NZZ Folio 03/03 - Thema: Manchester United   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Lungenfisch im Sommerschlaf

Von Herbert Cerutti

WOHL FÜHLT man sich wie ein Fisch im Wasser, so die Redewendung. Dass solch sprichwörtliche Munterkeit in der Natur auch ganz anders aussehen kann, zeigen die Lungenfische. Die archaisch anmutenden Süsswasserfische mit ihrem bis zu 1,8 Meter langen und 50 Kilogramm schweren, aalförmigen Körper können sehr wohl auf das nasse Element verzichten.

Wenn in Äthiopien, in Tschad oder in Nigeria die Trockenzeit seichte Flüsse und kleinere Seen verschwinden lässt, gehen die Afrikanischen Lungenfische in den Untergrund. Sie buddeln sich im noch feuchten Schlamm eine bis zu 80 Zentimeter tiefe Röhre, erweitern das untere Ende des Schachts zu einer Kammer und rollen sich wie die Katze im Körbchen zusammen. Sobald die Röhre austrocknet, produziert die Fischhaut grosse Mengen von Schleim, der mit dem Schlamm zu einer harten Kruste wird. Nur gerade beim Maul bleibt im Kokon eine kleine Öffnung, als Verbindung mit der Oberwelt.

Atmen kann der Fisch mit seinen zwei Lungen, die über eine verschliessbare Ritze in die untere Speiseröhre münden. Die Lunge ist zugleich Schwimmblase; zahlreiche Ausbuchtungen an den Innenwänden und ein dichtes Netz von Blutgefässen ermöglichen das Aufnehmen von Luftsauerstoff.

Natürlich muss der Fisch in seiner Klause sparsam sein. Er reduziert die Körperfunktionen in einer Art «Sommerschlaf» auf ein Minimum. Erst wenn nach einem halben Jahr wieder Regen auf die verdorrte Landschaft fällt, erwacht der Fakir. Er sprengt sein Lehmkorsett und tummelt sich bald schon im neuen Nass. Das Lebendigbegrabensein hat allerdings viel Substanz gekostet, was den Fisch beim ersten Ausflug ziemlich runzlig aussehen lässt, mit zerknitterten Flossen und schlaff hängendem Schwanz. Schon nach wenigen Tagen ist der Lungenfisch wieder bei Kräften und beginnt umgehend mit dem Laichgeschäft, denn bis zur nächsten Trockenzeit muss sein Nachwuchs gross genug sein für die harte Fastenzeit.

Wie gut Lungenfische mit dem wasser- und nahrungslosen Engpass fertig werden, zeigt ein Versuch mit Protopterus annectens, dem Westafrikanischen Lungenfisch. Man hatte das Tier in seinem Kokon ausgegraben und vier Jahre lang im Labor behalten. Als man das Lehmpaket wieder ins Wasser setzte, schlängelte sich der Fisch bald schon ins Freie – völlig abgemagert, aber durchaus lebensfähig.

Vorübergehend ohne Wasser auskommen können auch die Schlammspringer aus der Familie der Grundeln. Sie sind an allen tropischen Meeresküsten der Alten Welt zu Hause und lieben Mangrovensümpfe, wo sie Insekten und kleine Krebse jagen. Sie sind gute Schwimmer, bewegen sich aber auch erstaunlich flink auf dem Trockenen, indem sie auf den armartig verlängerten Brustflossen wie an Krücken hüpfen. Die Glotzaugen sind dem Sehen an Land angepasst; sie bewegen sich unabhängig voneinander in alle Richtungen, was dem Tier stereoskopisches Fokussieren der Beute erlaubt. Damit der harte Untergrund den Fischkörper nicht beschädigt, liegt unter der Haut eine Schicht aus wassergefüllten Zellen als Druckpolster und darüber ein Hornschutz.

Die amphibisch lebenden Schlammspringer haben für das Leben an Land zwar keine Lungen. Ihre Kiemenhöhlen sind jedoch stark vergrössert. Die Fische nehmen vor dem Landgang als Vorrat eine tüchtige Portion Wasser in die Kiemen. Und zum Nachtanken stecken sie im Mangrovenwald immer wieder den Kopf in eine Pfütze. Die Schlammspringer können aber auch den Luftsauerstoff nutzen, denn die Haut in Maul und Schlund ist reichlich mit Blutgefässen versorgt.

Nochmals anders der Kletterfisch (Anabas testudineus) . Dieser barschartige Fisch lebt im Süss- und Brackwasser Südostasiens und Indiens. Er hat als zusätzliches Atmungsorgan oberhalb der Kiemen je einen Hohlraum mit Knochenlamellen, die mit einer gut durchbluteten Haut überzogen sind. Zum Luftschlucken gibt es eine verschliessbare Verbindung zum Schlund. Das Atmen mit diesem «Labyrinth» ist im Laufe der Evolution für den Fisch so wichtig geworden, dass er jetzt erstickt, wenn ihm der Zugang zur Wasseroberfläche verwehrt ist.

An Land wandert der Kletterfisch auf seinen abgespreizten Kiemendeckeln, die mit einem Stachelrand für besseren Halt ausgerüstet sind. Indem zudem Brust- und Bauchflossen kräftige Stacheln tragen und die schnell hin und her bewegte Schwanzflosse als Antrieb verwendet wird, ist er für den Ausflug gut gerüstet. So schlängelt er sich auf der Suche nach einer neuen Wasserstelle auf ebenem Boden innert Minuten ein paar hundert Meter weit. Mit seinem Stachelzeug klettert er auch über Stock und Stein. Dass er auf Palmen steigt, dürfte allerdings eine Legende sein. Denn die Kletterfische, die man in der Tat zuweilen auf Bäumen findet, wurden vermutlich von Vögeln ins luftige Depot verschleppt.


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