NZZ Folio 08/99 - Thema: Kiosk   Inhaltsverzeichnis

Am Nabel des Nabels

Onkel Madbûlis Kiosk im Zentrum von Kairo.

Von Sonallah Ibrahim

Neben dem Tachrîr-Platz, der sicher das Zentrum oder der «Nabel» der Stadt Kairo ist, gibt es, nur wenige Schritte entfernt, einen anderen, nicht minder wichtigen Platz, sozusagen den Nabel des Nabels. Er ist gleichzeitig der Nabel des modernen Kairo, das Mitte des neunzehnten Jahrhunderts der tausendjährigen Stadt hinzugefügt wurde, und zwar durch jenen französischen Architekten, der auch die Champs-Elysées entworfen hatte und der in Kairo im Auftrag des Khediven Ismail wirkte, dessen grösster Wunsch es war, das Land zu europäisieren.

So war es nur natürlich, dass vom Sockel in der Mitte des Platzes ein weiterer Franzose herabblickte - ein General, der im Heer Muhammad Alis, des Grossvaters des Khediven, Dienst getan und nach seinem Übertritt zum Islam den Namen Sulaimân angenommen hatte und als Sulaimân Pascha «der Franzose» bekannt wurde.

Es war dann auch nicht weniger natürlich, dass, nachdem die Revolution des Jahres 1952 die königliche Familie weggefegt hatte und der ausländische Einfluss im Lande geschrumpft war, der französische General von dem kleinen Platz abgezogen wurde und an seine Stelle ein finster blickender Mann mit einem Tarbusch auf dem Kopf trat, ein Mann, der in den zwanziger Jahren durch seinen Aufruf, eine nationale Industrie aufzubauen, hohes Ansehen genossen hatte: Talaat Harb.

Zeitgenossen dieser Wachablösung schwören, der Mann habe gelächelt, als er seinen Platz auf dem Sockel einnahm. Sein finsterer, ja zorniger Gesichtsausdruck sei durch seine inzwischen veränderte Aussicht hervorgerufen worden: auf die Läden um den Platz und entlang den Strassen, die zu ihm hinführen, Läden voller Warenschrott von ausländischen Märkten, daneben elende lokale Produkte. Alles Versuche, Drogengelder zu waschen.

Ein Zeuge dieser Vorgangs war ein junger Mann, angetan mit einem Bauerngilbab. Dieser hatte auf dem Platz eine Stelle ausgewählt, wo er Zeitungen verkaufte, die er zunächst unterm Arm trug, später vor sich auf der Erde ausbreitete. Und als Mitte der fünfziger Jahre die Journalistengewerkschaft sich der Förderung und Verbreitung von Zeitungskiosken annahm, erhielt er einen davon und stellte ihn genau an jener Stelle auf.

So begann die Karriere von «Onkel Madbûli». Er konnte weder lesen noch schreiben, verfügte aber über einen scharfen Verstand und ein untrügliches Gedächtnis, ausserdem liebte er seine Tätigkeit. So geschah es, dass weder in Ägypten noch sonstwo in der arabischen Welt eine Zeitung oder eine Zeitschrift erschien, die nicht ihren Weg in seinen Kiosk fand. Und rasch wurde der Kiosk samt Inhaber zu einem besonderen Kennzeichen der Innenstadt. Besucher, Ägypter und andere Araber, suchten ihn auf, und in den späten Nachtstunden versammelten sich bei ihm Kino- und Theaterbesucher und Nachtschwärmer aus den Bars und Cafés in der Nähe, um die ersten Zeitungen des folgenden Tags zu kaufen und ein wenig zu verweilen, bevor sie dann doch heimgehen mussten.

Zu jener Zeit war Beirut die verlegerische Hochburg in der arabischen Welt. Madbûli schnappte aus dem Geplauder seiner kultivierten nächtlichen Kunden die Titel von Büchern auf, die in Beirut veröffentlicht worden waren und durch bürokratische Erschwernisse (welche zu schaffen unser Staat höchst begabt war) von Ägypten ferngehalten wurden. Also schnürte er sein Bündel und begab sich in die libanesische Hauptstadt, von wo er mit Stössen von Büchern zurückkehrte, die er in seinen Kiosk stellte. Die Zeitungen und Zeitschriften mussten weichen; also breitete er sie auf dem Trottoir vor dem Kiosk aus.

Wenig später, in den siebziger Jahren, begann in Ägypten das Zeitalter der Liberalisierung, und die meisten Läden der Innenstadt wandelten sich in Umschlagplätze für geschmuggelte Waren - Zigaretten, Parfüm, Schokolade und ausländisches Geld; später kam noch eine bunte Palette von Videofilmen, Kinderspielsachen, Batterien und Wegwerffeuerzeugen und all der Dinge hinzu, die der produktive Genius Taiwans und Hongkongs hervorbrachte, so dass diese Läden sich zu eigentlichen Minimärkten entwickelten, mit einem öffentlichen Telefon gleich am Eingang und einem portablen TV-Set zur Unterhaltung für die Kunden, dann auch noch einem Getränkeautomaten zur Löschung des Cola- und Pepsi-Durstes.

Nicht so der Kiosk von Onkel Madbûli, der seiner «aufklärerischen» Mission treu blieb. Ihm war es nicht genug, inzwischen einer der wichtigsten Importeure in Beirut veröffentlichter Bücher zu sein. Er brach auch in die Verlagsdomäne ein und begann, gefragte Bücher neu herauszugeben, ebenso ältere Texte, deren Rechte verfallen waren. Neben seinem Kiosk hatte er einen Raum dazugekauft, den er in einen gewaltigen Buchladen umwandelte. Auf diese Weise konnte er die Honorare der Autoren, die mit ihm ins Geschäft kamen, in Büchern abgelten; denn «Hadsch Madbûli» (so nannte man ihn seit seiner Pilgerfahrt nach Mekka, wo er Ihm für den Erfolg dankte, den Er ihm beschieden hatte) bezahlt niemals jemanden in bar.

So kam er zu einem Peugeot, neuestes Modell, und zu einer zweiten, jüngeren Ehefrau, aber nie trennte er sich von seinem Bauerngilbab und nie von seinem Lieblingsplatz im Kiosk bei den Zeitungen und Zeitschriften, die zwei seiner Angestellten mit dem ständigen Ruf «Ja bitte!» umkreisten, um herumlungernde Passanten zu vertreiben, die Interesse an einer Zeitung, einer Zeitschrift oder einem Buch mimten, um sich rasch mit dem Inhalt vertraut zu machen, ohne dafür bezahlen zu müssen.

Auch Hadsch Madbûli geschah, was Menschen mit einer «aufklärerischen» Mission zu geschehen pflegt. Mehrfach schon landete er wegen irgendwelcher Bücher, die ihren Weg in seine Buchhandlung gefunden hatten, im Gefängnis, das letztemal wegen eines Buches, in dem sich der Autor mit religiösen Glaubensinhalten wie Himmel und Hölle anlegt. Doch der eigentlich vernichtende Schlag kam im Gefolge eines Projekts zur Verschönerung des Platzes. Damit beabsichtigten die zuständigen Stellen, die Zeichen des Unwillens auf Talaat Harbs Gesicht zu tilgen. Zu diesem Behufe wurde der berühmte Kiosk entfernt und der Aktionsraum des Inhabers auf das Ladeninnere beschränkt - nicht über die Schwelle hinaus.

Der Schriftsteller Sonallah Ibrahim lebt in Kairo. Sein einziger auf deutsch übersetzter Roman «Der Prüfungsausschuss» ist im Lenos-Verlag, Basel, erschienen.


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