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NZZ Folio 09/09 - Thema: Der Lehrlingsreport Inhaltsverzeichnis
Duftnote -- Der verlorene Duft
© Fabienne Boldt
Die Erinnerung an einen Geruch kann einen verfolgen wie ein Ungeheuer im Märchen. Und plötzlich taucht er in einem Shampoo wieder auf.
Von Luca Turin
Die Franzosen haben einen wunderbaren Ausdruck für störende Vorstellungen, die in langen Intervallen wiederkehren und einen jedes Mal unvorbereitet treffen: «serpent de mer» – Seeungeheuer.
Ungeheuer können frohe Botschaften bringen wie in Dino Buzzatis Kurzgeschichte über den «colombre», einen Riesenhai, der unermüdlich einem Kapitän hinterherjagt. Der Kapitän, fest davon überzeugt, dass der Hai ihn töten will, weicht dem Monster sein ganzes Leben lang erfolgreich aus. Dem Tode nahe, beschliesst er, sich dem Ungeheuer zu stellen. Der «colombre» eröffnet ihm, er sei ihm all die Jahre gefolgt, um ihm die Perle der Meere zu überreichen, die ihrem Besitzer Reichtum und Liebe bringe. Dann verschwindet der Hai für immer in den Tiefen der See, und der Kapitän stirbt.
Vor einigen Jahren unternahm ich mit Hilfe von Google eine Monsteraustreibung. Ich machte ein Mädchen ausfindig, das ich drei Jahrzehnte zuvor getroffen hatte (keine Perle), besorgte mir Aufnahmen lang ersehnter Musikstücke (Perle: Schumanns Konzertstück für vier Hörner) und liess mir einen Ersatz für einen verlorenen Ring machen (auch den zweiten habe ich verloren).
Angesichts meiner Neigungen dürfte es keinen überraschen, dass auch einige unerledigte Parfumgeschäfte zu tätigen waren. Eines davon war, mir ein Flacon Nombre Noir zu verschaffen. Nach Jahren des Wartens trafen an ein und demselben Tag unabhängig voneinander zwei volle Fläschlein ein. Das andere Ungeheuer war rätselhafter und weniger leicht auszutreiben: ein Akkord, dem ich zum ersten Mal in einer unbeschrifteten, mit einem Korken verschlossenen Aluminiumflasche begegnete, die mein Stiefvater vor vierzig Jahren aus Indien mitbrachte. Der Geruch war erzengelhaft; gleissend hell und dunkel kühl zugleich, schien er viel zu schnell herumzuwirbeln, als dass man ihm geistig hätte folgen können. Die Flasche ging verloren, der Akkord tauchte nirgendwo wieder auf, und keine meiner Schnüffeltouren durch Indien oder den Nahen Osten förderte Vergleichbares zutage.
Der erste Hinweis kam aus einer fast leeren Flasche von Jean Carles’ Elle…Elle…, die ich auf einem Flohmarkt fand. In der kurzen Zeit zwischen dem Kauf der Flasche und dem Tag, als eine überemsige Putzkraft sie leerte, indem sie sie auf den Kopf stellte, erhaschte ich mehrere flüchtige Blicke auf die indische Diva, konnte mir aber keinen Reim auf die Zusammensetzung des Dufts machen.
Jahre später wurde ich gebeten, die Komposition eines Dufts zu überwachen; ich entschloss mich, ihn nach dem Vorbild von Elle…Elle… zu gestalten. Der grosse Parfumeur Guy Robert bot mir freundlicherweise seine Hilfe an. Elle…Elle…?Nichts leichter als das! Er rief Jean Carles’ Sohn Marcel an und bat ihn um die Formel. Die beiden Hauptzutaten waren Rose und Kamille. Ich eilte zu Fragonard zurück und bat das Labor, mir eine chromatische Reihe abzuwiegen.
Es gibt einen bestimmten Punkt, an dem die schwere Süsse der beiden Substanzen nicht mehr addiert, sondern auf magische Weise aufgehoben wird – das olfaktorische Äquivalent zum Aufsteigen der biblischen Feuersäule. Ich roch so lange daran, bis nichts mehr übrig war, das ich hätte verstehen können. Das Ungeheuer ist immer noch hinter mir her, aber es ist kleiner und freundlicher geworden. Letztens tauchte es in Form eines Rosen-Kamillen-Shampoos der Firma EO wieder auf. Seitdem dusche ich in Gesellschaft eines mittelgrossen Lichtwesens.
Luca Turin ist Duftforscher bei MIT; er lebt in Boston.
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NZZ-Format, das Fernsehmagazin der NZZ, hat im November 2006 einen Special zum Thema Parfum ausgestrahlt. Die Sendung ist auf DVD erhältlich und enthält als Bonusmaterial unter anderem ein Interview mit Luca Turin (in Englisch).
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