NZZ Folio 04/03 - Thema: Der Fotograf   Inhaltsverzeichnis

Die Nacht der Paparazzi

Für ein paar Stunden zählten die Fotos der sterbenden Prinzessin Diana zu den begehrtesten Bildern der Welt – dann verschwanden sie.

Von Harald Willenbrock

Als an diesem wolkenlosen Morgen des 31. August 1997 eine warme Spätsommersonne heraufzog und die Telefone in immer kürzeren Abständen zu klingeln begannen, dämmerte es Göksin Sipahioglu, dass nichts mehr so sein würde wie zuvor. Gegen ein Uhr früh war der Chef der Pariser Fotoagentur Sipa durch einen Telefonanruf aus dem Schlaf gerissen worden und von seinem Appartement in Montparnasse zur Place de l’Alma gerast. Zwei Stunden lang hatte der schlanke weisshaarige Agenturgründer dort seine herbeigeeilten Fotografen herumdirigiert, war dann in seinem 500er-Mercedes zum Sipa-Büro am Boulevard Murat gejagt, wo er, noch bevor der Morgen anbrach, ein paar Mal um die halbe Welt telefonierte.

Zur gleichen Zeit sass Manfred Meier – Fernbedienung in der einen, Telefonhörer in der anderen Hand – in einem Hotelzimmer in Baden-Baden vor dem Fernseher und scheuchte hektisch seine Redaktoren ins Büro. Die Nachricht hatte den Unterhaltungschef der «Bild»-Zeitung nachts bei der Rückkehr von einem Medienevent erreicht; jetzt musste der «Promimacher der Nation» («Der Spiegel») sehen, wie er von der Provinz aus seinen Lesern die Geschichte beibrachte.

Nikola Arsov, 35, wartete derweil auf den Untersuchungsrichter. Arsov, ein kleiner, kräftiger Mazedonier, der bei Sipa als Motorradkurier begonnen und sich dann langsam zum Nachrichtenfotografen hochgearbeitet hatte, war eher zufällig in die Angelegenheit geraten. Den Vormittag des 30. August hatte er mit einer Reportage über ein Pariser Krankenhaus zugebracht. Als er am frühen Nachmittag ins Büro zurückkehrte, erzählte ihm sein Chef Göksin Sipahioglu, dass Prinzessin Diana und ihr Liebhaber Dodi al-Fayed in Paris erwartet würden. Den Tipp hatten englische Zeitungen gegeben, Arsov sollte versuchen, so nahe wie möglich an das Liebespaar heranzukommen. Für den Sipa-Reporter war ein solcher Auftrag nichts Ungewöhnliches, schliesslich erzielt die Agentur etwa die Hälfte ihres Umsatzes von 15 Millionen Euro mit Fotos von Stars und Sternchen, und die britische Prinzessin hatte Arsov bereits einige Male abgelichtet, als sie in Paris war.

Dennoch war dies ein besonderer Job. Prinzessin Diana, die «Queen of Hearts», galt in diesen Tagen als das Königswild der Bilderjäger schlechthin. Menschen in aller Welt bot sie die grösste denkbare Landefläche für Gefühle aller Art, für Boulevardzeitungen war sie ein Himmelsgeschenk, für Fotoagenturen war sie, der meistfotografierte Mensch der Welt, ein Bombengeschäft. «Natürlich haben wir an ihr eine Menge verdient», sagt Göksin Sipahioglu, ein hellwacher, eloquenter Senior, der ungeachtet seiner 76 Jahre jeden Tag von sechs Uhr morgens bis neun Uhr abends im Sipa-Büro Hof hält. «Und bis heute gibt es niemanden, der auch nur in die Nähe ihrer Popularität gelangt wäre.» Mehr als fünf Jahre nach ihrem Tod können Redaktionen bei Sipa immer noch 7199 verschiedene Diana-Motive erwerben.

«Diana wusste genau, was sie tat», sagt Manfred Meier, 51, ein massiger Boulevardhaudegen, der einige Jahre als Kriegsberichterstatter durch die Welt gezogen war, bevor er zu «Bild» stiess. «Sie nutzte die Presse als Arena für ihre Gefechte mit dem britischen Königshaus. Es gab etwa zehn britische Journalisten, die Diana regelmässig mit Informationen versorgte. Fotografen liess sie wissen, wann und wo man sie ‹abschiessen› könne.» Anders wäre auch kaum zu erklären, warum die geschiedene Gattin des britischen Thronfolgers und ihr Geliebter jenen Urlaub, der ihr letzter sein sollte, ausgerechnet am Mittelmeer, dem Heimatrevier der Paparazzi, verbrachten und ihn mit einem Abstecher nach Paris, der Welthauptstadt der Promiagenturen, beendeten. In jenem Sommer waren ihnen die Fotografen ständig auf den Fersen, und es lohnte sich für sie: Ein einziges unscharfes Kussfoto von Dodi und Diana, aufgenommen an der Côte d’Azur, brachte dem italienischen Paparazzo Mario Brenna fast 4 Millionen Franken ein.

