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Fremde Männer in der Nacht
© Marc Renaud, Basel
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| Adrian: «Da verlierst du schon ein bisschen das Vertrauen.» |
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Sieben Schweizerinnen und Schweizer erzählen, wovor sie wirklich Angst haben und was sie für ihre persönliche Sicherheit tun.
Von Anja Jardine, Mikael Krogerus und Tom Felber
Adrian, 15, Schüler und Opfer eines Überfalls
Es geschah an einem Mittwoch vor den Sommerferien, am helllichten Tag. Ich ging in die neunte Klasse der Steinerschule in Bern. Nach dem Unterricht war ich in der Bibliothek im Kornhaus. Gegen fünf Uhr ging ich zum Bahnhof, um nach Hause zu fahren. Am Eingang Neuengasse hab ich mir im Coop was zu trinken gekauft und bin dann den Gang runter zum Gleis U 1, das sind keine 40 Schritte, direkt an zwei Cafés vorbei, wo die Leute hinter grossen Scheiben sitzen.
Überhaupt war viel los, es war ja schliesslich Feierabendverkehr, da rechnet man doch nicht mit so etwas. Und plötzlich stellt mir jemand ein Bein. Ich denke erst, das war wohl ein Versehen, bin gestolpert und habe mich umgedreht. Da standen so sechs oder sieben Typen, die hatte ich gar nicht bemerkt. Ich kannte die nicht, bin denen noch nie im Leben begegnet. Und der eine guckt mich an und sagt: «Hast du Problem?» – in so einem aggressiven Ton. Ich wollte weitergehen, doch kaum hatte ich mich umgedreht, spürte ich im Nacken einen solchen Schmerz, wie ich ihn noch nie erlebt hatte. Ich bin gestürzt und muss dann ein Blackout gehabt haben. Ich weiss nur noch, dass ein älterer Herr irgendwann fragte, ob es Probleme gebe, aber wie ich in den Zug gekommen bin und nach Hause, das weiss ich nicht mehr.
Der Arzt hat am nächsten Tag eine Gehirnerschütterung und ein Halswirbeltrauma zweiten Grades festgestellt, mit einer Kurzzeitamnesie. Wir haben dann Anzeige erstattet, aber die Polizei kann da auch nicht viel machen. Die haben zwar die Bilder der Überwachungskameras ausgewertet, aber ausgerechnet der Bereich, in dem ich zusammengeschlagen wurde, ist nirgends drauf, weil der Durchgang nicht zur Bahn gehört, sondern zur Stadt, und da dürfen keine Kameras hängen. Ich musste dann ein paar Tage im Bett bleiben. Ich bin der dritte in meiner Schulklasse, dem das passiert ist. Einen haben sie sogar noch ausgeraubt, Geld, Handy – alles weg.
Was mich geschockt hat, ist, dass es überhaupt keinen Grund gab. Die kannten mich gar nicht. Es war nur Langeweile oder Frust oder was weiss ich. Ich hatte einfach Pech. Da verlierst du schon ein bisschen das Vertrauen. Ich selbst habe Karate gemacht, bis zum grünen Gürtel. Und eines lernst du dort: Du greifst niemanden an, schon gar nicht grundlos und von hinten. Ein paar Tage später wurde ich ziemlich wütend, hatte Rachegedanken, aber das bringt ja nichts. Und was ist, wen ich den Falschen erwische?
Mir war immer klar, dass es solche Typen gibt, deswegen meide ich auch bestimmte Orte, gehe lieber durch den Wald als durch eine bestimmte Unterführung oder mache möglichst einen grossen Bogen um Gruppen junger Typen, erst recht, wenn Alkohol im Spiel ist. Ein Typ allein macht nichts, es sind Gruppen, die gefährlich sind. Da hilft es nur, auch mit mehreren rumzulaufen. Ich habe zwei gute Kollegen, mit denen bin ich oft an der Schanze in Bern, da hängen auch die Drogendealer rum. Aber man muss nur mit dem Kopf schütteln, und die ziehen weiter. Das ist nicht gefährlich. Im Eishockeystadion gibt es ein paar Stellen, an denen man aufpassen muss. Auf dem Weg zum Klo zum Beispiel, das ist ein schmaler Durchgang, in dem manchmal so rabiate Typen rumhängen. Es gibt unter den Eishockeyfans eine rechte Szene, und da der SC Bern meist gewinnt, werden die gegnerischen Fans aggressiv. Meine Kollegen und ich sehen zu, dass wir Abstand halten. An sich finde ich die Massen im Stadion sehr beeindruckend, aber wenn einer anfängt zu rennen, bricht Panik aus.
Wenn ich in den Ausgang gehe und mein Vater mir Taschengeld gibt, scherzt er manchmal: «Nicht alles für Drogen ausgeben!» Aber ich glaube, meine Eltern machen sich da nicht wirklich Sorgen. Ich rauche ab und zu Zigis, aber wenn man nicht mehr merkt, was man tut, finde ich das voll Scheisse. Wenn ich manchmal die Besoffenen aus dem Stadion wanken sehe, muss ich sagen: Das ist nicht mein Ding. Meine Eltern haben Vertrauen zu mir, ich wohne im Estrich, da habe ich meine Ruhe. Auch am Computer kontrollieren sie mich wenig; sie wissen einfach, dass ich es nicht übertreibe und dass mich Ballerspiele nicht interessieren. Ich habe meine eigene Website, aber nach ein paar Stunden am Computer reicht es mir, und dann fahre ich mit meinem Velo in den Wald.
