Was bleibt uns vom Silvester? Ein grässlich schmeckender Millenniumssekt, ein paar Notrationen für den Fall der Fälle. Skurrilere Erinnerungsstücke lassen sich im Internet finden. Dort versteigern Frauen ihre Unterwäsche, die sie in der Nacht der Nächte getragen haben. Jahr-2000-Chips aus den Spielkasinos dieser Welt gibt es auch, oder das europäische Markenrecht für den Namen «Y2K Year Two Kilos» für die Warenklassen 9 und 43. Wer will, kann ein Gebot für eine Sattelzugmaschine mit der Aufschrift Power 2000 abgeben oder sich einen Verlobungsring ersteigern, der zum eingravierten Datum offensichtlich nicht das grosse Glück gebracht hat.
Es gibt heute nichts mehr, was auf dem Internet nicht versteigert wird. Online-Auktionen sind das Hobby des kleinen Surfers und die Verkaufsplattform grosser Konzerne. Sie funktionieren in den USA genauso wie in China. Sie breiten sich explosionsartig aus, weil sie gegenüber herkömmlichen Auktionen zwei grosse Vorteile haben: Im Internet lässt sich ein Angebot billig bei einer riesigen Schar potentieller Käufer bekanntgeben, und wenn es zur Auktion kommt, müssen Bieter und Käufer nicht wie bisher zur selben Zeit am selben Ort zusammenkommen. Nach Angaben der Marktforscher von der Meta Group wurden mit Auktionsangeboten im Internet im Jahr 1998 8,5 Milliarden Dollar umgesetzt. 1999 sollen es fast 20 Milliarden gewesen sein, und im Jahre 2004 soll die Schallmauer von 100 Milliarden durchbrochen werden.
Nach einer Untersuchung der Internetmarktforscher Fittkau & Maass kennen zwei Drittel aller deutschsprachigen Surfer Online-Auktionen. Einer von sieben hat schon selbst mitgesteigert oder etwas angeboten. Neben dem Wunsch, ein Schnäppchen zu machen, steht der Unterhaltungswert ganz oben. Bis zu 90 Minuten halten sich die Surfer in einem digitalen Auktionshaus auf, stöbern nach Angeboten oder verfolgen einfach, was an aktuellen Auktionen abläuft. Um etwas zu kaufen, wäre das nicht nötig: Wer einen Artikel im Angebot hat oder an einer Versteigerung beteiligt ist, wird sofort per E-Mail informiert, wenn er überboten wird. Dann kann er eine neue Obergrenze einsetzen, bis zu der die Auktionssoftware automatisch mitsteigert.
Internetauktionen versprechen den perfekten Markt, den die Ökonomen gerne: Es gibt keine Festpreise. Was für eine bestimmte Ware bezahlt wird, richtet sich immer nach Angebot und Nachfrage zum Zeitpunkt der Versteigerung. Wirtschaftswissenschafter finden in Online-Auktionen ein reiches Forschungsfeld, in dem Preis- und Spieltheorie untersucht werden können. Gibt es den gerechten Preis? Welche Faktoren spielen eine Rolle bei der Festsetzung des Mindestgebotes? Über solche Fragen werden bereits Forschungsarbeiten geschrieben. Die Wissenschafter sind sich einig, dass der eigentliche Boom bei den Online-Auktionen erst bevorsteht. Sobald die Auktionssicherheit erfüllt ist, werden alle Güter auktioniert werden, die ein Haltbarkeitsdatum besitzen. Von der Flugreise bis zum Strom kann alles versteigert werden. Die weltweite Vernetzung macht es möglich, dass sogar Informationen mit dem Auktionsmodell verteilt werden. Forscher der Universitäten St. Gallen und Zürich arbeiten an Modellen, wie Firmen oder Einzelpersonen ihr Know-how auktionieren können.
Auktionen haben eine lange Geschichte. Die heutige Form taucht das erste Mal bei den Babyloniern auf. Als offizielle Handelsform führten die Römer die Auktionen als Subhastarium ein, als «Verkauf unter dem Speer». Heimgekehrte römische Soldaten verkauften auf diese Weise ihre Kriegsbeute an den Meistbietenden. Die Römer gingen so weit, ihren Staat selbst zu verhökern: im Jahre 193 tötete die Leibgarde ihren Kaiser Pertinax und schrieb den Staat zum Verkauf aus. Für günstige 6250 Drachmen pro Prätorianer ersteigerte Didius Julianus das Reich. Er konnte sich jedoch nur zwei Monate lang an seinem Schnäppchen erfreuen, da er von anderen Truppen getötet wurde. Immerhin brachte er es zum Schutzpatron der Auktionatoren. Vom Mittelalter überliefert sind Auktionen der Hanse an ihren Handelsplätzen von Nowgorod bis London. Dort entstanden später die klassischen Auktionshäuser Sotheby's (1744) und Christie's (1766).
