NZZ Folio 09/96 - Thema: Krank im Kopf   Inhaltsverzeichnis

«Den eigenen Menschen studieren»

Gespräche mit dem schizophrenen G. K.

Von Heinz Bütler

G. K. ERWARTET MICH zu unserem ersten Gespräch vor dem Klinikportal. Als ich mich nähere, schaut er auf die Uhr. «Ich bin zu früh», sage ich. «Macht nichts, so haben wir Zeit zum Reden», antwortet K., zieht an seinem Stumpen und führt mich, die Hände auf dem Rücken verschränkt, den Oberkörper leicht schräg nach vorn geneigt, immer vorausgehend und sich mehrmals nach mir umschauend, zur Abteilung. Türen öffnet K. entschlossen und lässt mir mit einer zum Weitergehen auffordernden Armbewegung den Vortritt. Patienten mustern mich argwöhnisch, grüssen überschwänglich oder wenden den Blick ab.

Im Besucherzimmer weist mir K. den Stuhl zu, bietet Kaffee an und wartet mit verschränkten Armen ab, dass ich mich hinsetze. Hier seien wir eingeengt, aber ungestört, falls ich tatsächlich etwas fragen wolle. Mit dem Satz: «Irgendwoher kommt es ja, dass man Anziehungskraft hat, so wie die Erde Anziehungskraft hat, sei es gegenüber dem Menschen, dem Wasser oder dem Schnee», kommt K. meiner ersten Frage zuvor, ohne Antwort oder Kommentar zu erwarten, dafür selber ergänzend: «Ja, so kann man es sagen.»

Wie man «es» sagen kann, wenn man die «Schizophreniekrankheit» hat, habe ich in unseren Gesprächen immer wieder erfahren: in aller Hellsichtigkeit, Schärfe der Beobachtung und hintersinnigen Andeutung, aber auch in rätselhafter Verschlüsselung, in nicht nachvollziehbaren Gedankensprüngen und verstörenden Deutungen eines unbegreifbaren Schicksals. Und meine unausgesprochene Schlussfrage blieb: Was lässt sich überhaupt vom Erleben eines Menschen in Erfahrung bringen, dessen Denken und Fühlen die längst chronisch gewordene Krankheit so sehr vereinnahmt hat?

Was ich dennoch einmal mehr in der Begegnung mit einem schizophrenen Menschen besser verstanden habe, ist die Schwerkraft von Sätzen derjenigen, die ihr Leben in den Abgründen unvorstellbarer Isolation verbracht haben. Geradezu auf K. gemünzt scheint ein Satz Robert Walsers zu sein, der nach seiner Einlieferung in die psychiatrische Klinik schriftstellerisch für immer verstummte: «Verlegene sind's, die die Verlegenheiten lösen; Stammelnde sprechen besser als Redegewandte.»

Ein vielfältiges Echo hinterlässt die Vergegenwärtigung: K.'s Schalk in den Augen (sehr häufig). Seine glaubwürdige Höflichkeit. Das vergnügliche Zeremoniell des Stumpenrauchens. Der in meiner Anwesenheit gewagte Sarkasmus gegenüber dem zur Begrüssung erscheinenden Psychiater. Die leicht verlegene und sehr verlegen machende Art, mit durchdringendem Blick anhaltend zu schweigen, um eine irritierende Frage zu umschiffen. Dann der immer wieder aufblitzende Humor - nicht in der Absicht, witzig zu sein, sondern als Geistes- oder Seelenzustand.

Was in der Erinnerung bleibt: Meine Ratlosigkeit gegenüber den unvermittelt aus tiefer Nachdenklichkeit herausbrechenden wirren Satzkaskaden und Assoziationsketten, die eine Frage ersticken, bevor sie ausgesprochen ist. Die vollkommen leere Ablage aus weissem Kunststoff in K.'s Zimmer. Der Stolz, mit dem K. dem SBB-Kondukteur seinen wertvollsten Besitz entgegenstreckt: das Generalabonnement. K.'s Blick aus dem Zugfenster: ein Blick nach innen. Die Andeutung eines Kopfschüttelns beim Lesen des Plakatslogans «Sonnige Preise» auf dem gemeinsamen Ausflug. Der Gang durch den Klinikpark, den Blick auf den Boden gerichtet, als hätten Sonne, blühende Blumen und der Wind in den Bäumen ihre Wirkung für immer eingebüsst.

