NZZ Folio 10/01 - Thema: Alles Design?   Inhaltsverzeichnis

Der neue Sekretär

Ajax von N2.

Von Ursula von Arx

Jürg Boner von N2, einer Gruppe von Ehemaligen der Höheren Schule für Gestaltung Basel, ist ein cleverer, sympathischer junger Mann. Seine Kleidung wie sein Umgang haben etwas Praktisches, das hängt vielleicht damit zusammen, dass er früher Schreiner war. Allerdings hat Boner auch eine theoretische Ader, er will sie nicht strapazieren, aber einen Platz haben darf sie schon. Die Frage, was Designer eigentlich machen, beantwortet er so: Sie schaffen Atmosphäre, Erinnerungen, Irritationen. Boner denkt dabei an die Keramikbadmöbel von Philippe Starck, die Urgrossmutters Badewelt der Bottiche, Zuber, Eimer gegenwärtig machen, oder an Hannes Wettsteins Lampen, die wie Scheinwerfer aussehen, oder an den wunderbar experimentellen Sitzplatz für eineinhalb Personen in den Basler Trams, der einiges in Bewegung setze: Wie gut muss ich eine Person kennen, damit ich mich da neben sie setzen darf? Will ich ihr überhaupt so nah kommen? Und sie? Will sie auch? Und so weiter.

Jürg Boner denkt auch an sich selber und an seinen Arbeitstisch Ajax zum Beispiel. Die Frage, warum er jetzt auch noch einen Tisch machen musste, es gebe doch schon genug, beantwortet er so: Jede Gesellschaft drücke sich auch in ihren Möbeln aus. Einem Designer, also ihm, gehe es nicht einfach darum, einen Tisch zu machen, der steht und auf den man eine Tasse stellen kann, sondern er erforsche, was welche Dinge wann auslösen.

Bei Ajax, dem Arbeitstisch mit integrierter Leuchte, stand der Sekretär seines Grossvaters Pate. Ein schweres, grosses, grossartiges Möbel mit vielen Schubladen und ebenso vielen Geheimnissen. Eine Neuinterpretation des Sekretärs, die die neuen Technologien in Betracht zieht, sah Boner als Notwendigkeit. Es sollte ein leichtes, elegantes Möbel werden. Schubladen, gar abschliessbare, sind aufwendig zu machen und nicht mehr zwingend, man hat heute ja alles im Computer. Aber eine entfernte Erinnerung an sie sollte es schon geben, deshalb der Stauraum: Zwei auf je einer Seite abgebogene Kunstharzplatten, die eine kleiner als die andere, werden übereinander montiert. Die Idee zu diesem Raum kam Boner, weil er in seinen Frankreichferien seine Hände in einem dieser alten Keramikbecken gewaschen hatte, die hinter dem Wasserhahn eine Ablagefläche für Seife und Ähnliches haben. Er fand das interessant.

Eine Lampe auf dem Tisch wollte Boner vermeiden. Er wollte ein im Tisch integriertes Licht, das den Arbeitsort auszeichnet und eine konzentrierte Atmosphäre schafft. Ringsherum kann das Chaos abgehen, wer an Ajax sitzt, soll es nicht kümmern. Sein N2-Kollege Christian Deuber, der Lichtspezialist der Gruppe, konnte helfen. Dank ihm ist der Stauraum jetzt nicht nur Ablagefläche, er verbirgt auch eine Leuchte, die sanftes, blendfreies Licht auf die Tischplatte wirft.

Die Beine von Ajax sind ein Kapitel für sich. Stapel von Skizzen gingen ihnen voraus. Man suchte ja nicht einfach schöne Beine für Ajax, sondern vor allem klappbare. Ajax sollte nämlich auch das Campingtischchen als seinen entfernten Verwandten betrachten können. Man orientierte sich an den Bügelbrettbeinen und wollte lange Zeit nicht davon lassen. Aber mit Bügelbrettbeinen erinnerte Ajax einfach an ein Bügelbrett oder gar an ein Keyboard, und diese Assoziationen wollte man nicht. «Kill your Darling» gilt auch für Designer. Die Lösung mit den sich auf der linken und auf der rechten Seite kreuzenden Stahlrohrbeinen, die mit einer stabilisierenden Stange verbunden sind, hat den Vorteil, dass man auf dieser seine Füsse deponieren kann.

Morgens um fünf am Tag des Abgabetermins stand der Prototyp. Er ging ins belgische Kortrijk an den Wettbewerb «Design for Europe» 1998, gewann dort den zweiten Preis, wurde publiziert. Die Münchner Firma ClassiCon, bekannt vor allem durch ihre Eileen-Gray-Möbel, sah's. Sie telefonierte nach Basel, sie hätten Interesse. Ein Glücksgefühl wie nach diesem Telefon habe er in seinem Leben vorher nur ein einziges Mal gehabt, sagt Boner, Jahrgang 1968.

Seit November 2000 kann man Ajax im Laden kaufen. Er kostet rund 2100 Franken. Die gravierendste Änderung gegenüber dem Prototyp sind die Tischblätter, die nicht mehr aus Kunstharzplatten sind, sondern aus Sperrholz. Das mache den Tisch etwas langsam, findet Boner. Er hätte ihn gerne schneller.


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