Die Wall Street in New York ist gerappelt voll an diesem Donnerstag. Die Menge drängt sich, jubelt dem Mann zu, der auf den Balkon der Federal Hall heraustritt. Man versteht ihn nur schlecht, denn er spricht leise. Sein Gebiss sitzt nicht gut. Eine historische Stunde – und dann das. Es ist der 30. April 1789.
George Washington hatte unter übelstem Zahnweh gelitten, seit er 22 war. Schwarz und faulig sollen viele seiner Zähne gewesen sein, Karies war sicher dabei, seine Briefe und Tagebücher sind voll von Klagen, und im Schnitt verlor er jedes Jahr einen Zahn oder liess ihn sich ziehen. An diesem 30. April nun, Washington ist 57 Jahre alt, leistet er auf dem Balkon der Federal Hall seinen Eid als erster Präsident der Vereinigten Staaten. Ein Mann von grosser Statur, mit dunkelbraunem Rock und Schwert an der Seite. Doch die Prothese drückt. Nur ein einziger natürlicher Zahn ist Washington geblieben, ein Backenzahn unten links.
Zahnmedizin – heute ist das High-End-Technik: Inlays und Onlays aus Keramik, Laserbleaching, Titanimplantate. Die allermeisten von Karies befallenen Zähne lassen sich retten. Und wo Ersatz hermuss, ist er passgenau und oft computergesteuert gefräst. Zu Washingtons Zeiten dagegen hat man eben probiert. Mindestens sechs Gebisse besass er im Lauf der Jahre, und Zahnärzte konsultierte er wohl in noch grösserer Zahl. Der offenbar letzte und vertrauenswürdigste unter ihnen, John Greenwood, fertigte ihm eine Vollprothese aus Gold und Elfenbein, deren zwei Hälften durch Stahlfedern zusammengehalten wurden. Ein ansehnliches Meisterstück für die Zeit, aber doch vor allem kosmetisches Blendwerk. Essen, so heisst es, konnte Washington mit seinen Gebissen nicht.
Zahnheilpraktiken haben eine lange Tradition, sie sind fast so alt wie der Werkzeuggebrauch überhaupt. Schon die Etrusker waren vor mehr als zweieinhalb Jahrtausenden in der Lage, Zahnersatz aus Gold und Rinderzähnen herzustellen. Die Dentalhistorie mutet an wie ein Reigen bunter Geschichten von Mundhygiene und Mäusemist, Gummigebissen und Goldkronen, Zahnwürmern und fahrenden Doktoren. In England und Amerika zum Beispiel waren es mindestens bis ins späte 18. Jahrhundert oftmals die Hufschmiede, die mit ihren Zangen die Zähne zogen.
«Eines ist sicher: Dieser Beruf muss entweder aufsteigen oder untergehen», sagte 1836 einer der führenden amerikanischen Zahnärzte, Shearjashub Spooner, und beklagte im gleichen Atemzug die Pfuschereien jener Dentalhandwerker, «die sich nur um der Einkünfte willen hineindrängen». Kurze Zeit später, 1839, startete mit dem «American Journal of Dental Science» eine regelmässige Fachzeitschrift. Und ein Jahr darauf wurde das Baltimore College of Dental Surgery gegründet, die erste zahnmedizinische Fakultät der Welt. Die Zunft – über Jahrhunderte mehr Bastelei als Wissenschaft – begann zur Profession zu werden.
Es ist das Jahr 1163. Im französischen Tours hat Papst Alexander III. die Mächtigen des Reichs versammelt – das Konzil ist ein Wendepunkt der Medizingeschichte. Denn den Mönchen, die das gelehrte medizinische Wissen im ganzen Mittelalter überliefern, wird das Operieren verboten. Zu sehr seien sie mit ärztlichen Behandlungen beschäftigt, zu wenig mit ihren heiligen Aufgaben, moniert die geistliche Obrigkeit. «Die Kirche vergiesst kein Blut» – so lautet die offizielle Begründung.
Die Folge des Edikts: der Auftritt der Barbiere als Chirurgen. Längst sind sie zu regelmässigen Gästen innerhalb der Klostermauern geworden, haben den Mönchen nicht nur die Bärte rasiert und die Tonsuren geschoren, sondern ihnen zudem beim Operieren assistiert. Nun aber ziehen sie die chirurgischen Tätigkeiten gänzlich an sich: Das Stechen des grauen Stars ebenso wie die Entfernung von Blasensteinen, Aderlässe genauso wie Zahnextraktionen liegen jetzt in ihrer Hand.