VOM LEBEN IN DER KLINIK

Ob ich eine Antwort verstehe oder nicht, ob ich nachfragen oder Genaueres wissen möchte, scheint für K. ohne Bedeutung zu sein. Er erhofft sich weder Zuspruch, noch erwartet er je Zweifel an seinen Aussagen. Er antwortet mit gleichbleibendem Nachdruck, der sich jedoch in Augenblicken der Verunsicherung und Angst zu lautstarker Beschwörung steigern kann. Einmal spricht K. unerwartet und mit Leidenschaft ein Vaterunser. - Pause, Stille. Und dann, wie oft, ein gegen jede Erwartung gesprochener, klärender Nach-Satz: «Wenn man diese Worte ein wenig bedenkt, muss man nicht denken, woher das Wetter kommt, der Sternenhimmel und der Mond.»

Bekommen Sie manchmal Besuch?

Schon ein paar Jahre nicht mehr. Ich gehe aber auch nicht mehr gerne heim. Die sagen, der braucht nicht mehr zu kommen, wenn er in der Spinnwinde ist. Und mich selbst einladen tue ich nicht.

Wie ist das Leben in der Klinik?

Wo will man sonst hin, wenn man einen Vormund hat? Man ist nicht mehr selbständig und kann nicht einmal mehr stimmen gehen, wenn das Stimmrecht weg ist. Wir sind halt eine Psychiatrieklinik, das ist es eben. Man kann hier kein Pensionär sein. Ich bin jetzt mehr als 30 Jahre hier, dabei hätte alles in drei, vier Jahren in Ordnung geklöpft (gebracht) werden können. Ja, das ist eine Geschichte mit mir.

Womit beschäftigen Sie sich den ganzen Tag?

Meinen Sie in Gedanken oder allgemein oder körperlich?

Eher allgemein.

Ich beschäftige mich nicht mehr, ich greife nichts mehr an. Dort drüben ist auch ein Patient. Er ist auch allein und hat auch seine blöden Ideen. Jeder hat seinen eigenen Kopf, deutsch gesagt.

Könnten Sie sich vorstellen, draussen zu leben?

Jetzt? Wenn man hier solche Gemeinschaft hat, ist es schwer draussen. Arbeit würden mir die Arbeitgeber keine geben. Sind

Sie sehr einsam hier?

Ja. Ich bin komplett abgeschnitten worden von draussen, als ich anno 1963 eingeliefert worden bin. Ich konnte in der Aufnahme gerade sagen: «Grüezi, Herr Pfleger», und die Tür ist hinter mir geschlossen worden. Man muss hier nur noch ein Psychopath sein. Drinnen ist einer schnell, aber raus kommt er nicht mehr so rasch.

Mit wem teilen Sie das Zimmer?

Wir sind zu dritt. Wir reden nicht viel. Der Onkel vom S. war Pfarrer, und so einer hat hier hinein müssen! Einen so gelehrten und gescheiten Kopf versenken sie in die Psychiatrieklinik, nur damit sie das Seelisch-Physische brauchen können. Aber so ist das Leben, kurz und verdrossen.

Haben Sie eine Sehnsucht?

Ich würde ein Häuschen bauen und eine Haushälterin anstellen. Keine Frau, wenn sie mir das Heiraten schon verboten haben. Ich würde in einer Familienzeitschrift schreiben: «Gesucht wird Haushälterin zu alleinstehendem Mann in den Fünfzigerjahren.» Freie Kost und Logis würde ich gewähren und einen rechten Lohn. Ich möchte der Haushälterin aber nicht zur Last fallen. Würde ich wieder krank, müsste ich halt wieder in ein Spital oder Pflegeheim.

Hatten Sie als Kind einen Schulschatz?

Nicht einmal. Und wenn ich einen gehabt hätte, wäre er mir noch abtrünnig geworden.

Warum?

So einen Bauernsohn will man doch nicht. Man singt ja: «Es Buurebüebli mag i nid . . .»

Haben Sie Kontakt mit anderen Patienten?

Nicht viel. Ich habe halt andere Ideen als die andern. Jeder hat seinen eigenen Kopf. Und wenn einer kommt und sagt, ich sei ein blöder Plauderi, stehe ich auf und gehe weg.

Was tun Sie, wenn Ihnen langweilig wird?

Dann lege ich mich hin, um allein zu sein. Fertig.

Arbeiten Sie hier in der Klinik?

Ich arbeite nichts mehr. In der Bastelei machen sie Spielwaren aus Holz für Kinder, in der Papieri Säcke. Sie setzen auch elektrische Lampen zusammen. Auch wenn man Arbeitsgeist zeigt hier, lassen sie einen nicht fort. Man ist halt nur geduldet und darf froh sein, wenn man noch ein bisschen leben darf. Wenn einer den Geist und den Sinn anwendet, geht er moralisch zugrunde. Da kann er es grad seinlassen.

