VOR EINIGEN JAHREN war ich an einem Projekt bei einem indonesischen Bergvolk beteiligt. Ab und zu bezeichneten mich die Einheimischen dort als «Boss». Als eines Tages mein Boss aufkreuzte, wurde ich zum «kleinen Boss» ernannt. Und als schliesslich sein Boss auf der Bildfläche erschien, wurde ich selbst zum «Babyboss». Der oberste Boss war der «zornige Boss». Boss zu sein ist immer eine relative Sache. Da nur wenige Leute oberster Boss sind, muss jeder Boss, der etwas auf sich hält, sein eigenes Revier verteidigen. Wenn Sie Boss sein wollen, brauchen Sie als erstes ein Territorium.
Zum Beispiel ein eigenes Büro: privat, geschützt, von der Aussenwelt abgeriegelt. Nur gewöhnliche Leute müssen in der Promiskuität eines Grossraumbüros dahindarben. Sie haben eine Tür mit einem Namen drauf. Eintreten darf nur, wer geklopft und Ihre Erlaubnis erhalten hat. Im Idealfall verfügen Sie über ein Büro mit Vorzimmer, in dem Ihre Untergebenen sitzen und über Ihre Privatsphäre wachen. Wie in einer Kirche wächst die sakrale Aura mit zunehmender Nähe zum Altar - Ihrem Schreibtisch. Wer auf Status hält, benötigt eine Tür mit zwei Flügeln. Diese können mit dramatischer Geste aufgerissen werden und geben dann den Blick frei auf Ihre Person inmitten ihrer ganzen Herrlichkeit.
Auch Möbel und Einrichtungsgegenstände sind von entscheidender Bedeutung. In jener grauen Vorzeit, als es noch Staatsbetriebe gab, kannte ich einen Mann, der eine Hutablage gestohlen hatte. Von seinem Rang her stand ihm eigentlich keine Hutablage zu, und so hatte er sie aus einem leerstehenden Büro entwendet. Sie stand in erschreckendem Gegensatz zu dem teppichlosen Boden und dem harten Stuhl. Nach und nach wurden diese Unstimmigkeiten von seiner Sekretärin beseitigt. Zuerst kam ein zur Hutablage passender Teppich, dann wurde ein Drehstuhl auf dem Teppich placiert. Und schliesslich kam auch die Beförderung.
Da das Interieur ein Spiegel Ihrer Person ist, müssen Sie entscheiden, was Sie sind. Modernist? Traditionalist? Wenn Sie es richtig anstellen, zeugt die Massivität knorriger antiker Walnussholzmöbel inmitten eines modernen Bürogebäudes von der Nonchalance, mit der Sie Ihre Position ausfüllen. Wenn nicht, dann sieht jeder auf Anhieb, dass Sie auf dem falschen Posten sitzen und sofort gefeuert werden sollten. Auf jeden Fall vermeiden sollten Sie den Fehler eines amerikanischen Werbefachmanns. Er liess sich Anzüge mit dem Muster seiner Bürotapete schneidern. Es dauerte keine Woche, und er war entlassen.
Ein Barschrank besitzt immer eine besondere Ausstrahlung. Sie gehören zu den Leuten, die die Regeln der Gastfreundschaft und die Pflichten des Wüstenbewohners kennen. Aber die Sache ist äusserst heikel. Man könnte auf die Idee kommen, Sie seien ein Säufer. Deshalb dürfen die Flaschen niemals angerührt werden. Dann wäre da noch der Schreibtisch selbst. Gross muss er natürlich sein, keinesfalls aus Plastic oder resopalbeschichtet, obendrauf die üblichen Spielzeuge. Japanische Geschäftsleute besitzen riesige, märchenhaft teure Tintensteine, die für elegante Kalligraphien benutzt werden, von denen ihre Besitzer keine Ahnung haben. Amerikaner haben oft Sportreliquien auf dem Schreibtisch. Hier ist die persönliche Note gestattet, zum Beispiel ein Foto Ihrer Frau und der zwei, drei Kinder sowie des Hundes. Selbstredend verfügen Sie über den üblichen elektronischen Firlefanz, doch das Geheimnis besteht darin, den Eindruck zu erwecken, dass Sie sich gelangweilt davon zurückgezogen haben. Zum Beispiel indem Sie die Tastatur Ihres PC als Briefständer für die handgeprägten Einladungen zum Abendessen mit dem Verwaltungsratspräsidenten verwenden.