Jahrhundertelang führte diese Trennung von gelehrter Medizin und praktischer Chirurgie zu Häme und Neid, üblen Ränken und berufspolitischen Machtkämpfen. Einer seits kam es zu heftigen Auseinandersetzungen innerhalb des chirurgischen Lagers selbst. So spaltete sich in Frankreich bereits im 13. Jahrhundert die Gilde der eigentlichen Chirurgen von den Barbieren ab – was das professionelle Niveau nicht in jedem Fall hob. In England, wo die Lage mit jener in Frankreich vergleichbar war, schimpfte ein zeitgenössischer Chirurg auf die Masse seiner ungebildeten Kollegen; sie seien «nicht besser als Vagabunden, schamlos in ihrem Verhalten, unanständig in ihrer Art, viehisch in ihrem Urteil und ihrer Auffassungsgabe. Kesselflicker, Zahnbrecher, Hausierer, Pferdedoktoren, Schweinekastrierer, Landstreicher und Rattenfänger.»
Andererseits zogen die Chirurgen, die im Laufe der Zeit immer ambitionierter wurden, die Missgunst der an den Universitäten ausgebildeten Ärzte auf sich. Guy Patin, im 17. Jahrhundert Dekan der medizinischen Fakultät in Paris, sah in ihnen «gestiefelte Lakaien, eine Rasse des Bösen, extravagante Narren, die Schnurrbärte tragen und mit Rasiermessern herumfuchteln». Allmählich nur bildete sich in diesem Gemenge der Heilkundigen ein eigener Stand der Dentisten heraus. Noch 1540 hatte der englische König Heinrich VIII. den Zwist zwischen Chirurgen und Barbieren beigelegt, indem er ersteren das Rasieren und Haareschneiden und letzteren das Operieren untersagte – beiden Zünften jedoch erlaubte, weiterhin Zähne zu ziehen.
Um 1700 dann wurden sowohl in Frankreich wie in Preussen Vorschriften erlassen, nach denen «Zahnreisser» und «Zahnbrecher» von einer staatlichen Kommission zu prüfen waren, ehe sie ihr Handwerk ausüben durften. Man müsse die Bevölkerung vor Quacksalbern schützen, die fortan «nirgends geduldet werden bey unnachlässiger harter Bestraffung». Der französische Mediziner Pierre Fauchard schliesslich prägte wenig später die Berufsbezeichnung des «Zahnchirurgen» und hob mit einem über 800 Seiten starken Lehrbuch die Zahnheilkunde auf ein bis dahin unerreichtes theoretisches Niveau.
Gleichwohl hatten die Scharlatane immer noch leichtes Spiel. So praktizierte in den 1720er Jahren der «grosse Thomas», ein hoch aufgeschossener Franzose, mitten auf dem Pariser Pont-Neuf. Von einem erhöhten Sessel aus führte er den Vorsitz über eine Art Freiluftpraxis, in der Assistenten die Münder potentieller Kunden inspizierten und Honorare festsetzten. Ein Augenzeuge schilderte die Szene folgendermassen: «Das prächtige Pferd, das die Ehre hatte, den unvergleichlichen Thomas zu tragen, war mit einer ungeheuren Menge aufgefädelter Zähne geschmückt. Ein Diener musste es am Zaum führen, damit es unter dem Entzücken und Geschrei der Leute nicht die Haltung verlor. Sein scharlachroter Mantel im türkischen Stil war verziert mit Zähnen, Kiefern und Steinen. Sein Gefolge bestand aus einem Trommler, einem Trompeter und einem Standartenträger.»
Das 17. Jahrhundert, so der amerikanische Zahnmedizinhistoriker Malvin Ring, war ein Zeitalter übertriebener Behauptungen. Ein gewisser Professor Jacobæns von der Universität Kopenhagen etwa berichtet seinen Kollegen, er habe in einem kariösen Zahn einen Wurm entdeckt, ihn herausgezogen und ins Wasser gesetzt, wo er dann munter herumgeschwommen sei. Eine durchaus glaubhafte Schilderung – für jene Zeit. Tatsächlich ist die Theorie, der bohrende Kariesschmerz sei Folge eines nagenden Wurms, jahrtausendealt. «Der Wurm beisst in seinem Zahn», heisst es in einem altägyptischen Papyrus, und die Hypothese hält sich selbst in Medizinerkreisen bis ins 19. Jahrhundert.
