ER HAT FAST ALLES fast überall gebaut. Er kann nicht anders. Freundlich, im äusseren Habitus von fernöstlicher Gelassenheit, bebt der Mann vor Rastlosigkeit. «Ich will mich ja nicht mit ihm vergleichen», sagt Mario Botta in seinem sechzigsten Jahr, «aber je älter ich werde, desto besser verstehe ich die Arbeitswut von Picasso. Ohne die Quantität gibt es nicht die Qualität von Picasso.»
Er baute in Basel das Tinguely-Museum, in San Francisco das Museum of Modern Art, in Neuenburg das Centre Dürrenmatt, in Tel Aviv die Cymbalista-Synagoge; in China baute er, in Korea, in Japan und Haiderabad. Aber zu Hause ist er im Sottoceneri, er arbeitet in Lugano, lebt und lehrt im Mendrisiotto.
Das Altersheim in Novazzano ist so angelegt, dass die Achse des offenen Halbrunds auf das gegenüberliegende Morbio Superiore zielt, seinen Wohnort. In seiner Schaffenswut gibt es ein erotisches Moment, seine Arbeit ist auch der Versuch, den Tod zu überwinden. Das weiss er, und auch, dass es unmöglich ist. Seine Bauten werden ihn überleben. Aber wie lange?
Nur aus der kritischen Wahrnehmung des Lokalen kämen die Massstäbe, die zur Erkenntnis des Ganzen unerlässlich seien. «Jeder von uns wächst im Lokalen auf. Es gefällt mir, die Welt durch die Augen eines Bauern zu betrachten, durch die Augen eines Handwerkers, eines Kindes. Ich glaube, dass hinter dem Raster einer lokalen Kultur das Universale überhaupt erst sichtbar wird. Von meinen Grosseltern kenne ich, anders als meine Kinder, noch eine Kultur, die nicht so weit vom Mittelalter weg war: die Rhythmen der Liebe, der Gefühle, der Arbeit.»
Die lokale Zeit. In Bottas Studio klingelt das Telefon zur Mittagsstunde pausenlos: Anrufe aus Fernost, wo es längst schon wieder Nacht ist, von der Westküste, wo es noch lange nicht Morgen ist.
Im Mendrisiotto hat Botta seit seiner Kindheit die Berge im Rücken und vor Augen die Lombardei, und über der Ebene liegt ein Licht, welches das Meer verspricht. Das Meer ist das Ziel der Landschaft, sagt er. Daran haben auch die Reben teil. Jetzt hat er nahe dem toscanischen Suvereto in Sicht-distanz zum Meer erstmals eine Cantina gebaut, das Weingut Petra: stemmte für den Bauindustriellen und Weinmacher Vittorio Moretti aus Brescia und dessen Tochter Francesca eine «Kathedrale des Weins» in die sanften maremmanischen Hügel. Ein Zeichen, ein Totem, ein Monument für Mutter Erde. Etwas Sakrales geht ja von seiner Architektur allemal aus. Sind seine Banken nicht oft genug eine Art ägyptisch-nekropolitane Architektur? Botta lacht. Das, meint er, wäre zumindest nicht ohne Ironie.
Auf den von zwei flachen Querflügeln symmetrisch flankierten, in den Hang gesetzten, mit Oliven bepflanzten abgeschrägten Zylinder – in dessen Bauch steckt eine Hightech-Kellerei – führt eine hundertstufige Treppe wie zu einem aztekischen Opferaltar. Verschämte Gesten sind Bottas Sache nicht. «Wenn die Vegetation in drei Jahren nachgerückt ist, ist das Zeichen immer noch stark, aber, denke ich, doch nicht arrogant. Die Architektur darf vor starken Zeichen nicht zurückschrecken.»
Im Übrigen ist ein Rebberg nie Natur pur, sondern gelesene, gestaltete, humanisierte Natur, die Rebzeilen sind ein geometrisches Mass, gegen die organischen Wellen der Hügel gesetzt wie in der Musik der Takt gegen die Melodie. Bottas Zeichen soll die Landschaft nicht verletzen, sondern sichtbar machen. Wie eine gut gebaute Brücke das Tal. «Agrikultur, der Name sagt es, ist Kultur. Eine, die es lange vor der Architektur gab.»
Wein war für Botta von Kind auf eine Selbstverständlichkeit, so sehr, dass er sich auch heute nicht als Kenner bezeichnen will. Die Reben prägten die Landschaft des Mendrisiotto. Wein war Teil des Alltags, getrunken nicht so sehr aus hedonistischen Gründen, sondern weil er den Leuten das Leben etwas leichter machte. Das ist heute, zum Teil, anders.
Natürlich hat sein Bau in der Maremma eine repräsentative Funktion. Als Zeichen eines Trends, der das Schwergewicht vom Rebberg in den Keller verlagert und im Wein mehr das Kunstwerk des Winemakers als ein Naturprodukt sieht, will er ihn jedoch nicht sehen.
Er hofft, dass das Weingut Petra auch bei Vollproduktion (dereinst immerhin etwa 800 000 Flaschen) an Weinen festhält, die ihm selbst gefallen. Am Gegenteil des globalisierten Einerleis von konzentrierten, holzlastigen, süssen, fruchtigen Auswechselbarkeiten. An Weinen, denen man anmerkt, woher sie stammen. Der Petra Rosso 2000, ein work in progress aus Cabernet und Merlot, eine schon fast zu harmonische Assemblage, stimmt ihn zuversichtlich.
«Jeder von uns reift im Naheliegenden», sagt der global-lokale doppelte Botta. «Und ich kehre immer dahin zurück.» Nicht zu seinen Bauten, wohlverstanden. Sind die vollendet, interessieren sie ihn nicht mehr. Er will entwerfen, kreieren. Für Wiederbesichtigung abgelegter Häute bleibt da keine Zeit.