Sehen Sie manchmal auch fern?

Die Tagesschau ab und zu oder einen Krimi. Die sind ja nicht gerade Wirklichkeit, sondern nur in Aufzeichnung, kann man sagen. Und manchmal zeigen sie den Schluss schon am Anfang. Wenn sie dumm tun, die Schauspieler, laufe ich weg. Wenn man so etwas gesehen hat, muss man sich seelisch befriedigen, damit das, was man gesehen hat, wieder vergessen geht.

Träumen Sie oft?

Selten kommt etwas in den Kopf rein, selten.

Sind Sie gläubig?

Ich habe ein Fundament. Der liebe Gott ist auch nichts anderes als ein Mensch, kann man sagen, der nur ökumenisch etwas trägt. Mir hält das Zeug, ich bin selbständig. Es gibt auch gute Momente . . . (K. denkt lange nach, dann schmunzelt er.)

Sie tragen ein schönes Hemd.

Wir haben extra eine Angestellte, die mit den Patienten Kleider und Schuhe einkaufen geht. Die neuen Sandaletten haben wir billiger bekommen. Der Handel geht nur nach der Politik, der Währungspolitik, und der Verkäufer muss dann selber schauen, wie er noch etwas verdienen kann.

Sehen wir uns in einer Woche wieder?

Ja, und Sie machen inzwischen Bericht.

VON DER KRANKHEIT

Einmal spricht K. davon, dass «die Psychiater im Patienten haushalten». Mit solchen Sprachtreffern erinnerte er mich immer wieder an die gerade durch ihre Verdreht- und Verschrobenheit (nicht zu verwechseln mit beabsichtigter Originalität) so einleuchtenden Formulierungen des schizophrenen Schriftstellers Edmund Mach, der schrieb, die psychiatrische Klinik sei ein «mangelhaftes Ersetzen von zu Hause». Auffallend ist K.'s Fähigkeit, ein «Ja, ja», dem nichts vorausgeht und dem nichts folgt, so vielsagend vor sich hin zu murmeln, dass es eine überzeugende Antwort auf den Zustand der Welt wird, von der K. einmal sagte, sie sei «ein Kampf und ein Zirkus».

Fühlen Sie sich überhaupt krank?

Sie sagen es. Sonst wäre ich ja nicht da. Ich muss eine ganze Theorie haben, sonst sehen sie mich noch länger als Löli an, der ab der Welt gehört und in die Psychiatrieklinik hinein. Und wo will man sonst hin, wenn man einen Vormund hat? Ich bin nicht traurig, wenn es so hat sein müssen.

Auch nicht unfrei?

Ich muss mich halt damit abfinden und mich wieder seelisch erneuern. Der eine muss Schaden leiden, der andere wird gesund. Man sollte ein ausgeglichenes Hirn und seelisch-physisch Gemeinschaft haben. Aber man muss hier drinnen bleiben, bis man tot ist, damit man den Grind, den Kopf, sezieren kann, um die Todesursache festzulegen und zu schauen, ob das gespaltene Hirn da ist oder ob die Schizophreniekrankheit behoben ist. Ich spüre es doch im Kopf, wenn sie mich noch konservativer machen wollen, damit man einen noch einseitigeren Schädel bekommt.

Was meinen Sie mit «konservativ»?

Einseitig gerichtet. Auf der linken Seite schwerer als auf der anderen bin ich. Ich bin ein Linksgerichteter, im Kopf einseitig gewachsen. Und dann haben sie immer gesagt: «Noch mehr Druck drauf, bis es den Cheib putzt (den Kerl tötet).»

Wer ist der Cheib?

Ich.

Und wer hat das gesagt?

Die Stimmen.

Leiden Sie sehr unter der Krankheit?

Ich bin halt so aufgewachsen und trage es halt so. Ich bin von der Gemeinschaft ausgeschlossen worden.

Quälen Sie die Stimmen?

Ja, ja. Manchmal werde ich verruckt (wütend) und gebe ihnen zurück. Manchmal wünschen sie mir Gutes, manchmal Schlechtes. Ob sie durch den Film, das Fernsehen oder durch das Radio kommen? Oder einfach ins Gehör?

Was wollen sie von Ihnen?