Entsprechend die Therapie des Kariesschmerzes: der Wurm sollte ausgeräuchert werden. Dazu galt vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit vor allem das Bilsenkraut als probates Mittel. So wurden Bilsenkrautsamen auf einem Kohlebecken verbrannt und die heissen Dämpfe mit einem Trichter an die schmerzende Stelle geleitet. Heute weiss man, dass das Kraut Substanzen enthält (Hyoscyamin, Atropin und Scopolamin), die im Zentralnervensystem beruhigend und örtlich betäubend wirken können. Wenngleich die Zahnwurmtheorie mythischen Charakter besass, dürfte die Wurmräucherung die Beschwerden also durchaus gelindert haben.
Der Zahnwurm war jedoch nicht der einzige Sündenbock für die oft als «Corrosio» oder «Zahnfäule» bezeichnete Karies. Vielmehr wurden auch Ungleichgewichte der vier Körpersäfte – Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle – für das Zahnweh verantwortlich gemacht. Eine sorgfältige Behandlung musste folglich den ganzen Körper einbeziehen. Ein Bericht aus dem 1 7. Jahrhundert schildert das so: «Wo der Schmerz durch warme Säfte verursacht war, begann die Behandlung mit einem Aderlass am Arm. Am nächsten Tag wurde ein Abführmittel verabreicht. Wenn danach der Schmerz noch anhielt, wurde der Leidende in der Region der Schulterblätter oder des Rückgrates geschröpft; hinter den Ohren oder im Nacken wurden Blasen hervorgerufen; harzige Pflaster wurden auf die Schläfen gesetzt. Dazu wurden verschiedene Mittel in die Ohren eingeführt, und an der Schmerzstelle selbst wurden verschiedene Operationen durchgeführt. Nach all dem wurde der schmerzende Zahn gezogen.»
Tatsächlich sei die Zahnextraktion das letzte Mittel gewesen, schreibt der Würzburger Medizinhistoriker Ralf Vollmuth. Denn die Operationsinstrumente waren bis ins 19. Jahrhundert wenig entwickelt, die Narkose und das sterile Arbeiten völlig unbekannt – jeder Eingriff kam einem Wagnis gleich. Viele Menschen behalfen sich mit einer der unzähligen Hausrezepturen und kuriosen Wunderarzneien. So wurden schmerzende Zahnreihen mit Kräuterweinen gespült. Froschfett galt als hilfreich, um verrottete Zähne zu lockern und leichter ziehen zu können. Und die vom deutschen Hofarzt Christian Franz Paulini 1696 veröffentlichte «Heylsame Dreck Apotheke» empfahl, wundes Zahnfleisch mit einer Paste aus Honig und Hundekot, kariöse Zähne dagegen mit Raben- oder Mäusemist zu kurieren.
Gleichwohl machte die Zahnheilkunde Fortschritte – vor allem in der Chirurgie. So setzte sich ab dem 15. Jahrhundert das Verfahren durch, kranke Zähne mit Gold zu füllen. Dabei wurde das schmerzempfindliche Zahnmark zuerst mit einem Glüheisen ausgebrannt oder mit Säuren verätzt, wie eine zeitgenössische Operationsanleitung beschreibt: «Wann die Zähne Löcher haben und zerfressen sind, pflegt man die Zähne einzubrennen. Erst lege man ein silbernes Trichterlein in das Löchlein des Zahnes hinein, alsdann tue man in das Trichterlein entweder Schwefeloel oder Vitrioloel oder lass sonst ein ander scharfes Wässerlein tropfenweis hineinfallen. Alsdann kann man solches Löchlein mit einem glühenden Instrumentlein andüpfen. Wann nun dieses geschehen, so folgt alsdann die vierte Operation darauf, die zur Vorsorg das eingebrannte Löchlein mit Goldblättlein ausfüllet.»
