NZZ Folio 02/94 - Thema: Städte   Inhaltsverzeichnis

Das Wasserwunder

Eine New Yorker Erfolgsgeschichte.

Von David D'Arcy

DIE KALIFORNISCHE AUTORIN JOAN DIDION bemerkte einmal, dass «einige von uns, die in wasserarmen Gegenden leben, mit einer Ehrerbietung über Wasser reden, die anderen vielleicht übertrieben vorkommt.» Diese Ehrerbietung zeigt sich bei Didion so, dass sie sich genau vergegenwärtigt, wie das Wasser durch die Mojave-wüste seinen Weg nimmt bis in das Glas, das sie in Malibu am Pazifik unter den Hahnen hält. Kein Gedanke könnte der Büroangestellten ferner liegen, die im 55. Stock des Empire State Building das Wasser andreht, um sich die Hände zu waschen; in New York fliesst das Wasser mit einer Zuverlässigkeit, die Telefonlinien und Stromleitungen nicht erreichen. Die Wasserpolitik von Kalifornien kann ohne weiteres Gegenstand einer alltäglichen Unterhaltung sein. In New York betrachtet man Wasser als Selbstverständlichkeit.

Aber eine winzige Zahl von Ingenieuren, Historikern, neugierigen Fans sowie die Angestellten der Umweltbehörde sind in eine erstaunliche Geschichte eingeweiht. Die Wasserversorgung und -aufbereitung von New York City – ein System, das täglich 5,7 Milliarden Liter Wasser zu 9 Millionen Menschen bringt – ist einer der ingenieurtechnischen Triumphe Nordamerikas. Und bei seinen Bemühungen, die Wasserqualität für die nächsten hundert Jahre zu sichern, hat sich New York auf ein Unternehmen eingelassen – rund 100 Kilometer lange neue Tunnelanlagen, die zurzeit gegraben werden –, das den Vergleich mit keinem zivilen Bauprojekt in den USA zu scheuen braucht.

Vom Wasser New York Citys kommt kaum ein Tropfen aus New York City selbst. Es entstammt einem System miteinander verbundener Seen und Reservoirs, das sich 200 Kilometer gegen Norden und Westen erstreckt und während der letzten 150 Jahre errichtet worden ist. Dieses Wasser fliesst weitgehend dank dem natürlichen Gefälle in die fünf Stadtteile New Yorks. Mit einem Druck von ungefähr 2,8 bar gelangt es mindestens bis in den sechsten Stock, ohne dass man zu pumpen braucht; Gebäude wie das Empire State Building haben eigene Pumpen für die höher gelegenen Stockwerke. Zugesetzt werden winzige Mengen von Chlor und Fluor, aber das Wasser wird weder gefiltert noch purifiziert, bevor es die Verbraucher erreicht. «Wir in New York sind gesegnet», sagt Mohan Jethwani, aus Bombay gebürtig und seit dreissig Jahren Ingenieur bei der städtischen Umweltbehörde, dem Department of Environmental Protection (DEP). «Uns helfen Geographie und Geologie: wir sind umgeben von wunderbaren Bergen, und wir haben es geschafft, sie anzuzapfen.»

Aber seinen natürlichen Vorzügen zum Trotz hat man New York nie als eine Stadt betrachtet, die funktioniert: Der Verkehr ist ein ewiges Gewirr; Abfall steht in den Strassen herum; die U-Bahn ist oft nichts anderes als ein gefährlicher, nach Urin stinkender Ort der Kakophonie; und mindestens die Hälfte der Brücken sind so dringend reparaturbedürftig, dass die Stadt selbst sie als unzulänglich einstuft. Manche Säle im Metropolitan Museum of Art sind die halbe Zeit geschlossen, weil nicht genug Geld da ist, um Wachpersonal zu bezahlen. Ein Brief kann zwei Wochen brauchen, um quer durch Manhattan zu reisen. Und Teenager, die kaum lesen oder schreiben können, lassen sich Tricks einfallen, wie sie automatische Waffen am Metalldetektor vorbei in ihre Schule schmuggeln können. Doch als die New Yorker einmal beschlossen hatten, Wasser in ihre Stadt zu bringen, verfolgten sie diesen Vorsatz mit einzigartiger Zielstrebigkeit – und mit einer Zuversicht, über die sich nur wundern kann, wer einmal versucht hat, diese Stadt mit dem Auto zu durchqueren. Das Wasser, das 170 bis 240 Meter tief unter der Stadt fliesst, ist New Yorks Erfolgsgeschichte.

