NZZ Folio 02/99 - Thema: Nano!   Inhaltsverzeichnis

Heim und Hobby -- Der fröhliche Shoppingplausch am Samstagmorgen

Von Joni Müller

KONSERVATIV BIS reaktionär, wie sie nun mal sind, lassen Kinder ihre Lieblingshelden und -zeugen aus längst vergangenen Zeiten über Jahrhunderte hinweg in ihrem Spiel wieder auf- und weiterleben: Dinosaurier und Drachen, Ritter und Prinzessinnen, Cowboys und Indianer erfreuen sich nach wie vor grösster Beliebtheit und haben sich im Laufe der Jahre höchstens in Material und Ausführung, nicht jedoch in ihrem Wesenskern verändert.

Infantile Reminiszenz an längst verflossene Usanzen im Detailhandel und gleichsam Holz gewordene kollektive Erinnerung an archaische Formen des Kaufens und Verkaufens ist auch der klassische Kinder-Krämerladen. Mit Hingabe werden hier die Dinge des täglichen Bedarfs der Nachkriegszeit wie «Franck Aroma» oder «Heliomalt» im Miniaturformat über das Ladentischlein gereicht, als ob dies heute noch die normalste Sache der Welt wäre.

Dabei hat solch liebenswürdige Betulichkeit des käuflichen Erwerbs von Lebensmitteln im richtigen Leben längst dem Kleinkrieg aller gegen alle in den Verbrauchermärkten draussen vor der Stadt Platz gemacht. Zwar ist es ja wunderbar, dass diese so prall gefüllt sind und alle Schätze dieser Erde wohlfeil feilbieten, und es soll hier keineswegs der guten alten Zeit nachgetrauert werden. Doch der hordenweise samstägliche Shoppingplausch ist trotzdem ein reichlich zweifelhaftes Vergnügen.

Früher, als die Kinder am Samstagmorgen noch zur Schule gingen und die Eltern für einmal nicht immer nur an das Eine immer nur denken mussten, war die Lage in den Läden bis zwölf Uhr noch erträglicher. Doch seit diese letzte Zeitinsel häuslichen Friedens und hormoneller Harmonie durch skrupellose Lehrer und ihre Lobby abgeschafft worden ist, ist am Wochenende an der Einkaufsfront schon früh die Hölle los. Unerbittlich wird um den grössten Kopfsalat gekämpft, um Minuten beim Metzger und um das schönste Huhn sowie um die Pole-position an der Kasse. Wo es für niemanden ein Entrinnen gibt vor der letzten und meistgestellten Gewissensfrage der Schweiz: «Haben Sie eine Cumulus-Karte?»


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