Ein Platz im Blickfeld des Kunden ist dem «Blick» gewiss. Auch im Kiosk an der Limmatstrasse liegt er direkt vor der Kasse, seine Schlagzeile grüsst jeden, der das Portemonnaie zückt. Ein Stapel von 47 Exemplaren ist es am Morgen, ein dünnes Häufchen am Abend. Je nach Schlagzeile kommt es aber auch vor, dass der «Blick» schon am Mittag ausverkauft ist und eine zusätzliche Lieferung geordert werden muss.
Wie überall in der Deutschschweiz ist auch am Kiosk an der Limmatstrasse der «Blick» die mit Abstand am meisten verkaufte Zeitung. Die einzige Boulevardzeitung des Landes eben, die mit einer bunten Mischung von süffigen Geschichten um die Gunst der Leser buhlt und über die Hälfte der Auflage im Einzelverkauf abzusetzen hat. Wir wollten wissen, wie der «Blick» denn zu seinen Schlagzeilen kommt, und fragten, anders als Günter Wallraff alias Hans Esser bei «Bild» nicht unter falschem Namen, sondern ganz offiziell bei der Chefredaktion an, ob wir einen Tag lang Werkspionage betreiben könnten. Chefredaktor Jürg Lehmann hatte nichts dagegen einzuwenden, wünschte sich jedoch, es werde «kein hämischer Artikel». (Die Abmachung soll gelten, auch wenn das Boulevardblatt selbst bekanntlich den Zweihänder dem Florett vorzuziehen pflegt.)
Die «Blick»-Redaktion befindet sich im vollklimatisierten Ringier-Pressehaus an der Dufourstrasse in Zürich und ist wie die meisten Zeitungsredaktionen dieser Tage in einem Grossraumbüro untergebracht. Wohin man blickt: fluoreszierende Bildschirme und Berge von Papier. Ein Labyrinth von Schreibkojen, die mit spanischen Wänden abgetrennt sind, in der Mitte des Raumes das News-Pult, wo die aktuelle Zeitung produziert wird. Es ist Montag, der 21. Juni, zwei Tage nach der Olympia-Schlappe von «Sion 2006», und Hanspeter Peyer, heute «Blattmacher 1» mit Frühdienst, sitzt bleich und müde vom Sonntagsdienst an seinem Platz vor dem Bildschirm. «Olympia-Niederlage: Das sind die Sion-Killer» hat er gestern abend für die Zeitung von heute getitelt.
Doch für den Blattmacher ist die Zeitung von heute bereits die Zeitung von gestern. Leicht gelangweilt steckt er seine Nase in die anderen Tageszeitungen, wo ebenfalls das Thema Olympia dominiert. Letzte Woche noch waren Sions Olympia-Träume für den «Blick» die Gelegenheit, nationale Gefühle hochleben zu lassen. Um so grösser jetzt die Enttäuschung. Aber lässt sich daraus auch eine nächste Geschichte zimmern? Zu dumm, ärgert sich der Blattmacher, hat er gestern vergessen, einen Hinweis auf das «Blick»-Lesertelefon einzurücken. Das hätte vielleicht eine Story über die in ihrem Stolz verletzte Volksseele ergeben. Nun will er mal schauen, was so alles an Leserbriefen hereinkommt.
Die Jagd nach neuen Geschichten beginnt um 9 Uhr mit der Telefonkonferenz von Blattmacher Hanspeter Peyer, Chefredaktor Jürg Lehmann, seinem Stellvertreter Markus Rohr und den Bundeshauskorrespondenten. Der Chefredaktor liefert das erste Stichwort: «Wie geht's weiter mit den Kosovo-Flüchtlingen? Offenbar gibt es da eine heftige Verstimmung zwischen Bern und dem UNHCR.» So könne man das eigentlich nicht sagen, wiegelt der Mitarbeiter im Bundeshaus ab: «Man will einfach mit den Kontingentsflüchtlingen abklemmen.» Der Blattmacher: «Schau doch mal, was nun geplant ist, wann weitere Rückführungen anstehen.» Der Chefredaktor: «Der <Tagi> hatte am Samstag eine schöne Geschichte über die neue Stop-Aids-Kampagne, die im Tessin für Zoff gesorgt haben soll. Wieso hatten wir das nicht?» Bundeshausredaktor: «Es war bloss eine Pressekonferenz, und ich hatte bereits sechs Sachen gemacht.» Der Chefredaktor: «Eine solche Geschichte muss man einfach riechen . . .!»