Im Moment habe ich eigentlich vor nichts Angst. Ich gehe jetzt auf eine berufsvorbereitende Schule und mache nächstes Jahr eine Schreinerlehre. Den Ausbildungsplatz habe ich schon, bei einem ziemlich guten Meister, das freut mich. Ich weiss genau, wann es losgeht. Ich habe es gern, wenn Sachen geplant sind.
Auch die grossen Katastrophen in der Welt wie Terrorismus und Kriege machen mir keine Angst. Im Geschichtsunterricht haben die Lehrer uns immer Landkarten gezeigt, von vor und nach den grossen Kriegen. Die Umrisse der Schweiz waren als einzige immer unverändert. Das hat mich beeindruckt. Ich fühle mich hier sicher. Immer noch. (Name von der Redaktion geändert)
Maria, 32, Drogenabhängige
Die grösste Sorge als Junkie ist es, keinen Stoff zu bekommen oder ihn zu verlieren. Die K & A (Kontakt- und Anlaufstelle) bietet eine Sicherheit – wenn du etwas brauchst, weisst du: Im Innenhof stehen Dealer, denen du, was die Qualität angeht, einigermassen trauen kannst. Bevor du in die Fixerstube gehst, musst du dir die Hände waschen und desinfizieren. Den Löffel und den Filter, durch den du das Heroin aufziehst, musst du wieder abgeben, damit sie nicht zweitverwendet werden. Früher hatten wir häufig nur einen Löffel, einen Filter und eine Nadel in der Runde – da war’s einfach nur Glück, wenn du dich nicht angesteckt hast.
Das Wichtigste für mich ist meine Wohnung. Und dann brauche ich das soziale Netz in Form von Sozialarbeitern, Psychologen, Ärzten, so dass ich die Substitutionsmedikamente bekomme. Freunde bieten nicht unbedingt Sicherheit. Freunde sind Personen, die dich mögen. Und oft machen sie sich Sorgen. Aber wenn du süchtig bist, hast du immer so eine manische Seite, und wenn dann Freunde mich so erleben, dann haben die das Gefühl: Der geht’s doch gut, und sie merken nicht, dass in dieser Manie der nächste Absturz schon programmiert ist. Deine Freunde immer zu enttäuschen, macht dich fertig.
Heute ist jeder Junkie in der Lage, eine Ansteckung zu vermeiden. Bleibt das Risiko der Überdosis. Wenn der Stoff sehr rein ist oder du längere Zeit clean warst, verträgt dein Körper weniger. Aber wenn du einen Knall willst, denkst du nur noch «Droge». Du bist gierig, so gierig, in deinem Kopf existiert nichts anderes, du vergisst alle Vorsichtsmassnahmen. Du hast die Kohle, du kaufst den Stoff, der Dealer sagt dir vielleicht noch: Pass auf, das ist guter Stoff – und du denkst, hey, das erzählt mir jeder schon seit Jahren.
Manche spritzen sich erst ein bisschen, um zu schauen, wie der Stoff einfährt. Ich mache das nicht. Mir sagen die Leute: Hey, bist du wahnsinnig, wie kannst du dir nur so viel auf den Löffel packen? Aber mich hat’s erst ein, zwei Mal umgehauen, aber das waren Epilepsieanfälle. Ich habe keine Angst, dass etwas passiert. Manchmal wollte ich, dass mir etwas passiert, weil ich das Leben nicht mehr aushielt. Die Dosis hätte vielleicht einen Elefanten getötet. Aber mit Heroin ist es so, dass die, die sterben wollen, überleben, und die, die leben wollen, sterben. Ich habe lange ein Doppelleben geführt. Meine Sorgen drehten sich nie um die Auswirkungen der Sucht, sondern immer nur darum, die Sucht zu verstecken – so gut, dass nicht einmal die engsten Kollegen etwas merkten.
Wenn du anfängst zu spritzen, hast du meistens gute, sichtbare, dicke Venen. Je länger du drauf bist, desto schwieriger wird es, die Venen zu finden, weil sie sich zurückziehen, oder sie sind kaputt oder verhärtet, also musst du dir in Fuss, Wade oder Hals fixen. Ich sass mal drei Stunden lang blutüberströmt in der Badewanne, weil ich die Vene nicht traf. Wenn du zu oft danebenstichst, vermischt sich das Gift in der Spritze mit deinem Blut; dann kann es gerinnen und die Spritze verstopfen, und den Stoff kannst du wegwerfen. Damit das nicht passiert, tust du alles.
Wieder Arbeit zu haben, wird mir guttun. Geregelte Zeiten, feste Strukturen, das Einkommen – da freue ich mich drauf. Es ist ein Scheissgefühl, keine Kohle zu haben. Die Sozialhilfe ist schnell weg. Und ich bin viel zu weich zum Dealen. Nur blöd, dass es nur da den Stoff gibt. Betteln ist schlimm. Ich habe immer ein paar Rappen bei mir, gehe auf Leute zu und frage: Kann ich dir eine Zigarette abkaufen? Meistens schenken sie mir eine oder zwei. Ich brauche Geld, aber gleichzeitig ist es die grösste Gefahr. Wenn ich Geld habe, konsumiere ich. Im Prinzip muss ich mich davor schützen, Geld zu bekommen. Deshalb werde ich es so einrichten, dass das Geld vom Sozialamt nicht an mich überwiesen wird, sondern an einen Sozialarbeiter, der mir ein Budget einrichtet, damit ich erst gar nicht die Chance bekomme, das Geld für Drogen rauszulassen.
