NZZ Folio 07/08 - Thema: Dubai   Inhaltsverzeichnis

Schlagschatten -- Bert Brecht, begnadetes Scheusal

© Angelo Boog
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Von Wolf Schneider
Der Mensch Bert Brecht muss ein Scheusal gewesen sein (das waren grosse Männer oft). Der Kommunist Bert Brecht hat Stalin verherrlicht und sich dafür den Spottnamen «Minnesänger der GPU» eingehandelt. Der Dichter Bert Brecht aber hat in der deutschen Sprache und für sie Grosses geleistet: zum einen in der gemeisselten Einfachheit, die er an Luther schulte («Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin»), zum andern in der frechen, zynischen Kraft – von der «Dreigroschenoper»-Einsicht «Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral» bis zu seinem «Zweiten Psalm»: «Der Wind macht die Wolken, dass da Regen ist auf die Äcker, dass da Brot entstehe. Lasst uns jetzt Kinder machen aus Lüsten für das Brot, dass es gefressen werde.»

Geboren wurde Brecht 1898 in Augsburg in einem grossbürgerlichen Haus; mit 21 dichtete er die Ballade von Jakob Apfelböck, der seine Eltern erschlägt und sie im Schrank verfaulen lässt. Als er 24 war, wurde in München seine Komödie «Trommeln in der Nacht» uraufgeführt; darin verweigert sich der Held noch den Kommunisten, indem er ihnen entgegenruft: «Mein Fleisch soll im Rinnstein verwesen, dass eure Idee in den Himmel kommt? Seid ihr besoffen?» Mit seiner krassen Sprache («Glotz nicht so romantisch») und seiner Bühnenwirksamkeit machte das Stück Furore und trug dem Autor sogleich den Kleistpreis ein, damals den angesehensten in Deutschland.

Zwei Jahre später ging Brecht ans berühmte Deutsche Theater in Berlin und inszenierte sich dort als wüstes Genie: Berühmte Schauspieler stauchte er zusammen, ein lümmelhaftes Benehmen machte er zu seinem Markenzeichen, den berühmten Theaterkritiker Alfred Kerr nannte er öffentlich «eine der grössten Säue der Epoche». Viel Sorgfalt verwandte er auf die berechnete proleta­rische Schlampigkeit seiner Kleidung: Monteur­jacke, Holzfällerhemd, lederne Schirmmütze und meist eine dicke Zigarre dazu. Auch entschied er allein, welche Fotos von ihm erscheinen durften. Aber alles war verziehen, als er, 30 Jahre alt, 1928 mit der «Dreigroschenoper» zu Weltruhm aufstieg.

Zwei Jahre später tat Brecht das Mögliche, um diesen Ruhm zu verspielen. In Berlin wurde 1930 sein «Lehrstück» (so nannte er es) «Die Massnahme» uraufgeführt: Drei kommunistische Funktionäre erschiessen einen jungen Genossen, weil der es gewagt hat, sich von seinem Mitleid und seinem Gerechtigkeitsgefühl leiten zu lassen statt von den Interessen der Partei. Und natürlich ist der Genosse mit seiner Hinrichtung einverstanden. Da waren selbst unter Berlins Kommunisten viele irritiert.

Aber es kamen ja später Stücke hinzu wie die «Mutter Courage» und «Der gute Mensch von Sezuan». Und es gab den Bänkelsänger: «Eines, Jimmy, musst du wissen», ruft die Liebste ihrem Soldaten beim Abschied nach: «Immer werd ich dich vermissen, wenn ich einst mit einem andern geh.» Und es gab den Spötter: «Der grösste Teil der kulturellen Produktionen der letzten Jahrzehnte wäre durch einfaches Turnen und zweckmässige Bewegung im Freien leicht zu verhindern gewesen.» Und es gab den Dichter mit seinem wüsten «Grossen Dankchoral»: «Lobet den Baum, der aus Aas aufwächst jauchzend zum Himmel! Lobet das Aas, lobet den Baum, der es frass, aber auch lobet den Himmel!»

Die Nazis verbrannten seine Bücher. Er floh nach Prag, Zürich, Kopenhagen, schliesslich nach Stockholm und Helsinki – mit Helene Weigel, seiner zweiten Frau, ihren beiden Kindern, seiner Geliebten Ruth Berlau sowie seiner Geliebten und Beraterin Margarete Steffin, die er besonders brauchte, weil sie eine Arbeitertochter war und seine Texte auf proletarische Sprache abklopfte. Im Mai 1941, einen Monat vor dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, reiste Brecht mit seinem Tross nach Moskau, und da man ihm dort die gebührende Aufmerksamkeit verweigerte, fuhr er nach Wladiwostok weiter, um sich nach Kalifornien einzuschiffen – mit nur noch zwei Frauen und den Kindern: Margarete Steffin, todkrank, durfte in Moskau zurückbleiben und starb im Juni. In Santa Monica bei Los Angeles schloss Brecht sich den dort ­residierenden deutschen Emigranten an. 1947 wurde er wegen seiner kommunistischen Vergangenheit vor den McCarthy-Ausschuss zitiert und übersiedelte anschliessend nach Ostberlin.

Dort vollbrachte er seine letzte grosse Leistung: Zusammen mit Helene Weigel baute er, von der DDR geduldet und hoch subventioniert, das Berliner Ensemble auf, und das erwarb zwischen 1949 und Brechts Tod 1956 den Ruf, das beste Theater der Welt zu sein. Er führte es mit Besessenheit und gleichzeitig mit erstaunlicher Bescheidenheit, ja mit der Bereitschaft, zuzuhören. Nach dem Arbeiteraufstand vom 17.?Juni 1953 schrieb er sein grossartigstes Gedicht: Das Volk habe «das Vertrauen der Regierung verscherzt» und könne es nur durch doppelte Arbeit zurückerobern. «Wäre es da nicht einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?»

Leider wurde dieser Text erst in Brechts Nachlass gefunden.

Wolf Schneider ist Schriftsteller; er lebt in Starnberg (D).



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