Jürg Lehmann hat während Jahrzehnten als solider Inlandjournalist für verschiedene Blätter die eidgenössische Politik verfolgt. Seit gut hundert Tagen ist er nun beim «Blick» Chefredaktor, der vierte innerhalb von fünf Jahren. Wie seine Vorgänger ist er angetreten, den seit Jahren andauernden Schwund der Auflage (derzeit noch 310 000) zu stoppen und die Oberhoheit über die Stammtische zurückzuerobern. Die Devise diesmal: mehr Politik und Wirtschaft statt nur Sex und Crime.
«Wir müssen den Boulevardjournalismus neu erfinden», sagt Lehmann. «Wir müssen wieder die Volkszeitung werden, indem wir alle Themen behandeln, die den Leuten auf den Nägeln brennen. Der <Blick> soll Volkes Stimme sein.» Dennoch will der neue Chef nicht einfach eine populistische Zeitung machen, auch wenn das ein leichtes wäre: «Über Missbräuche im Asylwesen zum Beispiel könnten wir täglich eine schlagzeilenträchtige Geschichte bringen. Aber wir wollen nicht den Fremdenhass schüren.» Statt «dem Blocher hinterherzuschreiben», gewährt er also lieber der Bundesrätin eine Plattform für einen «Exklusiv-Artikel», für einmal sogar auch in albanischer Übersetzung.
Innerhalb der Redaktion hat der Chefredaktor das Privileg eines eigenen Büros; es ist nüchtern wie der Chef selbst. Im Büchergestell reihen sich einsam die Politischen Jahrbücher der Schweiz, das Arbeitspult ist gleichzeitig Konferenztisch, an dem sich um 9 Uhr 15 die Dienstredaktoren und der Kolumnist zur morgendlichen Redaktionssitzung versammeln. Was gibt es an neuen Ideen? Was liegt bereits vor? Was ist übriggeblieben? Der Chefredaktor, die Lesebrille auf der Stirn, tippt Ressort für Ressort an. Die Runde lässt sprudeln, was der Tag an Neuigkeiten zu bieten hat.
Eine junge Reporterin mit Wuschelfrisur, die aushilfsweise das Auslanddesk betreut, schlägt eine «Servicegeschichte» über das sich anbahnende Streikchaos in den Ferienländern vor. Dazu eine Reportage über «marodierende UCK-Milizen» und einen Bericht über «Hillary Clinton und die Frage, wie Bill damit zurecht kommt, wenn Hillary nach New York zieht, wenn sie als Senatorin kandidiert». «Ja, Hillary Clinton ist immer gut», sagt der Kolumnist. Der Blattmacher: «Die Streikgeschichte lassen wir aber lieber, dafür ist es jetzt noch zu früh.» Das Ressort Unterhaltung wartet mit einer Geschichte über Prominente auf, die noch mit 30 und mehr zu Hause wohnen, Arbeitstitel: «Die Schweizer Nesthocker». Ausserdem im Angebot: eine Homestory über den Bruder von Mister Schweiz und ein Bericht über die «neue Maja Brunner», die Ländlerkönigin, die eine neue CD mit Salsamusik aufgenommen hat. Brisanteres hat der Mann vom Inlanddesk zu bieten: «Gestern nacht gab's eine Schiesserei in einem Puff in Oensingen. Das könnte eine schmucke Geschichte ergeben.»
«Und was machen wir mit Sion?» Der Chefredaktor äugt in die Runde. Nachdenkliches Schweigen. Als erster meldet sich der Stellvertreter und schlägt eine Geschichte über die wirtschaftlichen Folgen vor, «etwas über die Fahnen und all die Sackmesser, die bereits produziert worden sind».
Der Kolumnist: «Müsste man nicht Ogis Satz <Die Schweiz hat keine Freunde mehr> irgendwie aufnehmen . . .?»
Die Frau mit der Wuschelfrisur: «Ja, warum sind wir eigentlich so unsympathisch?»