Die meisten Menschen glauben, Junkies seien krank und wollten eigentlich gar nicht konsumieren. Ich will aber. Manchmal denke ich, diese fast zwanghaften Normalisierungstechniken wie Therapien, Wiedereingliederung und Substitutionsmedikamente sind eigentlich Ausdruck eines Unvermögens, Andersartigkeit zu ertragen. Ich habe die Illusion aufgegeben, dass ich ein glückliches und zufriedenes Leben führe könnte, wenn ich clean wäre. Die Probleme verlagern sich einfach. Fünf Jahre lang war ich clean, davon vier Monate total clean, also keine Drogen, kein Alkohol, kein Kaffee, keine Schokolade – und das war eine ganz schlimme Zeit. Ich bin durchgedreht und magersüchtig geworden.
Ein kontrollierter Konsum wäre für mich fast gesünder, denke ich. Am liebsten wäre mir, am Wochenende zu konsumieren, aber so, dass der Montag nicht darunter leidet. Das geht, es braucht bloss unglaublich viel Disziplin. Ich beginne jetzt ein berufliches Eingliederungsprogramm, aber oft frage ich mich: Was kommt denn dann? Mit 32 Jahren habe ich das Gefühl, ich hätte nichts erreicht und nichts geleistet, und das, was ich kann, kann jeder Vollidiot. Mein Freund arbeitet, alle um mich herum haben etwas, nur ich, ich habe nichts. Der Konsum ist oft die Entschuldigung für alles, was ich im Leben nicht geschafft habe. Niemand erwartet irgendwas von einem Junkie. Aber wenn ich meine Clean-Phasen habe, dann erwarte ich von mir selber wieder eine Menge und merke gleichzeitig: Ich kann dem nie gerecht werden.
Die Droge beruhigt mich, sie gibt mir eine Sicherheit, die ich sonst nicht habe. Als ich mit 18 anfing, hatte ich überhaupt kein Selbstbewusstsein, und plötzlich hatte ich da diesen Stoff, und das war hart und cool, und das Leben sah nicht mehr so düster aus. Ich weiss noch, wie wir früher Kokain spritzten. Wir haben das Zeug geholt, dann wurde die Musik ausgeschaltet, das Licht, der Fernseher – alles aus, dunkel. Ich weiss noch, wie ich mir den Stoff reinliess und dann, noch mit der Spritze im Arm, ins Badezimmer lief, die Tür zumachte, mich am Badewannenrand festhielt und mir dann alles reindrückte. Da ist mir das Hirn explodiert. Ich glaube, seither suche ich diesen Kick. (Name von der Redaktion geändert)
Cornelia Schiess, 44, Mutter und Grafikerin
Ich habe mal eine Ahnung davon bekommen, wie es sich anfühlt, wenn man abrutscht. Das war kurz nach der Trennung von meinem Mann, meine Kinder waren zwei und vier Jahre alt, und ich arbeitete als Grafikerin. Dann wurden die Kinder krank, litten drei Monate an Keuchhusten. Ich war total überlastet, mein Tag ein einziges Flickwerk und ich im Dauerspagat. Da habe ich gekündigt, ohne Alternative im Hintergrund. Das haben viele nicht verstanden, aber ich wusste: Ich kann nicht mehr. Vor die Wahl gestellt, ob Job oder Kinder, war die Antwort klar. Die brauchen mich.
Aber trotzdem hatte ich plötzlich das Gefühl, ich sei kein leistungsstarkes Mitglied der Leistungsgesellschaft mehr, das hat mir zugesetzt. Ich hatte schon immer den Wunsch, es allen recht zu machen. Auch der Gesellschaft. So bin ich erzogen worden. Heute weiss ich: Ich muss es vor allem mir recht machen. Doch dazu musste ich erst mal eigene Kriterien dafür finden, was ich wertschätze. Das war ein langer Weg. Heute weiss ich, auch wenn ich mal vergesse, den Sportsack mitzugeben, dass ich meine Sache als Mutter grundsätzlich nicht schlecht mache.
Die wahre Erschütterung nach der Trennung war nicht der gesellschaftliche oder finanzielle Abstieg, sondern der Verlust der Geborgenheit. Das Zerbrechen meiner Ehe fühlte sich an, als hätte ich meine Daseinsberechtigung verloren, meinen Wert. Freunde haben mich durch diese Zeit getragen. Überhaupt habe ich damals begriffen, dass es sehr heikel ist, Sicherheit allein im Refugium Kleinfamilie zu suchen. Wenn das kaputtgeht, bist du wieder hinausgeworfen, vollkommen exponiert. Das möchte ich nicht noch einmal erleben. In meiner neuen Partnerschaft stehe ich ganz anders. Das Fundament kann nicht die eine Beziehung sein, das Fundament muss in mir liegen.
Meine innere Sicherheit ist fragiler als die äussere. Angst äussert sich bei mir als innere Unruhe, eine Mischung aus extremer Nervosität und Leere, wie ein innerliches Zusammensacken. Anfechtungen von aussen fühle ich mich gewachsen. Ich hatte immer dieses Grundvertrauen in meine Kraft. Selbst während dieser zwei Jahre Arbeitslosigkeit, als ich manchmal Mühe hatte, die Rechnungen zu bezahlen, vertraute ich immer dem Gefühl: Es ist nur an mir, es kommt schon was, und dann geb ich Gas. Vielleicht ist es naiv, aber ich glaube, dass ich uns mit Mut und Phantasie immer durchbringen kann.
