Der Spätberufene. Als gelernter Schlosser weiss er mit Werkzeugen umzugehen, und wenn irgendwo in seinem Bekanntenkreis ein Küchengerät oder eine Elektroinstallation den Dienst versagt - Hans Eugster bringt es wieder in Ordnung. Wie etwas funktioniert und wie man etwas, das nicht mehr funktioniert, zum Funktionieren bringt, das interessierte den Appenzeller schon immer.
Heute ist Hans Eugster 77 Jahre alt, und seit kurzem weiss er auch über den Computer Bescheid, ja, ein Leben ohne Computer, sagt er, wäre für ihn heute unvorstellbar. «Der Computer hält mich geistig fit, dank dem Computer vergeht die Zeit im Flug.»
Es war ziemlich genau vor drei Jahren - er hatte gerade für seine Enkelkinder in 200 Stunden Arbeit ein von einem Elektromotor angetriebenes Kugelspiel fertiggestellt -, als er sich entschloss, die ihm bis anhin fremd gebliebene Computerwelt zu entdecken. So kaufte er sich ein Buch mit dem Titel «PC für Einsteiger» - und erntete von seinen Kollegen nur Spott. Zufällig hörte er dann von einem alten Schulkameraden, Professor der Mathematik, der ein Experte in Computersachen sei, und nahm Kontakt mit ihm auf. Während Jahrzehnten hatten sich die beiden nicht mehr gesehen, doch jetzt sassen sie täglich gemeinsam vor dem Bildschirm. «Dank dem Ernst», sagt Hans, «verlor ich meine Angst und fasste den Mut, mir einen Computer anzuschaffen.»
Nur: welchen? Wie üblich fragten die Verkäufer nach dem Verwendungszweck des Geräts. Und Hans Eugster sagte die Wahrheit: «Für nichts. Ich will bloss wissen, wie er funktioniert.» Da schüttelten auch diese bloss die Köpfe, aber schliesslich bekam er doch, was für einen blutigen Anfänger das richtige war.
Im einem der neun Zimmer des Appenzellerhauses wurde der Computer von Ernst, der nun längst zum Freund geworden war, installiert. Hans Eugster erinnert sich noch genau an diesen Tag: «Jetzt ging es los. Einschalten, Disketten einlegen, in aller Seelenruhe führte Ernst die Operationen aus, und ich sass daneben und schwitzte vor Aufregung. Jetzt hatte ich meinen Computer!»
Seither sitzt er praktisch täglich während mehrerer Stunden vor seiner «Maschine». Zunächst ging es darum, die Basisprogramme Works, Word und Excel halbwegs zu beherrschen, dann kamen viele andere Programme dazu wie der SBB-Fahrplan, das Twixtel, verschiedene Routenplaner, Spiele, alles mögliche über Sternkunde und andere Wissensgebiete, die den stets Neugierigen interessieren. Nur auf das Internet will der Appenzeller Computerfreak vorderhand verzichten - «denn davon würde ich wohl süchtig». Auch so hat Hans Eugster aber mit dem Computer «alleweil zu tun». Mehrere tausend Dateien hat er in den letzten Jahren angelegt: eine Kartei aller Diapositive, ein Tagebuch, eine Liste der achtzig Fernsehsender, die er empfängt, und allerlei Persönliches.
Der praktische Nutzen von alldem ist freilich auch Hans Eugster nicht ganz klar. Das Kompiüterle macht ihm ganz einfach Spass, und es stört ihn deshalb keineswegs, wenn er für das Beschriften seiner Ordner, wo er seine Disketten abgelegt hat, zwei Tage pröbeln muss. Dann sitzt er einfach noch ein bisschen länger in seiner Computerstube - wogegen auch seine Frau nichts einzuwenden hat. «Nach 45 Ehejahren ist man froh, wenn jeder seine Beschäftigung hat», sagt Hans Eugster. Und lächelt verschmitzt wie ein Bub. (Andreas Heller)
Die Spielerin. «Ihr solltet eine Hühnerfarm bauen, um eure Untergebenen zu ernähren. Eure Untergebenen sind erbost, weil sie Hunger haben», schnarrt die Computerstimme. Karin Schuhmann, Herrin über die Kerker im Immergrins-Land, tut, wie ihr geheissen. Sie klickt sich durch das dunkle Gewölbe, bis ihre Untergebenen, die sich von Küken ernähren, die gewünschte Hühnerfarm haben. Die Monster - Fliegen und Käfer, Höllenhunde und Teufler - jagen die gackernden Hühnchen und fressen sie. Doch da kommt es zum Kampf: Das Gute in Gestalt eines Helden will die Kerkerbewohner vernichten und ihren Goldschatz holen. Karin Schuhmann nimmt mit der Maus ein paar Höllenhunde und schmeisst sie zur Verstärkung ihrer Truppen ins Getümmel. «Eure Untergebenen haben gesiegt», meldet der Lautsprecher. Wieder hat das Böse eine Zone erobert.
