Guten Tag, David Gordon, wie geht es Doris heute Morgen?
Ganz gut.
Was bekam sie zum Frühstück?
Heuschrecken, lebendige. Was das Essen angeht, ist Doris ziemlich anspruchsvoll. Aber sonst sind diese grossen Spinnen wirklich nette Tiere. Sehr angenehm zu halten. Doris ist jetzt vierjährig, sie kann gut und gerne zwanzig werden. In der Zoohandlung, in der ich sie kaufte, bekam sie ab und zu ein junges Mäuschen. Das war eine etwas üppige Kost für sie. Doris wurde zu füllig. Es freut mich sehr, dass sie es mittlerweile ganz aufgegeben hat, rotes Fleisch zu essen. Wie viele gesundheitsbewusste andere Lebewesen auch.
Auch Sie?
Ich war einige Jahre Vegetarier. Jetzt esse ich alles, ausser Leber, weil es mich nicht reizt, ein Organ zu verspeisen, das dem Körper als Filter dient. Und ich esse keine Schmarotzer wie zum Beispiel Kopfläuse.
Das leuchtet ein. Etwas schwieriger ist es, sich eine Tarantel mit einer Bein-Spannweite von 16 Zentimetern als entzückendes Haustier vorzustellen. Geschweige denn als Sonntagsbraten.
Es ist auch nicht viel absurder, als Hühnereier oder Hummerschwänze zu essen. Entomophagie, das Essen von Insekten, ist in vielen Gesellschaften auf der ganzen Welt gang und gäbe. Ausser in Europa und in den europäischen Kolonien, wie beispielsweise in den USA.
Wieso nicht bei Ihnen und bei uns?
Darüber habe ich lange nachgedacht. Meine These ist folgende: Wir haben uns zu Agrarkulturen entwickelt, und das meiste, was da so kreucht und fleucht, zerstört unsere Nahrung, unsere Ernten, unser Einkommen. Der verhasste Schädling muss vernichtet werden. Ungeziefer zu essen, wäre ja, wie mit dem Feind ins Bett zu gehen.
Aber der Gesundheit zuträglicher?
Und ob. Die Gliedertiere haben einen Proteingehalt, von dem Steaks nur träumen können. Grillen sind randvoll mit Kalzium, Termiten mit Eisen. Sie sind derart fettarm, dass alle Diäten dagegen einpacken können. Ein Tasse voll Grillen hat 250 Kalorien und sechs Gramm Fett. In vielen Insektenarten findet sich L-Lysin, eine essentielle Aminosäure, die für Wachstum und Immunfunktionen lebenswichtig ist. Besonders Vegetarier leiden oft an einem Defizit, weil diese Aminosäure in bestimmten Getreideproteinen fehlt. Nicht zu vergessen die lange Tradition, die Insekten im Bekämpfen von Krankheiten haben. In der chinesischen Medizin beispielsweise werden getrocknete Tausendfüsser als Mittel gegen Tetanus eingesetzt. Es heisst, sie helfen auch bei der Behandlung von Hepatitis. Ameisen werden als Wundermittel zur Verzögerung des Alterungsprozesses und zur Belebung der sexuellen Potenz gepriesen. Bienengift ist ein anerkanntes Mittel gegen Arthritis.
Sie sind demnach kerngesund?
Ich habe einmal ein Pfund getrocknete Ameisen gekauft. Es hat mich happige 150 Dollar gekostet, aber es sind eine ganze Menge Ameisen. Sie würden gut und gerne ein Kopfkissen füllen und werden sicher bis an mein Lebensende vorhalten. Wissen Sie, eigentlich bin ich 150 Jahre jung und habe 17 Kinder. Im Ernst, ich bin 51, habe eine grosse Familie und keine gesundheitlichen Probleme. Einen Augenblick bitte, jetzt muss ich sofort auf Holz klopfen.
Wie kamen Sie darauf, Insekten zu verzehren?
Von Haus aus bin ich Biologe, wurde dann Journalist und habe begonnen, Bücher zu schreiben. Über so konkurrenzlos wunderbare Tiere wie die majestätischen Wale und die königlichen Adler. Dann fing ich irgendwann an, mit den Kakerlaken zu sympathisieren, und stiess dabei immer wieder auf Hinweise von Insektenforschern, die sich mit dem Thema beschäftigten. Für viele Wissenschafter ist das Essen der Tierchen so etwas wie ein Hobby. Ich habe übrigens auch ein Buch über Schnecken geschrieben und bin jetzt dabei, eins über Austern zu machen.