Mit Kindern wird einem die Verletzlichkeit der menschlichen Existenz so richtig bewusst. Wenn sie eine halbe Stunde zu spät von der Schule oder vom Spielen kommen, suche ich sie mit dem Velo. Da ist immer die Angst, dass ihnen etwas zustösst, dass da ein Gestörter rumläuft, der sie sexuell missbraucht. Diese Angst habe ich auch um mich, ich meide bestimmte Ort wie Bahnhöfe oder abgelegene Plätze am Abend. Ich habe auch mal einen Selbstverteidigungskurs gemacht, aber ob mir die drei Griffe im Notfall helfen, weiss ich nicht.
All die grossen Gefahren, die uns drohen – Terrorismus, Naturkatastrophen, Vogelgrippe –, ängstigen mich phasenweise, und dann schiebe ich es auch wieder weg und lebe in meiner kleinen Realität. Aber wenn ich um halb sechs am Bahnhof stehe und der ist pumpevoll, kämpfe ich schon mit dem Gedanken: Wenn da jetzt einer ist, bei dem es nicht ganz richtig tickt und der vielleicht ein Zeichen setzen will, dann tschüss. Menschenansammlungen habe ich immer schon gemieden, Massen sind mir nicht geheuer. Und wenn ich in der Zeitung lese oder im Fernsehen sehe, dass grad mal wieder jemand grössenwahnsinnig wird, spüre ich eher eine grosse Trauer über das Unvermögen der Menschen. Überhaupt die Kreatur Mensch: Wie machtgierig, wie brutal und wie unfähig sind wir doch, wirklich dazuzulernen. Grade auch im Umweltschutz, der mir ein echtes Anliegen ist. Ich versuche, danach zu leben, auch wenn ich manchmal zweifle, dass es noch etwas bringt.
Besitz spielt eine untergeordnete Rolle in meinem Sicherheitsbedürfnis. Auch was Altersvorsorge und Versicherungen anbelangt, mache ich nur das Minimum: Krankenversicherung, Hausrat, Fahrzeug, Haftpflicht, AHV. Ich habe die Grundhaltung: Das Geld ist zum Verbrauchen da.
Ich frage mich: Auf was möchte ich schauen, wenn ich 80 bin? Es sind die kleinen Sachen! Ich möchte sagen können: Ja, ich habe Pianolektionen genommen. Und ich habe Freunde, für die ich Sorge trage. Beruflich stehe ich jetzt so da, wie ich es mir immer gewünscht habe. Ich arbeite als künstlerische Leiterin in einem Behindertenheim für junge Erwachsene und nebenbei als Grafikerin.
Mein Traum wäre es, im Alter mit mehreren Leuten in einem Weiler zu leben, und jeder grümpelt so vor sich hin. Ich möchte nicht allein in einer Dreizimmerwohnung sitzen. Es sind immer Menschen, die mir Sicherheit geben.
Patrick Tarakdjian, 52, Portfolio-Manager
Als junger Mann habe ich auf Haiti Mangos gepflückt und in Ecuador auf einer Shrimp-Farm gearbeitet. Beim ersten Mal hatte ich einen richtigen Kulturschock. Der sitzt mir bis heute in den Knochen. Trotz meinem Traum, die Welt zu entdecken, bin ich dann zurückgekehrt. Als wohlbehüteter Schweizer konnte ich mich an bestimmte Spielregeln – zum Beispiel Korruption – einfach nicht gewöhnen. Aber die Zeit in diesen armen Ländern hat mich geprägt. Zwar ist es heute als Portfolio-Manager der Lego-Gruppe meine Aufgabe, das Geld der Familie gewinnbringend anzulegen, aber ich habe schon immer geschaut, dass ich das tue, was nun in aller Munde ist, nämlich nachhaltig zu investieren.
Um das tun zu können, gehe ich raus und schaue mir vor Ort an, wie ein Unternehmen arbeitet, wie das Produkt aussieht, wie die ihre Mitarbeiter behandeln. Zuletzt war ich in Indien, bei einem renommierten Pharmakonzern, der im Bereich des Diabetes grösser einsteigen will. Da habe ich gefragt: «Und was machen Sie gegen Malaria?» Ich wusste, dass die Malaria in der Region ein riesiges Problem ist und der Monsun vor der Tür stand. Da waren die erst mal erstaunt. Und mussten zugeben, dass sie in dem Bereich nichts machen, weil die Armen im eigenen Land keine lukrative Zielgruppe sind. Solche Sachen spielen bei meinen Anlageentscheidungen eine Rolle. Kurzfristige Gewinne lasse ich an mir vorbeiziehen. Klar bringt mich das in Konfliktsituationen, permanent, aber ich versuche, mich nicht unter Druck setzen zu lassen. Es ist dann auch eine Charakterfrage. Ich sage immer: Walking the talk, Worten müssen Taten folgen.
Wenn die Märkte turbulent sind, spüre ich das schon. Aber ich stehe nachts nicht mehr auf, wenn der Markt crasht, die Zeiten sind vorbei. Man kann das Risiko nicht ausschalten, man muss lernen, es zu handhaben. Ich bin heute viel mutiger, als ich es mit zwanzig war. Erfahrung spielt da sicher eine Rolle, ich bin ja mittlerweile 33 Jahre im Geschäft. Wichtig ist, dass man weiss, wem man vertrauen kann. Ich war ursprünglich Banker und habe viele alte Kollegen im Markt. Alle Beteiligten wissen, dass nicht nur ein Kundenverhältnis auf dem Spiel steht, sondern auch eine Freundschaft.