An den westafrikanischen Königshöfen gibt es eine Institution, deren Funktion die Europäer nie verstanden haben. Ich meine das Amt des Hofsprechers. Niemand darf den König direkt anreden, und auch er spricht niemals direkt zu seinen Untertanen. Die Kommunikation läuft über den Hofsprecher. Der Hofsprecher ist jedoch kein Übersetzer. Seine Aufgabe besteht nicht darin, die Kommunikation zu erleichtern, sondern sie zu erschweren. Meistens muss er klare und direkte Äusserungen in möglichst vage und umständliche Formen giessen, die von feststehenden Redewendungen und eleganten Floskeln nur so strotzen. Dafür haben Sie eine Sekretärin.
Wenn Sie eine Frau sind, sollten Sie einen jungen, umwerfend attraktiven Sekretär einstellen. Natürlich müssen Sie es vermeiden, tatsächlich mit ihm ins Bett zu gehen. Das wäre zu klischeehaft, und schliesslich sind Sie eine Frau von Phantasie. Aber allein dass die Möglichkeit dazu immer im Raum steht, wirkt sich vorteilhaft auf Ihr Image aus. Ihr Sekretär gehört zu jener Sorte von Angestellten, die ihre Arbeit ganz offensichtlich nicht um des Geldes willen verrichten. Er ist nur da, weil es so unheimlich aufregend ist, mit Ihnen zusammenzuarbeiten.
Experten in Sachen Informationstechnologie preisen gerne das grossartige demokratische Potential der modernen Kommunikationsmedien, die allen Menschen rund um den Globus einen unmittelbaren Zugriff erlauben. Aber alle diese Experten haben ihre Sekretärinnen, mit denen sie die modernen Kommunikationsmedien sabotieren. Die besten Dinge im Leben bekommt man nicht geschenkt, und zu den besten Dingen gehört nun mal das Privileg, mit Ihnen reden zu dürfen. Die Aufgabe der Sekretärin besteht also darin, den Boss vor jedem peinlichen Kontakt mit den Nervensägen, Querulanten und Verrückten dieser Welt zu bewahren. Der PC eines Bosses ist mit elektronischen Filtern ausgerüstet, die automatisch jede unwichtige Mail aussieben und löschen. Ein Boss verfügt selbstverständlich über eine geheime Telefonnummer und über Geräte, die jeden Anruf abfangen, der ihn in seiner mit elektrischen Zäunen gesicherten Privatsphäre stören könnte. Falls Ihre Gewohnheiten es geraten erscheinen lassen, auf die Versuchung eines Barschränkchens im Büro zu verzichten, können Sie Ihre Besucher auch einfach damit zufriedenstellend beeindrucken, dass Sie bei deren Eintreten kurz ein gebieterisches «Ich nehme ab sofort keine Gespräche mehr entgegen» ins Telefon bellen.
Das Handy ist ein weiteres wichtiges Spielzeug. Natürlich brauchen Sie eines, aber es muss deutlich kleiner sein als die Handies aller anderen Leute. Wir bewegen uns hier in einem absolut einzigartigen Bereich der materiellen Kultur, wo - in direktem Gegensatz zum Schreibtisch - die Männlichkeit eines Mannes mit zunehmender Grösse seines Geräts schrumpft. Ihres ist vom eleganten Goldbleistift an Ihrer Agenda praktisch nicht mehr zu unterscheiden. (Dieser ist denn auch der einzige Grund, überhaupt noch eine Agenda mitzuführen.) Ihre Telefonnummer dürfen Sie absolut niemandem verraten. Sie darf keinesfalls auf Ihrer Visitenkarte stehen, auch nicht in der japanischen Übersetzung, deren blumige Schriftzeichen die Rückseite des europäischen Aufdrucks zieren und an denen jeder erkennen soll, dass Ihr Horizont über die kulturellen Beschränktheiten des eigenen Kontinents weit hinausgeht.
