NZZ Folio 02/03 - Thema: Haushalt   Inhaltsverzeichnis

Cyberspace -- Beamerlicht und Powerpoint

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Von Franz Zauner
DER VORTRAGENDE steht einen Meter neben seinem Gedanken, im Schutz der Dunkelheit. Der Gedanke hat sich selbständig gemacht, als ob niemand etwas für ihn könnte, als ob er ganz von allein heruntergeflattert wäre aus höchster Höhe und sich nun wie ein bunter Schmetterling an die Wand schmiege.

Hell leuchtet er auf das Publikum herab, ein kleines Wunder, gemacht aus den Zutaten Finsternis, Beamerlicht und Powerpoint, jener wirklich und wahrhaft weltbeherrschenden Software aus dem Hause Microsoft, welche den Gedanken auf diesem Planeten Gestalt gibt, sie wärmt und kleidet, und zwar in X-Large.

In Riesenschrift steht geschrieben, was gesagt wird, und was gesagt wird, steht geschrieben. Und wenn nicht geschrieben steht, was gesagt wird, dann handelt es sich wahrscheinlich um eine Grossveranstaltung, wo das zu fade wäre.
Denn da sieht sich das Publikum auf einer Riesenleinwand beim Zuhören zu und beim Jubeln, denn die Wirklichkeit ist unwirklich geworden, erst die mediale Spiegelung stellt ihr ein Echtheitszertifikat aus. Kaum jemand tritt noch einfach so ins Scheinwerferlicht, erklärt sich zur Hauptsache und legt los. Das Kunststück der Gedankenverdoppelung gelingt erst im Zwielicht besonders schön.

Es ist wie im Grenzerlebnis oder knapp vorm Einschlafen: Am Ende des Tunnels wird es hell. Das Publikum gerät in Trance, starrt auf die gedankenhaltigen Rechtecke vorne neben dem Rednerpult.

Zuweilen geht das zulasten des Vortragenden. Der müsste jetzt schon ordentlich mit dem Zeigestab fuchteln, wollte er doch noch ins kollektive Gedächtnis: Hätten Winston Churchills Kriegsrede, Martin Luthers Thesenpapier oder Marcus Antonius’ Testamentseröffnung mit Powerpoint überdauert?

Nach rund drei Dutzend Folien von «Begraben will ich Cäsarn, nicht ihn preisen!» bis zu «Das war ein Cäsar: wann kommt seinesgleichen?» wäre dem Publikum der Gedanke ans Aufspringen so fremd gewesen, dass es am Ende für einen Platz in der Weltgeschichte möglicherweise nicht gereicht hätte.

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