Meine Freunde sind meine Akku-Ladestation. Deswegen habe ich auch mal eine Stelle abgelehnt, die 140-prozentigen Einsatz erforderte: Ich brauche Sport und Freunde als Ausgleich, damit ich ein kreativer, angenehmer Mensch bin. Eine solche Sicherheit kann man nicht kaufen, nicht bezahlen, an der muss man permanent arbeiten.
Um den Schlaf werde ich nur gebracht, wenn existentielle Sachen aufs Tapet kommen, wie zum Beispiel ein Wohnungskauf. Da habe ich vier Nächte nicht geschlafen, habe hin und her gerechnet. Als junger Mensch hatte ich immer einen Fünfjahresplan, heute weiss ich, dass kein Arbeitsplatz sicher sein kann. Vor unheilbaren Krankheiten habe ich Angst, ich achte auf viel Bewegung und gesundes Essen. Mein Handy trage ich nie auf der Herzseite, sondern möglichst einen Meter entfernt, damit die Strahlung nicht zu hoch ist. Und das Klima macht mir Sorgen: Da stehen die Kühe im Schnee, und dann schwitzen sie wieder, welch ein Stress für die Natur! Und auch für uns. Man könnte vielleicht manchmal denken, ich sei ein übervorsichtiger Mensch, aber ich habe gelernt, alles erst mal zu evaluieren. Aber ich mache alles mit: Skifahren, Wassersport.
Fliegen tue ich nicht gern, man kann es nicht selber steuern. Auf Reisen versuche ich, bestimmte Airlines, Hotelketten und Grossveranstaltungen zu meiden. Aber Terrorismus kann einen überall erwischen. Ich sage mir: Wenn die Zeit um ist, ist sie um. Ich bereite mich auf meine Reisen gut vor, ich habe Respekt vor Land und Leuten, und dann lass ich es auf mich zukommen.
Meine Frau ist Dänin, wir haben keine Kinder. Bei einer Heirat hofft man, dass es für immer hält. Aber ich war nicht so naiv, zu glauben, dass es nicht auch schiefgehen kann. Natürlich hoffe ich das nicht, aber eine gewisse Unsicherheit gibt es immer. Ich sage mir, solange man gesund ist und schaut, dass man nicht allzu eigen und speziell wird, kann man an Beziehungen arbeiten. Ich habe Menschen gern und gehe auf sie zu, was Nähe anbelangt allerdings, richtige seelische Nähe, da pass ich auf. Ich bin Krebs, laufe schon mal zwei Schritte seitwärts, weil ich die eigene Verwundbarkeit kenne. Bis man bei mir die Türe öffnet, braucht es manchmal eine Brechstange, das ist schon so.
Ich bin gläubig, ja. Ich bete auch, aber ich benutze meinen Glauben nicht nur, wenn ich es brauche, sondern versuche, proaktiv etwas für die Gemeinschaft zu tun, mit Anstand und Disziplin zu leben. Ein korrektes Verhalten gibt mir Sicherheit. Vielleicht ist es meine Art, mich vor Misserfolgen zu schützen. Ich sage es so: Ich habe mein Bestmögliches beigetragen, damit etwas funktioniert, ich habe ein gutes Gewissen, und den Rest nenne ich Schicksal.
Claire Niggli, 68, Künstlerin
Für viele ist der Tod von Blutsverwandten der grösste Verlust. Und das Bewusstsein, dass es passieren wird, die grösste Unsicherheit im Leben. Der erste Tote, den ich gesehen habe, war mein Vater, ich war 12 oder 13. Beim Anblick meines aufgebahrten Vaters in Graubünden ist, glaube ich, der erste Baustein meiner inneren Sicherheit gelegt worden. Ich sah meinen toten Vater, ein Inbegriff meiner verlorenen Sicherheit – und sein Gesicht leuchtete. Später musste ich noch den Verlust der Mutter und des Bruders beklagen. Durch die Toten habe ich gelernt: Alles ist einmalig, jede Begegnung kann die erste und letzte sein, und die Liebe durchdringt den Tod. Das waren meine ersten geistigen Aufwacherlebnisse.
Meine innere Sicherheit beruht auch darauf, dass ich mir durch mein Œuvre einen Namen geschaffen habe. Ich bin Claire Niggli und nicht bloss die Frau von einem Mann – indem mich jeder meiner Geliebten ein Stück weit «getötet» hat, haben sie mich paradoxerweise zu mir selbst geführt und ich sie zu sich. Zu erkennen und erkannt zu werden, ist das höchste Glück auf Erden. Mich erfüllt ein Selbstvertrauen, synonym zu verstehen mit Gottvertrauen – überkonfessionell gemeint. Dies lebendig zu halten und auch in Krisen aktivieren zu können und liebesfähig zu bleiben, gibt mir Vertrauen. Ich hoffe, dass mich das nicht verlässt. Ich bin mir sicher, dass Meister Eckharts Wort wahr ist: Gott wohnt immer in mir, aber ich bin nicht immer zu Hause. Ich verschliesse die Haustür, habe aber keine Angst vor Einbrüchen. Ich führe mit wenig Geld ein reiches Leben. Der Hausrat hier ist versichert, ich habe vergessen für wie viel, vielleicht 50 000 Franken? Letztes Jahr wurde eingebrochen. Unter anderem die Verlobungsringe von zwei Verehrern – die ich noch vor der Ehe verliess – wurden mir signifikanterweise gestohlen. Ich bin mit beiden Männern sehr verbunden. Überhaupt sind vergangene Lieben und Freundschaften eine solide Basistruppe meiner Wahlverwandschaft. Wir sind füreinander da.
