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NZZ Folio 04/09 - Thema: Gold   Inhaltsverzeichnis

Duftnote -- EU gegen Eichenmoos

© Fabienne Boldt
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Der Parfumerie droht eine Katastrophe: EU-Experten verbieten Inhaltsstoffe, die zum Wesen der besten Parfums gehören.

Von Luca Turin

Die hundertjährige Kunst der Parfumerie liegt seit längerem im Sterben, doch am 1. Januar 2010 wird sie offiziell tot sein. Dann wird der Zusatzartikel 43 der International Fragrance Association IFRA in Kraft treten, und alle auf dem Markt befindlichen Düfte, ob alt oder neu, müssen diesen Richtlinien folgen, oder sie verstossen gegen geltendes EU-Recht.

Aus den zahllosen Katastrophen, die damit über die Parfumerie hereinbrechen, möchte ich eine herausgreifen: ­Eichenmoos. Es ist absolut essentiell für die Parfumerie im allgemeinen und besonders für die Gruppe der Chypre-Düfte wie Mitsouko. Ab 2010 wird es durch Substanzen ersetzt, die nicht wie Eichenmoos riechen. Warum? Weil Eichenmoos Moleküle enthält, die bei einigen Menschen Hautausschläge auslösen. Der Todesstoss gegen Eichenmoos wurde von einem in Dänemark arbeitenden Umweltchemiker namens Suresh Chandra ­Rastogi geführt. Er und seine Kollegen haben zwei Moleküle, Atranol und Chloroatranol, identifiziert, die die menschliche Haut besonders stark reizen können.

Eine Unterkommission des Wissenschaftlichen Ausschusses für Konsumgüter der EU beschloss aufgrund der Forschungs­ergebnisse, die zulässigen Höchst­werte für die beiden Stoffe extrem niedrig festzusetzen. In dieser Kommission sass auch Rastogi. In der zivilisierten Welt würde man hierin einen Interessenskonflikt sehen, aber in der nebulösen Welt der EU-Politik betrachtet man dergleichen als Erfüllung der Sorgfaltspflicht. Warum, werden Sie vielleicht fragen, regt Turin sich so auf? Sind die Wissenschafter etwa nicht objektiv?

Ich bestreite nicht die Richtigkeit von Rastogis Forschungsergebnissen, obwohl ihre Lektüre zu Hirnlähmungen führt. Aber denken Sie mal nach: Sie entdecken bei einer Parfumingredienz ein klitzekleines Problem. Tolles Ergebnis. Sie können abends Ihrer Familie davon erzählen. Aber wenn die EU-Kommission den Stoff verbietet, dann werden Sie über Nacht zu dem Mann, der die Welt vor den grauenhaften Entstellungen durch Eichenmoos gerettet hat. Denn in der Umweltforschung gibt es, wie im Boulevardjournalismus, keine Story, solange das Flugzeug noch nicht vom Himmel gestürzt ist.

Man gewinnt den Eindruck, als sollten Düfte demnächst nicht mehr von Parfumeuren, sondern von einem Expertengremium der EU komponiert werden. Was tun? Es ist vollkommen sinnlos, die Logik der EU in Frage zu stellen, und zwar aus folgendem Grund: Parfum hat keinen nachweisbaren Nutzen ausser Schönheit. Schönheit kann nicht von Umweltchemikern gemessen werden, sie kann, wie man fairerweise zugeben muss, überhaupt nicht gemessen werden. Im Fall von Arzneimitteln wägt man die positiven gegen die negativen Wirkungen ab und nennt die negativen «Nebenwirkungen». Aber wo es keinen nachweisbaren Nutzen gibt, muss jedes Risiko unannehmbar hoch erscheinen – als ob man eine Zahl durch null teilen würde: Es kommt immer unendlich dabei heraus.

Natürlich muss die Zusammensetzung von Hautcrèmes und Shampoos geändert werden, aber Parfums im engeren Sinn sind etwas anderes. Für sie gibt es nur eine, wunderbar einfache Lösung: Die Firma Guerlain, die durch diese Gesetzesänderungen am meisten zu verlieren hat, müsste die Federführung übernehmen und, erstens, Mitsouko in seiner alten Pracht wiederherstellen (es ist witzlos, weiter daran herumzudoktern) und, zweitens, einen kleinen Hinweis auf das Flacon kleben: Nicht auf die Haut sprühen!

Luca Turin ist Forschungsleiter bei Flexitral Inc.; er lebt in London.



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