NZZ Folio 10/07 - Thema: Auto der Zukunft   Inhaltsverzeichnis

Das Experiment -- Alles nur Show

© Harold Sigall, University of M...
Die Versuchspersonen durften nicht wissen, dass diese Apparatur nicht funktionierte. Linktext
1967 fand der Psychologe Harold Sigall eine Methode, Versuchspersonen vom Lügen abzuhalten – indem er selber zu einer faustdicken Lüge griff.

Von Reto U. Schneider

Die Apparatur, der sechzig Versuchspersonen im Frühling 1967 gegenüberstanden, war beeindruckend. Vier grosse Gehäuse standen in der Ecke des Tisches, je zwei übereinandergestapelt. Auf ihrer Vorderseite konnte man verwirrende Schaltdiagramme erkennen und Dutzende von Buchsen, von denen Kabel kreuz und quer zu den anderen Geräten auf dem Tisch führten: einem Tonband, einem Voltmeter und einer schwarzen Kiste, aus der ein Steuerrad ragte. «Es sah aus wie die Horrorfilmversion eines Computers», beschreibt es Harold Sigall heute.

Sigall ist Professor für Psychologie an der Universität von Maryland. Damals forschte er an der Universität von Rochester in der Nähe von New York. Der Elektromyograph – so hiess sein Gerät, das vorgeblich geringe Muskelaktivität messen konnte – hatte eine erstaunliche Eigenschaft, von der die Versuchspersonen allerdings nichts wissen durften: Er funktionierte nicht! Was da in einem Kellerraum der Universität stand, war nichts als ein Haufen Elektroschrott, den Sigalls Kollege Richard Page in der Physikabteilung zusammengesucht hatte. Doch für das bahnbrechende Experiment, das Sigall im Sinn hatte, kam es darauf nicht an. Das Einzige, was dabei zählte, war, dass die Versuchspersonen glaubten, es funktioniere.

Seit es die Psychologie als Wissenschaft gibt, träumen Forscher davon, den Leuten direkt in die Seele zu schauen. Doch weil Menschen ihr Herz nicht auf der Zunge tragen, kann man nur über Umwege auf ihr Innenleben schliessen – zum Beispiel, indem man Fragen stellt: Was denken Sie jetzt gerade? Was fühlen Sie? Was würden Sie tun, wenn dieses oder jenes geschähe? Eine Möglichkeit, herauszufinden, ob die Leute dabei die Wahrheit sagen, gibt es nicht.

Sigall, Page und Edward E. Jones, der dritte am Experiment beteiligte Psychologe, glaubten, den direkten Draht ins ­Innerste des Menschen gefunden zu haben. Weil ihr Verfahren nicht ohne eine kleine Lüge auskam, nannte Jones es «Bogus Pipeline» (etwa «erschwindelter Zugang»).

Bei Psychologieexperimenten wurde damals viel geschwindelt. Und eine Art solcher Experimente brachte Jones und Sigall auf die entscheidende Idee. Es ­waren Experimente, bei denen die Versuchspersonen falsche Rückmeldungen über ihre Körperfunktionen erhielten. Ein Forscher zeigte Männern zum Beispiel zehn Fotos von halbnackten Frauen und machte dabei ihren Herzschlag über einen Lautsprecher hörbar. Das glaubten die Männer zumindest. In Wirklichkeit wurde ein Band mit aufgezeichneten Herzschlägen abgespielt. Bei fünf Bildern hörten die Männer, wie sich ihr Puls vermeintlich stark erhöhte. Als sie danach nach der Attraktivität der Frauen befragt wurden, schwangen diese fünf obenaus. Offenbar liessen sich die Männer vom falschen Feedback stark beeinflussen.

Niemand will als Lügner dastehen

Sigall und Jones spannen diesen Gedanken weiter: Wenn sie eine Versuchsperson glauben machen konnten, dass eine Maschine imstande sei, jede ihrer Antworten vorauszusagen, würde das ihr Verhalten beeinflussen? Sigall glaubte: Ja. «Sie würden es nicht wagen, zu lügen, denn niemand will von einer Maschine als Lügner entlarvt werden.»

Also liess er Page eine eindrucksvolle, aber funktionslose Maschine bauen und überlegte sich, wie er die Leute damit hinters Licht führen konnte. Sicher war: Um das Vorgehen zu testen, musste er Fragen stellen, die es den Leuten schwer machten, ehrlich zu sein.

Ende der 1960er Jahre zeigten Fragebogenuntersuchungen, dass die Einstellung weisser Amerikaner gegenüber den Schwarzen über die Jahre positiver geworden war. Sigall vermutete, dass viele der Befragten nicht wirklich weniger Vorurteile hatten.

Sigall und Page liessen also sechzig weisse Studenten einen Fragebogen zu den Charaktereigenschaften von weissen und schwarzen Amerikanern ausfüllen. Für 22 Eigenschaften – von musikalisch bis faul – mussten sie auf einer Skala von –3 bis +3 einschätzen, wie stark sie auf die jeweilige Gruppe zutraf. Bei der Hälfte der Versuchsteilnehmer kam der Elektromyograph zum Einsatz. Sigall befestigte Elektroden an den Unterarmen der Versuchsteilnehmer und erklärte ihnen, der Elektromyograph sei in der Lage, die jeweilige Antwort (–3 bis +3) aus den unwillkürlichen Muskelbewegungen der Arme zu lesen, wenn sie auf dem Steuerrad lägen.

