NZZ Folio 04/01 - Thema: Pillen   Inhaltsverzeichnis

Menschen & Räume -- Benno möchte in den 4. Stock

© Christian Känzig, Zürich
Benno Hasler wohnt seit zweieinhalb Jahren im Wohnheim Kreuzstrasse für Menschen mit geistiger Behinderung im Zürcher Seefeld. Er mag Countrymusik und Karin vom 4. Stock. Linktext
Von Lilli Binzegger

«MIR GEFÄLLT ALLES HIER. Wenn ich recht habe, dann ist es gut. Wenn ich es falsch mache, dann müssen sie es mir halt sagen. Ich kann ja auch nicht immer recht haben.

Ich mache noch schnell die Türe zu, wir haben nämlich eine Katze hier, vorher hatten wir zwei. Die andere hat Apoleon geheissen. Die war ein bisschen übergeschnappt. Piepsli ist braver. Wie sie aussieht? Wie eine Katze, grau. Ich habe etwas Angst vor den Katzen. Alle anderen können sie anfassen, ich nicht. Wenn ich früher ein Haustier sah, bin ich immer gleich ausgeflippt vor Angst. Piepsli darf nicht hier herein. Das geht nicht gut, hier hat es lauter Zeug, und dann springt sie aufs Bett und will auch noch schmüsele, und ich kann nicht schlafen. Sie am Kragen nehmen und sagen, geh raus, kann ich nicht. Dann beisst sie vielleicht, und ich muss wieder zum Arzt.

Ich wohne seit zweieinhalb Jahren hier, vorher habe ich bei meinen Eltern gewohnt. Mein Vater kann nicht gehen, er hat Kinderlähmung gehabt. Und meine Mutter hat einen kranken Rücken. Darum haben sie gesagt, es wäre schön, wenn ich im Wohnheim untergebracht bin, wenn sie einmal nicht mehr da wären. Damit immer jemand zu mir schaut. Die anderen Leute, die hier wohnen, sind gleich wie ich. Ich bin in der Gruppe eins, da hat es ausser mir lauter Meitli. Ich bin der einzige Mann. Wenn es lustig ist, gefällt es mir. Aber ich muss immer zuhören, was sie sagen, und wenn ich dann auch einmal drankomme, dann reden sie immer noch. Sie schwatzen viel. Viel zu viel.

Es gibt noch Gruppe zwei und drei. Ich komme mit allen gut aus, ganz besonders mit der Gruppe zwei, weil ich dort zufällig eine Freundin habe. Sie heisst Karin. Sie ist nett. Sie hat schwarze Haare und eine lustige Nase, die mir gut passt. Sie ist eine Aufgestellte, eine Lustige, manchmal ist sie auch etwas ernst mit mir. Sie hat keinen Fernseher und kommt manchmal zu mir schauen.

Am Wochenende sind wir nach Lausanne gefahren, ich habe am Hauptbahnhof ein Billet organisiert. Ich bin ein SBB-Fan. Manchmal gehen wir auch ins Kino. James Bond haben wir angeschaut. Zuerst waren wir in Zürich, da war er englisch, dann gingen wir nach Winterthur, dort war er deutsch. In der Gruppe eins hätte mir schon auch eine gefallen, aber die sagte: Nein, dieser Typ! Die von der Gruppe zwei hatte schon einen Freund, aber der hat dann eine andere gefunden. Und jetzt hat sie mich gefunden. Und jetzt haben wir es schön.

Ich arbeite im Universitätsspital als Konditor. Ich bin jetzt dann bald 23 Jahre dort. Ich bin nämlich 42. Dort bereite ich alles für das vor, was es am nächsten Tag gibt. Nächsten Montag gibt es vierzig Himbeertorten. Da habe ich gestern schon ein wenig angefangen, und morgen geht es weiter, bis ich fertig bin. Ich lege die Himbeeren drauf, das heisst Wochenspezialität und wird eingefroren. Das gefällt mir. Zwischendurch kann man alles probieren. Ich muss aber manchmal ein bisschen auf die Linie aufpassen.

Ich höre gerne Musik, am liebsten Country-Festival. Ich habe viele CDs, ein ganzes Gestell. Abbalieder und Catsmusik habe ich auch gern. Am nächsten Freitag gehen wir ins Albisgüetli, dort gibt es Countrymusik. Für das habe ich diese Rüstung, Cowboyhut habe ich einen für mich und einen für meine Freundin. Tanzen gehen wir auch manchmal. Ich tanze gerne. Disco und einfach alles, was tätscht. Am Fernsehen schaue ich am liebsten Cowboysachen, das ist das mit den Rössern. Oder Glücksrad oder Geh aufs Ganze. Wenn sie dort putzen, gewinnen sie ein Auto und einen Töff.

Ich war zuerst in einem anderen Heim schnuppern, dort musste man alles allein machen, auch posten. Wohnschule heisst das. Dann musste ich mir überlegen, wo ich lieber wohnen möchte, dort oder hier. Da sagte ich: nein, Wohnschule gefällt mir nicht. Wenn ich am Tag schon schaffen muss, dann will ich nicht am Abend auch noch alles aufräumen. Am Samstag muss man hier aber schon auch aufräumen und neue Tücher ans Bett tun und das Zimmer durchsaugen. Sonst kann man hier machen, was man will. Bei schönem Wetter kann man am Abend spazieren gehen. Und wenn man nicht will, kann man dableiben, Fernsehen, Musikhören oder zur Freundin aufs Zimmer gehen und dort ein bisschen Unterhaltung machen.

Ich habe drei Brüder, sie sind alle verheiratet. Von einem Kind bin ich Götti. Sie heisst Aram Eleonora und wird dieses Jahr zwölf. Ich habe sie gern. Sie kann schon Karate. Ich gehe sie manchmal besuchen, oder ich bekomme Post von ihr.

Etwas stört mich am Zimmer schon, es hat Krach von der Strasse, wenn Leute herumlaufen, die besoffen sind, oder wenn ein Auto vorüberbombt oder herumknurrt. Wenn ich im vierten Stock ein Zimmer hätte, wäre ich noch mehr begeistert. Dann wäre ich noch näher bei meiner Freundin. Manchmal ist das Badezimmer hier unten besetzt, dann kann ich mich nicht rasieren. Und wenn ich mich nicht rasiere, sagt meine Freundin zu mir Igel. Ich habe jetzt zwei Rasierapparate, einen hier und einen bei ihr, weil sie ein Lavabo im Zimmer hat.

Die Plüschtiere gehören alle meiner Freundin. Sie hat in ihrem Zimmer immer so eine Sauordnung, da habe ich ihr einmal aufgeräumt. Wenn sie jetzt zu mir herunterkommt, ist sie begeistert. Ich habe ihr auch gesagt, sie soll fortwerfen, was nicht schön ist. Sie hätte nicht gedacht, dass sie einmal so einen Typ hat, der ihr sagt: das und das musst du fortwerfen. Aber ohne streiten. Fuxen darf man sie, aber abrüele darf man sie nicht, dann fängt sie an zu weinen. Das hätte ich ja auch nicht gern. Darum bin ich immer lieb.»


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