AUCH WENN der Multimedia-Raum noch so schön ist, ein bisschen sträubt sich einem das Nackenfell, dringt man in seine Atmosphäre. Zu vertraut ist der Geruch dieser speziellen Duftmischung in geschlossenen Räumen, die man Lernschweiss nennen möchte. Davon hat man in der Jugend reichlich gehabt, aber nicht genug, denn die schlimmste Drohung der Schule gilt mittlerweile als grösste Errungenschaft: dass sie niemals aufhört.
Man kann es auch freundlicher sehen, dann heisst es lebenslanges Lernen. Es läuft trotzdem auf eine Umwertung aller Werte hinaus. Wenn der Leiter des Windows-Kurses so alt aussieht wie die jüngsten Kinder seiner Schüler, dann ist die Welt doch irgendwie verkehrt, und was er sagt, klingt automatisch vorlaut: «Kann jemand ein Fenster öffnen?» Jetzt darf man, und das ist schon wieder so ein Fallstrick, auf keinen Fall zuvorkommend sein, Frischluft ist im Windows-Kurs kein Thema, wie sich für eine nette Dame unter Gelächter herausstellt.
Wir wissen nicht, wem die Formel vom «lebenslangen Lernen» einfiel, aber wir wissen, wem sie nützt: Die Kinder dürfen länger aufbleiben, damit sie rechtzeitig damit anfangen. Die Kursleiter kommen zu einem unerschöpflichen Vorrat an Anekdoten, denn in der Nahrungskette der Informationsgesellschaft ist der Computer-Analphabet der am leichtesten zu fangende Fisch. Und jeder bessere Sonntagsredner erscheint als Retter der Volkswirtschaft, wenn er die Werktätigen neben Glück und Wohlstand auf die Schulbank setzt.
In den Niederungen der Praxis geht das lebenslange Lernen weiter mit einer Reitstunde auf der Maus. Einem nervösen Herrn muss der Kursleiter erklären, dass er sie nicht gegen den Bildschirm zu drücken braucht, um den Cursor zu bewegen. Vor der Pause wird noch Affengriff-Polka getanzt, danach das Finden und Verstecken von Informationen in klitzekleinen Schubladen und Kommoden geübt. Langsam dämmert auch den Verzagtesten, dass hier nicht die letzten Fragen der Menschheit verhandelt werden.
Das lebenslange Lernen ist nämlich bloss ein Ausgleich für die Kurzlebigkeit der Maschinen. Seine einzige Reverenz an die Ewigkeit ist der Dauerkonsum von Wegwerfwissen. In ein paar Jahren, der Zahn der Zeit nagt im Akkord, heissen die Windows vielleicht Portale, und die Mäuse werden ihr Ablaufdatum überschritten haben. Dann wird keiner mehr die Anekdoten des Kursleiters verstehen, und ihre Urheber sind endlich erlöst.