Die ersten richtigen Online-Auktionen wurden 1979 in einem Computersystem namens MicroNet abgehalten, das später in Compuserve umgetauft wurde. Wann das Auktionsfieber im Internet einsetzte, ist nicht belegt. Ein frühes Beispiel stammt aus dem Jahre 1993. Damals versteigerte John Perry Barlow per E-Mail einige Besitzstücke der Rockgruppe Grateful Dead, deren Texter er zeitweilig war. Heute existieren nach einer Schätzung der Marktforscher von Agorics etwa 7000 professionell geführte Auktionsplattformen im Internet, zu denen noch einmal 15 000-20 000 Websites kommen, bei denen regional oder thematisch eng begrenzte Auktionen durchgeführt werden.
Der weitaus grösste Teil der Auktionen im Internet sind Geschäfte, die Firmen untereinander tätigen. Am Umsatz gemessen, kommen sie auf einen Anteil von 90 Prozent, wie das Marktforschungsunternehmen Forrester Research ermittelt hat. Unter das B2B-Geschäft (Business to Business) fallen entgegen landläufigen Vorstellungen nicht nur Konkurswaren vom Schlage des Containers voller Zahnbürsten, sondern auch ganz normale Lieferungen. B2B-Geschäfte passen hervorragend zum Just-in-time-Konzept grosser Firmen. Jeden Morgen um 8 Uhr 30 startet zum Beispiel Ford Motors in den USA eine Auktion im Netz. Da werden 250 000 Spezialschrauben ausgeschrieben oder auch eine Früchtelieferung für die Kantinen in Detroit. Bis um 10 Uhr können die Anbieter ihre Gebote abgeben, um 10 Uhr 05 erfolgt der Zuschlag durch den Computer. Geliefert wird häufig am gleichen Tag.
Mit kleinerer Münze, dafür aber mit Masse geht es im C2C-Geschäft (Consumer to Consumer) zur Sache, wo Private an Private versteigern: auf dem interaktiven Flohmarkt der Zukunft, der die Kleinanzeigen der Tageszeitungen ersetzen wird. Bis zu 200 000 Gebote werden beim C2C-Spezialisten eBay in den USA stündlich auktioniert. Der deutschsprachige Bereich von eBay (vormals Alando) schafft dagegen im Durchschnitt «nur» 120 000 Auktionen pro Tag.
Eine dritte Spielart nennt sich Business to Customer (B2C). Hier wenden sich Firmen direkt an den Endkunden, wenn sie Auslaufmodelle oder Waren mit leichten Fehlern versteigern. Das Ganze erinnert ein bisschen an den Verkauf «ab Fabrik». Wesentlich interessanter ist die umgekehrte Variante, die sich in jüngster Zeit als Auktionsform etabliert hat. Bei diesem Powershopping genannten Modell schliessen sich Käufer zu Bietergemeinschaften zusammen, um über den Mengenrabatt einen Einkaufsvorteil zu erhalten. Ohne Internet waren solche Sammelbestellungen kompliziert zu organisieren, doch online finden sich die Bieter problemlos, selbst wenn sie über die ganze Welt verstreut sind.
Wie bei den anderen Auktionen läuft beim Powershopping die Uhr bis zu einem festgesetzten Gebotsschluss. Eine Waschmaschine, die 1000 Franken kostet, fällt auf 920 Franken, wenn sich drei Bieter zur Abnahme verpflichten, bei zehn Bietern sind es nur noch 650 Franken. Der Teilnehmer an solchen Auktionen muss mit dem Risiko leben, dass sich nicht genügend Surfer einfinden, die den Preis nach unten drücken. Im Dezember 1999 untersuchte das Fachblatt «Online aktuell» die realisierten Preise von Powershopping-Auktionen bei Anbietern wie Primus Online und Accompany und kam zum Ergebnis, dass normale Angebote von Händlern im Internet viel günstiger ausfielen. Trotzdem wehren sich einige Hersteller gegen die Preisdrückerei: Zum «Schutze des Verbrauchers» gaben deutsche Gerichte der Klage des Elektronikmultis Sony statt, dessen Camcorder beim Powershopping empfindlich unter die empfohlenen Listenpreise rutschten.
