ENDLICH! Es ist Freitag, der 31. Juli, und die Zeit ohne Fussball dauert nur noch wenige Stunden. Wie ein schweres Gewitter hat sich die Spannung über den für jeden echten Fan nur allzu langen Sommer aufgebaut. Dirk Wirdeier trommelt nervös mit den Fingern. Fussballfieber! Zwei Stunden vor dem Spiel glühen seine Wangen wie seit Wochen nicht mehr.
Dirk Wirdeier hat sich das blau-weisse Trikot des FC Schalke 04 übergestreift. Andrea Hugo, seine Freundin, trägt ebenfalls Blau-Weiss, und blau hat sie sich die Fingernägel lackiert. Blau-Weiss tragen die Kollegen vom Fan-Club Emscherpferd, die sich nach Feierabend, in Dirks Wohnung beim Hotel Meistertrunk im Zentrum von Eickel, in aufgekratzter Stimmung versammelt haben. Noch schnell ein paar Flaschen Bier zur Linderung der Nervosität, dann mahnt der Vorsitzende zum Aufbruch: «Auf nach Schalke!»
Die Gruppe zwängt sich in ihre mit Klebern und Wimpeln geschmückten Autos. Vor der Abfahrt werden, festes Ritual, die blau-weissen Halstücher in die Fensterscheiben eingeklemmt, dann der CD-Player voll aufgedreht. Aus dem Lautsprecher fetzt der neueste Song der Gruppe Tac, Tic, Tor.
«Tausend Feuer in der Nacht / die haben uns das Glück gebracht / doch wenn Fans zusammensteh'n / dann wird der Club nie untergeh'n! / Schalke, Schalke . . . ist die Macht.»
AUCH IN WANNE-EICKEL, kein Zweifel, ist der Fussball eine runde Sache und ein ganz besonderes Lebenselixier. Nun ja, die lokalen Vereine spielen zwar allesamt in den tiefen Niederungen der Amateurligen, doch gleich vor der Haustür gibt es eine Reihe von Clubs mit wohlklingenden Namen: Schalke 04, Borussia Dortmund, VfL Bochum, MSV Duisburg, die grossen Vereine des Reviers, die das Herz jedes Wanne-Eickelers höher schlagen lassen. Doch die Sympathie - das Wesen des Fans ist monogam - ist geteilt. Entweder Dortmund oder Schalke, entweder Bochum oder Duisburg. Welchem Verein ein Wanne-Eickeler ein Leben lang die Treue hält, entscheidet sich bereits bei der Geburt: Wie der Vater, so der Sohn (Fussball ist noch immer ein Männersport). Die grosse Mehrheit aber, stellt Jürgen Bergmann, der Pressewart des Schalke-Fan?Clubs Emscherpferd Wanne-Eickel klar, «ist für Schalke». Die Schalker Fans seien im übrigen tolerante Menschen. Früher, da habe es mit den Dortmundern zwar noch manche Keilerei abgesetzt, doch heute befinde man sich in besserem Einvernehmen. «Wir freuen uns an den Erfolgen der Vereine aus dem Kohlenpott. Und solange einer nicht ein Bayern-München-Fan ist, hat er hier nichts zu befürchten.»
EINE HALBE STUNDE vor Anpfiff der Partie Schalke 04 gegen Bayer Leverkusen ist die Nordkurve des Parkstadions ein blau-weisses, tobendes Menschenmeer. Routiniert kämpfen sich die Fans aus Wanne-Eickel durchs Getümmel in die Mitte des Sektors 10 vor, von wo aus man das Spielfeld seitlich und damit eher leidlich überblickt. Dafür hat der Eintritt auch nur gerade 12 Mark gekostet. Billiger als auf Schalke ist ein Bundesligaspiel nicht zu haben.
Blau-weisse Flaggen werden geschwenkt. Kurz vor Anpfiff klettert einer noch schnell an der Stange des Lautsprechers empor. Er bindet einen Schal in den Farben Leverkusens um den Mast und setzt ihn unter brüllendem Applaus in Brand. Dann laufen die Mannschaften auf, aus Zehntausenden von Kehlen erklingt das Vereinslied des FC Schalke 04.
