NZZ Folio 11/03 - Thema: Erben   Inhaltsverzeichnis

Wein und Sein -- Andres Furger, Kapitän der Arche

© Caspar Martig
Andres Furger, Direktor des Landesmuseums und Toscana-Liebhaber.
Linktext
Von Peter Rüedi

«ZUKUNFT BRAUCHT HERKUNFT» heisst ein bedenkenswerter Aufsatz des Philosophen Odo Marquard. Die Gegenwart ist der unfassbare Moment, der nie verweilende Augenblick, bevor sich Zukunft in Vergangenheit verwandelt. Was keine Geschichte hat, hat keine Zukunft, und schon sind wir mitten im Metier von Andres Furger. Der sagt es so: «Wir betreiben ja nicht Geschichte um der Geschichte willen, sondern um die Gegenwart zu verstehen und in die Zukunft zu blicken.»

Furger steht einem Institut vor, das sich mit der Vergangenheit befasst, der Beschaffung, Bewahrung und Befragung von alten Dingen. «Zu unserer Kultur gehört die Meinung, alles sei besser, als es einmal war. Ist ja in mancher Hinsicht auch so. Aber wenn etwas Neues kommt, verschwindet etwas Altes, und wir leben in einer Zeit, in der wir enorm viel über Bord werfen. Mein Beruf ist es, das Unterdeck der kulturellen Arche Noah zu bewirtschaften.»

Seit 1987 ist Andres Furger Direktor des Schweizerischen Landesmuseums, Chef von 120 Angestellten, die sich mit der Pflege und der Restaurierung, mit der Konservierung und Vermittlung einer Million numerierter Objekte beschäftigen, mit «der bedeutendsten kulturhistorischen Sammlung der Schweiz». Was im neugotischen Symbolbau, einer Art demokratisch gebremstem Neuschwanstein zwischen dem Zürcher Hauptbahnhof und dem Platzspitz, ausgestellt ist, ist nur die Spitze des Eisbergs.

Am St.-Nimmerleins-Tag (nach Furger «zwischen 2011 und 2013») wird es zum Sanierungs- und Erweiterungsbau kommen, der das Traum- oder Albtraumschloss von Gustav Gull selbst zu einem Ausstellungsstück des Historismus aus dem vorletzten Jahrhundert macht.

Weil die Schweiz keine «Nationalgeschichte» hatte, machte sie sich eine, in Landesausstellungen, Festspielen, Schützenfesten und im Landesmuseum. Dessen Waffensaal ist die Apotheose eines älteren Bildes der Schweizer Geschichte: «Wenn man die Waffen untersucht, sind die vor allem aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Mit Sempach und Morgarten haben sie nichts zu tun. Man wollte eine Gesamt installation mit der Botschaft: Dank den tapferen Vorfahren bist du heute ein Schweizer.» Jetzt wollen sich Furger und sein Team vermehrt um die Schweiz des letzten, des 20. Jahrhunderts kümmern. Denn Erinnerungshilfen tun not.

Andres Furger wollte schon als Bub Archäologe werden, wie andere Lokomotivführer werden wollen. Während des Studiums grub er an der Basler Rittergasse, im Jura, auf dem Schlachtfeld von Bibracte, wo 58 v. Chr. die Helvetier, nachdem sie ihre Heimstätten vernichtet und alle Brücken hinter sich abgebrochen hatten, von Cäsar geschlagen wurden. Mit der Leidenschaft für die Antike, besonders für die Kultur der Kelten (zu denen die Helvetier gehörten), wuchs Furgers Leidenschaft für den Wein, schon weil die französischen Kollegen bei den Ausgrabungen (Bibracte liegt westlich der Côte d’Or) nicht zu knapp Burgunder tranken.

Den Römern und Griechen galten die Kelten als ausschweifend, undiszipliniert und temperamentvoll. Erfahrung mit Drogen hatten sie schon früh: in den Pfahlbauten um Zürich war Mohn vermutlich die erste kultivierte Pflanze. Dann entdeckten sie das Bier, endlich, mit dem römischen Weinboom nach dem Fall von Karthago (146 v. Chr.), den Wein, den die Karthager exportierten. Bei Ausgrabungen in der Schweiz entdeckte Furger, dass bis zu 20 Prozent des Strassenkieses aus Scherben von zerschmetterten Amphoren bestanden. Ein erstaunlicher Befund, hatten doch 25 Liter Falerner den Gegenwert eines jungen Sklaven.

Heute kümmert sich Furger, wann immer er das Steuer seiner Kultur-arche verlassen kann, um ein kleines Landgut in der Maremma. Von den Burgundern hat er längst zu den Toscanern gewechselt, dem «Supertuscan» etwa, den Thomas Bär, ein anderer Italomane, auf seinem Gut Gagliole produziert. Der 2000er steht dicht und dunkel im Glas, ist noch jung und etwas hart im Holz, aber mit schwarzvertieften Frucht- und Lakritzaromen ein Versprechen und jetzt schon eine Freude für jeden, der Weine liebt, die ihm nicht nach dem Mund reden.

Auch als Landmann blickt Furger zurück, studiert das landwirtschaftliche Lehrbuch des Lucius Columella und dasjenige, das der alte Cato über den Aufbau seiner ererbten afrikanischen Güter schrieb. Und muss etwas lachen, wenn er im ansonsten vorzüglichen Olivenöldossier der Zeitschrift «Merum» liest, Öl aus entsteinten Oliven werde von Leuten gepriesen, «die alles für gut halten, was neu ist». Vor zweitausendundfünfzig Jahren hielt Cato Öl aus nicht entsteinten Früchten allenfalls für Sklaven als geeignet, und selbstverständlich kennt Furger die imposante, in Pompei ausgegrabene steinerne Entsteinungsmaschine.

«Gewisse Dinge waren in der Antike einfach besser», sagt Furger. Und sucht, in der Hand ein Glas rubinrote Gagliole-Gegenwart, weiter in der Ver gangenheit nach der Zukunft.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.