NZZ Folio 04/98 - Thema: Boomtown Moskau   Inhaltsverzeichnis

Jung und erfolgreich

Der neue Moskauer Mittelstand.

Von Lars Knuchel

«SUPERSEXY, SUPERMODISCH, SUPERJUNG!» schreit der rundliche Conférencier ins Mikrophon, und schon rauschen vier junge Frauen über die Bühne des Moskauer Nachtclubs Swalka (Müllhalde), alle etwas ungelenk, mit Sonnenbrille und nervös Kaugummi kauend. Das auf Grossgarage getrimmte Lokal brodelt. Die Luft ist heiss und rauchgeschwängert, die Musik ohrenbetäubend. «Supersexy, supermodisch, superjung!» schreit der Mann am Mikrophon erneut und deutet auf die spärlichen Hüllen der vier jungen Frauen: poppig bunte Herrenunterwäsche aus Frankreich, die neuste Kollektion aus einem Pariser Haus, dessen Name der Conférencier unablässig wiederholt. Ziehen sich die Amateurmodels zum Umkleiden kurz zurück, schlägt die Stunde der Freiwilligen: Rauf auf die Bühne, den eigenen Vornamen ins Mikrophon hauchen, ein beherzter Griff in die Wundertüte - und schon besitzt man selber ein poppig buntes Stück Unterwäsche oder zumindest eine CD. Der pausenlos schwatzende und heftig schwitzende Conférencier nennt noch einmal die Bekleidungsfirma, der man solches Glück verdankt.

Jana Froluschkina steigt nicht auf die Bühne im überfüllten «Swalka» - aber mit der bunten Unterwäsche aus Frankreich hat sie sehr wohl zu tun. Die zierliche junge Frau am Bühnenrand ist Generaldirektorin von Tichy Zentr Limited, der Moskauer Firma, welche die alleinigen Verkaufsrechte für die farbigen Slips und Shorts in ganz Russland besitzt.

1992 stürzte sich die 35jährige gelernte Schneiderin aus Sibirien ins Abenteuer und gründete ein eigenes Importunternehmen. Es war die Zeit, als sich in Russland mehr und mehr Leute als eine Art fliegende Händler versuchten, um namentlich von der wachsenden Nachfrage nach ordentlichen Kleidern zu profitieren. Die «Tschelnoki» (Webschiffchen) pendelten zwischen der Heimat und dem Ausland hin und her, importierten Unterwäsche, Hemden, Jacken, Hosen, Schuhe und kleideten damit ihre Landsleute neu ein - gewinnbringend, versteht sich. Was anderen nicht entging. Jana Froluschkina berichtet von Schutzgelderpressung durch die Mafia und vom Gefühl der Ausweglosigkeit, als sie einmal mit über 80 000 Dollar in der Kreide stand.

Doch das alles ist vorbei. Inzwischen läuft das Geschäft zur vollen Zufriedenheit der jungen Generaldirektorin. Modisch gekleidet, das Funktelefon in der Handtasche, verfolgt sie die Unterhosenparade im Moskauer Nachtclub und sinniert über ihre Karriere als Geschäftsfrau: «Der Erfolg kam einfach so, ich weiss gar nicht recht wie.» Ihre Firma vertreibt derzeit Leibwäsche aus Grossbritannien, Finnland und Frankreich. Im Publikum sitzt an diesem Abend auch die Belegschaft von Tichy Zentr, ein Dutzend Männer und Frauen zwischen 25 und 35, die meisten von ihnen sind Hochschulabsolventen. Vom Fahrer über den Lageristen bis zum stellvertretenden Generaldirektor sind sie alle gekommen, weil die Präsentation der Importunterwäsche eine Premiere in der noch jungen Geschichte ihres Unternehmens ist. Werbung habe man bis anhin gar nicht nötig gehabt, erklärt der studierte Philosoph und Jurist Grigori, die Nummer zwei von Tichy Zentr. Aber nun gebe es wachsende Konkurrenz, da müsse man sich schon etwas einfallen lassen. Und ausserdem habe Tichy Zentr ja eine rasant wachsende Kundschaft im Auge: die immer grösser werdende Schicht kaufkräftiger Konsumenten, die neue Moskauer Mittelklasse. Dazu gehören gutverdienende Angestellte, vor allem aber auch flinke Unternehmerfiguren, die sich ein eigenes Geschäft aufgebaut haben.