Und wie kamen Sie auf die Rezepte?
Viele davon sind inspiriert von Gesellschaften, in denen traditionellerweise Insekten gegessen werden. Als da sind die Dayaks im Norden Borneos, die Yanomami in Brasilien, die Pedi in Südafrika oder die Schoschonen bei uns in Wyoming. Einige der Rezepte kommen aus Restaurants, beispielsweise aus Mexiko, einige aus chinesischen Apotheken. Und einige habe ich selber erfunden. Ich koche sehr gerne und war immer am Kochen interessiert. An den 33 Rezepten des Buches habe ich einen Sommer lang gearbeitet.
Pürierte Grashüpfersuppe, Wolfsspinnen-Spinatauflauf, süsssaure Seidenraupen oder Scaloppine von Skorpionen - gut und schön. Aber was ist mit den Desserts?
Haben Sie das Rezept für «Bienenknie», den Kuchen mit Honigbienenlarven und Pollen, gesehen? Es hat schon ein paar süsse Sachen in meinem Kochbuch. Allerdings muss man, einmal ganz allgemein formuliert, sagen, dass die Krabbler eigentlich süss nicht schmecken. Sie eignen sich tatsächlich besser für Salate, Beilagen oder Hauptgänge als für Desserts. Ausser natürlich die Schokolade-Ameisen. Mmh, die Schokolade-Ameisen! Ich bin der Meinung, dass alles, was mit Schokolade ummantelt ist, wundervoll schmeckt. Sie können eine ganze Menge Insekten ganz einfach zubereiten, indem Sie sie im Ofen rösten und mit Schokolade überziehen.
Das hören wir in der Schweiz natürlich gerne. Und wie steht es mit Käse?
Ich muss gestehen, dass ich es noch nie ausprobiert habe. Jedoch habe ich die Erfahrung gemacht, dass Milchprodukte nicht sehr gut mit Insekten harmonieren. Was sicher damit zu tun hat, dass die meisten Rezepte aus Asien und Südamerika stammen oder von dort beeinflusst sind. Und das sind Länder, in denen Milch, Rahm, Käse und Butter kaum eine Rolle spielen.
Lieber Koriander, Knoblauch, Curry und Chili?
Vorsicht mit Würzen! Ich kenne Leute, die erzählen mir begeistert, sie hätten das erste Mal Weinbergschnecken gegessen, es sei köstlich gewesen. Dann frage ich sie, wonach die Schnecken denn geschmeckt haben. Und zur Antwort bekomme ich: nach Knoblauch. Auch Insekten haben ein subtiles, je nach Art leicht nussiges Aroma, erinnern vielleicht auch an den Geschmack von Crevetten. Sie dürfen diese zarten Geschmacksrichtungen auf keinen Fall mit starken Gewürzen zupflastern.
Wie häufig essen Sie Insekten?
Ein- bis zweimal in der Woche.
Seit wann?
Seit etwa fünf Jahren.
Hatten Sie noch nie eine Magenverstimmung?
Doch. Aber wenn Sie jetzt hören wollen, ich hätte ein schlechtes Exemplar erwischt, dann muss ich Sie enttäuschen. Erstens sind nicht alle Insekten essbar. Es gibt da eine gute Faustregel. Alle, die schreiend farbig sind, rot, gelb oder orange, zeigen damit laut und deutlich: Finger weg! Zweitens empfiehlt es sich ohnehin, seine Zutaten nicht hinter dem Kühlschrank aufzusammeln, sondern bei einem zuverlässigen Lieferanten zu bestellen.
Lebendig?
Das kommt ganz darauf an, wo und was Sie bestellen. Ich musste schmunzeln, als ich einmal sechs Skorpione aus der Wüste von Arizona bestellte, für ungefähr 10 Dollar das Stück. Kein schlechter Preis übrigens für die grösste Skorpionenart der Neuen Welt. Sie kamen in einem Paket, auf dem gross und deutlich gedruckt war «Wirbellose Tiere, lebendig, harmlos». Vermutlich stand das dort, um den Briefträger zu beruhigen.
