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Das Experiment -- Leiden Bienen unter Jetlag?
© Thomas D. McAvoy/Time & Life P...
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| Wie geht es den 5000 Bienen im Koffer? Biologe Max Renner vor dem Abflug. |
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Heute würde er wohl als durchgeknallter Terrorist verdächtigt: Der Biologe Max Renner flog 1955 mit einem Schwarm Bienen im Handgepäck nach New York.
Von Reto U. Schneider
Am 13. Juni 1955 brachte der deutsche Biologe Max Renner ein seltsames Gepäckstück zum Flughafen Orly in Paris: einen grossen, summenden Holzkoffer. Das Geräusch erzeugten 5000 Bienen, die Renner als Handgepäck an Bord der TWA-Maschine nach New York nehmen wollte.
Es war schwierig gewesen, in den USA eine Einfuhrgenehmigung für die Tiere zu bekommen, doch die echten Probleme begannen am Abflugtag auf dem Flughafen: Zuerst musste Renner das Bodenpersonal davon überzeugen, die Bienen nicht im Laderaum zu verstauen, wo sie wegen der niedrigen Temperatur wohl verendet wären, und als die Flugbegleiterinnen später im Passagierraum routinemässig DDT versprühen wollten, blieb ihm nichts anderes übrig, als ihnen zu drohen, die Bienen über den Köpfen der Passagiere freizulassen, worauf die Stewardessen die Spraydosen wieder wegpackten. Schlimmer als all das war aber, dass der Flug Verspätung hatte, denn für das Experiment, das Renner im Begriff war durchzuführen, war nichts wichtiger als Pünktlichkeit.
Max Renner war Student des Bienenforschers und späteren Nobelpreisträgers Karl von Frisch, der die Tanzsprache der Bienen entdeckte. Eine Frage, die ihn seit langem beschäftigte, war, ob Bienen über eine innere Uhr verfügten, einen Taktgeber, der unabhängig von äusseren Einflüssen funktionierte. Die Tatsache, dass sich Bienen auf eine bestimmte Futterzeit trainieren liessen, die sie selbst bei Experimenten in einem geschlossenen Raum bei konstanter Beleuchtung, Temperatur und Luftfeuchtigkeit einhielten, sprach dafür. Andererseits konnten sich die Bienen nur an ein Futterintervall von 24 Stunden gewöhnen, aber nicht an 19 oder 48 Stunden, was wiederum gegen eine innere Uhr sprach.
Den direkten Einfluss des Sonnenlichts als Taktgeber hatte man mit den Experimenten im geschlossenen Raum bereits ausgeschlossen. Von Frisch hielt es aber immer noch für denkbar, dass eine bisher unentdeckte Strahlung, die mit der Sonne zusammenhängt und durch Wände dringt, den 24-Stunden-Takt von aussen vorgibt. Da die Sonne in einer anderen Zeitzone zu einer anderen Zeit aufgeht, wäre der Rhythmus dieser Strahlung dort ein anderer. Wenn Bienen also in eine andere Zeitzone reisten, würde sich erweisen, welche Hypothese die richtige sei.
Unbekannte Strahlung als Taktgeber?
Schon in den 1930er Jahren schickte von Frisch eine Studentin mit Bienen auf einen Ozeandampfer in Richtung USA. Doch weil sie immer seekrank war, konnte sie keine Aufzeichnungen machen. Dann kam der Krieg, und danach entwickelte sich die zivile Luftfahrt sprunghaft. Renner sollte das Experiment nun mit Hilfe eines Flugzeugs wiederholen.
Dazu fütterte er die 5000 Bienen, die in einer sieben Meter langen und zwei Meter breiten begehbaren Holzkammer in der Nähe von Paris untergebracht waren, jeden Tag exakt um 20 Uhr 30. Nachdem sie sich an diese Essenszeit gewöhnt hatten, packte Renner sie in den Holzkoffer und flog nach New York. Eine identische zerlegbare Holzkammer, die zuvor verschickt worden war, stand im Naturhistorischen Museum in New York bereit.
Renners Überlegung war einfach: Wenn die Bienen tatsächlich eine unbekannte Strahlung der Sonne als Taktgeber benutzten, würden sie in New York um 20 Uhr 30 Lokalzeit – bei gleichem Sonnenstand wie in Paris – auf Futtersuche gehen. Verfügten sie jedoch über eine innere Uhr, würden sie schon um 15 Uhr 30 erscheinen, 24 Stunden nach der letzten Fütterung.
Da das Flugzeug Verspätung hatte, musste sich Renner beeilen, um das Museum rechtzeitig zu erreichen und alles vorzubereiten. Um 14 Uhr traf er ein und brachte die Bienen in die Kammer, dann setzte er sich auf den Beobachtungsstuhl und wartete. Pünktlich um 15 Uhr 30 gingen die Bienen auf Futtersuche, als wären sie noch in Paris. – Bienen leiden unter Jetlag.
Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.
Soeben erschien bei Bertelsmann «Das neue Buch der verrückten Experimente» mit gesammelten Texten dieser Kolumne. Mehr Informationen gibt es unter http://www.verrueckte-experimente.de/.
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