NZZ Folio 02/07 - Thema: Teheran   Inhaltsverzeichnis

Mullah-Ökonomie

© Newsha Tavakolian, Teheran
Herz der Teheraner Wirtschaft: Stand auf dem Tajrish-Basar. Linktext
Die USAfordern ein Handelsembargo gegen Iran. China und Russland sind dagegen. Aber was würde ein Embargo gegen den Gottesstaat eigentlich ausrichten?Eine ökonomische Einschätzung der 12-Millionen-Metropole Teheran.

Von Houshang Babai

In Teheran kam es letzten Herbst zum «Eiervorfall»: Der Preis für Eier verdreifachte sich innerhalb eines Monats. Die Regierung fürchtete Auswirkungen auf den gesamten Binnenmarkt und wollte ein Exempel statuieren: Sie befahl den Bauern, Eier an den Läden vorbei direkt an die Bevölkerung zu verkaufen, zu einem niedrigeren Preis als im Laden. Die lokalen Politiker – unter der Führung von Teherans Bürgermeister Mohammad-Bagher Ghalibaf – intervenierten und hinderten die mit Eiern beladenen Containerwagen daran, auf den Plätzen der Stadt zu parkieren. Mit dem in Teheran leicht verständlichen Hinweis: der Verkehr würde kollabieren.

Der «Eiervorfall» ist für Aussenstehende eine absurde Anekdote, er sagt aber viel aus über zwei Phänomene in Teheran: die katastrophale Verkehrssituation und das angespannte Verhältnis zwischen lokaler und nationaler Entscheidungsgewalt. Beide nutzen jede Möglichkeit, die Gunst der Bürger für sich zu gewinnen. Bürgermeister Ghalibaf war 2005 Präsidentschaftskandidat und der Rivale von Ahmadinejad.

Die Wirtschaft Irans liegt überwiegend in den Händen des Staates oder religiöser Stiftungen und ist geprägt von einem hohen Mass an Korruption und Schattenwirtschaft. Die mafiösen Stiftungen, die ursprünglich gegründet wurden, um den «Barfüssigen und Habenichtsen» zu helfen, kontrollieren heute einen Fünftel der iranischen Wirtschaft. Sie haben ihre Hand im Spiel bei der Öl- und Autoindustrie, sie besitzen ganze Städte, und sie beherrschen den Schwarzmarkt, der in Iran eine wichtige Rolle spielt. Sie importieren die meisten Waren zollfrei und zahlen keine Steuern.

Die Automobilproduktion ist einer der wenigen Industriezweige des Landes, die hohe Zuwachsraten aufweisen. Über eine Million Autos werden jährlich produziert, vor vier Jahren waren es noch 500 000. Die meisten stammen von Iran Khodro, die neben den kleinen, aber robusten Peugeot 205 und 405 unter Lizenz von DaimlerChrysler auch Mercedes herstellt. Um die Bedürfnisse der schmalen, aber kaufstarken Oberklasse zu befriedigen, hat BMW nachgezogen und Showrooms in der Stadt eröffnet.

Der überwiegende Teil der in Teheran zirkulierenden – oder meist im Stau festsitzenden – Fahrzeuge ist einheimischer Provenienz. Aber das Benzin, mit dem die Autos betrieben werden, muss das Erdölland Iran importieren, da sich die Aufbereitung des Erdöls für den nationalen Markt nicht lohnt. Das eingeführte Benzin wird mit fast 10 Milliarden Dollar jährlich vom Staat subventioniert und zum Preis von 8 Cents pro Liter verkauft. Dies ist eine von vielen Absurditäten in diesem von staatlichen Interventionen geprägten Wirtschaftssystem.