Viele Möchtegernbosse organisieren ihren Tagesablauf im Hinblick auf die Frage, an welchem Ort sie ihren Lunch einnehmen: Soll es die marokkanische Brasserie sein oder doch besser die transsilvanische Fischpizzeria? Diese Leute meinen, sie müssten dem letzten Schrei in Sachen Ernährung stets noch um eine Nasenlänge voraus sein. Aber solche Leute sind Versager. Richtige Bosse haben keine Zeit zum Lunch, oder sie benutzen ihn, um ihre Untergebenen durch die Mangel zu drehen, sich beiläufig deren Ideen anzueignen und ihnen die Verantwortung für alle Fehlentscheidungen in die Schuhe zu schieben. Richtige Bosse verabreden sich zu einem Business Breakfast, oder sie halten testosterongeschwängerte Besprechungen im Fitnesscenter ab. Es versteht sich von selbst, dass Sie zum Frühstück höchstens voll asketischer Verachtung an dem knabbern, was unsere moderne Welt zu bieten hat: Vollkornschrot ohne Konservierungs- und Zusatzstoffe, dafür handgeknetet und ofengebräunt.
Wenn Sie der Boss eines europäischen Unternehmens sind, dann haben Sie vermutlich schon lange aufgehört, etwas zu produzieren. Sie beschäftigen sich mit Auslagerung, Gesundschrumpfung und Restrukturierung, das heisst mit reinem statt angewandtem Management, mit Management als Kunst und Selbstzweck. Lassen Sie ein neues Firmensignet entwerfen, damit Sie im gesamten Konzern symbolisch präsent sind. Verfassen Sie eine neue Vision der konzertierten Unternehmensziele, so dass alle anderen erst durch Ihre Worte eine Daseinsberechtigung finden. Da Ihre Bedeutung von der Anzahl Ihrer Untergebenen abhängt, müssen Sie von Anfang an klarstellen, dass Sie der Hohepriester des wahren Managements sind. Rufen Sie eine neue Abteilung zur Effizienzprüfung und Kostendämpfung ins Leben. Dies gibt Ihnen die Möglichkeit, selbst neue Mitarbeiter einzustellen, die dann darüber entscheiden, wer aus Kostengründen gefeuert werden muss. Sie selbst werden bestimmt nicht darunter sein.
In grossen Organisationen müssen Sie auch um schriftliche Präsenz besorgt sein. Lassen Sie Memoranden zirkulieren. Berufen Sie Besprechungen ein, an denen andere ihre Arbeit Ihnen gegenüber rechtfertigen müssen. Falls nichts anliegt, was diskutiert werden müsste, veranlassen Sie eine Generalevaluation der gegenwärtigen Unternehmensaktivitäten. Die damit verbundene Arbeit übernehmen Ihre Sekretärin und Ihre Mitarbeiter. Sorgen Sie für einen konstanten Ausstoss von bunten Tabellen, Graphiken und Diagrammen in hübschen Plastikhüllen.
Der schlagendste Beweis für Ihre Bedeutung als Boss liegt jedoch in Ihrer Ungreifbarkeit. Es ist absolut überlebenswichtig, dass Sie sich nicht nur als Herr des Raumes, sondern auch der Zeit präsentieren. Dauernd sind Sie unterwegs, um die Forderungen der ganzen Welt zu erfüllen, die auf Seminaren und Konferenzen verzweifelt nach Ihren Beiträgen lechzt, und infolgedessen sind Sie immer auf dem Weg zu Ihrem oder von Ihrem leeren Büro. Sie sind viel zu beschäftigt, um an Ihrem Schreibtisch zu sitzen, dort trifft man Sie nur in seltenen und kostbaren Augenblicken. Ihre Bewegungen müssen rätselhaft bleiben. Um dies zu bewerkstelligen, dürfen Sie ruhig ein paar Requisiten benutzen. Wann immer Sie in Ihrem Büro vorbeikommen, lassen Sie einen Hut auf dem Sessel liegen oder einen Mantel oder Regenschirm auf dem Schreibtisch. Lehnen Sie abends eine geöffnete Mappe gegen Ihren PC, aus der zahlreiche Papiere herausquellen. Ihr frühmorgendlicher Besucher wird daraus schliessen, dass er Sie gerade um Haaresbreite verpasst hat.
Falls es irgend jemandem einfallen sollte, sich über Ihre häufige Abwesenheit zu beschweren, ist der Zeitpunkt für Ihren Auftritt als wahrer Boss gekommen. Sie recken Ihr Kinn vor, blicken dem Ketzer durchdringend ins Auge und schnauzen ihn an: «Man bezahlt einen Zuchtbullen nicht nach der Zeit, die er für seinen Job braucht!» Dann fangen Sie an zu kichern.
Nigel Barley, Ethnologe, ist Kustos für Nord- und Westafrika am British Museum; er lebt in London.