New Yorks Trinkwasser war nicht immer so reichlich. Manhattan ist zwar von Flüssen umgeben, aber das Flusswasser ist salzig. «So gesehen befinden wir uns in einer wasserarmen Umgebung», sagt Sidney Horenstein, Geologe am Amerikanischen Museum für Naturgeschichte. Anfang des 18. Jahrhunderts, als die Siedlung noch jung war, gab es Quellen und Brunnen in Lower Manhattan, wo der Grossteil der Bevölkerung lebte. Aber die Armen der Stadt mussten ihr Wasser am «Collect Pond» holen, einem brackigen Becken, das Regenwasser (und tote Tiere) auffing; es lag dort, wo heute das Gerichtsgebäude der Stadt steht. Nach der amerikanischen Revolution entwarf der Politiker Aaron Burr einen Plan, Wasser durch hölzerne Leitungen unter dem Boden zu den Häusern zu führen. Die Bewilligung dazu erteilte ein Gesetzgeber, dem an der Versorgung mit sauberem Wasser gelegen war. In Wirklichkeit hatte Burr für die Manhattan Company, wie sein Unternehmen hiess, ein anderes Ziel im Kopf – überschüssige Gelder gegen Zins zu verleihen. Sein Unternehmen existiert als The Chase Manhattan Bank heute noch.

Das Bedürfnis der wachsenden Bevölkerung nach Wasser konnte nicht gestillt werden; die öffentliche Gesundheit wurde schlechter, während Aaron Burrs Einkommen wuchs. Seuchen forderten Tausende von Opfern. Das Gelbfieber suchte die Stadt 1795, 1798, 1819 und 1822 heim. Verseuchtes Wasser betrachtet man auch als Ursache für die Choleraepidemie, die 1832 in Lower Manhattan ausbrach, eine zweite Epidemie folgte nur zwei Jahre später. Die wohlhabenderen Familien der Stadt drängten sich in den Strassen, als sie nordwärts nach Greenwich Village flohen, damals ein Weiler, der eine Meile den Hudson aufwärts lag. Die Seuche forderte 3500 Opfer unter der vor allem aus Irland stammenden armen Bevölkerung, die nirgendwohin fliehen konnte. Die Wortführer der Abstinenzlerbewegung beklagten, dass man in den Strassen ständig betrunkene Einwanderer fand. Wasser statt Schnaps sollte getrunken werden, forderten sie, aber Trinkwasser war schwieriger zu finden als Whiskey.

1835 kamen die Regierenden New Yorks schliesslich überein, 5 Millionen Dollar für ein Versorgungssystem zu bewilligen. Man beschloss, den Croton River, etwa 65 Kilometer entfernt im unberührten Northern Westchester County, einzudämmen und einen Aquädukt zu errichten, der das klare Wasser südwärts nach Manhattan bringen sollte. Der Baubeginn war für 1837 geplant. Nicht lange nachdem der Entscheid gefallen war, erlebte New York eine Tragödie, die zeigte, wie notwendig er war. Am 16. Dezember 1835 brach in einem Warenhaus im Stadtteil, wo heute der South Street Seaport liegt, ein Feuer aus. Das spärlich verfügbare Wasser und die Pumpen, die man zum Löschen des Brandes gebraucht hätte, waren zugefroren. Über 600 Gebäude im aufstrebenden Geschäftsviertel der Stadt brannten nieder. Unterlagen, Bargeld, Geschäftsbücher waren zu Asche geworden. Der Schaden war so riesig, dass Historiker in dieser Feuersbrunst zumindest teilweise den Grund für den Finanzkollaps von 1837 sehen, der zum Bankrott vieler Banken im ganzen Land führte.