«Dungeon Keeper», das Spiel, in dem das Böse gewinnt, ist eines von vier CD-Rom-Spielen, die die 34jährige Zoologin Karin Schuhmann derzeit am Laufen hat. Zusammen mit Monstern und «Imps», kleinen Affen mit Rucksack und Sonnenbrille, muss sie das Immergrins-Land vernichten. Erst etwa die Hälfte hat sie geschafft. Das liegt daran, dass ihr Rechner zu Hause in Weil am Rhein für «Dungeon Keeper» zu schwach ist. So bleibt sie abends manchmal im Geschäft in Basel, um dort ein paar Stunden weiterzuspielen. Tagsüber kommt sie kaum dazu, die Spiele, die sie für eine Internetzeitschrift testet, richtig auszukosten. Hobby nennt sie ihre Spielleidenschaft. Angefangen hatte es mit einem Atari, den sie für das Biologiestudium kaufte. Dem ersten PC-Game verfiel sie gleich für ein halbes Jahr. So lange verbrachte sie mit ihrem damaligen Freund jeden Abend und jedes Wochenende vor dem Bildschirm. Sie bediente die Maus, die Entscheidungen trafen sie gemeinsam. Bis das Rätsel von «Fate» gelöst war.
Als sie vor fünf Jahren die Universität verliess, fand sich in ihrem Fachgebiet, dem Halbesel, und in der ganzen übrigen Verhaltensforschung keine Stelle. Also liess sie sich in der Computerfirma anstellen, in der sie schon während des Studiums gejobbt hatte. Der Halbesel hat auf dem Bildschirm seinen Platz gefunden.
«Ich lebe vom und mit dem Computer», kann Karin Schuhmann heute sagen. Obwohl sie für eines ihrer Spiele nie etwas Wichtiges vernachlässigen würde, spiele sie mehr, als ihr gut tue, sagt sie. Vor allem auf Kosten des Schlafs. Der Computer hat eben immer Zeit, auch nachts um drei Uhr, und oft verführt er sie.
Bevor sie zu spielen beginnt, stellt sie eine Kanne Tee neben den Bildschirm und ein, zwei Äpfel vielleicht. Dann nimmt sie die Maus zur Hand und klickt «Das schwarze Auge - Schatten über Riva» an oder «Age of Empires», den «Master of Magic» oder «Civilisation 2». Gegen fünfzehn Stunden sind es schon, die sie pro Woche am Computer spielt, die Zeiten im Büro nicht gerechnet. Es gibt Tage, da wechselt sie vom Firmencomputer direkt an den Heimcomputer. Tiefkühlpizza hat sie immer im Haus, die ist schnell gemacht und stillt den ärgsten Hunger.
Nicht alle Spiele gefallen ihr. Solche, in denen geschossen und gemordet wird, Horrorspiele und Games, die nur Geschicklichkeit verlangen, mag sie nicht. Zum Tamagotchi, dem piepsenden Ei, meint sie: Hirnlos. Völlig daneben. Idiotisch. Nichts Intelligentes stecke in dieser Software. Die Spielproduzenten müssen sich schon etwas einfallen lassen, um sie zu begeistern. Je kniffliger, desto lieber. Und knifflig braucht Zeit. In ihren Lieblingsgames muss sie Rätsel lösen und nähert sich so Klick um Klick dem Ziel.