Jana Froluschkina ist selbst eine von ihnen. Für die junge Frau aus dem sibirischen Krasnojarsk zahlte sich aus, dass sie in den achtziger Jahren zur Weiterbildung nach Moskau kam, wo sie von den ersten konkreten Folgen der Perestroika profitieren konnte: den unter Gorbatschew zugelassenen Kooperativen. Während des Studiums arbeitete sie in diesen staatlich geduldeten Kleinunternehmen mit und sammelte dabei wertvolle Erfahrungen. Noch vor Ende der Sowjetunion war sie fit für den Systemwechsel. Sie hatte sich fest vorgenommen, «endlich ein besseres Leben zu haben». Heute lebt Jana Froluschkina zwar immer noch mit ihrer Mutter in einer kleinen Moskauer Wohnung. Doch vor den Toren der Stadt hat sie sich - wie so viele, die es in diesen bewegten Jahren zu etwas gebracht haben - ein eigenes Haus bauen lassen. Auch macht sie inzwischen mehrmals jährlich Urlaub, in der Schweiz, in der Türkei oder in Nepal. BEI ANDREI WALENTINOWITSCH FJODOROW leuchtet der Erfolg in allen Farben und Formen. Nicht als Händler ist er zu Geld gekommen und auch nicht, weil er irgendeine halbwegs nützliche Dienstleistung erbracht hätte, sondern als Fabrikant - als Hersteller von Firmenschildern, Leucht- und Neonreklamen aller Art. Sein kleiner Vorführraum ist voll davon. Überall blinkt und glänzt es, und den verschiedenen Namen nach zu schliessen, war Fjodorows 50-Mann-Betrieb schon manchen zu Diensten: Russlands mächtigen Rohstoffkonzernen, Moskaus zahlreichen Banken, westlichen Schnellimbiss-ketten und Getränke- oder Zigarettenfirmen, aber auch der Wechselstube von nebenan, dem Lebensmittel-laden, dem Frischfleischkombinat oder dem neusten Nachtclub im Stadtzentrum. Ein wahres Panoptikum postsowjetischer Privatwirtschaft, voller leuchtender Beispiele für den Moskauer Aufschwung. Oder wie der Firmenchef es ausdrückt: «Der wachsende Absatz unseres Produktes bildet Moskaus Wachstum und Dynamik wahrhaftig ab.» Allerdings ist Andrei Fjodorows Fabrik nicht allein. In Moskau versuchen über 300 Firmen im Leuchtreklamegeschäft ihr Glück. Da überlebe nur, sagt Fjodorow, wer gute Qualität und Service garantiere und obendrein eine breite Produktepalette anbiete.

Andrei Fjodorow ist 40 Jahre alt und spricht wie ein frisch ausgebildeter Betriebsökonom. Eigentlich ist der gebürtige Moskauer aber Elektroingenieur. Bis 1991 arbeitete er in einem staatlichen Rüstungsbetrieb, den er dann zusammen mit einem Kollegen verliess, ohne jedoch den Kontakt zur alten Rüstungsindustrie ganz abzubrechen. «Wir hatten absolut keine Perspektive mehr», begründet Fjodorow seinen Abgang, «aber unsere Ausbildung ist uns sehr nützlich.» Als Fjodorow und sein Kollege schliesslich ihre eigene Firma gründeten, brauchten sie einen geeigneten Ort zur Herstellung ihrer Leuchtreklamen. Sie fanden diesen prompt in den Hallen eines abgewirtschafteten Betriebs aus dem militärisch-industriellen Komplex.

Andrei Fjodorow ist fest davon überzeugt, dass es allen Unkenrufen zum Trotz mit Russland aufwärtsgeht: «Sehen Sie, so weit wie heute war Russland noch nie!» Wer als westlicher Unternehmer den Sprung hierher nicht wage, begehe einen schweren Fehler. Ist hingegen von den Schattenseiten des russischen Wirtschaftslebens die Rede, wirkt Andrei Fjodorows Optimismus gedämpft. «Unser Staat sollte alles tun, damit die Klasse der Eigentümer wächst und wir hier möglichst unbehelligt wirtschaften können. Davon würden doch letztlich alle profitieren. Statt dessen machen uns Behördenwillkür, Korruption und Verbrechen das Leben schwer.» Freimütig gesteht der Visant-Direktor, dass auch er «unter einem Dach» ist, das heisst, dass er regelmässig für seinen «Schutz» zahlen muss - allerdings betrügen diese Auslagen keine fünf Prozent seiner Gesamtausgaben und seien zu verkraften. Weit mehr stört Fjodorow, dass das neue Steuerrecht immer noch auf sich warten lässt; dass ohne Schmiergelder in vielen Amtsstuben «einfach nichts zu wollen» sei; dass er laut geltendem Recht in Moskau wohl ein Haus, nicht aber den darunterliegenden Boden erwerben kann; dass seine Kunden jede einzelne Leuchtreklame von der Stadt Moskau für teures Geld registrieren lassen müssen, dieselbe Verwaltung aber trotzdem noch eine jährliche Platzgebühr verlangt.

