NACH TAUSEND MISSGEBURTEN endlich ein wohlgeratenes Kind! Was stürzt nicht alles auf uns ein an scheusslichen Wortgebilden: der Computerjargon (Web-Site, Browser), der Wirtschaftsjargon (outsourcing, value based management), der Jugendjargon (kultig, oberätzend), der Universitätsjargon (paradigmatisch, selbstreferentiell). Das NZZ-Feuilleton schmeichelt uns mit der «strukturalen Analyse der Konstitutionsformen des Gemeinplatzes», eine Schweizer Grossbank verspricht «die Umsetzung strategischer Positionierungen in visuelle Identitäten». Unsere Lebensart muss Lifestyle heissen und Wellness unser Wohlbefinden - kurz: So ziemlich alles, was in die Sprache drängt, ist entweder von amerikanischen Lippen geschlürft oder poststrukturell diskursverknotet.
Und da schreitet plötzlich ein Elch durchs Deutsche und ruft uns in Erinnerung, was Sprache leisten kann. Wir mögen ja die Tiere, die sich im Wortschatz tummeln: die Elefantenhochzeit, die Krokodilstränen, den Papiertiger, den Katzenjammer, und keine Grossveranstaltung, die nicht ein paar Journalisten zu dem Einfall triebe, sie mit dem Zusatz «Mammut» zu versehen, obwohl dasselbe vor zehntausend Jahren ausgestorben ist.
Der Elch aber lebt - der mächtigste aller Hirsche, bis zu einer halben Tonne schwer und in Schweden ein Verkehrsproblem: Aus vielen Zusammenstössen geht er als Sieger hervor. Folglich gehört es dort zum Repertoire der Autotester, jedes neue Modell darauf zu prüfen, ob es einem jäh auftauchenden Hindernis solchen Kalibers ausweichen kann. Die A-Klasse von Mercedes konnte das bekanntlich nicht: Am 8. Oktober 1997 kippte sie um, und der Elchtest trat seinen Siegeszug durch den deutschen Sprachraum an.
Gemäss «Tages-Anzeiger» hat der Schweizer Bundesrat in der Wettbewerbspolitik den Elchtest nicht bestanden; Österreichs Bundespräsident steht, dem Nachrichtenmagazin «Profil» zufolge, vor dem Elchtest, ob er Jörg Haider an die Regierung lassen würde; über den Kanzlerkandidaten der SPD liest man allenthalben, ob er Lafontaine oder Schröder heisse, werde sich beim Elchtest im März erweisen, der Landtagswahl in Niedersachsen; im Bonner Bundestag war die Warnung zu vernehmen, wenigstens sollte man den Elch nicht ans Steuer lassen; und keiner kann mehr die Witze zählen, die um den Elchtest kreisen («Na, kippen wir einen?» prosten sich zwei Mercedes-Fahrer zu).
Wie hat der Elch das nur geschafft? Tier ist schon gut, stolzes Tier noch besser; für viele Mitteleuropäer gehört der Elch zur schwedischen Folklore, mit dem Effekt, dass die Warnschilder mit seiner Silhouette von ausländischen Touristen zu Hunderten abmontiert werden. Und verheiratet hat sich dieser kraftvolle Einsilber mit dem besten Wort, das wir je aus dem Englischen übernommen haben: dem Test. Er ist ebenso kurz, er ist bereichernd, und gegenüber anderen nützlichen Importen wie Flirt, Job oder Team hat der Test den Vorzug, dass er in Schriftbild wie Aussprache nahtlos ins Deutsche passt.
Diese zwei idealen Silben nun lassen sich nach deutscher Grammatik zu einem Wort zusammenführen - von jener Art, die unser erfolgreichster Exportartikel ist, wie the weltschmerz oder le waldsterben, und in der Tat: Schon war the elchtest in der «Financial Times» zu lesen. Die Ankündigung eines deutschen Wörterbuchverlags, er werde den Elchtest umgehend aufnehmen, fürs Englische als «moose test», hat also die Durchschlagskraft des deutschen Wortes unterschätzt. Es ist kurz, bildhaft, drastisch, und jeder weiss, was gemeint ist - eine sensationelle Kombination im Zeitalter des Shareholder value und der Emissionsreduktionspotentiale.
All das aber hätte nicht ausgereicht, den Elch bis an die Alpen zu tragen. Hinzu kam der Treibsatz der Schadenfreude. Einer der renommiertesten Industriekonzerne der Welt hat sich an einem Elch die Nase blutig gestossen! «Der automobile Goliath konnte in die Knie und zum Eingeständnis erheblicher Fehler gezwungen werden», schrieb die «Frankfurter Allgemeine». Unter Moralisten hat die Schadenfreude zwar keine gute Presse, aber sie ist ein menschliches Urvergnügen und für viele, die keine Milliarden besitzen, der schönste, oft der einzige Trost auf Erden.
Zu solcher Freude sehen manche noch einen zweiten Grund: Der Elch hat nicht nur Daimler-Benz einen Huftritt gegeben, sondern auch dem Glauben an die Allmacht des Computers. Das Fahrwerk der A-Klasse war ja überwiegend per Computersimulation getestet worden und viel weniger als früher üblich im praktischen Versuch. Der Computer, der Abgott der Jahrtausendwende, hat den Elchtest nicht bestanden, den Zusammenprall mit der realen Welt.
So viel Hintergrund, so viel Saft in zwei Silben - ja, dieses Wort wird sich halten. Schon ist es dabei, Hürden, Prüfungen und Nagelproben zu verdrängen, wie der Bonner Korrespondent der NZZ registriert; wer lügt, wer betrügt, wer pokert, habe den Elchtest nicht bestanden, «wer vor ihm zagt, hat glatt versagt».
Zumal dann, könnte man hinzufügen, wenn er zuvor den Mund zu voll genommen hat. So schön kann Sprache sein.