Was in Deutschland derzeit verboten ist, ist in anderen EU-Staaten erlaubt - die Websites wandern aus. Vom Powershopping abgeleitet, experimentieren Auktionsanbieter wie econia mit dem Verfahren der «holländischen Auktion», das hier «Reverse Auctions» genannt wird. Dabei fällt der Preis einer Ware stündlich um einen festgelegten Betrag. Wer ihn akzeptiert, erhält den Zuschlag: der Kitzel entsteht, weil niemand weiss, wer alles im Internet den fallenden Preis beobachtet.
Immer wieder gibt es aufsehenerregende Auktionen. Mit der Inventarnummer 71 334 270 bot Bill Mitchum aus Cincinnati seine Seele auf eBay zum Verkauf an, «gut erhalten, wenig Sünden». Mit einem Mindestgebot von 1 Dollar akzeptierte das amerikanische Auktionshaus eBay den Deal und veröffentlichte ihn in der Kategorie «religiöse Sammelstücke». Mitchum wurde seine Seele nicht los. Leer gingen auch die Anbieter aus, die ihre eigene Niere, ihr Blut oder gar ein Auge versteigern wollten. eBay sperrte ihre Angebote - jedoch erst, als sie weithin publik geworden waren.
Zu den interessantesten Auktionen gehören Angebote, die auf den ersten Blick wenig spektakulär sind und manchem Zuschauer gar sinnlos erscheinen. Auf der deutschen eBay-Site bot sich ein junger Mann zur Hochzeit an und liess sich von seiner Liebsten ersteigern. Nun hat er es schwarz auf weiss, wie viel er ihr wert ist. Das Paar lebt konsequent: Nach der Hochzeit kam der Brautstrauss unter den virtuellen Hammer. Die Online-Versteigerung entsprach einem lokalen Brauch, der in der Dorfgemeinschaft ausstirbt.
Einigen Leuten gelingt es sogar, übers Internet virtuelle Güter zu verkaufen, die im realen Leben ohne Wert sind. Ultima Online ist ein Online-Rollenspiel, an dem sich etwa 130 000 Spieler in aller Welt beteiligen. Sie bekämpfen einander oder verbünden sich und bilden gemeinsam Heere für einen Feldzug. Wer lange mitspielt, steigt in den Rängen auf, wird wohlhabend und kann über Truppen gebieten. Nicht jeder hat die Zeit und die Geduld dafür. Unlängst erzielte die Auktion eines fortgeschrittenen Ultima-Spielers 4000 Dollar: Ein Spielprofi liess sich für Monate harte Online-Arbeit auszahlen. Dank Online-Auktionen lebt der spielsüchtige Mann nach eigener Auskunft ganz einträglich. Andere gehen nicht so weit und behalten ihre Spieler. Dafür versteigern sie die Golddukaten aus dem Spiel. Für 1000 virtuelle Dukaten gibt es derzeit einen echten Dollar. Für die Käufer des Spielgeldes ist der Kurs eine feine Sache. Sie kaufen die Dukaten, die als Dateien verschickt werden können, en gros und steigen als Millionäre ins Online-Spiel ein, wo sie sich Waffen und Proviant kaufen können.
Andere versteigern ihre reale Arbeitskraft. Nachdem sich das entlassene Entwicklerteam einer Softwarefirma auf eBay komplett an einen neuen Arbeitgeber versteigern liess, haben viele Programmierer das Potential von solchen Auktionen entdeckt. Besonders bei Leuten, die sich mit dem Betriebssystem Linux auskennen, sind Arbeitskraft-Auktionen im Kommen, auch wenn diese Kommerzialisierung von den Linux-Gurus gar nicht gerne gesehen wird: Die Firma Fujitsu, die einen CD-ROM-Treiber für Linux brauchte, liess diesen Arbeitsauftrag versteigern und erzeugte unversehens Konkurrenzkampf und Heimlichtuerei im sonst so offenen Lager der freien Software-Entwickler.
Die Offenheit ist auch ein Problem für die Auktionshäuser, die ganz normale Angebote zulassen. «Im Internet weiss niemand, ob du ein Hund bist.» Die bekannte Internetweisheit hat Konsequenzen. Anfang August verhaftete die amerikanische Polizei zwei Männer, die Diebesgut im Wert von 400 000 Dollar bei eBay USA verhökert hatten. Sie waren auf teure Geräte in Baumärkten spezialisiert, die sie in der Verpackung von billigen Waren durch die Kassen schmuggelten. Die beiden machten die Entdeckung, dass sie die heisse Ware auf Online-Auktionen teurer verkaufen konnten, als sie im Baumarkt angeboten wurde.
