NZZ Folio 01/07 - Thema: Schmerz   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Bewegung im Untergrund

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Unter Tag: Der Grottenolm, ein aalförmiger Schwanzlurch, wird 30 Zentimeter lang. Linktext
Tief unter der Erde, in Höhlen und Flüssen, die kein Lichtstrahl erreicht, leben exotische Wesen – blind und bleich – in einer ungestörten Parallelwelt. Hausbesuch beim Grottenolm.

Von Herbert Cerutti

Wer von der hellen Erdoberfläche in eine Höhle steigt, findet seltsames Leben. Im Eingangsbereich ist es dämmrig und feucht. Dort spriessen Algen, Moose und Farne; in der Luft schwirren Insekten und Fledermäuse. Solche Flora und Fauna sind Höhlengäste, die zwar auch anderswo existieren können, die Höhle jedoch als günstigen Lebensraum schätzen.

So finden Fledermäuse hier am Tag einen geschützten Ruheraum und in der kalten Jahreszeit den idealen Ort für den Winterschlaf. Den frostgeschützten Höhleneingang wissen im Winter auch Vögel und Schmetterlinge zu nutzen. Schon der Höhlenbär sowie unsere frühen Vorfahren verkrochen sich in den Eiszeiten im Bauch der Erde.

Tief im Innern der Höhle, wo kein Lichtstrahl je eindringt, scheint Leben nicht mehr möglich. Trotzdem haben im Laufe der Jahrmillionen einige Tierarten diese extreme Umgebung als Lebensraum erobert. Solche Troglobionten sind echte Höhlentiere. Sie haben ihren Körper dem Höhlenleben angepasst und könnten nicht mehr im Sonnenlicht der hellen Natur leben.

Der Grottenolm ist in den unterirdischen Flüssen der Höhlensysteme im dinarischen Karst von Slowenien bis Montenegro daheim. Seine oberirdischen Vorfahren lebten zusammen mit den Dinosauriern in den Sümpfen Nordeuropas. Als vor 65 Millionen Jahren vermutlich eine kosmische Katastrophe zahlreiche Tierarten auslöschte, zogen sich die Vorfahren der Grottenolme in den schützenden Untergrund zurück. Die Eiszeiten drängten die Tiere schliesslich nach Süden, wo sie in den Karsthöhlen des adriatischen Küstenlands eine Zufluchtsstätte fanden.

Der 20 bis 30 Zentimeter lange, aalförmige Schwanzlurch ist blind, und durch seine rosaweisse, zarte Haut schimmern die Blutgefässe. Zwar hat der frisch geschlüpfte Grottenolm als Relikte seiner oberirdischen Vergangenheit noch Hautpigmente und winzige Augen. Nach einem halben Jahr ist die Körperfarbe aber verschwunden, und die verkümmerten Reste der Augen sind nur noch als dunkle Punkte unter der Haut erkennbar.

Braucht der Grottenolm im feuchten Dunkeln weder Augen noch eine dicke Haut, hat er doch seine speziellen Sinne entwickelt. Um sich zu orientieren, verfügt der Grottenolm über einen hervorragenden Tastsinn. Zudem hat er wie die Fische Seitenlinienorgane, die kleinste Veränderungen der Wasserströmung registrieren.

In wasserreichen Höhlen leben auch Fische. Bis heute sind über 35 Höhlenfischarten bekannt, die alle von oberirdischen Fischen abstammen und wie der Grottenolm im Dunkeln bleich und blind wurden. Die Höhlentiere sind allesamt Hungerkünstler. Denn ohne Licht gibt es auch keine Photosynthese und somit keine pflanzliche Primärproduktion.

Organische Stoffe müssen von aussen in die Höhle gelangen, sei dies durch den Luftzug, der Bakterien, Pilzsporen und Blütenstaub bis weit ins Innere trägt, oder durch das von der Oberfläche her einsickernde Karstwasser, das Humuspartikeln und Plankton in die Tiefe schwemmt. Ein solches Nahrungsangebot ist jedoch karg und zufällig. Nur selten kommt ein rechter Bissen, etwa ein kleiner Höhlenkrebs oder ein verirrter Käfer, auf die Speisekarte.

Die Höhlentiere haben gelernt, mit einem Minimum an Nahrung auszukommen. Um Energie zu sparen, bewegen sie sich langsam. Und die der Höhlentemperatur von knapp 10 Grad angepasste Körpertemperatur ist ebenfalls ökonomisch. Der reduzierte Stoffwechsel hat ein Leben in Zeitlupe zur Folge. So erreicht der Grottenolm erst mit 12 Jahren die Geschlechtsreife, und er soll weit über 50 Jahre alt werden – das Vielfache der Lebenserwartung oberirdischer Lurche.

Weltweit sind rund 10 Prozent der Höhlen erforscht. Deshalb dürfte auch erst ein kleiner Teil aller Höhlentiere entdeckt worden sein. Ein Biologenteam hat unlängst drei Jahre lang 30 Höhlen in der Sierra Nevada untersucht. Dabei wurden 27 neue Tierarten entdeckt, darunter so exotische Wesen wie eine fluoreszierende orangefarbene Spinne, eine Bohrassel, deren gelbe Leber man unter der durchsichtigen Haut sehen kann, sowie ein Weberknecht mit Fangkiefern, die grösser sind als der restliche Körper.

Der biologische Schatz im Bauch der Erde ist jedoch äusserst fragil. Da die einzelne Höhle wie eine Insel im Ozean von der übrigen Welt isoliert ist, gibt es von den einzelnen Höhlentierarten oft nur wenige Individuen. Wird dann eine Höhle touristisch erschlossen und durch Licht, Wärme und fremde Stoffe gestört, kann dies für eine jahrmillionenalte Fauna das Ende sein.

Herbert Cerutti ist Wissenschaftsjournalist und lebt in Wolfhausen.

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