Die Preise zahlreicher Güter sind an den Ölpreis gekoppelt – mit der Folge, dass der im letzten Jahr stark gestiegene Ölpreis die Inflation anheizte, während die Löhne gleichblieben. Staatlicher Intervention – wie beim «Eiervorfall» – wird mit Skepsis begegnet. Das Verhältnis zwischen Bürger und Staat ist ambivalent. Vermittler zwischen beiden sind in geschäftlichen Dingen oft sogenannte Makler. Hamed T., ein 37-jähriger Doktor der Energieversorgung, hatte früher als Selbständiger viele Aufträge vom Staat. Bei Vertragsabschluss forderte der staatliche Betrieb ihn jeweils auf, eine offizielle Rechnung zu schreiben. Als Selbständiger war er aber nicht berechtigt, eine solche auszustellen. Also musste sich Hamed an einen Makler wenden, der, gegen eine Courtage und eine prozentuale Beteiligung am Erlös, den Kontakt zu einer Firma herstellte, die zwar keine Ahnung vom Gegenstand des Arbeitsverhältnisses hatte, aber berechtigt war, «offizielle» Rechnungen auszustellen.

Die Makler in Teheran haben, anders als in der westlichen Welt, keine Lizenz, sie haben oft nicht einmal ein Büro. Aber sie verdienen gut an der turbulenten Marktsituation in Teheran.

Teheran ist eine Stadt mit 12 Millionen Einwohnern, und Missmanagement ist eines ihrer unverkennbaren Merkmale. Obwohl es einen dringenden Bedarf an genauen statistischen Daten gibt, sind die publizierten Zahlen ein Witz. Ökonomen warnen seit langem davor, dass sie in keiner Weise der Realität entsprechen. Wichtige Indikatoren, etwa die Arbeitslosenzahl, werden gar nicht publiziert. Vorsichtige Schätzungen des Westens sprechen von 12 Prozent Arbeitslosigkeit, immer wieder wird auch die Zahl von 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit in der Stadt kolportiert. Verlässliche Angaben fehlen auch zu den einzelnen Sektoren der Wirtschaft sowie über die Zahl der Betriebe. Die MPRO (Iran Management and Programming Organization), verantwortlich für Budgets, Kredite und Entwicklungshilfe im Land, vergibt an über 2500 staatliche Unternehmen Gelder, die in keiner Statistik auftauchen. Die jüngsten Zahlen über die in der Stadt ansässigen Unternehmen sind noch verwirrender: Die MPRO behauptet, es gebe 6047 staatliche Unternehmen und 102 457 sogenannte inoffizielle Unternehmen, die man also dem privaten Sektor zurechnen würde.

Die wichtigsten Industrien Irans sind Öl- und Gasförderung, Ölraffinerie, Textilherstellung, Chemie, Autoproduktion. Es gibt auch traditionelles Handwerk wie Teppichknüpfen und Töpferei. Die ökonomisch grösste Einheit bildet aber die NIOC (National Iranian Oil Company), eine der vier wichtigsten Ölfördergesellschaften der Welt. Ihr Vorstand besteht aus Ministern der Öl-, Elektrizitäts-, Minen- und Industriedepartemente. Das gesamte Unternehmen ist staatlich kontrolliert.

Das marktwirtschaftliche Herz Teherans ist der Basar. Auf einem riesigen Areal bewegen sich Tausende von Menschen zwischen den unzähligen Ständen auf der Jagd nach einem Schnäppchen. Auf dem Basar kann man davon ausgehen, alles zu finden – wenn man lange genug danach sucht. Was die Qualität angeht, gilt das alte persische Sprichwort: «Je mehr du zahlst, desto besser ist die Ware.» Nach einer langen Suche auf dem Basar wird der Käufer aber vor allem frustriert feststellen, dass es 40-Watt-Glühbirnen von dem deutschen Hersteller Osram gibt, die nicht zu unterscheiden sind von den iranischen Glühbirnen, die ebenfalls das deutsche Label tragen.

Die schlechte Qualität vieler iranischer Erzeugnisse hat den Weg geebnet für Importe. Politisch oder moralisch unbedenkliche Massenwaren wie Spielzeug, Werkzeuge und Kleidung kommen heute zunehmend aus China. Die Teheraner Textilgewerkschaft geht davon aus, dass 70 Prozent der auf dem Teheraner Basar angebotenen Textilien aus China stammen.