Anderes kommt neben Arbeit und Spiel oft zu kurz. Die Jahreskarte für den Zoo nutzt sie kaum. Karin Schuhmann sagt aber, sie kenne ihre Grenze. Anstatt in den Bildschirm schaut sie ab und zu auch in ein Buch. Fantasy und Science-fiction sind ihr am liebsten. Dieses Jahr will sie ausserdem mit ihrem Freund zusammenziehen. Sein Rechner ist viel leistungsstärker als ihrer. (Jacqueline Schärli)
Der Mann ohne Büro. Sein Pass lautet auf den Namen Roland Gmünder, aber auf seiner Visitenkarte steht Gmuender - im Zeitalter der E-Mail, die Mühe hat mit Umlauten, ist ein «ü» ein Sicherheitsrisiko für einen, der am Lebensnerv der Kommunikationstechnik hängt. Notebook und Natel sind Roland Gmuenders Büro, sein Arbeitsplatz ist dort, wo er sich gerade einloggt. Der Mann nomadisiert zwischen seiner Firma, dem Computerunternehmen Digital, dem Kunden Landis & Gyr, den er weltweit betreut, und seinem Wohnort.
Der Schweizer Sitz der Digital steht in Dübendorf, jener von Landis & Gyr in Zug, und Roland Gmuender ist ein waschechter Luzerner, der nie daran dachte, die Stadt, in der er seine Wurzeln hat, zu verlassen. Bis vor einem Jahr hatte er zwei Büros, eines in seiner Firma und das andere, ein behelfsmässiges Notbüro, bei Landis & Gyr. Dass er heute kein Büro mehr hat, stört ihn nicht. «Nussbaumholziges Schubladendenken war nie meine Sache», sagt er aufgeräumt. Etwa viermal ist er in seiner Firma in ein anderes Büro gezogen, beim erstenmal hatte er neun Kisten gezügelt, beim vorletztenmal noch vier. Und beim letztenmal konnte er nicht mehr mitnehmen, als in ein Schränkchen passt, wie man es von den Umkleidekabinen der Strandbäder her kennt.
Im vergangenen Mai machte die Digital aus ihren 150 Verkaufsmitarbeitern «Mobile Workers». In dem Grossraumbüro, das den Nomaden als Oase dient, gibt es vor allem eines: Steckdosen, über die man das Notebook ans Firmennetzwerk anschliessen kann. Ob auf der einer Bar ähnelnden Ablage über den persönlichen Schliessfächern, ob auf der Theke der Cafeteria - überall kann man sich einstöpseln. Jene, die für ein paar Stunden einen Arbeitsplatz brauchen, belegen eines der Pulte, die im Raum herumgerollt werden können, oder ziehen sich zurück in die abgeschirmte Ruhezone. Da kann es schon vorkommen, dass man einen Kollegen übers Natel anruft, und erst, wenn er abnimmt, merkt man: der sitzt ja nur ein paar Meter hinter einem.
Beim Umzug in das Grossraumbüro wurden 30 Tonnen Papier entsorgt. Der Umgang mit seinen Unterlagen ist für den mobilen Arbeiter eine wichtige logistische Frage: Was habe ich zu Hause, was im Auto, was im Büro? Papierdokumente, die per Notebook auch elektronisch zugänglich sind, wirft er weg, «travel light» lautet seine Devise. Überhaupt ist die Arbeitsorganisation - was mache ich wann wo? - zentral. Wenn Roland Gmuender um 9 Uhr eine Besprechung bei Landis & Gyr hat, beantwortet er vorher zu Hause seine E-Mail und bereitet die Sitzung vor. Nach dem Meeting macht er erste Abklärungen mit Notebook und Natel im Auto. Stehen weitere Termine auf dem Programm, zieht er sich in die Lobby des Park Hotel Zug zurück, das über eine moderne technische Infrastruktur verfügt. Andernfalls überlegt er sich, ob er für die Nachbearbeitung nach Hause fahren oder sich nach Dübendorf aufmachen soll, wo er sich für die Stunden seiner Anwesenheit ein möglichst dichtes Programm zurechtlegt.
«Natürlich arbeite ich mehr als früher», sagt Roland Gmuender, «aber wem geht es nicht so?» Dafür komme die grössere Flexibilität auch seiner Familie zugute. Im Schnitt ist er drei Tage pro Woche beim Kunden, einen Tag zu Hause und einen in der Firma. Die Präsenz beim Kunden ist entscheidend, und vor allem um die zu erhöhen, hat Digital das Konzept der «Mobile Workers» eingeführt. Die Umstellung haben nur drei, vier nicht mitgemacht und die Firma verlassen. «Man muss schon sehr tief in sich hineinhorchen», sagt Roland Gmuender, «wer die Geborgenheit einer Bürostube braucht, für den ist das hier nichts.» Er braucht sie offensichtlich nicht, aber wenn er nach ein, zwei Wochen Ferien zum erstenmal wieder im Grossraumbüro steht, in dem jeder Platz seiner ist und keiner, braucht auch er einen Moment, bis er wieder richtig da ist. (Daniel Weber)
Der Pilot und sein Autopilot. Luciano Covolan ist gerade richtig. Er ist nicht knochendürr, kein Muskelpaket und kein Fettsack. Die Uniform, blau, mit Gold auf Schultern und ums Handgelenk, scheint seine zweite Haut zu sein. Die Augen, nicht uniformblau, etwas heller, blicken gerade, die Nase sitzt dort, wo Nasen sitzen, und sein Lachen ist nie ausufernd. Er sagt: «Ich habe keine Träume mehr, denn ich habe Familie, Freunde, einen Beruf.»
