Aber selbstverständlich! Jedes neue Medium, mit dem sich Wörter fixieren und übermitteln lassen, hat die Sprache verändert. Dass wir «Herzlichen Glückwunsch» schreiben oder sagen, ist eine Folge der Erfindung des Telegramms; vorher waren allein komplette Sätze üblich wie «Einen herzlichen Glückwunsch entbieten Ihnen . . .». Das Verbum wegzulassen wie hier oder das Subjekt wie in «Komme erst übermorgen» und den Artikel sowieso: Das legten zunächst die Übermittlungskosten nahe, aber dann stand das Telegramm als Stilmuster für alle Lebenslagen zur Verfügung - auch für das Scherzgedicht des Joachim Ringelnatz auf das verschollene Wurfholz: «Publikum noch stundenlang wartete auf Bumerang.»
Die erste Revolution dieser Art war die Erfindung der Schrift, und sie verfolgt uns bis heute, indem sie zwischen der Schriftsprache und der Umgangssprache einen Graben aufgerissen hat. Da die Schriftzeichen anfänglich in Ton gedrückt oder in Stein gemeisselt werden mussten, erzwangen sie eine radikale Disziplinierung; weg vom einzigen zuvor bekannten Sprachmodell, dem Wortschwall geselligen Palavers und magischer Rituale, hin zu lapidaren Sätzen, wie wir sie (nach lapis, dem Stein) noch heute nennen: «Die ganze Stadt eroberte ich. Die Tore des Tempels nahm ich fort. Im Meer reinigte ich meine Waffen.» Auf eine solche Art von Tempelinschriften hatten sich die Hofpoeten mit den Steinmetzen geeinigt, damit eine Sprache von nie erlebter Kürze in die Welt gesetzt und den Stil der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung ebenso vorgeprägt wie jene äusserste Sprachverdichtung, die in der Lyrik stattfindet.
Und dann das Papier, das fliessende, fast lautlose Schreiben! Oft sei er nachts erwacht, berichtet Goethe in «Dichtung und Wahrheit», sei ans Pult gerannt und habe ein Gedicht heruntergeschrieben, mit Bleistift, damit nicht «das Schnarren und Spritzen der Feder mich aus meinem nachtwandlerischen Dichten aufweckte». Muss man sich darüber streiten, dass ein solches Gedicht nicht in derselben Form entstanden wäre, hätte Goethe die Gewohnheit gehabt, für die erste Niederschrift eine Schreibmaschine oder einen Computer zu benutzen- Ist es so abwegig, einen Zusammenhang zwischen dem kargen Stil Ernest Hemingways und der Tatsache zu vermuten, dass er einer der ersten Schriftsteller war, die ihre Einfälle direkt in die Maschine tippten- Edmund Wilson, der führende amerikanische Literaturkritiker der dreissiger bis sechziger Jahre, sagte: «Das Dichten auf der Schreibmaschine hat vermutlich mehr als alles andere zum Verfall der englischen Prosa beigetragen.»
Nun also der Computer. Gegenüber der Schreibmaschine hat er dramatische Vorzüge: kein Einspannen des Papiers, kein Schieben des Wagens, Löschung, Einfügung oder Austausch von Buchstaben, Wörtern, Satzteilen, ja ganzen Absätzen auf Knopfdruck - und sofort wieder ein untadeliger Text. Dient der Computer bloss der Reinschrift, so sind die Vorteile offenkundig, und eine Veränderung des Stils findet nicht statt. Anders liegt der Fall, wenn ein Autor den Computer als Medium der ersten Niederschrift benutzt (wie heute schon die meisten Journalisten und viele Schriftsteller) und wenn es zweitens um die Prüfung von Texten durch Lektoren und Redaktoren geht.
Für diesen Korrekturvorgang ist das Urteil der Experten eindeutig: Es wird drastisch weniger redigiert als auf dem Papier, das aus der Schreibmaschine kam. Ein überflüssiges Wort zu streichen geht zwar auf dem Computer viel schneller als auf der Maschine, aber umständlicher als mit dem Kugelschreiber ist es schon; also bleibt manches stehen, worüber der Redaktor sich nur ein bisschen ärgert. Längere Texte vom Bildschirm abzulesen strengt die Augen mehr an als dasselbe vom Papier; also neigt der Lektor häufiger als früher dazu, dem Autor zu vertrauen und grosse Passagen ungelesen passieren zu lassen. In beiden Versuchungen wird er bestärkt durch den Anblick der Makellosigkeit: Es sieht alles schon aus wie gedruckt, was soll ich da noch korrigieren! Berücksichtigt man nun, dass Kontrolleure oft versierter als Autoren sind, dass aber auch bei gleichem Niveau der Gegenleser Fehler findet, die dem Autor verborgen blieben - so drängt sich der Schluss auf: In gedruckten Texten müsste die Zahl der Verstösse gegen sachliche Richtigkeit, korrekte Grammatik und gutes Deutsch zunehmen; und da sie in den meisten Zeitungen in den letzten Jahren in der Tat drastisch zugenommen hat, wird dies wohl mindestens zum Teil an den Verführungen durch den Computer liegen.
Nicht so klar fällt die Antwort der Benutzer auf die Frage aus: Ändert sich (und wie ändert sich) mein eigener Text dadurch, dass ich ihn direkt in den Computer eingebe- Hier sagen die meisten: Eine Befreiung, dass ich mich so viel leichter korrigieren kann als auf der Schreibmaschine! Ich brauche nicht im Kopf perfekt zu formulieren, das geschieht per Korrektur; ich brauche nicht einmal im Kopf zu gliedern: Über die Reihenfolge der Absätze entscheide ich erst im zweiten Arbeitsgang. Doch manche räumen ein: Dies ist zwar bequemer - aber ob mein Text dadurch besser wird- Und die meisten geben zu: Dieser wunderbare Anblick von Fehlerlosigkeit macht mich ein bisschen früher in meinen Text verliebt, als ihm vielleicht guttut. Was ich auf der Schreibmaschine als einen Rohentwurf eingestuft und durch Abschreiben verfeinert hätte, sieht heute so kostbar aus, dass ich keine Zeit mehr darauf verwenden möchte.
So stehen wir mitten in der nächsten Revolution, und eine zum Besseren ist es augenscheinlich nicht, wie so viele.