NZZ Folio 09/04 - Thema: Erdöl   Inhaltsverzeichnis

Duftnote -- Das Privileg des Pioniers

© Fabienne Boldt
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Von Luca Turin

MAN KANN SICH nur schwer des Eindrucks erwehren, dass jede Kunst den Abbau endlicher Bodenschätze an Schönheit betreibt. Es ist richtiger, den Künstler als (Er-)Finder zu bezeichnen denn als Schöpfer. Wer als erster an der rechten Stelle gräbt, hat Glück. Die frühen Fotografen schaufelten – egal, wie trivial ihre Sujets – mit jedem Klicken des Auslösers grosse Brocken von kostbarem Erz ans Licht. Die ersten Passagierflugzeuge und die ersten Windsurfer besitzen jene unverkennbare Grazie, die sich einstellt, solange man über die nötige Ellbogenfreiheit verfügt.

In der Parfumerie gehörte dieses Privileg François Coty. Der Autodidakt war einem Apotheker bei der Zusam menstellung von harmlosen Eaux de Cologne behilflich und hinterliess beim grossen Antoine Chiris, dem Pionier der Dampfdestillation, einen so nachhaltigen Eindruck, dass dieser ihm eine Stellung in seiner Firma verschaffte, bis Coty sich selbständig machte.

Die meisten erfolgreichen Firmen fussen auf den Talenten zweier Personen: eine für die Ideen, die andere für die Geschäfte. Coty war beides in einem und errichtete ein gewaltiges Imperium mit Fabriken in der ganzen Welt. Seine frühen Schöpfungen steckten weite Territorien ab: L’Origan, Emeraude, Ambre Antique, La Rose Jacqueminot, L’Aimant – jede legte das Fundament für eine Dynastie von Düften. Seine grösste Erfindung jedoch, das parfumistische Gegenstück zum Konzert in drei Sätzen, war Chypre (1917). Coty entdeckte, dass Bergamotte, Eichenmoos und Labdanum trotz ihren spannungsreichen Unterschieden eine harzige Note gemeinsam haben, die sie zu einer abstrakten Idee zusammenschweisst – offenherzig und unauslotbar zugleich.

Chypre erwies sich als grossartige Struktur für Hunderte von Variationen. Die fruchtigen Chypres (Mitsouko) und die blumigen (Miss Dior) haben sich bis heute gehalten. So wunderbar sie auch sind, in gewissem Sinn handelt es sich bei ihnen um Kompromisse, als habe man Athene darum gebeten, den Helm abzunehmen und fürs Familienbild ein Lächeln und ein wenig Rouge aufzulegen.

Doch die wahren Erben von Chypre sind meiner Ansicht nach die dunklen Variationen: die rauchigen, nelkenartigen und ledrigen wie Bandit (Piguet) und Jolie Madame (Balmain); die bittergrünen wie Futur (Piguet) und das demnächst neu aufgelegte Sous le Vent (Guerlain); die animalischen wie Cabochard (Grès) und das tolldreiste La Nuit (Rabanne). Offenbar mögen wir zahme, umgängliche Frauen, denn die meisten dieser Düfte werden nicht mehr hergestellt und haben sich ohnehin nie besonders gut verkauft. Coty hätte sie gewiss zu schätzen gewusst.

Wie viele reiche Männer hat er sich am Ende überhoben. Er ging in die Politik, kaufte Zeitungen auf und beschloss sein Leben zurückgezogen als fanatischer Rechtsextremer. Der Name Coty wechselte mehrfach den Besitzer und gehört heute der deutschen Firma Benckiser. Die heutigen Coty-Parfums? Stetson, Céline Dion und Adidas.




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