NZZ Folio 01/06 - Thema: Statistik   Inhaltsverzeichnis

Sportmärchen -- Die Angst

© Markus Roost
Linktext
Von Richard Reich

Es war einmal ein Skispringer, der war der grösste und furchtloseste Skispringer aller Schanzen, Zeiten und Welten. Wie viele andere grosse und furchtlose Skispringer stammte er aus dem hohen Norden, aus den Ebenen Finnlands. Dort hatte er unter der Anleitung seines Vaters, eines Kraftfahrers, das Krabbeln, das Kriechen, das Gehen, Hüpfen und Springen, das Skispringen, das Skifliegen und schliesslich das Siegen gelernt; die Mutter war irgendwann verschwunden. Mit sieben Jahren war der Junge vierzehn Meter gesprungen. Mit vierzehn Jahren sprang er vierzig Meter, mit fünfzehn sprang er hundert. Er sprang und gewann ohne viel Aufhebens und ohne viel Worte. «So ein kleiner Schelm», sagten die Leute lächelnd und klopften dem stummen Jungen auf die Schulter.

Eines Tages aber stiess der junge, furchtlose Skispringer plötzlich an Grenzen. Die sanften Hügel der Heimat waren seinen Sprüngen nicht mehr gewachsen, die Hänge waren nicht mehr steil, die Schluchten nicht mehr tief, die Gegner nicht mehr gut genug. Jeder Anlauf wurde ihm zu kurz, jeder Schanzentisch zu flach, jeder Auslauf war jetzt zu knapp bemessen. Was blieb, war der Sprung übers Meer.

Der junge Skispringer stieg in ein Flugzeug und flog nach Süden. Dann flog er nach Westen. Dann flog er in den Fernen Osten. Wo immer er landete, überall sprang er immer noch weiter. Zuerst sprang er einen Schanzenrekord in Engelberg, dann einen solchen in Berchtesgaden, dann einen solchen in Bischofshofen. Er brillierte in Breitenwang und in Nesselwang. Er siegte in Calgary und in Chamonix, in Harrachov und in Hakuba. Er triumphierte in Oberhof und in Oberstdorf, in Vikersund und in Winterberg, in Kuopio und in Kandersteg. Bald redete niemand mehr von seinen Siegen, alle schwärmten von seiner Kunst.

Der junge Skispringer sagte nicht viel zu solchen Dingen. Wenn er auf dem Weg zur Schanze die vielen Menschen antraf, hatte er immer einen Scherz auf den Lippen oder ein Volkslied. Dann lachten die Leute und bemerkten nicht, dass der Schweiss auf seiner Stirn zu Eisperlen erstarrte, dass sein Atem manchmal nach hochprozentigen Wassern roch.

Wenn der Skispringer die Schanzentürme erklomm, konzentrierte er sich darauf, an nichts zu denken. Das war nicht schwierig, denn die Türme ragten so weit in den Himmel, dass die Luft da oben zusehends dünn wurde. Es war bitterkalt, die Winde pfiffen, jeder längere Gedankengang musste einem auf halbem Weg durch den Kopf erfrieren.

Auch die letzten Vorbereitungen vor dem Absprung erledigte der Skispringer mit mechanischer Konsequenz. Wenn die Reihe an ihn kam, setzte er sich auf das Absprungbänklein, wortlos, ausdruckslos, wie ein Angeklagter, der das Urteil schon kennt. «So sind diese Finnen», sagten die Fernsehkommentatoren, wenn die Kamera sein Gesicht einfing, «kühl wie der Nordwind, emotionslos wie ein ausgestopfter Elch.»

Wann hätte das Publikum merken können, dass dieser grosse Skispringer trotz seinen traumwandlerisch sicheren Landungen irgendwann den Bodenkontakt verlor? Woraus hätte sich ersehen lassen, dass er bald Frauen schlagen, mit Messern um sich stechen, im Gefängnis landen würde? Im Grunde ist es ja bekannt, dass grosse Skiflieger jäh vom Himmel fallen. Der eine wird magersüchtig, der andere steckt seine Nase in kokainkristallenen Schnee, ein dritter jagt verzweifelt einer im Formtief versunkenen Vergangenheit nach.

Der grosse Skispringer aus dem hohen Norden aber wurde eines Tages plötzlich von der Angst gepackt. Geschah es in einem kalten Hotelbett? Beim Einchecken am Flughafen? Oder mitten im Sommer in Helsinki, in einem netten Strassencafé? Plötzlich war sie da, diese Angst, und der junge Mann erbleichte. Er schrie auf, schluchzte und begann, blind um sich zu schlagen. Bis zur Besinnungslosigkeit. Bis man ihn in Fesseln abführte. Zum ersten und lange nicht zum letzten Mal.

«Wer bist du?» stammelte er, «wo kommst du her?» – «Ich bin deine Angst», antwortete ihm die Angst. «Ich war schon immer da, aber jetzt habe ich dich endlich eingeholt.»

Am 21. September 2005 wurde der Schanzenspringer Matti Nykänen (42) auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen. 103 Stunden später wurde der vierfache Olympiasieger wegen eines weiteren Gewaltdelikts erneut verhaftet.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.