Der Chefredaktor: «Ja, schon gut. Aber was ist da die Geschichte, was die Schlagzeile? Wir können ja nicht titeln: <Hilfe, wir haben keine Freunde mehr!>»
Ein Redaktor: «Die Umsetzung müsste dennoch emotional sein.»
Der Chefredaktor: «Wir könnten die Frage allen Schweizer Botschaftern stellen.»
Der Stellvertreter: «Die sagen doch alle dasselbe.»
Der Blattmacher: «Der Satz von Ogi stimmt doch gar nicht. Da haben einfach 90 Greise abgestimmt, von denen 86 verärgert waren, weil ihnen der Hodler mit seinen Vorwürfen das Leben schwer gemacht hat.»
Die Auslandredaktorin: «Warum beauftragen wir nicht die Korrespondenten, die häufigsten Vorurteile über die Schweizer zusammenzutragen? Stichwort: <Der hässliche Schweizer>.»
Der Chefredaktor: «Wir müssen dann aber im Text diese Vorurteile richtigstellen.»
Der Blattmacher: «Das Ziel ist eine schöne Seite 3. Die Korrespondenten sollen bis Mittag liefern.»
Zurück am Dienstpult, hängt sich die Auslandredaktorin ans Telefon und kontaktiert die «Blick»-Korrespondenten in Deutschland, Finnland, Frankreich, Israel, Italien, Österreich und Spanien. Der Nachrichtenredaktor will derweil endlich wissen, was es mit der Schiesserei im Puff auf sich hat. «Wer weiss, was da gelaufen ist. Vielleicht ist ein Prominenter darin verwickelt . . .»
Der Nachrichtenredaktor heisst René Hanselmann und ist ein älterer Herr in Nadelstreifenhose und mit Brillantine im Haar, akkurat gestutztem Schnäuzchen und einer Tätowierung am Unterarm. Seit 30 Jahren arbeitet er schon für den «Blick», klopft Tag für Tag den helvetischen Alltag auf Schlagzeilen ab. In einer guten - «Blick»-Jargon: «schmucken» - Boulevardgeschichte, sagt Hanselmann, «steht der Mensch im Mittelpunkt». Nicht was passiert ist - Vater überfährt mit dem Traktor seinen dreijährigen Sohn -, interessiert den Boulevardjournalisten, sondern das menschliche Drama, das sich hinter dieser Meldung verbirgt, der «emotionale Kern»: Wer ist dieser Vater, wie fühlt er nun, wie die Mutter, was sagen die Nachbarn?
Um 10 Uhr steht die Telefonkonferenz mit den Inlandkorrespondenten an, und der Nachrichtenredaktor lässt seinen News-Instinkt walten, auch bei vergleichsweise harmlosen Geschichten. Wie das Büro St. Gallen von einem Betrunkenen berichtet, der in ein Schaufenster eingestiegen und dort eingeschlafen sei, hakt er sofort nach: «Was ist es für ein Geschäft? Vielleicht ein Bettfederngeschäft? Dann liesse sich vielleicht daraus etwas machen.» Das Büro Westschweiz bietet eine Geschichte über einen Roboter, der Kühe melkt, sowie über drei kanadische Krankenschwestern, die sich in den Bergen verlaufen hatten und mit der Rega gerettet werden mussten. «Das mit den Krankenschwestern tönt gut, geh dem nach und schau, ob du alle drei auf ein Bild bringst.» «Nicht ganz koscher» findet er dagegen die Story über das «Verjüngungsmolekül TRH», das ein Tessiner entdeckt haben will. «Cara, mach lieber eine andere Geschichte, die über den Autounfall», rät er der Tessiner Korrespondentin.
Die weiteren Massnahmen im Asylbereich, Bill und Hillary Clinton, die Vorurteile über die Schweiz, die Schiesserei im Puff, Maja Brunner, die Nesthocker, der Betrunkene im Schaufenster, die drei kanadischen Krankenschwestern, die sich verlaufen haben: Im Laufe des Vormittags kommt schon mal einiges zusammen. Fix geplant ist ausserdem ein Bericht über die Unterzeichnung der bilateralen Verträge zwischen der Schweiz und der EU in Luxemburg. Und das autonom arbeitende Sportressort ist beim FC Luzern am Ball, über dessen neue Lizenz entschieden wird.
