiz für die letzten Jahre einen stagnierenden bis leicht rückläufigen Umsatz von jährlich 1,5 Millionen Franken für die gesamte Lebertranbranche. Eine Nische hat Lebertran in der Tiermedizin gefunden, wo lebertranhaltige Präparate als «artgerechte Ernährung für den Hund» oder bei Kühen als Wundsalbe bei erkrankter Zitzen- und Euterhaut angepriesen werden. Herbert Cerutti


Lewinsky, Monica
Clinton-Praktikantin.
«Vielleicht treffe ich dort meinen künftigen Ehemann und gründe eine Familie», soll Monica Lewinsky, inzwischen 32-jährig und gegen drohendes Übergewicht kämpfend, beim Abflug in Richtung London gesagt haben. Dort hat sie im Oktober 2005 an der renommierten School of Economics ein Studium der Sozialpsychologie aufgenommen. Lewinsky war vor zehn Jahren wegen einer Sexaffäre mit Bill Clinton kurzzeitig die berühmteste Frau der Welt. Clintons Lüge, «ich hatte keine sexuelle Beziehung mit dieser Frau», wurde zu seinem bekanntesten Zitat.

Die Kommilitonen empfingen sie mit echt britischem Humor, unter anderem einer kulinarischen Spezialität namens «spotted dick pudding», ein Name, der auf sehr unterschiedliche Arten übersetzt werden kann. Doch an derlei schlüpfrige Anspielungen hat sich Lewinsky längst gewöhnt. Einzustecken lernte die in begüterten Verhältnissen in Beverly Hills aufgewachsene Arzttochter von ihrer Mutter Marcia, der Verfasserin eines reisserischen Romans über das Intimleben der «Three Tenors».

Um Antworten ist Lewinsky bei öffentlichen Auftritten, etwa zwecks Promotion ihrer Autobiographie («Monica’s Story»), ihrer Designer-Handtaschen oder als offizielle Sprecherin der Jenny-Craig-Diät nie verlegen, wenn entsprechende Bemerkungen fallen. Dabei spielt die Frau, die den Herrn des Weissen Hauses beinahe zu Fall gebracht hätte, gern das Unschuldslamm. «Was wollen die bloss von mir?» flötet sie mit süsssaurem Lächeln, wenn der Pulk von Fotografen und Kameraleuten wieder einmal übermächtig zu werden droht.

Hinter der Fassade steckt, genauso wie bei ihrer Mutter, eine eiskalt kalkulierende Geschäftsfrau: Der «net worth» der High-Society-Skandalnudel wird auf mehrere Dollarmillionen beziffert. Aber nicht alles, was Monica anrührt, verwandelt sich zu Gold. Im Dezember 2003 schmetterten Regierungsanwälte eine Klage auf Rückerstattung ihrer durch das Verfahren des Sonderanwalts Kenneth Starr entstandenen Anwaltskosten - 1,1 Millionen Dollar - ab. Wenige Monate zuvor hatte ein Engagement Lewinskys als Moderatorin der Reality-TV-Show «Mr. Personality» nach wenigen Sendungen ein Ende gefunden, und ein mit lauten Fanfaren angekündigter Auftritt am italienischen Fernsehen wurde in letzter Minute gestrichen. Jetzt wetzen die britischen Revolverblätter ihre Messer. Monica Lewinsky, das zieht als Schlagzeile wie eh und je. Rod Ackermann


Lindenberg, Udo
Deutsche Rocklegende.
Udo Lindenberg, 59, ist vermutlich der einzige Star Deutschlands. (Ab und zu liest man zwar, Boris Becker sei «ein Held, ein Mythos», «Handelsblatt», aber ich fand ihn langweilig.)

Herr Lindenberg hat seit 15 Jahren oder so keine Platte mehr mit neuen Liedern gemacht. Aber das scheint nicht zu schaden; obwohl oder weil er nur alte Sachen singt, gehen Tausende Menschen zu seinen Konzerten. Und daraus lässt sich eine Analogie ableiten zu dem Interview, das er mir gab: Er war einer der besten Gesprächspartner bisher, obwohl oder weil ich ihn kaum verstand. (Er spricht undeutlich, als hätte er einen Kloss im Mund.) Mit ihm zu reden, ist wie Niklas Luhmann lesen - es ist wahrscheinlich gut, aber man versteht einfach nicht, was er sagen will.

Er lebt im «Atlantic» in Hamburg. Das «Atlantic» sieht aus, wie ein älteres Grand Hotel aussehen muss. Manchmal sieht man ihn an der Bar sitzen, sagt man. (Ich hab ihn noch nie dort gesehen allerdings.) «Was ist eigentlich das Beste am Leben im Hotel?» fragte ich. «Eine Stätte der Begegnung. Wenn man will, gibt es immer Menschen im Hotel. Sonst geh ich nach oben, und da ist es ganz still - Meditation, innere Einkehr . . . » (Er wohnt unter dem Dach.) «Ist es sehr teuer, Dauermieter zu sein?» - «Nee, da macht man mit denen einen Deal - wenn man berühmt ist.» Mark van Huisseling


Maus mit angenähtem Ohr
Transplantationsexperiment.
Die Maus mit dem Ohr am Rücken war 1995 in der Sendung «Tomorrow’s World» der BBC erstmals gezeigt worden. Danach ging das Bild um die Welt und entfaltete eine Wirkung, die eigentlich nicht beabsichtigt war.

Charles Vacanti, ein Anästhesist aus Boston, wollte zeigen, dass das Ohr vom Organismus der Maus angenommen wird und eigene Blutgefässe bildet. (Ums Gehör selbst ging es nie, weshalb mit diesem Ohr auch nicht gehört werden kann.) Das Experiment gelang: Das Organ, für das Vacanti aus biologisch abbaubarem Kunststoff ein Menschenohr geformt und dieses mit Knorpelzellen einer Kuh angereichert hatte, wurde nicht nur zu einem lebenden Teil der Maus, auch die Knorpelzellen in der Ohrform wuchsen heran und ersetzten nach und nach den Kunststoff. Man hoffte, auf ähnliche Weise Ersatzorgane für Menschen aus körpereigenen Zellen herstellen zu können, die der Körper - anders als fremde Organe - nicht abstösst.

In der breiten Öffentlichkeit wurde das Bild allerdings nicht als Meilenstein der Transplantationsforschung aufgenommen, sondern als Horrorvision. Eine Gentechnik-kritische Organisation benutzte das Bild für ganzseitige Anzeigen in der «New York Times» und schrieb dazu, dass es sich um eine gentechnisch veränderte Maus handle (was nicht stimmte). Selbst in der Schweiz konnten die Werber nicht widerstehen. Die Zeitung «Der Bund» warb auf Plakaten mit dem Mausbild, darunter der Slogan «Bleiben wir sachlich». Heute kann man die Maus mit dem Ohr auf T-Shirts kaufen, sie kommt in Cartoons vor, einen neuseeländischen Künstler inspirierte sie sogar zu einer Skulptur.

Was ist mit der Maus geschehen? «Sie hat wohl das Schicksal aller Labormäuse erlitten», sagt Vacanti am Telefon. Stefanie Friedhoff




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