Dieses Gespräch führen zwei Figuren aus zwei literarischen Werken. Wer sind sie?
IN EINEM Gasthaus nahe dem Hafen von Marseille. Viele Treppen und Gänge sind zu überschreiten, um zu der Stube zu gelangen, aus der zorniges Murren und Schluchzen zu hören ist. Vor dem Bett kniet auf der herabgezerrten Bettdecke A, eine finster blickende junge Frau, die noch vor kurzem bei den Pyramiden und Sphinxen weilte. B, ein würdiger älterer Herr, dem Ägyptens Pyramiden und Sphinxe ebenfalls nicht unvertraut sind, tritt lautlos durch die offenstehende Tür.
A: (kneift sich in den Hals, der schon voller roter Flecke ist) Selbstsüchtige Bestien! Kümmern sich nicht darum, was aus mir wird. Lassen mich hier verhungern und verdursten und verkommen, das schert sie nicht. Bestien! Teufel! Lumpenpack!
B: (unter der Tür) Steh' auf, erheitre dich, o Liebe!
A: (fährt herum) Es geht Sie nichts an, was mir fehlt. Keinen geht's was an. Ich war nur zweimal so wie jetzt da drüben in der Quarantäne, und beide Male haben Sie mich gefunden. Ich fürchte mich vor Ihnen. Sie scheinen zu kommen wie meine eigene Wut, meine eigene Bosheit, meine eigene ? sei's, was es will ? ich weiss es nicht. Aber ich werde misshandelt, misshandelt, misshandelt!
B: Ohne erst in dich zu dringen, weiss ich von deinem Herzen mehr.
A: Ich hasse sie. Sie denkt nur an sich selbst, an mich denkt sie nicht mehr, als wenn ich ein Klotz oder Stein wäre!
B: Du würdest um dein Glück gebracht, wenn ich dich ihren Händen liesse.
A: Ich lauf ihnen weg. Ich stell was an.
B: Ein Mann muss eure Herzen leiten. Denn ohne ihn pflegt jedes Weib aus seinem Wirkungskreis zu schreiten.
A: (schüttelt heftig den Kopf) Ich will's nicht ertragen, ich kann's nicht ertragen, ich werde tot umfallen, wenn ich nur versuche, es zu ertragen. Gehen Sie weg von mir, gehen Sie weg!
B: Du sollst sehen, wie ich mich an deiner Mutter räche.
A: (plötzlich ruhig, besorgt) Wenn meine Erregung über mich kommt, bin ich verrückt. Ich weiss, dass ich sie unterdrücken könnte, wenn ich mir genug Mühe gäbe, und manchmal tu ich's auch wirklich, aber manchmal tu ich's nicht und mag es nicht tun. Was hab ich gesagt! Ich wusste, als ich's sagte, dass alles erlogen ist. Meine Leute denken, dass irgendwie für mich gesorgt ist und dass ich habe, was ich brauche. Sie sind stets gut gegen mich.
B: (hebt A lächelnd auf) Ist ein Mensch gefallen, führt Liebe ihn zur Pflicht.
A: Ich liebe sie herzlich, kein Mensch könnte je gütiger gegen ein undankbares Geschöpf sein, als sie stets gegen mich sind.
B: In diesen heil'gen Mauern, wo Mensch den Menschen liebt, kann kein Verräter lauern, weil man dem Feind vergibt.
A: (sich beschämt abwendend) Bitte, bitte gehen Sie weg; ich fürchte mich vor Ihnen. Ich fürchte mich vor mir selbst, wenn ich fühle, wie mein Anfall kommt. Gehen Sie weg von mir und lassen Sie mich besser werden durch Beten und Weinen!
B: Die Strahlen der Sonne vertreiben die Nacht (zieht die Tür leise ins Schloss).
Die Titelfigur des Romans, aus dem A stammt, wächst im Londoner Schuldengefängnis auf, in das auch der Vater des Autors einziehen musste. Ob die Mauern, in denen B herrscht, Freiheit oder Gefangenschaft bedeuten, das wissen die beiden Jünglinge, die sich darin zurechtfinden müssen, oft auch nicht so genau.
Wer und wer? A ist Tattycoram aus dem Roman «Little Dorrit» (1857) von Charles Dickens; B ist Sarastro aus der «Zauberflöte» (1791) von Emanuel Schikaneder und W. A. Mozart.