Als die Croton-Anlage 1842 fertiggestellt war, bekam die Stadt ihr erstes Reservoir, auf dem Gelände des heutigen Hauptsitzes der New York Public Library an der Fifth Avenue. An dieser Stelle war der städtische Armenfriedhof gewesen. Um dem Wasser Platz zu schaffen, mussten Hunderte von Leichen exhumiert und auf Wards Island im Long Island Sound wieder begraben werden. Als man die Hahnen in der Stadt öffnete, feierte New York das grösste Fest seit Lafayettes Rückkehr nach Amerika nach der Revolution. Begeisterte Bürger tanzten während einer ganzen Woche.

Städtische Beamte nahmen an, sie hätten nun eine unerschöpfliche Wasserversorgung aus dem Norden, aber nach zehn Jahren war klar, dass New York den Zugang zu Trinkwasser ausbauen musste, wollte die Stadt die wachsende Bevölkerung versorgen. Nach 1850, als man den Central Park plante, schloss man ein riesiges Reservoir in das Projekt ein. Frederick Law Olmstead, der den Park entwarf, integrierte die grosse Wasserfläche als ästhetisches Element. (1993 wurde das Reservoir vom Versorgungsnetz abgehängt und wird künftig Erholungszwecken dienen.) 1890 wurde ein neuer Aquädukt aus dem Norden in Betrieb genommen. Aber die Stadt wuchs weiter; 1899 wurde Brooklyn, damals die drittgrösste Metropole des Landes, nach einer Abstimmung ein Teil von New York City.

1905 schaute New York nordwärts zu den Catskill Mountains für eine zusätzliche Wasserquelle, und innert zehn Jahren hatte die Stadt die Flüsse dieser Region unter Kontrolle und einen weiteren Aquädukt gebaut. Die Enteignung von Privatbesitz bereitete damals weniger juristische Schwierigkeiten als heute. Neun Catskill- Dörfer wurden überflutet und mehr als 3000 Leute umgesiedelt. 39 Friedhöfe mussten geräumt und mehr als 4000 Leichen neu begraben werden. Ein Historiker merkte dazu an, dass New York in jenen Tagen die Toten besser behandelt habe als die Lebenden – falls diese zufällig in der Gegend einer Wasserscheide lebten.

Die Männer, die das Wassersystem der Stadt bauten, erfuhren dieselbe Gleichgültigkeit. Der Bau von Aquädukten und Tunneln war ein arbeitsintensives Unterfangen, und diese Arbeit wurde grösstenteils von Einwanderern verrichtet. Die Tunnelarbeiter – Sandhogs, Erdschweine, nannte man sie – stammten meist aus Irland und von den englischsprachigen Karibikinseln. Die Todesrate war hoch, so hoch, dass man tödliche Arbeitsunfälle oft verschwieg oder vertuschte, um die Öffentlichkeit nicht aufzuschrecken. Bis heute weiss niemand genau, wie viele von ihnen in Erdrutschen, eingestürzten Gruben oder Flutwellen zu Tode kamen. Ihre Zahl könnte in die Tausende gehen.

Der Tunnel, der das Catskill-Wasser zu stadtnahen Reservoirs brachte, musste den Hudson River in einer Tiefe von 370 Metern unterqueren. Ein Tunnel von 29 Kilometern Länge verbindet ein Reservoir mit 3,5 Milliarden Litern Fassungsvermögen nördlich von New York City mit der Bronx, ganz Manhattan und Brooklyn. Dieser Tunnel mit einem Durchmesser von 5 Metern ist seit 1917 durchgehend in Betrieb. Als die Stadt von der Bronx und Manhattan aus ostwärts wuchs, wurde 1928–36 ein weiterer Tunnel gebaut. 32 Kilometer lang, mit einem Durchmesser von 5,5 Metern, führt er von der Bronx weiter nach Queens und Brooklyn. Noch ehe dieser Tunnel beendet war, nahm New York ein ambitioniertes neues Projekt in Angriff. Ziel war, die Wasservorkommen des Delaware River Valley – der Fluss trennt New York von Pennsylvania – anzuzapfen. Das Wasser aus dem Delaware-System kommt durch den längsten Aquädukt der Welt nach New York, den 170 Kilometer langen Delaware-Aquädukt; es deckt die Hälfte des täglichen Wasserverbrauchs der Stadt.