Ja, die Frage kann man sich stellen. Man ist im Verhör, und sie reden in den Kern des Hirns hinein. Ich weiss nicht, warum sie sich rächen wollen an mir. Wenn man die Psychiatrie vielleicht weglassen könnte, wären die Stimmen auch weg. Man sollte den Kopf so erweitern, dass die Krankheit weggeht. Für gute Sachen sollte man Symptome haben, und für schlechte sollte man sie meiden können. Warum machen sie mich nicht gesund? Es ist ein Rätsel.

Sagen die Stimmen immer wieder das Gleiche?

Nein, sie bringen ständig etwas anderes. Ich hätte nichts mehr in Luzern zu suchen oder einfach das, was ihnen nicht passt, melden sie. Es sind Frauen und Männer, ich kenne die Personen nicht. Wenn sie etwas Rechtes erzählen, etwas, das noch zur Wahrheit oder zur Wirklichkeit werden könnte, gebe ich ihnen nicht zurück. Durch mein Seelisches reden sie in mich hinein. Bewegung habe ich immer genug gehabt, musste ja immer arbeiten. Auf die Körperteile hat es darum nicht geschlagen, nur ins Nervensystem, ins Hirn.

Wie sind Sie zu dieser Überzeugung gekommen?

Durch die Erfahrung. Keine Stimmen oder komischen Gedanken. Es ist die Wahrheit, was ich spreche. Das Kopf-EEG ist nicht gut herausgekommen, das Gehirn war gespalten und nicht ineinander eingebunden. Ich habe jetzt Zeit, diese Sache zu studieren hier, den eigenen Menschen zu studieren. Die Psychose wollen wir ja nicht nennen.

Nicht nennen?

Ich kann es nicht recht sagen, und nicht einmal die Ärzte können es mir sagen.

Nimmt Ihnen die Krankheit die Lebensfreude?

Es ist auch eine psychiatrische Krankheit, wenn man nicht gerne lebt. Aber die habe ich nicht.

Vielleicht werden Sie ganz alt . . .

Vielleicht, wir wollen es hoffen.

Denken Sie manchmal ans Sterben?

Der Vater hat sich verbrennen lassen, und die Urne ist auf Mutters Grab drauf gekommen. Man kann nur noch das Physische brauchen, wenn man tot ist, wenn man verwest im Boden drinnen. Das Seelische kann man nicht mehr brauchen. Ich möchte beerdigt werden, wie es die römisch-katholische Kirche tut, aber ich sage nichts bei denen, die sich verbrennen lassen.

Jeder soll . . .

Ja, wir haben ja Glaubensfreiheit. Das ist meine Freiheit hier drinnen, die einzige.

Was machen Sie heute noch?

Nicht mehr viel . . . den Stumpen fertigrauchen. Zum Nachtessen bekomme ich einen Fleischteller.

VON DAMALS

Immer wieder finden sich in dem, was K. erzählt, sprachliche Anklänge an frühere Zeiten und altertümelnd-anheimelnde Helvetismen. Auch in der Wahl seiner Begriffe ist K. ein aus den Konventionen und der Zeit Gefallener: zum Beispiel, wenn er von Franzosenmädchen oder Schlingeln spricht. Oder von einem armen Kerli und damit, vor einem Konzertplakat stehend, Mozart meint, der «das Geld ja auch nicht gemacht» habe.

Wie war Ihre Schulzeit?

Ich konnte in der Schule ein Gedicht oder eine Liedstrophe so manches Mal durchlesen, und es ist mir einfach nicht geblieben. Glauben Sie, ich hätte einen einzigen Satz auswendig lernen können! Ich bin vor dem Lehrer gestanden wie ein Ölgötz. Dem Arbeitgeber bin ich in der Schreinerlehre davongelaufen nach einem Wortwechsel anno 63. Es war kalt im Winter, und ich hätte eine Türverkleidung verleimen sollen. Da habe ich in einem lauten Ton gesagt, es sei zu kalt, der Leim halte darum nicht richtig. Da hat der Tschumpel die Polizei avisiert. Die ist sofort gekommen und hat mich in die Klinik hier hineingeworfen.

Das ist doch kein Grund zur .  .  .

. . . es ist halt noch etwas anderes gewesen. Meine Schwester war auch in der Klinik als Patientin, Religionswahnsinn. Der Vater war arbeiten, die Schwester war zu Hause und half der Mutter im Haushalt. Plötzlich ist die Schwester in die Stube gegangen und hat das Muttergottes-Bild angebetet. Man hat sie nicht mehr davon weggebracht. Später hat der Vater einen Arzt gerufen, der ihr eine Spritze machen wollte. Sie hat es aber nicht zugelassen, worauf der Doktor gesagt hat, dann müsse sie in der psychiatrischen Klinik behandelt werden. Man hätte einem Menschen gegenüber, der geistig in Not ist, nicht das Seelische drosseln dürfen. Schliesslich ist sie ins Wasser, die Aare hinab, und hat sich ertränkt. Sie konnte schwimmen und hat es doch fertiggebracht, sich zu ertränken. Sie hätte halt auch gerne geheiratet und Kinder gehabt, aber das ist ihr verwiesen worden. Das ist doch ein jämmerlicher Tod, ertrinken zu müssen.