Für Schlagzeilen sorgte auch der Fall eines nordrhein-westfälischen Autohändlers. Er hatte über ein Auktionshaus einen fabrikneuen VW Passat Variant mit einem Mindestangebot von 10 DM annonciert. Der 963. Bieter erhielt in der sich anschliessenden Auktion mit 26 350 DM den Zuschlag, weit unter dem Listenpreis von 45 000 DM. Daraufhin weigerte sich der Händler, das Auto auszuliefern. Vor Gericht bekam der Händler recht. Da er dem Auktionshaus keine rechtlich gültige Vollmacht erteilt habe, sei das Angebot im Internet nur als «Aufforderung zur Abgabe von Kaufangeboten» aufzufassen, nicht als Verkaufsverpflichtung im rechtlichen Sinn.
Wenn Firmen miteinander ins Geschäft kommen, fallen unseriöse Angebote schnell auf. Auktionshäuser, bei denen Private verkehren, versuchen sich durch sogenannte Rating-Systeme zu schützen. Dabei bewertet der Käufer, wie schnell ein Anbieter liefert, ob das Produkt fehlerhaft ist und wie einfach die Zahlung abgewickelt wird. Diese Ratings merkt sich die Auktionssoftware und zeigt sie ähnlich den Sternen oder Kochlöffeln eines Gourmetführers jedem an, der ein Gebot machen möchte. Das hat Folgen: Bei einer Liebelei im Cyberspace fragte unlängst eine junge Frau in einem Chatroom einen Mann nach der Seriosität seiner Gefühle. Er verwies stilgerecht auf seine vier Sterne bei eBay, die ihn unter den 65 000 Mitgliedern dieses Auktionshauses als besonders ehrliche Haut auszeichnen.
Der Umgang mit Kundendaten ist allerdings eine delikate Angelegenheit. Grosses Befremden rief dieser Tage der Einstieg des altehrwürdigen Auktionshauses Sotheby's ins Internet hervor. Die Spezialisten für teure Antiquitäten aller Art versteigerten zum Start eine Urkunde der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776. Gleichzeitig versicherten sie in ihrer Presseerklärung, dass als besonderer Service des Hauses die Adresse unterlegener Internetbieter an Anbieter ähnlicher Waren weitergegeben werden, wogegen die Kunden heftig protestierten.
Die Auktionen grosser Firmen spielen sich zumeist in eigens abgesicherten internen Computernetzen ab. Firmen wie Ford nutzen Spezialnetze, damit nichts schiefgeht, wenn sie 15 Container Fussmatten auktionieren. Wenn dagegen Private bei eBay und Ricardo, QXL oder Auktion24 kaufen oder verkaufen, sind sie direkt von der Schnelligkeit und Zuverlässigkeit des normalen Internets abhängig. Jeder mitbietende Surfer muss über den aktuellen Stand der Auktion unterrichtet werden - bei drei Millionen Artikeln, die zum Beispiel das System von Ebay verkraften kann, ergibt das eine hübsche Datenlast. Hinzu kommen die Benachrichtigungen per E-Mail, wenn die Gebotlimiten überschritten werden und das automatische Kaufprogramm abbricht. Mit schöner Regelmässigkeit plagen Serverausfälle die Auktionshäuser. eBay wurde von verärgerten Kunden in Anlehnung an das Ebola-Virus schon einmal in Ebayla umgetauft. Jeder Ausfall kostet Bieter und Verkäufer, aber auch die Betreiber Millionen, wobei das Auktionshaus in erster Linie unter den sinkenden Aktienkursen leidet, die der Panne folgen. So sackte der Kurs der eBay-Aktie nach einer Reihe von Server-Blackouts von 234 Dollar auf 83 Dollar ab.
Immerhin schreibt eBay schwarze Zahlen, anders als viele andere an der Börse hoch bewertete Internetunternehmen: Der Wert der versteigerten Waren und Dienstleistungen betrug im abgelaufenen Quartal 622 Millionen Dollar, wobei eBay mit 3 Prozent an jedem Verkauf beteiligt ist. Die Abhängigkeit vom Netz zeigt sich darin, dass Jeff Jordan, der neue Cheftechniker von eBay, das Doppelte von dem verdient, was seine Chefin einstreicht. Bevor er zu eBay stiess, war er für das Computersystem der amerikanischen Flugsicherheit verantwortlich. Als nicht weniger wichtig qualifiziert er seinen neuen Job in einer Erklärung, die zur Versteigerung des Büstenhalters von Marilyn Monroe (11 000 Dollar) veröffentlicht wurde: «Was wir entwickeln, ist nicht einfach eine Handelsplattform für Sammlerstücke vom Schlage des Monroe-BH. Wir arbeiten am digitalen Nervensystem der neuen Gesellschaft, in der jeglicher Handel als Auktion über das Internet abläuft.»
Detlef Borchers ist Computerjournalist und lebt in Westerkappeln, Nordrhein-Westfalen.