NZZ Folio 05/07 - Thema: Das Dorf   Inhaltsverzeichnis

Herr Takada hat gesagt

© Markus Bühler-Rasom
Ein SMC-Mitarbeiter vor über 5000 Schachteln in dem vollautomatischen, computergesteuerten Lager. Linktext
SMC Pneumatik ist Weisslingens Schnittstelle mit der globalen Wirtschaft. Doch die Weisslinger bekommen davon nichts mit. Der grösste Steuerzahler unter der Lupe.

Von Anja Jardine

Spazierte Herr Takada durch Weisslingen, ein feiner Herr von über 80 Jahren, sehr rüstig noch, mit wachem Blick, niemand wüsste, wer das ist, dieser alte Japaner. Dabei ist es Herrn Takada zu verdanken, dass Weisslingen einen solchen Steuerzahler hat, einen solch potenten Arbeitgeber: die SMC Pneumatik. Immerhin ist die Firma mit Abstand der grösste Steuerzahler und beschäftigt 143 Mitarbeiter.

Das moderne Firmengebäude hockt rund wie ein Bienenstock im Zentrum von Weisslingen, gleich neben dem Volg. Die drei Firmenbuchstaben, seitlich montiert, kennt jeder. Doch was produziert SMC eigentlich? Die Verkäuferin im Volg zuckt mit den Schultern, die junge Mutter an der Kuchentheke sagt: «So hydraulisches Zeug, glaube ich», der Briefträger aber weiss es genau: «Die machen pneumatische Komponenten für die Automatisierung.»

In der Werkstatt zischt und pufft es rhythmisch – eine Art industrieller Perkussion, die wohlklingt. Sylvie Hirzel, die Marketingchefin der Firma, führt durch die Halle, auf der Suche nach einem Teil, das anschaulich macht, was es mit der Pneumatik auf sich hat. «Zwar kommen mit Druckluft angetriebene Werkzeuge überall zum Einsatz – in Verpackungsanlagen, Automobilmontagestrassen oder automatischen Webstühlen –, aber es ist dennoch ein sehr «erklärungsbedürftiges Produkt», sagt Hirzel. «Deswegen investieren wir auch so viel in den Aussendienst.» 71 der 143 Mitarbeiter sind «draussen» unterwegs, um die Bedürfnisse der Kunden zu ermitteln und ihnen Lösungen vorzuschlagen. Technologiegigant OC Oerlikon braucht andere Komponenten als der Melonenschneiderhersteller in Wil.

Grundfunktionen der Maschinenteile sind: Greifen, Transportieren, Halten oder Heben. So werden Flaschen durch die Flaschenfüllanlage bugsiert und Uhrzeiger ins Gehäuse montiert. Die Zukunft liegt in der Miniaturpneumatik, sagt Hirzel: in der Labor- und Medizinaltechnik, Stecker- und Gehäusebestückung, Kabelkonfektionierung und in der Chip-Industrie. Immer präziser, immer schneller, immer kompakter, immer kleiner müssen die Werkzeuge sein. Und jeder Hersteller braucht exakt auf seine Bedürfnisse zugeschnittene Maschinenteile.

Die werden aus Standardmodulen zusammengesetzt, die sie aus Japan beziehen: Schlitten, Zylinder, Luftaufbereitungsanlagen, Luftwartungseinheiten, Ventile, Schläuche, Klemmverbindungen, Regler, Öler und derlei. Bei Anlieferung wird die Ware mit einem Scanner erfasst, anhand eines Barcodes indentifiert und mit automatischen Regalbediensystemen einsortiert. Nach dem Prinzip «permanente Inventur» wird der Weg jedes Teils mit Lichtschranken und Sensoren verfolgt, so dass der Bestand jederzeit abrufbar ist. «Wir halten für den Schweizer Markt 5000 Produkte auf Vorrat; die sind innerhalb von 24 Stunden lieferbar», sagt Sylvie Hirzel. Und fügt hinzu: «SMC bietet 11 000 Basismodelle in 610 000 Produktvariationen an. Was wir nicht vor Ort haben, bestellen wir.» Der Katalog steht beim Innendienst und umfasst 17 Bände, einen halben Regalmeter, 5 Bände allein für Ventile! Und plötzlich wird die Dimension des Unternehmens deutlich: Dieses Haus in der Dorfstrasse 7 ist kein mittelständisches Unternehmen, sondern Teil eines weltumspannenden Ganzen, Knotenpunkt eines globalen Netzwerks.

Im Jahr 2005 hat der Konzern drei Milliarden Franken Umsatz gemacht, er hält weltweit einen Marktanteil von 25 Prozent, in Japan sind es 61 Prozent. SMC hat Tochtergesellschaften in 39 Ländern, 23 Produktionsstätten auf vier Kontinenten, 260 Verkaufsbüros, 690 Vertriebspartner und 16 500 Mitarbeiter. Darunter über 1000 Ingenieure, die sich unentwegt neue Produkte ausdenken. Gegründet wurde dieses Luftdruck-Imperium vor knapp 50 Jahren von Herrn Takada. Und wenn er was sagt, hören immer noch alle zu.

