NZZ Folio 08/04 - Thema: Olympia   Inhaltsverzeichnis

Der Tag nach übermorgen

Was Archäologen in 2500 Jahren von unseren Olympischen Spielen finden werden.

Von Burkhard Strassmann

Ein Schnaufen, ein Kratzen, Schabgeräusche. Plötzlich ein Jubelschrei. Einer wirft den Spaten fort und gräbt mit blossen Händen weiter. Dann richtet er sich auf und hält triumphierend einen Gegenstand in die Höhe: eine kleine Glasflasche! Leicht trüb das Glas, natürlich ist sie leer, aber doch vollständig erhalten und von berückend schöner Kontur. Der glückliche Finder lässt seine Finger über die eingeprägten, verschlungenen Schriftzeichen und die sanfte Riffelung gleiten. Ein altes, wahrscheinlich sogar unermesslich altes Fundstück. Eine Sensation.

Athen im Jahre 4500 n. Chr. Wir wissen nicht, ob es dort sengend heiss ist oder lausekalt. Ob Schnee liegt, ob Sand weht. Ob es noch Menschen gibt oder andere Lebewesen. Und wie sie aussehen und sich verhalten. Genau dieses Unwissen ist die Basis einer neuen Wissenschaft, die hier und jetzt und zu Ehren der Olympischen Sommerspiele 2004 ins Leben gerufen werden soll: die Vorauseilende oder Spekulative Archäologie.

Die von dieser Wissenschaft zu beantwortende Frage lautet: Was finden Wesen, über die wir nichts wissen, von denen wir aber hoffen, dass sie zumindest eins sind, nämlich neugierig, wenn sie in 2500 Jahren graben, wo in grauer Vorzeit die Olympischen Spiele der Neuzeit stattfanden? In Athen, München, Moskau, Atlanta? Was wird der Zahn der Zeit verschont haben, und was wird nicht einmal mehr Schall und Rauch sein?

Aus heutiger Sicht unschwer zu identifizieren ist der beschriebene Fund: Es ist eine Flasche, und sie stammt von einem der Hauptsponsoren der Olympischen Spiele unserer Zeit, von Coca-Cola. Die braune Brause, laut Hersteller 18 Monate haltbar, wird zwar auch danach noch eine Zeitlang in der Flasche bleiben. Doch im Handumdrehen wird, liegt die verloren gegangene Flasche nur ein wenig feucht, der Kronkorken an- und alsbald durchrosten, und das koffeinhaltige Erfrischungsgetränk sickert ins Grundwasser. Der Glasbehälter dagegen ist von paradoxer Beschaffenheit. Bekanntlich zerbricht Glas so leicht wie Glück; doch als Material gehört es zu dem Beständigsten, was die Menschheit herstellt.

Diese Erkenntnis der Spekulativen Archäologie fusst auf wissenschaftlicher Expertise: Reinhard Conradt, Professor am Kompetenzzentrum für Glas an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen, erklärt: «Zumindest an der Luft verliert Glas ausser Schönheit nichts. Tausend Jahre bedeuten da gar nichts.»

Die chemische Beständigkeit von Glas ist enorm. Vielleicht kommt es durch Witterungseinflüsse zu oberflächlichen Umkristallisationen; das Glas mag dann «krisselig» wirken, doch die Form bleibt erhalten. Allenfalls eine stark alkalische Umgebung vermag dem Glas zuzusetzen und sein Kristallgitter anzugreifen, das kalkhaltige Erdreich einer Karstlandschaft etwa. Die beim Bauen gern verwendeten Sicherheitsgläser, sogenannte Verbundgläser, altern unter Umständen rapide. Die integrierten Polybuturalfolien nehmen Wasser auf, quellen und sprengen das Fensterglas auseinander. Von den Glasfronten moderner Sporthallen wird der späte Schürfer nur noch Splitter finden, die oberflächlich gealtert, im Innern aber unversehrt sind.

