ZAHNARZT, BÄCKER, Müllmann, das sind eigentliche Berufe. Ohne Medienzirkus hält man es zur Not ein paar Tage aus.
Trotzdem wissen wir nichts über die Stilformen der Müllabfuhr und die Machtverhältnisse in Bäckereien, auch die Arbeitsbedingungen in Zahnpraxen kennt man nur aus der Froschperspektive, während Sein und Schein der Medienarbeit ganze Regalstrecken belegen. Immer wieder neu entdeckt und doch nicht zu fassen: der Journalist - ein Yeti des Flachlands?
Kaum hat er eine kybernetische Gestalt angenommen, schon schicken ihm die Universitätsinstitute ihre Fragebögen. Seine nicht minder schillernden Kollegen in der Programmierabteilung bleiben unbedacht.
Fragt man die Suchmaschine, was den Online-Journalisten so anziehend macht, was er ist, lautet die Antwort: «Ein multiinteressierter Mensch mit ausgeprägter Selektionsfähigkeit und einer ganz neuen Denke.» Was muss man tun, um zu sein wie er? «Schneller recherchieren, schneller denken, schneller publizieren.»
Mit genialen Selbstreferenzen hält er sein autopoetisches System in Schwung. Deshalb bringt kaum jemand die Kraft auf, einen 24/7-Nachrichtenservice als 08/15-Dienstleistung rund um die Uhr zu sehen, oder Dreizeiler für das WAP-Handy als Dreizeiler für das WAP-Handy. Information ist ein Ereignis, das sich selbst verkündet.
Besonders deutlich sieht man das bei NakedNews. Das ist ein Angebot, das jeder anständige User nur zufällig gesehen hat. Die Nachrichten schauen dort rosiger aus, weil sich die Moderatorinnen bei ihrer Verlesung ausziehen.
Die Form der Präsentation harmoniert nicht mit jedem Thema, doch die Folgen der globalen Erwärmung findet man nirgendwo reizvoller dargestellt.
Da offenbart sich mitten im Tabubruch eine wichtige, wenn nicht die wichtigste Funktion von Journalismus überhaupt: zu beweisen, dass die Welt trotz allem noch steht. Wer das fertigbringt, hat sich ein wenig Mythos verdient.