Auch Briefträger müssen offenbar lernen, dass Hunde nicht mehr die grösste Bedrohung ihres Berufsstandes sind. Verspeisten Sie die Tierchen lebendigen Leibes?
Ich halte gar nichts davon, Insekten roh zu vertilgen. Selbstverständlich habe ich es, während ich an meinem Kochbuch arbeitete, ausprobiert, um herauszufinden, ob ein geschmacklicher Unterschied zwischen frischen und tiefgefrorenen Insekten besteht. Er ist verschwindend gering. Und deshalb bin ich der Meinung, dass die Insekten zuerst würdevoll sterben sollten, bevor wir sie kochen.
Zurück zur Verdauung. Was löste denn nun Ihre Magenverstimmung aus?
Es geschah anlässlich eines Besuches einer Gruppe von japanischen Journalisten, die als Gastgeschenk Heuschrecken an Teriyakisauce mitbrachten. Eine derart delikate Schlemmerei, dass ich am andern Morgen einen etwas schweren Magen hatte und mir eingestehen musste, die eine oder andere Heuschrecke zu viel gegessen zu haben.
Apropos delikate Schlemmerei: Trinken Sie Wein an Ihren Käferfesten?
Ja, gewiss. Als Grundregel empfehle ich immer, sich an die gleichen Weine zu halten, an die man sich bei den meeresbewohnenden Gliederfüsser halten würde, den Krustentieren. Wie gesagt, viele meiner Gerichte erinnern im Geschmack an Hummer oder Krebse. Weissweine, die spritzig und trocken sind, nicht zu viel Körper haben, begleiten Insektenessen sehr gut. Etwa ein Pinot gris oder ein Sauvignon blanc. Und mein Weinhändler weist gerne darauf hin, dass man Champagner nicht vergessen sollte. Zu den robusteren Aromen, wie beispielsweise zu meinen gebratenen Tausendfüssern, passt ein Schluck Sangria hervorragend. Bier ist auch nicht schlecht dazu.
Wie steht es mit Rotwein?
Wenn Rotwein, dann rate ich zu einem Zinfandel oder einem australischen Shiraz. Noch ein letzter Rat: Kaufen Sie in jedem Fall genügend Wein ein. Der Küchenchef, vor allem wenn er in Sachen Insektenkochen ein Anfänger ist, wird es zu schätzen wissen, sich ab und zu einen Schluck genehmigen zu können.
Verraten Sie uns noch Ihr Lieblingsrezept?
Sie wissen ja, ich mag Süsses. Und die «waxworm cookies» gehören zu meinen Favoriten. Das sind Kekse aus Wachsmotten-Larven. Diese etwa anderthalb Zentimeter langen Larven finden Sie in Geschäften, die auf Fischereizubehör spezialisiert sind, auf Angeln, Köder und solche Dinge. Zusammen mit Pistazien und Kokosnuss schmecken sie tierisch gut.
Höhe- und Schlusspunkt in Ihrem «Eat-a-Bug Cookbook» ist das Rezept für die Zubereitung einer Riesen-Vogelspinne, im Bananenblatt im Ofen gebraten. Halten Sie Doris, Ihre Tarantel, etwa als Notvorrat?
Nein, nein! Sie essen Ihre Haustiere auch nicht, oder? Auf einer Farm haben Sie schliesslich auch Tiere, die Sie essen, und Schosstiere. Ausserdem ist Doris als Feinschmeckerin auch meine inoffizielle Testesserin. Ich habe es bis heute übrigens noch nie geschafft, eine Vogelspinne zu braten, weil ich bis jetzt noch keine in die Finger bekommen habe. Davon abgesehen habe ich alle Krabbler, die in meinem Kochbuch vorkommen, mit Genuss gegessen. Zurzeit befinden sich auf meiner «Farm» übrigens ein Dutzend Skorpione, zwei ziemlich grosse Tausendfüsser, etwa dreissig Zentimeter lang, diverse Grillen und Heuschrecken. Ich brauche sie, weil ich morgen in Los Angeles für ein Bankett kochen werde. Meine «bug banquets» sind jeweils schon Monate im Voraus ausgebucht, ich führe eine Warteliste mit Feinschmeckern, die unbedingt daran teilnehmen wollen. Möchten Sie nicht auch einmal kommen?
Gaby Labhart ist Gastrojournalistin und Kolumnistin. Sie lebt in Zürich.