Als Arsov an diesem Nachmittag gegen 16 Uhr seine 1000er-BMW an der Place Vendôme parkte, wartete vor dem Haupteingang des «Ritz» bereits ein knappes Dutzend Kollegen. Eine halbe Stunde später stoppte vor dem Hintereingang des Hotels eine Mercedes-600-Limousine. Ein livrierter Portier führte das berühmte Paar in die Hotellobby. Die Jagd konnte beginnen.

«Diana wusste die Medien wie eine Stradivari zu spielen», schreibt ihr Biograph Christopher Andersen, aber manchmal wäre sie die Männer mit den langen Objektiven liebend gern auch wieder losgeworden. Als das Paar an diesem Nachmittag zu einem kurzen Abstecher in Dodis Appartement in der Rue Arsène Houssaye aufbrach, kam es zu einer wilden Rangelei zwischen Dodis Leibwächtern und Fotografen. Das Abendessen im «Chez Benoît», einem kleinen Restaurant in der Nähe des Centre Pompidou, mussten die Liebesurlauber absagen, weil das Lokal bereits von Fotografen und Schaulustigen umlagert war. Stattdessen speisten die beiden allein in der Imperial Suite des «Ritz». Vor dem Hoteleingang stand Arsov, unterhielt sich mit Kollegen, rauchte und wartete.

Zwanzig Minuten nach Mitternacht kam plötzlich Bewegung in die Entourage des Paars: Der Mercedes 600 mit al-Fayeds Chauffeur brauste los, kehrte nach einiger Zeit jedoch wieder auf die Place Vendôme zurück. Arsov ahnte, dass er und seine Kollegen getäuscht worden waren: Diana und Dodi mussten durch den Hinterausgang des «Ritz» entkommen sein, während ihr Fahrer mit einem Täuschungsmanöver die Paparazzi am Vordereingang ablenkte. «Das war’s», dachte der Fotoreporter und machte sich auf den Rückweg zu seiner Agentur, blieb aber an der Seine im Stau stecken: Im Tunnel unter der Place de l’Alma hatte es einen schweren Unfall gegeben. Seit Arsov auf seine Maschine gestiegen war, konnten höchstens ein paar Minuten vergangen sein.

In diesen Minuten hatte Henri Paul, ein Angestellter des «Ritz», in dessen Blut sich später angeblich 1,8 Promille Alkohol sowie Spuren diverser Medikamente fanden, am Hinterausgang des Hotels einen gepanzerten Mercedes 280 SL mit Diana, Dodi sowie dem Leibwächter Trevor Rees-Jones gestartet, war – gefolgt von einer Handvoll Paparazzi auf Motorrädern – in Richtung Seine gejagt und mit mindestens 118 Kilometern pro Stunde in die kurze Unterführung an der Place de l’Alma getaucht. Dort geriet die schwere Limousine ausser Kontrolle, krachte gegen den dreizehnten Tunnelpfeiler, drehte sich um die eigene Achse, blieb zerstört liegen. Henri Paul und Dodi al-Fayed starben sofort, Diana und der Leibwächter, der als Einziger angeschnallt gewesen war, überlebten.

Über das, was nun geschah, gibt es widersprüchliche Aussagen. Fest steht, dass weniger als eine Minute nach dem Crash der Gamma-Fotograf Romuald Rat neben dem Wrack bremste, die Wagentür aufriss, der Prinzessin versicherte, dass Hilfe unterwegs sei, und dann zu fotografieren begann. Als Zweiter war Christian Martinez von der Agentur Angeli da, schnell kamen mehr Fotografen hinzu, einige legten sich auf den Mercedes, um einen guten Blickwinkel zu bekommen, zwei sollen mit den eintreffenden Polizisten gerangelt haben. Zeugen, die auf der Gegenfahrbahn vorbeifuhren, hielten das Blitzlichtgewitter für das Blaulicht eines Krankenwagens. Nach Schätzungen von Manfred Meier belichteten die Fotografen in diesen Minuten 100 bis 150 Filme – demnach müssen mindestens 3600 Bilder von der sterbenden Prinzessin entstanden sein. Jene, die sie schossen, sind nicht bereit, darüber zu sprechen.