Ich möchte es nicht geringschätzen, dass wir hier in einer sicheren Welt leben. Ich bin viel in Ägypten, lebe in Paris. In Westeuropa müssen wir nicht ums nackte Überleben kämpfen; wir haben sozusagen eine Hand frei, und mit dieser freien Hand, denke ich, sollten wir uns einer selbstgestellten Aufgabe widmen, das heisst einem Menschen, einer Idee, einem Werk. Die eigene Aufgabe gefunden zu haben, gibt Vertrauen. Lange Zeit stellt Schönheit für eine Frau eine Sicherheit dar, zu wissen, dass sie Männern gefällt. Es ist aber auch eine gewisse Befreiung, wenn das nachlässt, wenn man nicht nur als Frau, sondern als Mensch von Menschen erkannt wird.
Ich war nie wirklich allein, auch zurzeit bin ich begleitet. Das ist vielleicht noch ein Thema: Viele Frauen suchen die Sicherheit in der Ehe oder in einer festen Beziehung. Aber ich habe erfahren, dass dieses Zu-nahe-aufeinander-Sein die Poesie im Alltag ersticken kann. Mit meinen Männern galt immer: «Living together apart». Jeder eine Wohnung für sich. Das war manchmal schwer, weil sie das verunsichert hat, mir hat diese Distanz Vertrauen geschenkt. Sonst wird die Sehnsucht gestillt, bevor man sie überhaupt erleben konnte. Schon früh hatte ich ein Misstrauen gegen die Kleinfamilie, ich habe auch keine Kinder. Vielleicht ermöglichte mir dieses Opfer, Wahlverwandtschaften quer durch die Welt aufzubauen. Ich sage immer: Jeder wahre Liebesakt zeugt weiter, physische Kinder sind eine Variation.
Es geht im Leben immer um Liebe, Tod und Schöpferisches, alles andere ist Sekundärliteratur. Nach der Trennung von meiner ersten grossen Liebe ist mir im Heiligen Land das Leben gerettet worden: Ich war auf dem Rückweg in mein Studentencamp. Es war tiefe Nacht. Als der Bus kam, tauchte plötzlich ein junger Mann mit einem Geigenkasten vor mir auf. «Jetzt haben wir uns gerade kennengelernt», sagte er, «unterhalten wir uns eine Weile, der nächste Bus fährt in zwanzig Minuten.» Ich weiss nicht mehr, worüber wir sprachen, aber nach zwanzig Minuten nahm ich tatsächlich den nächsten Bus. Drinnen waren die Passagiere in heller Aufregung, auf den vorherigen Bus war in der Central Station ein Attentat verübt worden, es hatte viele Tote und Verletzte gegeben. Ich wusste, mir war das Leben gerettet worden von dem Mann mit dem Geigenkasten. Bis dahin hatte ich immer Künstlerin werden wollen, aber jetzt fragte ich mich plötzlich: Was mache ich mit dem geschenkten Leben über das Privatglück hinaus? Ich begann, eine, meine Aufgabe zu suchen.
Hans Jost, 83, Witwer, pensionierter Lehrer
Unser Dorf hat 450 Einwohner; als meine Frau vor zwanzig Jahren starb, kamen viele vorbei und fragten mich: Wie geht es dir? Da habe ich gemerkt: Ich fühle mich hier gut aufgehoben. Über Mittag gehe ich zu Verwandten zum Essen. Am Wochenende kommt eine meiner Töchter und hilft mir im Haushalt. Unter der Woche bin ich allein, das macht mir nichts. Man muss schon aufpassen, es ist ja immer mehr geworden mit der Kriminalität, aber hier im Dorf, glaube ich, gab es noch nie eine Gewalttat oder einen schweren Einbruch. Die Kellertür – im Keller habe ich einige Gerätschaften und einige Flaschen Wein – bleibt unverschlossen.
Vielleicht lebe ich noch lange. Der Arzt sagte mir: Du wirst hundert. Ich sagte: Das will ich nicht! Wenn man sieht, was alles passieren kann, Sie wissen schon, Alzheimer oder Parkinson, wenn der Geist eingeht, das macht mir Angst. Beim Namensgedächtnis spüre ich das Nachlassen. Ich erkenne die Leute, ich weiss, der gehört in die Gemeinde, die habe ich dort gesehen – aber die Namen? An die Namen erinnere ich mich nicht mehr. Dann fällt’s mir wieder ein, zehn Minuten später!
Manchmal male ich mir aus, wie es wäre, wenn ich stürzte oder einen Hirnschlag bekäme. Gelähmt zu sein, sich nicht mehr mitteilen zu können, das wäre das Schlimmste. Noch fühle ich mich nicht alt. Aber wenn man sieht, wie der Freundeskreis enger wird, weil einer nach dem anderen stirbt, dann macht man sich Gedanken. Nicht vor der Einsamkeit sorge ich mich, aber vor der Gewissheit: Ich komme auch dran. Das ist keine Angst vor dem Sterben. Ich denke, wenn’s fertig ist, ist’s fertig.
Ich gehe einmal jährlich zum Zahnarzt, vier Mal im Jahr lasse ich Augen und Ohren untersuchen. Mein Gehör ist schlecht, ich sollte ein Hörgerät tragen, tue es aber nicht. Im Zwiegespräch geht es, aber in einer Gruppe, da höre ich nicht mehr richtig, das macht mir schon Angst. Deshalb reise ich auch nicht mehr gern. Grössere Gesellschaften meide ich. Noch vor zehn Jahren bin ich viel gereist, bin gern geflogen. Heute meide ich das, was mir Angst macht. Man muss sich seinen Ängsten nicht aussetzen. Ich versuche, gesund zu leben, gehe ins Seniorenturnen der Gemeinde und bin viel im Wald und im Garten. Ich glaube, Arbeiten schützt vor vielen Widerwärtigkeiten. Gegenwärtig lese ich den Gotthelf. Fernsehen schaue ich nicht viel.