«Blau und Weiss, wie lieb' ich dich / Blau und Weiss, verlass mich nicht / Blau und Weiss ist ja der Himmel nur / Blau und Weiss ist unsre Fussballgarnitur.»
Im grauen Betonrund des Parkstadions herrscht, wie es später in der Zeitung heissen wird, «eine Riesenstimmung». 48 500 Zuschauer skandieren Sprechchöre und trinken mächtig Bier. Dann, erst zehn Minuten sind gespielt, plötzlich Totenstille: Der Ball liegt im Tor, 0:1 für Leverkusen. Ein Treffer. Ein Schlag in die Magengrube.
Minuten verstreichen, ehe der Schock verwunden ist. Doch dann melden sich die Schalker Fans zurück, und statt gesungen, wird nun zuerst einmal gehörig geschimpft, nicht über den Torhüter, der den Treffer verschuldet hat, sondern über Schiedsrichter («so pfeift ein Arschloch») und über die «Pillen-Elf» aus Leverkusen («ihr seid Scheisse wie der BVB»). Für die einzelnen Spieler der gegnerischen Mannschaft wiederum hat der echte Fan nur noch zwei Bezeichnungen übrig: «Schwein» und «Sau». «Pflück die Sau», schallt es aus der Nordkurve, was offensichtlich heissen will, dass die Schalker dem Gegner den Ball wegnehmen sollen.
Jürgen Wessels vom Fan-Club Emscherpferd kann in der Pause seine Enttäuschung nicht verbergen: «Bei Schalke passt noch nichts zusammen», stellt er fest und holt sich am Stand des Schalke-Sponsors Veltins sein wohlverdientes drittes Bier. Sein Kollege erzählt zum 99. Mal von seinem Ausflug nach Mailand zum Uefa-Cup-Finalspiel: Wie Jens Lehmann den Elfmeter hielt, das blau-weisse Menschenmeer vor dem Mailänder Dom, das Bier, das 10 Mark kostete, und der Ärger des Chefs, als er zwei Tage zu spät zur Arbeit erschienen sei. Der Gewinn eines europäischen Titels, stets nur ein Traum jedes Schalke-Fans, war plötzlich Wirklichkeit geworden.
Jetzt aber herrscht wieder Bundesliga-Alltag. Auch Dirk Wirdeier, dessen Wangen noch ein bisschen röter geworden sind, macht eine ernsthafte Miene. «Es kann nur noch besser werden», sagt er und bleibt grundsätzlich optimistisch. «Schalke gibt nicht so schnell auf. Die kämpfen bis zum Umfallen.»
KAMPFKRAFT ist das Markenzeichen von Schalke 04. Nicht technische und taktische Finessen, weiss der Kenner, zeichnen diese Mannschaft aus, sondern Einsatz und Maloche. Im Fussball des FC Schalke 04 findet die harte Arbeit in den Zechen und Stahlwerken des Ruhrgebiets ihre Allegorie, und so war es schon immer.
1904 gründeten Bergarbeiter der Zeche Consol den Sportclub Westfalia Schalke, aus dem Schalke 04 hervorging. Nicht viel mehr als Hohn und Spott hatten die andern Vereine - Fussball war zunächst vorwiegend ein Sport des Bürgertums - für die kickenden Bergleute übrig, vorwiegend Einwanderer aus dem Osten Europas. Schalke galt als «wild pöhlende» Truppe ohne grosse Spielkultur. Das änderte sich in den zwanziger Jahren, als sich die Mannschaft die gefürchtete Taktik des «Schalker Kreisels» zulegte, ein Spielprinzip, das der damalige Spieler Ballmann mit den Worten zusammenfasste: «Nicht der, der im Ballbesitz ist, bestimmt das Spiel, sondern die, die sich freilaufen und zum Abspiel zwingen.» Eine Einsicht, so bahnbrechend für den Fussball wie die Relativitätstheorie für die Physik.