Für solche Operationen besassen bereits in der Renaissance viele Barbierchirurgen einen gut sortierten Instrumentenkasten. Darin fanden sich Schabeisen, Spatel, Zangen, Sonden, Lanzetten und Handbohrer. Besonders wichtig: der sogenannte Pelikan. Über mehrere Jahrhunderte wurde er zum Zähneziehen verwendet und erst im 18. Jahrhundert durch spezielle Extraktionsschlüssel ersetzt. Der Pelikan glich einer Art Korkenzieher, er bestand aus einem festen Griff und einem beweglichen Arm mit einem hakenförmigen Ende. Damit fasste der Zahnbrecher sein Objekt, setzte den Griff auf benachbarte Gebissteile auf und hebelte den kariösen Zahn – ganz ähnlich einem Flaschenkorken – heraus.
Ungefährlich war die Prozedur nicht. Der französische Renaissance-Chirurg Ambroise Paré schreibt dazu: «Die Extraktion eines Zahnes sollte nicht mit zu grosser Gewalt ausgeführt werden, da man dabei Verrenkungen des Kiefers oder Erschütterungen des Gehirns und der Augen riskiert oder sogar mit dem Zahn Stücke des Kiefers herausreisst, nicht zu reden von anderen ernsten Unglücken, die hinzukommen können, wie zum Beispiel Fieber, Abszesse, starke Blutungen oder sogar der Tod.»
Die Geschichte der Zahnheilkunde ist auch eine Geschichte des Schmerzes. Cotton Mather, ein amerikanischer Gemeindegeistlicher, schrieb 1724 in einem medizinischen Traktat: «Nahezu entehrend ist es für den Arzt, dass so viele Menschen, selbst die nächsten oder liebsten Verwandten, Tage, vielleicht sogar Wochen unter der Folter ungemilderter Zahnschmerzen verbleiben. Es scheint angemessen zu sagen, dass Ihr Ärzte von nur geringem Nutzen seid. Ihr könnt nicht einmal Zahnschmerzen beheben.» Mather vergass freilich nicht, in seinem Traktat die Gepeinigten darüber zu belehren, dass die Erbsünde, in Form des Apfels, durch Mund und Zähne in die Welt gekommen sei.
Doch ist das gängige – und in Tausenden von drastischen Illustrationen festgehaltene – Bild der vom Zahnweh gemarterten Menschen in einer medizinisch dunklen Vorzeit möglicherweise eher Gruselromantik als geschichtliche Wahrheit? So sieht das zumindest der britische Anthropologe N. W. Kerr. Seine These: Bis ins 17. Jahrhundert war die Karies ein vergleichsweise geringes Problem – und das Zähneziehen nicht so schmerzhaft, wie es angesichts der simplen historischen Instrumente vermutet wird. Tatsächlich benutzten bereits mittelalterliche Barbierchirurgen Opium und andere Drogen, um den Schmerz ihrer Patienten zu lindern. Aber vor allem haben Untersuchungen an historischen und prähistorischen Schädelfunden gezeigt, dass damals weit weniger Menschen an Karies litten als etwa im 19. oder 20. Jahrhundert. Auch das typische Kariesmuster mit vorwiegendem Befall der Kauflächen und der engen Zahnzwischenräume scheint erst um 1650 aufgetaucht zu sein.
Kerr führt das auf die damaligen Ernährungsgewohnheiten zurück. So sei es üblich gewesen, wegen des nährstoffreichen Knochenmarks die Knochen von Geflügel und anderen kleinen Tieren zu zerbeissen. Das habe bereits im Alter von 35 oder 40 Jahren zu Abrieb, Lockerung und Ausfall der Zähne geführt. Im Zuge der Industrialisierung hätten sich diese Essgewohnheiten dann allmählich verloren, schildert Kerr. Die durchschnittliche Lebensdauer der Zähne wuchs und damit auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich irgendwann Karies einstellen würde. Zudem schnellte mit dem Aufkommen der Zuckerindustrie der Zuckerkonsum nach oben. In England beispielsweise steigerte er sich im 17. Jahrhundert von nahezu null auf fast 5 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Um 1800 lag er bereits bei 10 Kilo, um 1850 bei rund 40 – zum Vergleich: der heutige Verbrauch eines Schweizers liegt bei etwa 50 Kilo.
Tatsächlich scheint sich die Karieshäufigkeit allein im 17. Jahrhundert gegenüber den zweitausend Jahren zuvor verdoppelt zu haben. Erst jetzt, so Kerr, entstand das Heer der Zahnschmerzpatienten. Gut möglich, dass das Zahnweh der vielen die Entwicklung neuer Instrumente und Methoden vorantrieb. Der Schmerz wurde zum Motor des Fortschritts.