Erst vor wenigen Wochen war Daniel Langmeier, Chef der Schweizer Niederlassung, mal wieder in Tokio und hat den alten Herrn getroffen. Immer wenn Langmeier aus Japan zurückkehrt, fangen viele seiner Sätze an mit «Herr Takada hat gesagt», erzählt Sylvie Hirzel, und Langmeier schmunzelt. «Diesmal hat er zu mir gesagt: Du sitzt auf zu viel Geld. Stell mehr Leute ein!» SMC sucht jetzt zehn Mitarbeiter für den Aussendienst.

Als die SMC Schweiz 1976 in der Nachbarmetropole Tagelswangen gegründet wurde – bevor sie 1988 nach Weisslingen in die stillgelegte Textilfabrik Hausammann & Moos umzog –, arbeiteten dort vier Personen. Seitdem ist die Firma stetig gewachsen. Jeder Gewinn der Schweizer Niederlassung wird in der Schweiz investiert, die Firma agiert fast autonom, hat noch nie Verluste gemacht und 2006 mit gut 40 Millionen Franken Umsatz das beste Ergebnis der Firmengeschichte erwirtschaftet. «Unser Ziel sind 41 Prozent Marktanteil in der Schweiz», sagt Langmeier, und es klingt eher sportlich als geschäftlich. Überhaupt ist Langmeier ein Typ, den man sofort zum Mannschaftskapitän wählen würde; er ist freundlich und umgänglich, legt Wert darauf, jeden Mitarbeiter persönlich zu kennen, und führt, wie Hirzel sagt, «mit flacher Hierarchie»: Das Team erhält Zielvorgaben, nicht das Individuum – sehr japanisch.

Langmeier ist auch zuständig für die Tochtergesellschaften in Frankreich und in Deutschland und ausserdem Mitglied im Aufsichtsrat des Mutterhauses, eine seltene Ehre für einen Nichtjapaner. Überhaupt scheint Langmeier einen seltenen Draht zu Takada zu haben, auch wenn sie nicht die gleiche Sprache sprechen. Er verkehrt bei Takada daheim und sagt: «Der Yoshi, Takadas Sohn, ist fast wie ein Bruder für mich. Irgendwie stimmt die Chemie zwischen uns.» Dennoch hat es eine Weile gedauert, bis Langmeier die japanischen Umgangsformen besser zu deuten wusste, lernte, wann ein Ja Nein bedeutet und zu welcher Stunde über welche Themen gesprochen wird. «Herr Takada ist ein klassischer Patron», sagt Langmeier, «er hat ein unglaubliches Charisma und strenge Prinzipien.» Ein erfreulich unzeitgemässes lautet: Niemand wird entlassen, sofern er sich nicht aus der Firmenkasse bedient hat.

Patriarchales Verantwortungsgefühl zeichnete auch die früheren Industriekönige Weisslingens aus: Caspar Moos, der 1866 die ersten mechanischen Webstühle in Betrieb genommen hatte, richtete eine Krankenkasse ein und baute Arbeiterwohnungen. Zwar geschah das nicht uneigennützig: das Lohnniveau war ohnehin niedrig, Miet- und Arbeitsvertrag miteinander verknüpft und die Leute somit an ihn gebunden. Dennoch trug er Sorge für sie. Der Niedergang der Handspinnerei und der Handweberei hatte Anfang des 19. Jahrhunderts Armut und Hunger über die Landbevölkerung gebracht. Wer glaubt, die Menschen lebten hier im vorletzten Jahrhundert unbehelligt vom Weltgeschehen, täuscht sich. Sei es die Erfindung des mechanischen Spinnstuhls in England oder die Knappheit der Baumwolle aufgrund des amerikanischen Bürgerkriegs – immer erreichten die globalen Winde auch Weisslingen.

Selbst zu Zeiten Ernst Bachofners, der Weisslingen nach dem Zweiten Weltkrieg wie ein König regierte. Er war nicht nur Direktor der Textilfabrik, sondern auch Gemeindepräsident und grösster Grundbesitzer. In dieser Doppel- und Dreifachfunktion gestaltete er das Dorf nach eigenem Gutdünken, baute den Kindergarten, die Kläranlage und setzte im Gemeinderat hemmungslos seine wirtschaftlichen Interessen durch. Eine Verflechtung zwischen Fabrik und Gemeinde, die heute unvorstellbar ist.

SMC und Weisslingen haben in der Tat wenig miteinander zu tun: Nur 7 der 143 Mitarbeiter wohnen in Weisslingen, die anderen pendeln jeden Morgen gegen den Strom, wenn die Schlafgemeinde sich leert. SMC sponsert das jährliche Seifenkistenrennen, das Velo-Rally und die Fussball-Junioren. Vor Jahren gab es einen Tag der offenen Tür, seitdem hat nicht einmal der Gemeindepräsident mehr vorbeigeschaut. «Das finde ich schade», sagt Langmeier. Es ist eine friedliche, weitgehend berührungsfreie Koexistenz. Japan ist fast näher, dank Herrn Takadas Strahlkraft.

Nur mittags vermischen sich für eine gute Stunde Landbevölkerung und industrielle Arbeitnehmerschaft. Dann kommt es zu regem Fussverkehr zwischen Firma und Volg, fungiert der Supermarkt doch quasi als Hauskantine. Herren in Anzügen stehen auf dem Parkplatz, zünden sich Zigaretten an. Lunch in Weisslingen.

Anja Jardine ist NZZ-Folio-Redaktorin.



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