Ein weiterer Tunnel wurde 1970 begonnen. Wenn er fertiggestellt ist – die projektierten Kosten belaufen sich auf 5 Milliarden Dollar –, wird er eine Länge von 100 Kilometern haben. Er erstreckt sich bereits unter dem East River hindurch von Manhattan nach Queens. Tunnel 3, wie er genannt wird, wurde zum Teil darum nötig, weil beim Bau der vorherigen Tunnel ein Konstruktionsfehler unterlaufen war. Die Ventile, die den Wasserstrom regulieren, wurden überflutet, als sich die Tunnel mit Wasser füllten, und sind seither nicht mehr zugänglich. Dem soll eine neue Ventilkammer abhelfen, die 1994 in Betrieb genommen wird. An der Erdoberfläche, in einem Viertel im Norden der Bronx, ist die Anlage unter einem gewaltigen Hügel kaum auszumachen. Sie wurde auf dem Höhepunkt des kalten Kriegs entworfen, das Kontrollzentrum liegt unter der Erde. Das Grossprojekt wird von den Millionen New Yorkern, denen es zugute kommt, kaum wahrgenommen.

Ins Bewusstsein der Leute drangen die Männer der städtischen Wasserversorgung am 24. November 1993, am Tag vor Thanksgiving, dem amerikanischen Erntedankfest. In einem 170 Meter langen Stollen, der zum Tunnel 3 hinunterführt, riss das Drahtseil einer Winde, Maschinen sausten in die Tiefe und zertrümmerten ein Gerüst, auf dem sich ein Dutzend Tunnelarbeiter aufhielten. Ausser Anthony Oddo überlebten alle den Unfall; den 33jährigen fischte man als verstümmelte Leiche aus dem Wasser, das an der Unfallstelle eingedrungen war. Er war das 19. Opfer, das die Bauarbeiten am Tunnel 3 seit 1970 gefordert haben. Erst nach diesem Unfall wurde vielen New Yorkern bewusst, was da unter ihren Strassen Form annimmt. Die Tunnelarbeiter nennt man immer noch Sandhogs, aber den spöttischen Übernamen von einst tragen sie heute mit Stolz.

Im Hauptquartier der Sandhogs, ein paar Gehminuten von der neuen Ventilkammer entfernt, sagt der Gewerkschaftssekretär Richie Fitzsimmons, dass die Zahl der Tunnelarbeitergewerkschafter auf 700 gefallen sei – weil es immer weniger Tunnelprojekte gebe und weil Arbeiter durch Maschinen ersetzt würden. Der 61jährige Fitzsimmons ist der Sohn eines Sandhog, und auch sein Sohn hat früher Tunnel gegraben. Die meisten Sandhogs sind Söhne und Enkel der Einwanderer aus Irland und der Karibik, die vor mehr als fünfzig Jahren in den Tunnels arbeiteten. Wie Grubenarbeiter leiden Tunnelarbeiter an den Berufskrankheiten jener, die unter Tag arbeiten. Bei Fitzsimmons – wie bei mindestens einem Viertel der Sandhogs – hat man eine Silikose diagnostiziert, eine Staublunge. Häufig ist ebenfalls die Caissonsche Krankheit, eine Druckluftkrankheit, die auch Taucher fürchten.

New York finanziert seine Wassertunnels mit einer Wassergebühr, die knapp einen Dollar pro Kubikmeter beträgt. Allerdings gab es zunächst in kaum einem Wohnhaus einen Wasserzähler. In den letzten zehn Jahren wurden nun Hunderttausende davon installiert. Die Umweltschutzbehörde verfügt über computergesteuerte Ultraschalltechnik, um grössere Lecks aufspüren und reparieren zu können – Tausende von den in Bodennähe verlegten Wasserleitungen sind alt und defekt, 5000 Kilometer Leitungen wurden vor 1930 installiert.