Es ist ein kalter Dienstagabend in Neuengland, der 10. Dezember 1844. Der junge und ehrgeizige Zahnarzt Horace Wells ist auf dem Heimweg; da hat er eine Idee, die ihn berühmt machen wird. Wells kommt von der Show eines fahrenden Schaustellers. Dort beobachtete er, wie ein junger Mann Lachgas einatmete, auf der Bühne herumstolperte, sich schwer am Schienbein verletzte und keinerlei Schmerzen empfand.
Lachgas, eine Stickstoff-Sauerstoff-Verbindung, ist zwar in Chemikerkreisen längst bekannt und wegen seiner kurzfristigen Rauschwirkung bei amerikanischen Freakshows schon seit einigen Jahren beliebt, doch Wells ist von seiner Beobachtung fasziniert. Am nächsten Morgen setzt er sich in seinen eigenen Behandlungsstuhl, inhaliert das Gas und lässt sich, Punkt zehn, von einem Kollegen einen Backenzahn ziehen. Als er erwacht, ruft er aus: «Nicht mal einen Nadelstich hab ich gespürt. Eine neue Ära des Zahnziehens ist gekommen!»
Legende oder nicht, die Entdeckung war programmatisch. Zwei Jahre darauf wurde die anästhetische Wirkung des Äthers erkannt, man setzte Chloroform als Narkosemittel ein, und ein gutes halbes Jahrhundert später, 1905, stellte der deutsche Chemiker Alfred Einhorn erstmals das Lokalanästhetikum Procain synthetisch her – verwandte Substanzen sind bis heute in jeder Zahnarztspritze enthalten. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war eine Epoche der Erfindungen. 1851 entwickelte Nelson Goodyear, der Bruder des berühmten Gummimagnaten, ein Verfahren, mit dem sich flexibler Gummi zu einer unnachgiebigen Substanz, Vulkanit, rühren liess. Binnen kurzem ersetzte Gummi das bis dahin für künstliche Gebisse in der Regel verwendete Gold, die Zahnarztpreise purzelten in den Keller.
Ähnlich der technische Fortschritt bei anderen Ersatzmaterialien. So experimentierte man mit verschiedensten Metallgemischen (Amalgamen), um kariöse Zähne zu füllen. Für neuartige Brücken und Kronen, etwa aus Porzellan-Gold-Verbindungen, wurden allein in den USA in den 1880er Jahren über 25 Patente vergeben. Und 1903 präsentierte der Detroiter Dentist Charles Henry Land seinen applaudierenden Kollegen eine vollkeramische, zahnfarbene Jacketkrone (Jacken-Krone), die den Zahn mantelartig umfasste. Noch heute wird der ästhetisch anspruchsvolle Kronentyp bei der Restauration von Frontzähnen verwendet.
Mit dem steigenden technischen Niveau entstand ein neuer Berufszweig: der Zahntechniker, der in einem speziellen Labor den Zahnersatz fertigte. Zugleich wandelte sich die Einrichtung der Arztpraxen, die schon um 1900 durch eine charakteristische Trias geprägt war: Instrumentenschrank, Lehnstuhl, Bohrer. Die ersten leistungsfähigen Bohrer waren noch nach dem Vorbild von Isaac Singers Nähmaschine konstruiert, pedalgetrieben. 1872 kam dann ein elektrischer Zahnbohrer auf den Markt. Die Hochgeschwindigkeits-Turbinenbohrer mit einigen hunderttausend Umdrehungen pro Minute liessen allerdings noch bis nach dem Zweiten Weltkrieg auf sich warten. Parallel zur Therapie revolutionierte sich auch die Theorie der Karies. 1890 stellte Willoughby Dayton Miller, Sohn einer nordamerikanischen Farmerfamilie und Schüler des Berliner Bakteriologen Robert Koch, seine bahnbrechende Arbeit vor. Karies, sagte er, werde von Mikroben verursacht. Denn aus Kohlenhydraten bildeten sie organische Säuren, die dann den Zahnschmelz angreifen und entkalken könnten. Millers Theorie hatte Bestand. So gilt es als ausgemachtes Lehrbuchwis sen, dass vor allem die im Zahnbelag enthaltenen Bakterien vom Typ Streptococcus mutans einer der Hauptfaktoren bei der Kariesentstehung sind.