Marken wie Nike, Benetton oder RayBan findet man in den Einkaufsbezirken der Oberschicht. Einheimische Modelabels gibt es nicht, da die Hauptzielgruppe der Designer – Frauen – aufgrund der islamischen Kleidervorschriften für die Teheraner Produzenten nicht interessant ist. Die Regierung hat in den letzten Jahren zweimal Modeschauen für islamische Bekleidung organisiert mit dem Ziel, einen islamischen Modemarkt aufzubauen. Die farbenfrohen, aber ultrakonservativ geschnittenen Kleider waren in der ausländischen Presse ein grosses Thema, für die skeptischen Teheraner aber wirkten sie wie ein schlechter PR-Gag; von den potentiellen Kunden hatten die einen kein Geld, die anderen hatten so viel Geld, dass sie lieber bei Gucci kauften, und die dritten, die wirklich Frommen, hielten die Versuche der Regierung für frevelhaft.

Da es keinen Markt für Mode gibt, haben die meisten iranischen Hersteller in den letzten Jahren ihre Betriebe schliessen müssen. Gewinner der Krise sind die Importeure, die ausländische, von der Regierung akzeptierte Produkte wie Stoffe und einfache muslimische Kleidung an den Detailhandel transferieren, und die Bazari, die traditionellen Händler auf den Basaren, die sich gegen wirtschaftliche Reformen stemmen: Sie kontrollieren, von den Mullahs geduldet, den Schmuggel von Alkohol und Pornographie.

Hooman H., ein verheirateter 24-jähriger Absolvent der Teheraner Azad-Universität mit einem Master in englischer Literatur, arbeitet für den Staat. In welcher Funktion, darf er nicht sagen. Sein Gehalt – umgerechnet rund 900 Dollar – reicht aus, um die Studienschulden abzuzahlen. Er arbeitet zwölf Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Er hat keine Versicherung, keinen Arbeitsvertrag, keinen Kündigungsschutz.

Hooman ist keine Ausnahme. Viele der gut ausgebildeten Hochschulabsolventen haben Schwierigkeiten, eine Anstellung zu finden. Sie suchen Jobs im privaten Sektor, da die staatlichen Betriebe nur selten und zu schlechten Konditionen einstellen. Die meisten von Hoomans Kommilitonen müssen sich mit Minderqualifizierten um Tagelöhnerjobs wie Pizzakurier, Übersetzer oder Buchhalter streiten. Selbständige werden geduldet, wenn sie sich in «ungefährlichen» Wirtschaftszweigen bewegen, jedes renditeträchtige Segment aber unterliegt der Kontrolle des Staats.

Auch das traditionelle Handwerk befindet sich in einer Krise: Abbas ist 30, arbeitet als Zimmermann sechs Tage pro Woche und verdient doch zu wenig, um eine Familie zu gründen. Er ist gezwungen, bei seinen Eltern zu leben – je älter er wird, desto unwahrscheinlicher ist eine Heirat. Und seine Eltern werden dereinst erwarten, dass er sie finanziell unterstützt.

Wie kommt es in einem dank seinem Öl so wohlhabenden Land zu einer so verzweifelt schlechten Arbeitsmarktsituation? Ein Grund, neben der chaotischen Wirtschaftspolitik, ist zweifellos die rasante Zunahme der Bevölkerung. In den Jahren nach der Revolution wurden die Iraner aufgefordert, «die Bevölkerung zu vermehren». Das haben sie getan: In den 30 Jahren seither hat sich die Bevölkerung mehr als verdoppelt, von rund 30 Millionen Menschen auf fast 70 Millionen. Nun drängen die Babyboomer auf den Arbeitsmarkt.