Oben an der Place de l’Alma wollte sich Nikola Arsov gerade am Stau vorbeidrängeln, als er am Ausgang des Tunnels einen Kollegen entdeckte. Arsov verstand, packte seine Kamera, lief zum Tunnel – und wurde, bevor er ein einziges Foto schiessen konnte, von der Polizei verhaftet. «Jedermann war in Panik: die Polizei, die Passanten, alle. Und für jeden stand fest, dass wir den Tod der Prinzessin verschuldet hatten.» Arsov, fünf weitere Paparazzi sowie ein Motorradkurier wurden auf ein Polizeirevier gebracht, mussten Kameras und Filme abgeben und sich ausziehen. Beamte untersuchten jede ihrer Körperöffnungen auf versteckte Filmrollen. Am Tag darauf wurde gegen sie ein Verfahren wegen des Verdachts auf Totschlag und unterlassene Hilfeleistung eröffnet.

Einige Fotografen hatten in dieser Nacht mehr Glück. Um 3 Uhr 30 offerierte Laurent Sola von der Pariser Agentur LS Presse per Internet Zeitungen und Magazinen in aller Welt exklusive Fotos vom Unfall der Lady Diana. Sola forderte für die Abdruckrechte einen sechsstelligen Dollarbetrag; Zeitungen aus den USA und Grossbritannien sagten zu, und so kamen schnell Garantiehonorare in Millionenhöhe zusammen. Als um 5 Uhr 44 Dianas Tod offiziell gemeldet wurde, zog Sola die Bilder jedoch zurück, bat seine potentiellen Abnehmer, das Material von ihren Festplatten zu entfernen, und übergab seine Negative der Polizei. «Ich habe ihm zu diesem Schritt geraten», sagt Göksin Sipahioglu. Doch es war zu spät. Die Jäger waren längst zu Gejagten geworden.

Als der Morgen dämmerte, trat in Kapstadt Earl Spencer, der Bruder der Toten, vor die Fernsehkameras. «Ich habe immer geglaubt, dass die Presse sie irgendwann umbringen würde», erklärte er mit bewegter Stimme, «ich habe das Gefühl, dass jede Publikation, die für ausbeuterische und aufdringliche Fotos von ihr bezahlt hat, Blut an den Händen hat.» In Paris kritzelten Passanten die Parole «Paparazzi – Assassins» an die Brüstung des Place-de-l’Alma-Tunnels. Vor dem Kensington Palace, Dianas Wohnsitz, beschimpfte die Menschenmenge die Reporter. «Ihr habt sie in den Tod gehetzt!», schrie einer den BBC-Korrespondenten an.

Was an diesem Tag um die Welt ging, klang wie ein zutiefst moralischer Aufschrei; in Wirklichkeit war es nur das Aufheulen der Mittäter. Die gleichen englischen Zeitungen, die die französischen Paparazzi tags zuvor auf die Fährte der Prinzessin gesetzt hatten, empörten sich nun, dass diese die Fährte aufgenommen hatten. Die gleichen Leser, die jede Neuigkeit, jedes Foto von Diana und Dodi begierig aufgesogen hatten, entsetzten sich plötzlich über jene, die sie beschafft hatten. Die «Bild»-Zeitung, die im gleichen Jahr sechs Mal vom Deutschen Presserat gerügt worden war – unter anderem für die Veröffentlichung von Fotos, die die blutüberströmte Leiche eines Weingutbesitzers und den verbrannten Torso eines Selbstmörders zeigten –, übte sich in ungewohnter Pietät und verzichtete auf die Fotos des berühmtesten Unfallopfers der Welt.

«Ein schwerer Fehler», sagt Manfred Meier, «Zeitungen drucken jeden Tag Fotos, nach denen einem der Kaffee nicht mehr schmeckt. Denken Sie nur an die Bilder von Kriegsopfern oder an jene von John F. Kennedys Ermordung: Da gibt es Fotos, auf denen das halbe Gehirn zu sehen ist. Das alles ist viel unmenschlicher. Und die Diana-Bilder hätten uns sicherlich eine Million mehr an Auflage gebracht.»

Um die Rechtmässigkeit des Abdrucks hätte sich das Verlagshaus keine Sorgen zu machen brauchen, bestätigt der Hamburger Medienanwalt Dirk Feldmann: «Ein Unfall wie dieser ist ein Ereignis von öffentlichem Interesse, und Lady Diana war eine Person der Zeitgeschichte. In diesem Fall tritt das individuelle Persönlichkeitsrecht hinter das Informationsinteresse der Öffentlichkeit zurück.» Trotzdem entschieden in diesen Tagen Redaktionen in aller Welt wie die «Bild»-Zeitung – bis heute hat es keine gewagt, Fotos des Unfalls zu drucken. Jene Pariser Fotografen und Agenturen, die die Negative besassen, müssen sich wie Kunstdiebe gefühlt haben, die ein millionenschweres Bild in den Händen halten, ihre Ware jedoch nirgendwo anbieten dürfen – jedenfalls nicht offiziell.