Darauf demonstrierte er die Genauigkeit des Geräts, indem er den Versuchspersonen ein paar unverfängliche Fragen über Filme, Musik, Sport und Autos stellte. Es waren dieselben Fragen, die die Versuchspersonen zuvor im Vorraum auf einem Fragebogen beantwortet hatten, von dem sie glaubten, niemand habe ihn gesehen – in Wirklichkeit hatte ein Komplize die Antworten unauffällig abgeschrieben. Sigall stellte also die Fragen, und ohne dass die Versuchsperson am Steuerrad drehte, bewegte sich der Zeiger des Voltmeters immer auf jenen Wert, den die Versuchsperson zuvor auf dem Fragebogen angekreuzt hatte.

Das Voltmeter wurde dabei von Page gesteuert, der in einem Nebenraum sass und die kopierten Antworten vor sich hatte. Für die Versuchspersonen machte es den Anschein, als könne das Gerät tatsächlich ihre Antworten voraussagen. Jetzt stellte Sigall die Fragen zu den Charaktereigenschaften der schwarzen und weissen Amerikaner. Er erklärte den Versuchspersonen, dass der Elektromyograph die Antworten wie bei den Testfragen aus den Muskelbewegungen lesen würde. Dann sagte Sigall, er möchte auch erfahren, «in welchem Grad Leute in Verbindung mit ihren Gefühlen stehen». Er deckte die Anzeige ab und forderte die Versuchspersonen auf, bei jeder Frage zu raten, was die Maschine wohl anzeigte. Die Leute mussten also ständig befürchten, von der Maschine entlarvt zu werden, wenn sie nicht die Wahrheit sagten. Die zweite Gruppe wurde nicht an den Elektromyographen angeschlossen und musste nicht damit rechnen, dass ihre wahre Einstellung entdeckt würde.

Wie Sigall vermutet hatte, unterschieden sich die Antworten der beiden Gruppen. Wer am Elektromyo­graphen angeschlossen war, gab seine Vorurteile preis und schätzte schwarze Amerikaner als deutlich fauler, unzuverlässiger, schmutziger und dümmer ein, als wer seine Antworten unüberwacht abgeben konnte.

Am Ende des Experiments eröffnete Sigall den Versuchspersonen, dass der Apparat nicht echt war. Sie waren erstaunt und interessiert, erinnert er sich, behaupteten aber, sie hätten ohne Elektromyograph genau gleich geantwortet.

Wie ein Lügendetektor

Dass die Methode funktionierte, hatte auch damit zu tun, dass jeder Versuchsteilnehmer unschwer die Ähnlichkeit des Elektromyographen mit dem fünfzig Jahre zuvor erfundenen Lügendetekor erkannte. «Unsere Aufgabe wurde uns durch das Wissen der Öffentlichkeit um den Lügendetektor und seinen Einsatz bei Strafuntersuchungen stark erleichtert», schrieb Sigall im «Psychological Bulletin» über die Bogus-Pipeline-Methode. Obwohl es keine wissenschaftlichen Belege für die zuverlässige Funktion des Lügendetektors gab (es gibt sie bis heute nicht), liessen sich viele Leute von der eindrucksvollen Technik und einigen Presseberichten über ihren erfolgreichen Einsatz beeindrucken.

Wie der Wissenschaftshistoriker Ken Alder in seinem Buch «The Lie Detectors» schreibt, beruhten diese Erfolge auf dem gleichen Prinzip wie Sigalls Bogus Pipeline. Wer zum Lügendetektortest antreten musste, befürchtete, enttarnt zu werden, und zog es oft vor, ein Geständnis abzulegen. Als Jones und Sigall die Bogus-Pipeline-Methode entwickelten, war ihnen nicht bewusst, dass der Rektor einer High School in New Jersey schon in den 1930er Jahren Schüler dazu gebracht hatte, vor einer Attrappe eines Lügen­detektors Verfehlungen zuzugeben, und dass auch Polizisten schon ähnlich verfahren waren.

Die Bogus-Pipeline-Methode ist ein eleganter Trick, wie man Leute dazu bringt, ehrlich zu sein. Sie wird in der Forschung dort angewendet, wo vorauszusehen ist, dass es die Leute mit der Wahrheit nicht so genau nehmen: wenn es um Vorurteile geht, um Essgewohnheiten, oder wenn man Männer fragt, wovor sie Angst haben.

Nicht immer muss dazu ein Elektromyograph gebaut werden. Bei einer ­Studie über das Rauchverhalten von Teenagern zeigte man den Versuchsteilnehmern einen Film, der erklärte, wie aus dem Speichel einer Person auf ihren ­Zigarettenkonsum geschlossen werden kann. Bevor sie danach den Fragebogen ausfüllten, mussten sie eine Speichelprobe abgeben. Eine Laboranalyse war darauf nicht mehr nötig.

Besonders oft kommt die Bogus-Pipeline-Methode nicht zum Einsatz. Einerseits, weil sie ziemlich aufwendig ist, ­andererseits, weil sie den Keim ihres ­eigenen Untergangs in sich trägt: Wenn zu viele Leute erfahren, dass alles nur Show ist, wird man niemanden mehr ­finden, der die Lüge glaubt.

Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.



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