Nicht alle Schlachten um das Wasser, das den Millionen Verbrauchern in New York gebracht wird, sind siegreich geblieben. Im Gebiet des Croton-Reservoirsystems beispielsweise ist die Vorstadt längst in die 1830 noch unberührte Wildnis hinausgewachsen. Aus Gefängnissen und Spitälern fliesst wiederaufbereitetes Abwasser in das Reservoir, aus dem New York City zehn Prozent des Wassers bezieht. Erstmals wird dieses Wasser nun zusätzlich gefiltert werden, sobald die entsprechende Anlage fertiggestellt ist. Auch der Wasserdruck ist unter Druck geraten, besonders im Sommer. Wenn die Temperaturen steigen, werden in New York überall auf den Strassen unbefugt Hydranten geöffnet und in kühlende Springbrunnen umfunktioniert; während die Strassen sich in Bäche verwandeln, sinkt der Druck im Wassersystem. Die Bewohner haben warnende Aufrufe des Bürgermeisters ignoriert, und so hat New York einen Hydranttyp entwickelt, der sich nur magnetisch öffnen lässt – eine teure Sicherheitsmassnahme, hat die Stadt doch 96 000 Hydranten.

Zur Bewahrung der Wasserqualität haben unterdessen die Beamten der Umweltschutzbehörde, der begrenzten Mittel eingedenk, ihre Hoffnungen auf einfache Technologie statt auf ausgeklügelte High-Tech- Purifikation gesetzt. In der Woche vor Weihnachten 1993 wurde eine der Massnahmen der Öffentlichkeit enthüllt. New Yorker, die ihre Zeitung aufschlugen oder den Fernsehapparat anstellten, erblickten das Bild eines Mannes, der wie ein New Yorker Polizist aussah und am Rande des grossen Kensicoreservoirs mit einer Pistole in die Luft schoss. Der Beamte, ein Mitglied der vierzigköpfigen städtischen Wasserpolizei, demonstrierte die neue Taktik der bewaffneten Überredung, «Operation Goosebuster»: Mit Schüssen über das Wasser hofft die Polizei, die kanadischen Gänse und Möwen zu verscheuchen, die sich im Herbst und Winter zu Hunderten um das Reservoir niederlassen. Beamte verjagen die Vögel auch, indem sie mit Tragflügelbooten über das Wasser brausen. Ihr Ziel ist, die Kolibakterien zu reduzieren, die mit dem Vogeldreck ins offene Reservoir gelangen. «Dies ist die wichtigste Quelle in unserem System», erklärte der scheidende Leiter der städtischen Umweltbehörde, Albert Appleton, während er sich über die Reling seines Boots beugte, eine Tasse ins Reservoir tauchte und sich einen kräftigen Schluck des unbehandelten Wassers genehmigte.

Das Geld, das die Behörde einzusparen hofft, könnte mithelfen, ein anderes Low-Tech-Programm zu finanzieren: den Kauf von Wasserscheideland im Norden von New York. Statt das Wasser zu behandeln, das in die Stadt kommt, würden die Beamten lieber eine Schutzzone um die Zuflüsse errichten, die die Reservoirs speisen. Das ist heute viel schwieriger als zu Beginn des Jahrhunderts, als New York City berechtigt war, Bürgern, deren Land gebraucht wurde, dafür nur gerade die Hälfte des geschätzten Werts zu vergüten – und dreissig Tage zu gewähren, es zu verlassen. Jetzt muss die Stadt mit dem geballten Widerstand von seit Generationen ansässigen Bauernfamilien rechnen, die, laut Mohan Jethwani, New York als «bösartiges Gotham betrachten, das aus über hundert Meilen Entfernung versucht, ihr Leben per Fernbedienung zu bestimmen».

Die Trendsetter Manhattans haben sich angewöhnt, Mineralwasser zu trinken. Favoriten sind das italienische San Pellegrino und das französische Evian, zu fünf Dollar die Flasche im Restaurant. New York City jedoch rächte sich bei einer kürzlich durchgeführten Degustation. Im Blindtest prüften Degustatoren aus dem ganzen Land eine Reihe von Wassern und reservierten das höchste Lob für ein Getränk, das meilenweit durch Tunnels tief unter dem Boden und schliesslich aus einem gewöhnlichen New Yorker Wasserhahn geflossen war.

David D’Arcy ist Korrespondent des National Public Radio und Mitarbeiter von «The Economist» und «Vanity Fair»; er lebt in New York.


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