Und Ihre anderen Geschwister?

Ein Bruder hat keinen rechten Arm gehabt; ein anderer hat die Leukämiekrankheit gehabt und ist daran gestorben. Ja, die ganze Vergangenheit könnte ein dickes Buch geben; jeder Tag zwei, drei Seiten.

Wollten Sie nie Familie und Kinder haben?

Ich habe es einmal versucht, aber sie hat sofort abgewinkt. Heute kann ich sagen: «Du wirst nie ein edler Ritter sein.» Von mir aus, es ist mir gleich, ich lasse das liegen, ich laufe keiner mehr nach, ich bin zu alt dazu, ich bin jetzt siebenundfünfzig.

Sie waren bestimmt ein gut aussehender junger Mann.

Ja, in der Beziehung schon. Aber weil ich von oben herab geführt worden bin, durfte ich das nicht machen.

Geführt von wem?

Ob es der Heilige Vater gewesen ist?

VOM REISEN

Eine Erinnerung an den Ausflug zum Flughafen Kloten: Auf der Zuschauerterrasse beobachtet K. den Start eines Jets, bis dieser in den Wolken verschwindet. Der Pilot habe eine schöne Kurve geschnitten, meint K. schliesslich und schaut mich mit einer Verschmitztheit an, die glauben macht, der Pilot habe die Kurve ihm zuliebe «geschnitten». Sprechender noch als im Tonfall drücken sich bei K. Schattierungen, Andeutungen, Gefühle in Mimik und Gesten aus.

Wie sieht Ihr Tagesablauf aus?

Am Morgen ist um sieben Uhr Tagwache, um halb acht Morgenessen, und dann verschwinde ich, hole an der Kasse mein Taschengeld und fahre entweder nach Basel hinab oder nach Bern hinauf, nach St. Gallen, Schaffhausen oder Chur. Um halb zwei ungefähr bin ich wieder da, lege mich hin, und dann ist es bald einmal Zeit zum Nachtessen. Nachher rauche ich einen oder zwei Stumpen und gehe ins Bett.

Gehen Sie auf Ihren Ausflügen auch mal in eine Stadt?

Nein, ich steige nur um. Manchmal nehme ich einen Kaffee und fahre mit dem erstbesten Zug zurück. Sonst käme die Polizei und würde mich fragen, was ich in der Stadt suche. Wenn man kein Geld hat, meinen sie, man sei kriminell. Ich gehöre nicht in eine Stadt hinein.

Woran denken Sie auf Ihren Zugfahrten?

Entweder dichte ich Schlager und singe sie halb, oder ich schaue die Natur an zum Fenster hinaus und mache neue Lieder aus den Namen der Stationsdörfer.

Fällt Ihnen einer Ihrer Texte ein?

Ich mache nur den Anfang, weil ich ein Analphabetiker bin.

Analphabetiker?

Man merkt nichts von Buchstaben, im Herz drinnen. Mit dem Lesen ging es, aber das Auswendiglernen, es ist mir nichts geblieben. Aber ich denke mir Melodien aus, so gut es geht. Ich bin ein Befürworter, dass es eine schöne Musik gibt. Heute habe ich an der Stehbar im Zürcher Hauptbahnhof einen Cervelat, ein Bürli und einen Kaffee gehabt. Ich muss schauen, wo ich den Kaffee unter drei Franken bekomme, bei meinem Taschengeld.

Waren Sie schon einmal im Ausland?

Ich will erst einmal die Schweiz kennenlernen, bevor ich in die Fremde gehe. Aber ich dürfte ja nicht einmal ins Ausland ohne Heimatschein, ohne Schriften. Es ist traurig genug, dass man bevormundet ist.

Wir könnten einmal zusammen einen Alpenflug machen.

Ja, der wäre nur in der Schweiz drinnen.

Heinz Bütler ist Filmautor und regelmässiger Mitarbeiter des Fernsehmagazins Format NZZ, für das er einen Beitrag über G. K. gedreht hat. Mehrere seiner Filme befassen sich mit den Künstlern aus der Psychiatrischen Klinik Gugging bei Wien.


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