Covolan ist Pilot. Vor noch nicht allzu langer Zeit wäre er ein Held und Pionier gewesen. Heute ist es seine Arbeit, Abenteuer zu vermeiden. «Ein guter Pilot manövriert sich nie in eine Situation, in der er den Helden spielen muss.» Fliegen ist alltäglich geworden, nüchtern, durchorganisiert, es muss rentieren. Früher steuerten die Piloten ihre Maschinen von Hand, heute über Flugsysteme. Der Autopilot kann Fluglage und Triebwerke kontrollieren und einem programmierten Flugweg folgen. Anstatt direkt in die Steuer zu greifen, gibt der Pilot die Befehle dem Autopiloten per Knopfdruck ein. «Das ist gut so», sagt Covolan, «es gibt nichts Langweiligeres, als eine Flughöhe einzuhalten.»
Heutige Piloten sind Systemmanager. Ihre Bühne ist das Cockpit, gerade gross genug für den Kapitän, den Co-Piloten, einen Reservesitz. «Dass man bei den modernsten Flugzeugen, den Airbus-Typen, der Boeing 747-400 und der MD-11, vom Glas-Cockpit spricht, hat nichts mit der schönen Aussicht zu tun, sondern mit den Bildschirmen.» Inmitten der vielen Hebel, Zeiger und Knöpfe, die sogar die Decke bevölkern, kann man sie entdecken. Zu sehen ist der künstliche Horizont, der anzeigt, was oben ist und was unten. Ein wichtiges Instrument, sagt Covolan, denn der menschliche Gleichgewichtssinn sei nicht sehr vertrauenswürdig, in den Wolken schon gar nicht. Ein anderer Bildschirm gibt die Distanz zu dem gewählten Funkfeuer auf der Erde an. Daraus kann die Position bestimmt werden, die auch der Navigationscomputer laufend berechnet. Was heute der Computer macht, machte früher der Navigator. Überhaupt sassen einmal fünf Leute im Cockpit: der Pilot, der Co-Pilot, der Navigator, der Funker und der Bordtechniker. Heute sind es nur noch zwei. Alles andere ist gewachsen: der Verkehr, die Flugzeuge und der Zeitdruck. Doch Fliegen wird immer sicherer. Und gibt es Unfälle, sind sie zu einem grossen Teil auf menschliches Versagen zurückzuführen. Wie lange braucht es noch, bis das Cockpit menschenfrei ist?
«Die Systeme sind zwar ausgeklügelter geworden, aber immer noch störanfällig. Eine wichtige Sicherheitsmassnahme ist die Systemredundanz. Triebwerk, Stromversorgung, Steuerung, Bremssysteme, alles ist mehrfach vorhanden. Letzte Kontrollinstanz bleibt der Mensch. Seine Fähigkeit, sich rasch eine Übersicht zu verschaffen, Prioritäten zu setzen, ist wichtig.»
Schon 7000mal ist Covolan gestartet, tief unter sich gelassen hat er die schlanke Dampfwolke des Kernkraftwerks Gösgen und die helle N 1, auf der sich Autos wie Ungeziefer bewegen, und die Erdenmenschen sind nicht einmal mehr Pünktchen in der blauweissen Grenzenlosigkeit, durch die er seinen Airbus mit 750 bis 850 km/h jagt. Noch 7000mal wird er das tun, dann ist er 55 und pensioniert. Als Kapitän für Kurzstreckenflüge ist er auf Stufe drei seiner Swissair-Karriere. Er wird noch Langstreckenkapitän. «Manchmal träume ich davon, nie mehr landen zu müssen, sondern immer weiter zu fliegen, weiter, weiter», sagt der hochtrainierte Maschinenwärter, an dem alles richtig ist. (Ursula von Arx)
Der Robotnik. Wenn Rolf Pfeifer von Robotern redet, kann er so ins Feuer geraten, dass man am liebsten mit ihm ins Labor sausen und drauflos basteln möchte. Da, im Institut für Informatik der Universität Zürich, sieht es aus, als wolle ein Spielwarengeschäft erwachsen werden. Ob es darum geht, das Orientierungssystem von Wüstenameisen, die Entwicklung des Kleinkindes oder die menschliche Intelligenz zu verstehen: erst wenn man Roboter baut, merkt man, wie wunderbar vertrackt die Welt konstruiert ist.