Es gibt Sorgen, die verlieren sich mit der Zeit. Diese Sorge, ob es meinen eigenen Kindern gutgeht, ob sie sich zurechtfinden werden im Leben, ob ihnen etwas zustossen könnte, diese Elternsorgen lassen einen im Alter los. Jetzt helfen die Kinder mir. Ich bin froh, nur für mich verantwortlich zu sein, es macht mich bereits unruhig, wenn ich jemanden im Auto mitnehmen muss. Dabei sagt man, ich sei ein guter Autofahrer. Kreiselverkehr macht mir nichts!
Ich bin als Bauernsohn aufgewachsen. Manchmal denke ich, so ein Hof wie der unsere damals, der könnte heute nicht mehr existieren. Ich frage mich, was passiert mit den Höfen? Was passiert mit den Menschen, die dort arbeiten? Was passiert hier mit diesem Dorf? Die Zukunft scheint mir manchmal bedrohlich. Was mir heute Sicherheit schenkt, sehe ich in Gefahr.
Mir hat mal einer gesagt: Warum machst du dir Sorgen im voraus? Vor so vielen Sachen hat man Angst, und dann passiert doch nichts. Lass es drauf ankommen. Und meistens kommt ja auch nicht das, was man befürchtet. Wissen Sie, mein Wunsch wäre es, so weiterleben zu dürfen, wie ich die letzten zehn Jahre gelebt habe. Ich erwarte nicht mehr vom Leben. Ich erwarte weniger.
Jürg Müller, 59, Polizeioffizier
Ich war 20, als ich 1968 der Stadtpolizei Zürich beitrat, die Jugendkrawalle waren gerade vorbei. Bis 1975 war ich in Uniform im Kreis 4 unterwegs, im Milieu an der Langstrasse, wo es damals schon rauh zuging. Aber es gab noch so etwas wie «Ganovenehre», es war klar, dass man einen Polizisten nicht anfasst. Da konnte ich problemlos morgens um zwei Uhr allein in Uniform durch den Kreis 4 gehen. Und falls es doch brenzlig geworden wäre, wäre einem ein Zuhälter oder ein Rocker zu Hilfe geeilt. Ich habe das erlebt.
Heute sind die Patrouillen in der Regel zu zweit oder auch zu dritt unterwegs. Der Respekt vor der Amtsgewalt und der Uniform ist enorm gesunken. Polizisten sind ständig mit Menschen konfrontiert, die bereit sind, sich mit Gewalt zu widersetzen. Selbst Sanitäter und Feuerwehrleute werden von Alkoholisierten angegriffen und müssen durch die Polizei geschützt werden, etwa am Zürifäscht. Amtspersonen, die früher Respekt genossen, wie Tramkontrolleure, Betreibungsbeamte oder Lebensmittelinspektoren, sind immer häufiger auf Polizeibegleitung angewiesen.
Im Jahr 2000 wurden bei der Stadtpolizei Zürich 83 Fälle von Gewalt und Drohung gegen Beamte registriert, 2006 waren es 209, 63 Polizisten wurden im Einsatz verletzt. Real ist auch die Gefahr, sich im Dienst mit Tuberkulose, Hepatitis oder Aids anzustecken. Nicht nur offene Wunden und Spritzen sind das Problem, Polizisten werden auch bespuckt und gebissen. Das bringt eine enorme psychische Belastung – erst nach drei Monaten lässt sich im Blut nachweisen, ob man mit Aids infiziert wurde.
Nach meiner Zeit als Uniformpolizist und bei der Kriminalpolizei studierte ich von 1987 bis 1991 Psychologie, kam dann zum psychologischen Dienst der Stadtpolizei und leite seit 2003 die Abteilung Prävention. Die Anforderungen an die Sozial- und Kommunikationskompetenz eines Polizisten sind stark gestiegen, ausserdem muss er emotional belastbar sein. Die Aspiranten lernen heute ganz selbstverständlich Strategien zur Stress- und Konfliktbewältigung.
Auffallend ist, dass das selbstbewusste, provozierende Auftreten gewisser Leute gegenüber der Polizei in krassem Gegensatz zur geringen Bereitschaft steht, Zivilcourage zu zeigen, wenn jemand belästigt oder zusammengeschlagen wird. Da schauen die Leute weg. Ich erwarte nicht, dass sie sich einmischen, das ist oft viel zu gefährlich. Es wäre aber sinnvoll, wenigstens die Polizei zu verständigen statt wegzuschauen. Im Einsatz erleben es die Polizisten sogar, dass sich die Leute mit Verdächtigen und Tätern solidarisieren. Bei Kontrollen werden die Polizisten von Passanten umringt, die sich verbal oder handgreiflich für die Kontrollierten einsetzen. Drogendealer werfen sich zu Boden und schreien: «Ich bin unschuldig!» oder «Hilfe, ich werde geschlagen!» Wenn es sich um Menschen dunkler Hautfarbe handelt, wirft man den Polizisten schnell Rassismus vor.