Wie Glas altert, wissen wir recht genau, es gibt schliesslich gläserne Funde, die schon heute jahrtausendealt sind. Der (völlig unspekulative) Archäologe des antiken Olympia, der Würzburger Professor Ulrich Sinn, hat nebst Tausenden gläserner Fragmente auch vollständig erhaltene gläserne Ölkännchen gefunden, in denen reiche Athleten während der Spiele ihr Körperöl aufbewahrten. Die bauchigen Kännchen schimmern inzwischen leicht bläulich, sind aber immer noch von wunderschöner Form. Ärmere antike Sportler füllten das Körperöl in Bronzegefässen ab. Diese wie auch bronzene Schabeisen zum Abkratzen der öligen Dreckschicht vom Athletenkörper fand Ulrich Sinn ausgerechnet in feuchten Brunnen. Das lässt heutige Drittplacierte hoffen: Entsprechend gelagert, werden ihre Bronzemedaillen Jahrtausende überdauern.

Eine noch bessere Prognose haben natürlich die Medaillen aus Edelmetall. Silber läuft womöglich etwas an. Ist Schwefel anwesend, und das ist er in unserer verschmutzten Umwelt sehr oft, bildet sich eine Sulfidschicht. Die schützt das Innere noch nachhaltiger. Auf Gold schliesslich beisst der Zahn der Zeit vollends vergeblich. Aurum ist schon den Chemiestudenten als absolut widerständisch bekannt, was chemische Reaktionen angeht. Die sieben Goldenen, die der amerikanische Schwimmer Mark Spitz 1972 in München gewann, werden seine sterblichen Reste um ein Vielfaches überdauern. Ausser er würde dereinst im rappeltrockenen Schwemmsand des antiken Olympia beerdigt, dann ruhten auch seine Gebeine ewig. Dort findet man auch heute noch in den Gräbern frühbyzantinischer Siedler Knochen, die also 1500 Jahre alt sind. Würden in 2500 Jahren die Gebeine des Ausnahmeathleten aus dem griechischen Sand gezogen, liessen sich aus kräftigen Schlüsselbeinen und prächtigen Schulterblättern, voluminösen Sehnen und ansehnlichen Muskelresten Rückschlüsse auf seine sportliche Betätigung ziehen.

Ob die Sportler gedopt waren, wird sich nicht mehr feststellen lassen. Anabolika und andere leistungsfördernde Chemie werden sich auch unter günstigsten Bedingungen längst in der Atmosphäre aufgelöst haben oder vom Regenwasser fortgespült worden sein. Hübsch wäre aus der Sicht der Spekulativen Archäologie die dannzumalige Entdeckung eines Geheimraumes, in dem das Internationale Olympische Komitee die Urinproben aller getesteten Olympioniken aufbewahrte. Allein an den Olympischen Spielen dieses Sommers in Athen sammeln die Antidopingspezialisten 3500 Proben ein.

Doch diese Hoffnung muss man fahrenlassen, denn die Probenbehälter bestehen aus Plastic. Die Weichmacher, die den Kunststoff flexibel halten, gasen in archäologisch kürzester Zeit aus; das verhärtende Material wird spröd und zerbröselt. Für einen flüchtigen Moment würde es vielleicht noch nach Athletenpipi riechen. Dann wären die Beweismittel verweht.

Kunststoffe gehören in der Spekulativen Archäologie generell zu den heikelsten Materialien. Sie gelten auch in der zeitgenössischen Archäologie schon über lächerlich kurze Zeiträume, Jahrhunderte!, als hoch problematisch. Konservatoren und Museumsfachleute warnen vor dem Eigenleben der Polymere, vor ihrer Bereitschaft, mit anderen Stoffen zu reagieren. Die Unesco gibt regelmässig Listen zum desaströsen Langzeitverhalten von Kunststoffen heraus. Nehmen wir den Siegerschuh von Bob Beamon, der 1968 in Mexico City 8,90 Meter weit sprang (was 23 Jahre lang unübertroffen blieb): die chemischen Weichmacher wie Tri-Iso-Octylphthalat werden hungrigen Bakterien zum Opfer fallen, der Schuh wird zerbröseln; nur die Polyester-Schnürsenkel werden noch eine Zeitlang übrigbleiben. Das Sonnenlicht erledigt aber auch sie. Unter normalen Umweltbedingungen sind Beamons Rekordtreter in spätestens 500 Jahren spurlos verschwunden.