Mit dieser Taktik gewannen die Schalker Knappen in den dreissiger und vierziger Jahren nicht weniger als sechs Meistertitel. 1958 waren sie erneut erfolgreich, doch dann ging's mit dem Verein der Bergleute bergab. 1972 geriet der Club in den Strudel des Bundesliga-Bestechungsskandals, und 1981 geschah das Unfassbare: Schalke musste erstmals in der Vereinsgeschichte absteigen. Der Verein war hoch verschuldet, nur die Fans blieben treu und füllten auch in der Zweiten Liga das Stadion. Seit wenigen Jahren erst steht der Verein wieder auf einer soliden finanziellen Basis und hat auch sportlich - mit dem erstmaligen Gewinn des Uefa-Cups - wieder Erfolg. Die Geschichte von Schalke 04, auch eine Allegorie dafür, dass mit Willen und Einsatz jede Krise überwunden werden kann?
«STEHT AUF, WENN IHR SCHALKER SEID», singen die Fans in der Nordkurve zu Beginn der zweiten Halbzeit, und es erheben sich jetzt auch die Herren auf den besseren Plätzen auf der gedeckten Tribüne. Die Spieler gehen nun engagierter zur Sache und «pflücken» die Gegner, wie gewünscht. In der 58. Minute gleicht der Holländer de Kock aus, und wenig später erzielt van Hoogdalem, ein weiterer Holländer aus der zur Mehrheit aus Ausländern gebildeten Schalker Elf, das 2:1.
Das Spiel ist aus. «Hat 'ne Menge Nervenschmalz gekostet, aber drei Punkte sind drei Punkte», zieht Jürgen Wessels nach dem ersten Spiel der neuen Saison Bilanz. Erleichtert verlassen die Blau-Weissen das Stadion. Die zu Beginn des Spiels spürbare Aggressivität in der Nordkurve ist einer fröhlichen Ausgelassenheit gewichen. Die Fans von Bayer Leverkusen dagegen sind jetzt erst recht sauer, werden aus der Südkurve direkt in die bereitstehenden Busse gelotst und, von Polizeiwagen eskortiert, zum Bahnhof verfrachtet.
DER FUSSBALL ist ein Geschäft, und auch ein Club wie der FC Schalke 04, der lange Zeit im Ruch des leicht halbseidenen Proletenvereins stand, wird heute professionell geführt wie ein Wirtschaftsunternehmen. Das Produkt: Unterhaltung und Spektakel. Die Kunden: Sponsoren, TV-Stationen, Stadionbesucher und Fans, die es ganz besonders zu pflegen gilt. Zum professionellen «Fan-Management» gehören eine Vereinszeitung (der «Schalker Kreisel»), ein monatlicher Rundbrief sowie ein Informationsservice im Internet; ein Dachverband ist für den Kontakt zu den über 350 Fan-Clubs zuständig; und ein Fan-Projekt kümmert sich speziell um gewaltbereite und gefährdete Anhänger des Vereins: sie werden von Betreuern zu den Spielen begleitet und erhalten auch «im Leben nach dem Spiel», etwa bei der Arbeitssuche, Unterstützung. Auf der andern Seite sind die Fans aber auch eine wichtige Einnahmequelle, nicht nur als Stadionbesucher, sondern auch als Käufer von Fan-Artikeln. 48 Seiten stark ist der Katalog, der alles, was man sich nur denken kann, in den Vereinsfarben anbietet: Sportbekleidung, Geschirr, Wimpel, Kinderwagen und eine «Kuscheldecke für den Fan».
Dirk Wirdeier nennt eine Reihe solcher Accessoires sein eigen. Der Türvorleger ist blau-weiss und trägt die Aufschrift «Schalke, da steh' ich drauf». An den Wänden in der Stube hängen Wimpel, und aus der Stereoanlage erklingt der zurzeit heisseste Fan-Song.
«Schalke wird wieder Deutscher Meister / Schalke ist wieder Nummer eins / Blau und Weiss steht wieder oben / wie es früher einmal war.»
Zu Hause angelangt, lassen die Fans am Fernsehen das Spiel noch einmal Revue passieren. Mit zwei auf den Freitag vorgezogenen Spielen hat die neue Bundesligasaison begonnen, und Schalke steht mit drei Punkten an der Spitze. «Eigentlich sollte man jetzt die Saison gleich wieder abbrechen», lacht Jürgen Wessels.
Bliebe allein die Frage: Was wäre das Leben in Wanne-Eickel ohne Fussball?