In Teheran spürt man zudem die Auswirkungen der massiven Landflucht: Die unter dem Schah durchgeführte Landreform hat bis heute zur Folge, dass viele vom Ertrag ihrer Äcker nicht leben können und in die Stadt ziehen. Viele Teheraner sind eigentlich Bauern, ein grosser Teil der Landflüchtigen stammt aus der iranischen Provinz Aserbeidschan. Sie leben im Süden der Stadt, der Hochburg der Ahmadinejad-Anhänger.

Mandana B., 32, fährt einen BMW und lebt in der Jordan Avenue im reichen Norden der Stadt. Die Architektin vergnügt sich im Nachtleben und pflegt einen lockeren Umgang mit Geld. Ihr Vater ist Zahnarzt, sie müsste gar nicht arbeiten. «Mein Vater bezahlt meine Rechnungen», sagt sie. Die Reichen in Teheran sind die gut ausgebildeten Chirurgen und Anwälte sowie die Mullahs und ihre zivilen Parteigänger, die im Öl- und Gasgeschäft, in der Autoindustrie, in der Immobilienbranche, aber auch im Drogenhandel und im Schmuggel tätig sind.

Jährlich werden in Iran Waren im Wert von Milliarden Dollar ein- und ausgeführt, ohne dass darauf Zoll- und Steuerabgaben erhoben werden. Unglaublich, aber wahr ist auch, dass ein Teil des eingeführten und vom Staat subventionierten Benzins wieder ins Ausland (nach Pakistan, Indien oder in die Türkei) geschmuggelt und dort für ein Mehrfaches verkauft wird. Seit Ahmadinejad an der Macht ist, verdient die Organisation der Revolutionswächter den grössten Teil an diesen Geschäften.

Wer heute viel Geld hat, kann sein Vermögen mit Spekulationen leicht vermehren. Am beliebtesten sind in der rasant wachsenden Stadt Investitionen in Immobilien. Allein seit dem Amtsantritts Ahmadinejads sind die Immobilienpreise in der Stadt um 20 bis 40 Prozent gestiegen. Das Problem der Teheraner Oberschicht sind die beschränkten Möglichkeiten, öffentlich einen luxuriösen Lebensstil zu führen. Da das Vergnügungsangebot bescheiden ist, wird das Geld vor allem bei privaten Parties und auf Auslandreisen verprasst.

Es gibt einen tiefen Graben zwischen Arm und Reich. Das lasche iranische Steuerrecht – es gibt praktisch keine Verfolgung von Steuerhinterziehung – fördert das Wachsen der sozialen Kluft. Der reiche Norden und der arme Süden bilden zwei getrennte Wirtschaftskreise. Der eine importiert luxuriöse BMW, der andere verkauft billige Eier. Die Armen sind kaum in der Lage, die 10-Dollar-Rechnung für die monatliche Nutzung von Wasser, Telefon und Elektrizität zu zahlen, während die Reichen 400 Dollar allein für einen Abend mit Freunden ausgeben. Ganze Familien hungern im Süden Teherans, während die Reichen im Norden nicht wissen, wohin mit dem Geld. Berührungspunkte gibt es höchstens, weil arme Frauen aus dem Süden als Hausangestellte im Norden arbeiten.

Noch ist in Teheran niemand besorgt über das drohende Handelsembargo, das auf internationalem Parkett diskutiert wird. Man kauft und verkauft Waren und Dienstleistungen, ohne sich gross um die Zukunft zu scheren. Diese Gelassenheit könnte bald verfliegen, denn die Iraner haben sich in den Jahren seit dem ersten Golfkrieg an ungewöhnlich hohe Importe gewöhnt. Während die Exporte bei rund 60 Milliarden Dollar liegen dürften (80 Prozent davon entfallen auf das Erdöl, das vor allem an Japan und China geliefert wird), schätzt der IWF den Wert der importierten Güter (sie kommen vor allem aus Deutschland, China und den Vereinigten Arabischen Emiraten) auf 70 Milliarden Dollar. Ein Embargo hätte verheerende Folgen.

Houshang Babai ist freier Journalist in Teheran.

Übersetzung: Mikael Krogerus.

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