Sechs Monate nach Dianas Tod meldete sich ein anonymer Anrufer in der Unterhaltungsredaktion von «Bild». Der Unbekannte bot Manfred Meier in akzentfreiem Englisch Bilder der toten Prinzessin an – wenn «Bild» interessiert sei, solle er nach Paris kommen. Natürlich war Meier interessiert. Im «Warwick», einem Viersternhotel in der Nähe der Champs-Elysées, wurde er telefonisch nacheinander in drei Zimmer beordert, bis die Gegenseite sicher war, dass ihm niemand folgte. Im Zimmer 206 schoben ihm schliesslich zwei namenlose Mittelsmänner mehrere Kontaktbögen über den Tisch. «Es waren fünf Filme mit Unfallbildern aus allen möglichen Blickwinkeln, alle vom selben Fotografen aufgenommen – das konnte ich am Ablauf erkennen. Dodi bot keinen schönen Anblick, Diana aber wirkte unversehrt. Sie hatte ein engelhaftes Gesicht, lediglich ein kleiner, kaum erkennbarer Blutstreifen lief über ihr Gesicht. Sie war so schön wie immer.»

Eine Million Mark verlangten die Kontaktleute für die Negative, 5000 kostete allein das Anschauen. «Udo, wir müssen die Bilder bringen», beschwor Meier seinen Chefredaktor Udo Röbel nach der Rückkehr in die Redaktion. Aber auch dieses Mal entschieden sich Chefredaktion und Verlagsleitung gegen Ankauf und Veröffentlichung. «Ich hätte die Diana-Bilder in jedem Fall gedruckt», sagt Meier achselzuckend, «wenn man eine Zeitung wie ‹Bild› führt, bewegt man sich immer auf einem extrem schmalen Grat.»

Mittlerweile hat sich der Grat allerdings wieder verbreitert. Das erste halbe Jahr nach dem Unfall seien Paparazzi-Bilder schlecht gelaufen, sagt Göksin Sipahioglu, danach sei das Interesse wieder auf Normalniveau gestiegen. Nikola Arsov, der nach 78 Stunden als erster Paparazzo aus der Untersuchungshaft entlassen wurde (sein Glück war, dass die Polizei auf seinen Filmen keine Bilder der Prinzessin fand), fotografiert noch immer für Sipa. In einer vergleichbaren Situation, sagt er, würde er selbstverständlich auf den Auslöser drücken. Das Verfahren gegen ihn und seine Kollegen wurde im September 1999 eingestellt. Der Unfall, befanden die Untersuchungsrichter, sei durch den alkoholisierten Fahrer verursacht worden, der auf der schwierigen Strecke zu schnell gefahren sei. Zwar sei das Verhalten der Fotografen von mehreren Zeugen kritisiert worden, aber, so die Richter, «das ist eine Frage des moralischen und ethischen Zustands ihres Berufs und nicht ein Straftatbestand».

Dodis Vater Mohammed al-Fayed, der nach wie vor der Überzeugung ist, das Paar sei vom britischen Geheimdienst ermordet worden, weil es eine dem englischen Establishment nicht genehme Beziehung führte, hat derweil einen zweiten Prozess gegen drei Fotografen angestrengt: Mit ihren Fotos vom Unfallort hätten sie die Persönlichkeitsrechte seines Sohnes verletzt. Der Klage werden geringe Erfolgschancen eingeräumt, und Beobachter rätseln über ihren Grund. «Vielleicht will al-Fayed von den Verantwortlichen des ‹Ritz› ablenken, die einen betrunkenen, tablettensüchtigen Fahrer Dienst tun liessen und somit die Hauptschuld am Unfall tragen», vermutet Sipahioglu. Verantwortlich wäre damit in letzter Konsequenz jener Mann, der das «Ritz» seit 1979 besitzt, und das ist Mohammed al-Fayed selbst.

Und die letzten Bilder von Diana? Wahrscheinlich schlummern Dutzende von Abzügen in den Stahlschränken der Bildagenturen. Tausende dürften auf den Festplatten von Redaktionen in aller Welt liegen – als digitale Klone, die in der Nacht des Unfalls freigesetzt wurden, lassen sie sich nie mehr einfangen. Dennoch tun man gut daran, sie uns nicht zuzumuten: Die letzten Fotos von Lady Diana sind ein Spiegel, in den wir niemals hineinschauen dürfen. Täten wir es, würden wir in ihm uns selbst und unsere Sucht nach Ikonen wiedererkennen. Und das wäre kein schöner Anblick.

Harald Willenbrock ist freier Reporter und Autor; er lebt in Hamburg.


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