Seine letzten Semesterferien hat der 50jährige jungenhaft wirkende Professor geopfert, um am MIT in Boston mit dem Doyen der Branche, Rodney Brooks, an solchen Problemen herumzuknobeln. Roboter sind Rolf Pfeifers Welt - und das heisst, dass er, akademisch unüblich, den Kontakt zu Kollegen ausserhalb seines Faches sucht: zu Zoologen, Psychologen, Hirnforschern.
Sie alle entwerfen Modelle, um zu begreifen, wie ihre Studienobjekte funktionieren. Und dazu, meint Rolf Pfeifer, eignen sich Roboter wesentlich besser als Computer. Denn die Roboter stehen mit der Umwelt in Kontakt, sie müssen agieren und reagieren wie lebendige Materie. Blosse Computersimulationen dagegen bewegen sich in einer abgeschlossenen Welt und sind so gewissermassen doppelt künstlich. Computer braucht es aber, um Roboter zu bauen und in Gang zu bringen.
Rolf Pfeifer, der an der ETH Physik und Mathematik studierte, war anschliessend als Systemingenieur bei IBM tätig, bevor er an die Hochschule zurückkehrte, wo er über Computersimulation von kognitiven Prozessen doktorierte. Da hatten ihn Themen wie Kybernetik und künstliche Intelligenz gepackt.
Wenn Studenten heute zu ihm kommen und klagen, sie hätten nächtelang nicht schlafen können, weil sie an irgend etwas herumgetüftelt hätten, freut sich Rolf Pfeifer. Ihm geht es nicht viel anders.
Computer spielen zwar besser Schach als die besten Schachspieler, doch ein Roboter, der aus ein paar Klötzchen einen Turm bauen soll, kommt damit schlechter zurecht als ein dreijähriges Kind. Warum? Seine Schwierigkeiten begreifen heisst - zu einem kleinen Teil wenigstens - sich selber begreifen. Roboter lehren einen also, dass nichts interessanter ist als der Mensch.
Von den meisten unserer Fähigkeiten wissen wir nicht, wie sie zustande kommen. Der kontinuierliche Strom von sensorischer Stimulation, der unsere Wahrnehmung ausmacht, ändert sich laufend, und in der Interaktion mit der Umwelt nehmen wir nicht nur Informationen auf, sondern erzeugen selbst welche. «Genau dazu sind mobile Roboter auch gezwungen», sagt Rolf Pfeifer. «Wenn wir nicht verstehen, wie das funktioniert, werden wir nie verstehen, was Intelligenz ist.» Die künstliche Ameise, die in Rolf Pfeifers Labor gebaut wurde - gute dreissig Zentimeter gross -, hat sich in Tunesien fast so gewandt durch die Wüste geschlagen wie ihr natürliches Vorbild.
Die Erkenntnis, dass der Körper selber gewissermassen intelligent ist, hat Konsequenzen für die Erziehung, für die Altersforschung. Lernen Computerkids, die nur im Cyberspace leben, anders und schlechter? Verfällt das Hirn im Alter, weil die Reize aus der Umwelt fehlen? Wie sehr brauchen wir den Körper, um auch geistig fit zu sein? Auch das sind Fragen, die den Wissenschafter beschäftigen.
Ob die Welt einmal von Robotern regiert wird? «Ich bin Pragmatiker», sagt Rolf Pfeifer. «Es wird gewiss halbautonome Systeme geben - Rollstühle für Behinderte etwa, die sich im Strassenverkehr selbständig bewegen können, Roboter, die die Kanalsysteme bewohnen und uns Informationen liefern, kleine Helfer verschiedenster Art.»