An der Konferenz von 13 Uhr 30 beginnen sich die Konturen des Blattes von morgen allmählich abzuzeichnen. Was auf den Seiten im hinteren Teil der Ausgabe stehen wird, ist nun bereits mehr oder weniger klar. Die Nesthocker sind mit 160 Zeilen zu lang und müssen auf später verschoben werden. Dafür passen die 80 Zeilen über die neue Maja Brunner beziehungsweise über deren neue CD wunderbar. Diese Scheibe sei ein absoluter Hit, schwärmt die Redaktorin: Salsa statt Volksmusik, die 47jährige zeige sich da plötzlich von einer ganz andern Seite. «Eine moderne Frau, die macht, was ihr gefällt. Die Frau hat Pfeffer im Füdli.»
Der Blattmacher und die Redaktoren beginnen an einer Schlagzeile zu drechseln. Der erste schlägt vor: «Maja Brunner: Plötzlich Pfeffer im Hintern». Zu ordinär, findet die Redaktorin. Warum nicht: «Maja Brunner: Jetzt singe ich, was ich will». Ein dritter: «Mit Salsa fühlt sich Maja frei». Das Ideenkarussell beginnt sich zu drehen: «Wild und frech im Salsa-Takt». - «Mit 47 im richtigen Rhythmus». - «Mit Salsa und Pfeffer». - «Mit 47 packt sie nochmals zu». - «Lebenslust im Salsarhythmus». Das ist es, entscheidet der Blattmacher: «Maja Brunner (47): Neue Lebenslust im Salsatakt».
Mit Maja Brunner auf Seite 6 kommt die «Mieze», die diesmal Angela heisst und zu der der Blattmacher texten wird: «Ich kann nicht mehr sein ohne grüne und blaue Wimperntusche - die gibt den Blick, der Männer weich macht.» Dazu noch ein paar Kurzmeldungen, eine Nachlese zum High-School Massaker in den USA und ein Bildstoff: «Sprung über den Gelben Fluss - als Mutprobe zur Hochzeit».
Aus der Geschichte mit Hillary und Bill Clinton ist ein Kasten mit Bild geworden. Gross aufgemacht wird auf der letzten Seite dagegen ein Bericht vom Internationalen GSG-9-Wettkampf für polizeiliche und militärische Sondereinheiten, an dem die Mannschaft der Kantonspolizei Aargau siegte. Mühelos schüttelt der Blattmacher diesmal die Schlagzeile aus dem Ärmel: «Aargauer Polizei-Grenadiere: Weltspitze!»
Die Umfrage zu den Vorurteilen hat weniger Rühmliches zutage gefördert. Die Schweizer seien «knausrig», «langweilig», «geschmacklos», heisst es da, und die Redaktorin ist erleichtert. Diese Geschichte immerhin wird «ganz schmuck». Eine schöne Seite 3 gebe das auf jeden Fall.
Aber was kommt nach vorne? «Die Schiesserei im Puff ist gestorben», muss Hanselmann nun berichten. «Keiner wurde verletzt, keiner bedroht, und auch kein Prominenter war dabei.» Es war bloss ein Besoffener, der ein bisschen in die Decke geballert hat. Mehr als einen Zwanzigzeiler gibt das nicht. «Gibt es Neues vom Luchs Tito?» «Nicht eigentlich», sagt die Journalistin, die das Thema behandelt. «Er hat sich nicht mehr in der Gegend gezeigt, aber etwas Kurzes kann ich schon machen.»
Noch fehlt die Schlagzeile, mit der sich morgen die Zeitung gut verkaufen liesse. «Scheisstag», brummt der Blattmacher. Der Chefredaktor blättert nervös in der jüngsten Ausgabe der «Schweizer Illustrierten» und hält inne bei einem Bericht über den Fotografen Michael von Graffenried, der in Belgien den Unspunnenstein gefunden haben will. Keine schlechte Story, wäre auch etwas für den «Blick» gewesen, scheint er zu denken. Von Lehmann wandert die Geschichte zu Hanselmann. Und es geht nicht lange, da meldet sich erneut der News-Instinkt des abgebrühten Boulevardjournalisten. «Seltsam, wie der den Stein aufhebt», grummelt er vor sich hin. «Würde mich nicht wundern, wenn die Sache getürkt ist und sich alles als PR-Gag herausstellt.» Er wird auch dieser Sache nachgehen.