Im 19. Jahrhundert wurde noch etwas anderes entdeckt: die Wirkung des Fluors auf den Zahnschmelz. Mancherorts gab es schon in den 1870er Jahren Fluoridtabletten zum Schutz vor Karies zu kaufen. Allerdings wurde der Effekt erst im 20. Jahrhundert systematisch erforscht. Inzwischen nimmt man an, dass Fluorid vor allem dann einer Entkalkung des Schmelzes vorbeugt, wenn man es direkt auf die Zähne aufträgt, etwa durch Zahnpasten oder Mundwasser. Auch fluoridiertes Speisesalz scheint diese Wirkung zu besitzen. In vielen Ländern wurde seit den sechziger Jahren zudem dem Trinkwasser Fluor beigesetzt. Man setzte auf Prävention.
Die Karies ist seltener geworden. In den sechziger Jahren, so schildert der Epidemiologe Giorgio Menghini von der Zürcher Universität, habe es im Kanton Zürich keinen 14-Jährigen ohne Karies gegeben. Durchschnittlich waren bei jedem der Jugendlichen 12,5 Zähne befallen. Im Jahr 2000 waren es noch 1,3 und mittlerweile ist die Hälfte aller 14-Jährigen kariesfrei. Zwar stellt sich im Laufe des Lebens bei den allermeisten Menschen eine Karies ein, dennoch ist auch unter Erwachsenen die Zahl der kranken Zähne rückläufig – ein Trend, der sich gleichermassen in anderen europäischen Ländern beobachten lässt und sich nach Meinung vieler Experten weiter fortsetzen wird.
«Auch für den einzelnen Zahnarzt hat Karies eine abnehmende Bedeutung», bekräftigt Menghinis Kollege und Kariesspezialist Till Göhring. Dass ein Zahn wegen Karies gezogen werden müsse, komme kaum noch vor, und selbst Bohren sei keineswegs immer erforderlich. Denn zum einen ist klar, dass Karies eine Krankheit mit vielen auslösenden Faktoren ist, neben einer hohen Bakterienzahl gehören dazu beispielsweise ein spärlicher Speichelfluss, mangelhafte Mundpflege und sogar starker Stress. Zum anderen können sich manche Kariesherde wieder zurückbilden. So genügten bei oberflächlichen Läsionen des Zahnschmelzes oft Fluoridspülungen oder die Versiegelung des Zahns mit speziellen Harzen, sagt Göhring. Erst bei tiefer gehenden Schäden müsse man zu Füllungen oder Inlays greifen.
Stirbt die Karies aus? Seitdem Willoughby Dayton Miller seine Bakterientheorie vorgestellt hat, ist immer wieder über eines spekuliert worden: die Kariesimpfung. Tatsächlich haben viele Tierversuche gezeigt, dass sie zumindest prinzipiell möglich wäre, auch wenn es bisher noch keinen praktikablen Impfstoff gibt. «Wahrscheinlich ist er auch gar nicht notwendig», sagt Till Göhring. Denn schon durch gute Mundhygiene lasse sich Karies verhindern. Und das sei sicher.
333 Milliliter Zahnpasta, 7,8 Meter Zahnseide und 0,5 Stück Interdentalraumbürste: Das wenden die Schweizer im Schnitt pro Jahr für ihre Mundpflege auf, womit sie zwar weit unter den Hygiene-Idealen der Weltgesundheitsorganisation, aber etwa gleichauf mit ihren deutschen Nachbarn liegen.
Neu ist die Idee der Mundpflege nicht. Der Prophet Mohammed empfahl seinen Gläubigen regelmässige Mund spülungen. Und um 1500 schrieb der päpstliche Chirurg und Zahnarzt Giovanni da Vigo: «Die Zähne dienen der Anmut, zum Kauen von Fleisch und zur Aussprache.» Daher solle man sie auch pfleglich behandeln. Weit verbreitet waren beispielsweise Feilen zum Reinigen der Zähne, und der Adel bediente sich schon recht früh des Zahnstochers.
Selbst die Zahnbürste kommt in die Jahre. So wurde unlängst ein aus Schweineknochen und Tierborsten gefertigtes Bürstchen im Keller eines Barockpalais im deutschen Quedlinburg gefunden. Offenbar putzte sich sein Besitzer damit vor rund 250 Jahren die Zähne.
Martin Lindner ist Arzt und freier Wissenschaftsjournalist in Berlin.