OLEX WIRBT MIT EINEM ROTEN PUNKT im Firmenlogo und verspricht seiner Kundschaft «red carpet treatment». So ganz nach grossem Bahnhof sieht es in den frisch renovierten Olex-Räumen im Erdgeschoss eines stattlichen Wohnhauses zwar nicht aus, aber immerhin herrscht reger Betrieb. Ständig klingelt ein Telefon, junge Leute füllen Fragebögen aus oder lassen sich - auf russisch und englisch - ausquetschen: «How long have you been learning English? What about your computer knowledge?» Junge, gut ausgebildete Frauen und Männer sind die Ware, mit der Olex handelt. Die Kunden sind meist Firmen aus dem westlichen Ausland und moderne russische Unternehmen, die nach westlichen Kriterien arbeiten, wie die 36jährige Olga Saweljewa, Generaldirektorin von Olex, betont.

Olex gehört zu den ersten Arbeits- und Stellenvermittlungsbüros Moskaus. Nach einem Studienaufenthalt in Oxford eröffnete Olga Saweljewa 1992 ihre Agentur. «Damals lachten mich alle aus und hielten es für verrückt, mit dem Vermitteln von Arbeitskräften Geld machen zu wollen», erzählt die Jungunternehmerin. Aber auch heute noch wüssten die meisten älteren russischen Firmendirektoren mit einer solchen Dienstleistung nichts anzufangen: Wozu Geld ausgeben, wenn man seine Beziehungen spielen lassen kann?

Tatsächlich sind in Russland Beziehungen (fast) alles, geschäftlich wie privat. Aber Olga Saweljewa hat rechtzeitig eine Marktlücke erkannt: Der Personalbedarf ausländischer Firmen in Moskau, die möglichst rasch möglichst viele junge und gut ausgebildete russische Arbeitskräfte wollen, ist sprunghaft gestiegen und steigt immer noch. Selbst russische Beziehungsnetze vermögen diese Nachfrage nicht länger zu befriedigen. Im Meer der qualifizierten Moskauer Arbeitskräfte fischt Olex vorab nach Leuten für mittlere Kaderstellen, betreibt aber, wie Olga Saweljewa sagt, auch «ein bisschen Headhunting nach Managern für Spitzenposten». Neben westlichen wenden sich nun zunehmend russische Firmen an die Agentur. «Moskaus Entwicklungstempo ist gigantisch», schwärmt Olga Saweljewa. Als sie aus Oxford nach Moskau zurückkehrte, fühlte sie sich noch «wie in der Dritten Welt». Jetzt, nur sechs Jahre später, hegt die Mutter eines kleinen Sohnes geschäftliche Ausbaupläne: «Wir brauchen neue Büros in Moskau», sagt sie, «doch auch eine Aussenstelle in New York ist denkbar.»

DEN JUNGEN MOSKAUER SPITZENMANAGER verkörpert Alexei Grigorjew. Er wirkt in seinem schwarzen Anzug etwas steif und referiert am runden Tisch im vornehm schlichten Sitzungszimmer eines Jugendstilpalais über die Verhältnisse im Vorstand seiner Bankengruppe SBS-Agro: Von den sieben Mitgliedern, erzählt er, seien deren drei 32jährig oder jünger. Einer davon ist er selbst - der Vorstandsvorsitzende Grigorjew, den westliche Bankfachleute als seriösen Banker bezeichnen.

Grigorjew ist seit der Gründung der Bank dabei. Nach einer Ingenieurausbildung und dem Dienst in der Sowjetarmee wechselte er 1989 in die Schalterhalle des neuen Geldinstituts: «Wir führten anfangs alle den Titel eines Direktors, doch aus Personalmangel standen wir regelmässig selber hinter dem Schalter.» Er habe fast alles «on the job» gelernt, sagt der Jungbanker.

Nun ist SBS-Agro nicht irgendeine Bank; gemessen an ihren Aktiven, ist sie derzeit Russlands zweitgrösste Privatbank. Grigorjew gebietet über 45 000 Angestellte in 1500 Geschäftsstellen, verteilt über ganz Russland. Über dem 32jährigen Vorstandsvorsitzenden ist nur noch der SBS-Agro-Präsident Smolensky - einer der sieben russischen Wirtschaftsführer, die 1996 Boris Jelzin mit ihrem Geld und Einfluss zur Wiederwahl verhalfen. «Wir sind eigentlich gegen jede Vermischung von Politik und Geschäft», streicht Grigorjew jedoch heraus, «vor allem sollte die Politik das Geschäft nicht stören.» Zum Kerngeschäft gehören bei SBS-Agro mittlerweile auch Dienstleistungen für die Einzelkunden (deren Rubelkonti sich jährlich vervielfachen) sowie Kredite an kleinere und mittlere Unternehmer (die bekanntlich für jede Volkswirtschaft von grundlegender Bedeutung sind). Ein weiteres Zeichen dafür, dass das Licht am Ende des russischen Wirtschaftstunnels sichtbar ist, zumindest für die neue Moskauer Mittelklasse.

Lars Knuchel ist Moskauer Korrespondent von Schweizer Radio DRS.


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