Es leuchtet auch dem Laien ein, dass Kunststoffe, die aus langkettigen Polymeren bestehen, Probleme bekommen, wenn ihre Ketten brechen. Ein schönes Beispiel ist das «Zeltdach» des Olympiastadions in München. An 58 gigantischen Stahlpylonen hängt das fast 75 000 Quadratmeter grosse Stahlnetz, auf dem zur Abdichtung Plexiglasplatten ruhen. Plexiglas oder Polymethacrylat ist solch ein Polymer. UV-Licht attackiert seine Oberfläche; die oberste Schicht wird beschädigt und verliert ihren Glanz. Nach ein paar Jahren ähnelt das Material einem Kunststoffbecher, den man zu oft in der Spülmaschine hatte. 1998, also im Alter von gerade 26 Jahren, mussten die Dachplatten schon ausgetauscht werden. Denn derart sturmreif geschossen, wird das Plexiglas auch für chemische Attacken anfällig, die aus der (verschmutzten) Luft kommen können.

Sein Höchsttempo erreicht der Verfall, wenn das Bauwerk in sich zusammengefallen ist. Denn dann können die im Humus lauernden Humin- oder Essigsäuren und andere organische Säuren (etwa aus der vom Bauern ausgefahrenen Gülle) die beschädigten Molekülketten angreifen. Am Ende bleibt vom Stolz der Münchner bloss Methan übrig, das gen Himmel steigt. Sowie Verrottungsmaterial, Kohlenstoffgerüste, «bei denen niemand auf die Idee kommen wird, dass sie mal ein Acryldach waren». Das sagt Gerald Rafler vom Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung in Potsdam-Golm. Eine günstige Prognose hat seiner Meinung nach nur – und auch nur bei Lagerung im Dunkeln – PVC. Was wird vom Münchner Olympiastadion also bleiben? Wasserrohre!

Vielleicht stürzt das olympische Zeltdach aber ja gar nie ein? Diese Frage führt einen zwangsläufig zu Wolfram Vogel, Leiter der Abteilung Seiltechnik und Anwendung der Universität Stuttgart. Seine Abteilung hat seinerzeit das Stahlnetz für München getestet. Armdicke, verzinkte und lackierte Tragseile. Jeder Quadratmillimeter kann das Gewicht von zwei erwachsenen Männern tragen (Zugkraft von 160 Kilopond pro Quadratmillimeter) – ein extrem sicheres System. «In den nächsten hundert Jahren passiert da nichts. Wenn die Seile gepflegt werden.»

Hundert Jahre! Und dann? «Seile», so lautet der erste Hauptsatz der Seilforschung, «sterben langsam.» Für den Spekulativen Archäologen heisst das: Sie sterben. Erste feine Risse haben die Seile immer schon bei der Anlieferung. Schnee fällt aufs Dach, das beschwerte Dach zerrt an den Seilen. Regen, Wind, Schwingungen. Drahtbruchnester entstehen, Rost befällt entfettete Partien. Überall beginnt ein Reiben und Knirschen, ein Biegen und Brechen. Das Dach stürzt ein. Früher oder später. Und lange vor 4500 n. Chr.

Der Zahn der Zeit heisst Korrosion. Lochfrass und Flächenfrass raffen die unedlen Metalle dahin. Nur unter sehr günstigen Bedingungen bleiben sie verschont. Das kühn geschwungene weisse Stahldach des neuen Olympiastadions in Athen hätte vielleicht eine Chance, wenn sich die klimatischen Verhältnisse in den nächsten 2500 Jahren entgegen allen Prognosen nicht änderten. Bei gleichbleibend feuchtem Klima und im sauren Bodenmilieu werden Nichtedelmetalle gnadenlos hinfortoxidiert. Das trifft den Startblock der olympischen Läufer – Aluminium mit stählernem Erdanker – genauso wie das Siegertreppchen aus pulverbeschichtetem Stahlrohr. Auch von den 20 000 für den olympischen Fackellauf 2004 angefertigten hübschen Fackeln aus Magnesium und Olivenholz (Holz!) wird wohl keine verschont bleiben. Aluminium, Magnesium – wo diese Metalle vorkommen, vergehen sie. Lediglich Spezialstähle wie der rostfreie und säurebeständige Edelstahl V4A dürften auch Jahrtausende überstehen.