In Zürich setzen wir auf «Community Policing», bürgernahe Polizeiarbeit. Wir suchen die enge Zusammenarbeit mit Sozial- und Schulbehörden, Quartiervereinen, örtlichen Gewerbe- oder Ausländervereinigungen. Und wir bemühen uns um ein partnerschaftliches Verhältnis mit der Bevölkerung. Der Polizist soll wieder jemand sein, der im Quartier bekannt ist und ein Gespür für die Menschen hat, die dort leben. Zentral ist die sichtbare Polizeipräsenz. Aber es ist schon klar: Die gesellschaftlichen Wertvorstellungen eilen der Gesetzgebung davon – viele Leute wissen heute gar nicht mehr richtig, was eigentlich verboten ist und was nicht.
Dennoch hat die Stadtpolizei in der Bevölkerung ein ausserordentlich positives Image: Laut einer letztjährigen Untersuchung von Isopublic ist ihr Ansehen bei 82 Prozent der Stadtbewohner gut oder sehr gut. Darum können wir auch trotz schwierigem Umfeld und gestiegenen Anforderungen gute neue Leute rekrutieren, die dank einer guten Ausbildung ihre anspruchsvolle Aufgabe meistern.
Ein Sicherheitstip für das Verhalten in der Stadt? Das Wichtigste ist Selbstsicherheit. Ängstliche werden häufiger Opfer von Verbrechen als Selbstsichere. Das kann man trainieren, dafür gibt es Kurse, die ich für sinnvoller halte als Selbstverteidigungskurse. Entscheidend ist, zu verhindern, dass eine gefährliche Situation eskaliert. Hat man bei jemandem ein ungutes Gefühl, sollte man zielstrebig an ihm vorbeigehen, Blickkontakt vermeiden, keine Kommunikationsbereitschaft signalisieren. Wird man trotzdem angesprochen, muss man sich klar abgrenzen: «Ich will nicht mit Ihnen reden!» oder «Stop!» Und wenn alles nichts nützt, soll man um Hilfe rufen.
Die Protokolle wurden aufgezeichnet von den NZZ-Folio-Redaktoren Anja Jardine und Mikael Krogerus und von NZZ-Redaktor Tom Felber.
Leserbriefe:
Zu Fremde Männer in der Nacht - NZZ-Folio Sicherheit (09/07)
Ich gratuliere zu einer sehr gelungenen Ausgabe des NZZ Folio. Ein spannendes Heft von Anfang bis Ende. Nur der Artikel „Fremde Männer in der Nacht“ hat mich enttäuscht. Ich finde es schade, dass Sie keine Vertreter einer grossen Minderheit, die sehr viel zum Werden und Sein dieses Landes beitragen, über ihre Ängste befragt haben: Uns AusländerInnen, die, wie die SVP immer betont, mehr als 20 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Statt dessen haben Sie eine Polizeioffizier interviewt, der den Kontakt zu Realität total verloren hat und die Schuld an gewissen Umständen nur bei anderen sucht. Als Ausländer in der Schweiz habe ich meine eigenen Erfahrungen mit der hiesigen Polizei gesammelt. Herr Müller bedauert die fehlende Zivilcourage, doch wenn man sie unter Beweis stellen will, hat man oft das Nachsehen: Auf die Hilferufe einer Frau reagierend, habe ich mich zwischen sie und ihren Ehemann gestellt und habe sie, ohne handgreiflich zu werden, bis zum Eintreffen der Polizei beschützt. Aber dann wurde ich verhört und belehrt, dass ich nichts zu suchen hätte zwischen einem Ehepaar, auch wenn ich darum gebeten wurde. Bei einen zweiten Ereignis hörte ich mitten in der Nacht einen Lärm und stellte fest, dass das Wasserrohr im Keller gebrochen war. Ich rief die Feuerwehr an und wartete, bis sie eintrafen. Um 04:30 standen dann zwei Polizisten vor meiner Tür und fragten mich, was ich nachts im Keller zu suchen hätte. Das sind nur zwei Beispiele von vielen und ich finde es lächerlich, wenn Herr Müller von Zivilcourage spricht. Bei mir hat es nicht daran gefehlt, aber aus eigener Erfahrung werde ich in Zukunft gerne darauf verzichten. Ich hätte gern mit Herrn Müller persönlich darüber diskutiert. Die Behandlung durch die Polizei erlebe ich oft als völlig willkürlich: Ich wurde z.B. beim Joggen von zwei Polizisten während 25 Minuten mit den Händen auf dem Kopf vor den Augen der ganzen Nachbarschaft befragt, wieso ich joggte. Obwohl ich sie mehrmals bat, mit mir in meine Wohnung (zehn Meter entfernt) zu gehen und keine Szene vor den Nachbarn machen. Die „Bullen“ haben sich nicht einmal entschuldigt. Bei einem Einbruch in meine Wohnung, bei dem keine Wertsachen gestohlen wurden, wurde ich sofort als der Hauptverdächtige hingestellt. Ich traue mich heute noch nicht in die Langstrasse, weil ich schon einmal bis auf die Unterhosen gefilzt wurde. Um etwas klarzustellen: Mein Leumund ist heute noch persilweiss, meine Betreibungsregister leer und in 17 Jahren in der Schweiz war ich einen Monat lang arbeitslos, weil meine Firma Konkurs gegangen war. Ich habe keine Angst, mich mit Rechtsextremisten zu konfrontieren, mit Betrunkenen zu streiten, mit Menschen schwarzer Hautfarbe spät in der Nacht zu reden, aber ich habe Angst, wieder auf einen Polizisten zu treffen. Herr Müller kann gern mit mir darüber reden, und ich verstehe seine Art zu denken, aber die Wahrheit ist ein dreischneidiges Schwert: Meine Seite, seine Seite und die Wahrheit. Drago Stanic, Bern
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