«Ein automatischer Journalist?» «Glaube ich nicht. Aber vielleicht ein intelligenter Agent, der für Sie Informationen über mich zusammenträgt, bevor Sie mich interviewen.» (haf.) Lebende Datenpakete. Der etoy-Agent hat einen kahlgeschorenen Schädel, trägt eine verspiegelte Sonnenbrille, Kopfhörer, eine knallig orange Jacke, darunter einen schwarzen Overall. Mit seinem Outfit manifestiert er in der Öffentlichkeit eine ausgeklügelte Corporate Identity: www.etoy.com. Zugleich haben es die sieben etoy-Agenten mit ihrem identischen Erscheinungsbild darauf angelegt, untereinander verwechselbar, austauschbar zu sein. Was zählt, ist allein ihre Mission, deren Motto auf ihrem Rücken steht: «leaving reality behind».
Der etoy-Agent sagt: «Wir sind typische Computerkids.» Sie haben Computergames gespielt, deren Ästhetik sie bis heute prägt; sie haben sich in der Hackerszene herumgetrieben, deren Tricks ihnen geläufig sind; und sie haben sofort erkannt, dass das Internet wie für sie geschaffen ist. 1994, da waren sie alle gerade um die Zwanzig, beschlossen sie die Emigration ins weltweite Netz. Dort haben sie ihren Lebensstil verwirklicht, die Bühne gefunden für das Gesamtkunstwerk, das sie herstellen und von dem sie selber ein Teil sind: «digital action-entertainment» nennen sie die Bilder, Töne, Performances, Konfigurationen, die sie in die virtuelle Realität entlassen.
Der etoy-Agent sagt: «Im Internet sind wir so mächtig wie Sony.» In der Gruppe unterhält man sich, obwohl sie sich mehrheitlich aus Schweizern zusammensetzt, grundsätzlich hochdeutsch, wie um sich gegenseitig ein bisschen fremd vorzukommen. Die wirkliche Heimat der virtuellen Agenten ist ihre Web-Site, ein labyrinthartiges Tanksystem, mit dem viele Surfer unfreiwillig Bekanntschaft gemacht haben. Denn 1996 entführten die etoy-Agenten über eine Million arglose Benutzer von Web-Suchmaschinen auf ihre Seiten und wurden dafür belohnt - der «digital hijack» wurde mit dem Prix Ars Electronica von Linz ausgezeichnet. Das Operationsgebiet der etoy-Agenten ist die Welt der Daten, die mit Lichtgeschwindigkeit durch die Netze rasen. TCP/IP, was den meisten Surfern nichts weiter ist als das abstrakte Übertragungsprotokoll des Internet, ist den etoy-Agenten konkrete Lebenswirklichkeit. Sie sind sieben Datenpakete.
Der etoy-Agent sagt: «Wir sind super high speed unterwegs.» Auch in der trägen wirklichen Welt ist er auf Mobilität bedacht. Die schwarzen Koffer, die zu seinem Outfit gehören, hat er in zwei Stunden gepackt, und weg ist er. Ob der etoy-Agent in Zürich lebt, in Wien, San Diego, Manchester oder Prag, ob er Kunststudent ist, Architekt, Jurist oder Musiker - in erster Linie ist er ein Sysop, ein Systemoperator. Mit seinem Laptop loggt sich der etoy-Agent täglich ein, greift zu auf das Datenbanksystem, in dem rund um die Uhr die Projekte der Gruppe vorangetrieben werden. Das Wichtigste wird dieses Jahr der Bau eines mobilen Containers sein, der als Wohngelegenheit, Arbeitsplatz und Bühne dienen und an Kunst-, Musik- und Internetveranstaltungen eingesetzt werden soll.
Der etoy-Agent sagt: «Ich bin ein etoy, ich lebe das.» Mindestens einmal pro Woche treffen sich die etoy-Agenten in einer Videokonferenz. Da werden strategische Fragen verhandelt, werden online Entwürfe diskutiert mit einer ernsten Beharrlichkeit, die keinen Zweifel daran aufkommen lässt, dass der Glaube an die Mission jeden einzelnen durchdringt. Sind sie «kindliche Priester aus einer anderen Welt», wie die isländische Popsängerin Björk glaubt, oder «ein Organismus, ein Virus, ein Wesen, dessen Ursprung zwischen Mensch und Silikon liegt, ohne bisher bekannte biologische oder technologische Vorfahren», wie Douglas Rushkoff in der «New York Times» spekulierte? Die Antwort kennt nur der Cyberspace, in dem sie den meisten eine Nasenlänge voraus sind. Der etoy-Agent schweigt dazu. (Daniel Weber)