Grübelnd werden unsere Nachfahren die dem gechlorten Wasser trotzenden und guterhaltenen Edelstahlstartblöcke der olympischen Schwimmer befingern. Was mochte das einmal gewesen sein? Noch mehr werden sie über die Knochen und Gelenke der Paralympics-Sportler staunen. Das Leichtmetall Titan ist ein beliebter Werkstoff der Prothesenhersteller; ihm trauen Experten ein archäologisch relevantes Alter zu.

Rostende Metalle sind auch der Grund für das nicht sonderlich gute Image von Beton. Das Gemisch aus mineralischem Mehl, Gesteinsbruchstücken und einem Binder ergibt einen Kunststein, der sich wie Stein verhält und eigentlich absolut unverwüstlich ist. «Bei hinreichend guter Zusammensetzung, also einem genügend kleinen Verhältnis von Wasser zu Zement, sind 2500 Jahre für Beton kein Problem», sagt Professor Harald Müller vom Institut für Massivbau und Baustofftechnologie der Universität Karlsruhe. Schliesslich ist schon in römischen Bauwerken Beton zum Einsatz gekommen. «Opus caementitium» lautete seinerzeit zunächst die Technik des Bauens mit Beton, später auch der Beton selbst. Der römische Beton ist heute noch recht gut erhalten. Was in den Olympiastadien der Neuzeit an Beton verbaut wird, glaubt Müller, hält jahrtausendelang. Lediglich schlechter Beton verwittert wie Sandstein, langsam, aber stetig. Doch das wäre ja Pfusch am Bau.

Allerdings operieren moderne Bauherren nicht nur mit reinem Beton. Filigraneres Bauen ermöglichte erst der im 19. Jahrhundert aufkommende armierte Beton, der «Stahlbeton». Matten aus verflochtenem Draht verleihen dem starren Beton Flexibilität und verhindern ein Durchbrechen bei Belastung. Aus Stahlbeton werden Wettkampfhallen, Brücken, Wege, Fundamente und olympische Dörfer hergestellt. Und eigentlich geht es dem Stahl ja ganz gut im Beton: Das Klima ist alkalisch, also korrosionsfeindlich. Doch Beton ist porös. Eindringendes CO 2 aus der Luft und Feuchtigkeit gehen dem Stahlgerüst an den Kragen. Kommen Schwingungen oder sonstige Ermüdungsbeanspruchungen hinzu, stürzen auch Betonbauwerke innerhalb historisch kurzer Zeit ein. Strassenbeläge, Brücken, Häuser – sie alle werden, wenn der Stahl versagt, wenn Risse entstehen, Wasser eindringt, Frost das Material sprengt, eines Tages zu Bauschutt.

Lediglich massiven Baukörpern können Feuchtigkeit und Luftchemikalien nichts anhaben. Die Feinde des Baustahls dringen nicht tiefer als drei bis fünf Zentimeter in den Beton ein. Das heisst: was geklotzt ist, bleibt. Die Betonschüsseln der Arenen und Stadien zum Beispiel – sie mögen wie Fels äusserlich verwittern. Doch sie bleiben in Form. Oder die monströsen Widerlager des Randseils des Münchner Olympiastadiondaches: Schwergewichtsfundamente, für eine Zugkraft von 4500 Tonnen ausgelegt, hoch wie ein siebengeschossiges Haus – sie bekommen nur eine etwas runzelige Haut. An solchen Brocken beisst sich die Zeit die Zähne aus.

Sie bauten zu Ehren ihrer Gottheiten gewaltige Kunststeine», wird es dereinst über uns und unsere Olympiastätten heissen. «Und grosszügige Glasopfer haben sie gebracht. Reinlich waren sie, o ja, sie hatten jede Menge Wasserrohre. In hübsch gestalteten kleinen Flaschen mit geschwungener Inschrift bewahrten sie rituelle Flüssigkeiten auf. Und stellen Sie sich vor: Ihre Knochen waren aus Titan!»

Burkhard Strassmann ist Autor der «Zeit», Schwerpunkt Wissen, und lebt in Bremen.


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