Am Nachmittag beginnen eine Redaktorin und ein Redaktor das Rohmaterial der Korrespondenten zu bearbeiten, Arbeitstitel: «Die 50 verbreitetsten Vorurteile über die Schweizer». Wie vom Chefredaktor gewünscht, werden die Vorurteile dann in einem Beisatz korrigiert, was bei einer Behauptung wie «Die Schweiz nimmt keine Immigranten auf» keine besondere Hexerei ist. «Die Schweiz hat nach Luxemburg Europas höchsten Ausländeranteil», diktiert der Redaktor seiner Kollegin. Mit einer kurzen Recherche im Archiv oder im World Wide Web lässt sich so manches Klischee schnell entkräften. Aber was sagt man zu Statements wie jenem aus Israel «Die Schweizer Armee ist untauglich»? Nach längerer Diskussion entscheiden sich die Autoren schliesslich für den Satz: «Noch traute sich niemand, das auf die Probe zu stellen.» Der Countdown läuft. So langsam sollte sich aus der Fülle der Ereignisse der Aufmacher der morgigen Zeitung herauskristallisieren. Am Fernseher hinter dem Blattmacher am News-Desk läuft tonlos die Tour de Suisse. Auch der Sport wird heute keine grosse Schlagzeile liefern, zumal der FC Luzern die Nationalliga-Lizenz doch noch erhalten hat. Um 16 Uhr 30 treffen die Fotos von der Unterzeichnung der bilateralen Verträge ein, gutes Material, wie der Blattmacher befriedigt konstatiert: Bundesrat Deiss, der den Kugelschreiber von Staatssekretär Kellenberger inspiziert; die Bundesräte Deiss und Couchepin, wie sie Aussenminister Fischer und EU-Kommissar van den Broek zuprosten. Die Unterzeichnung kommt auf die Titelseite, das Prosten nach hinten: «Schweiz und EU in Champagner-Laune».
René Hanselmann macht derweil eine weitere Zigarettenpause auf dem Balkon. Wie Wachtmeister Studer an der Brissago saugt er an seiner Zigarettenspitze, denkt über den Unspunnenstein nach - ein heikler Fall. Zwar hat der Berner Korrespondent einen ausfindig gemacht, der den 80 Kilogramm schweren Stein schon selbst gestemmt hat und ebenfalls seine Zweifel hat. Aber als Beweis, dass die Story getürkt ist, reicht das natürlich nicht.
Dennoch liebäugeln die Blattmacher mit dieser Geschichte. «Mieses Spiel mit dem Unspunnenstein» wäre ja wirklich kein schlechter Aufmacher. «Wenn wir das schreiben, müssen wir es aber auch beweisen können», wendet der Nachrichtenredaktor an der Sitzung um 17 Uhr ein. «Und genau das können wir nicht.» Also wandert die Story auf Seite 2: zwei Bilder mit einem kurzen Text, der leise Zweifel äussert. Auf Seite 5, im sogenannt seriösen Teil, kommt der Bericht aus Luxemburg, dazu ein Kommentar: «Es besteht kein Grund, über die Schweiz zu klagen.» Das Blatt erhält seine Dramaturgie: vorne die Schelte aus dem Ausland, hinten Balsam für das verletzte nationale Ego.
Urs Weber, «Blattmacher 2» und für den Abenddienst verantwortlich, schlägt mangels Alternativen vor, die Geschichte über die Vorurteile zum Aufmacher mit Fortsetzung auf Seite 2 zu befördern. Eine hübsche Schlagzeile, findet er, lasse sich in diesem Sammelsurium mit Bestimmtheit finden. Erste Variante: «Die Schweizer sind dumm und faul». «Klingt mir zu brutal», meint ein anderer und schlägt statt dessen vor: «Die Schweizer sind geizig und langweilig». Der Blattmacher hätte es lieber lustiger: «Jeder Schweizer hat 15 Kilo Gold unterm Bett». Dazu die Oberzeile: «Weshalb uns die Welt nicht liebt». Tönt nicht schlecht, überraschend jedenfalls. Der Aufmacher ist gekauft.
Die Frau vom Auslanddesk beginnt die Frontgeschichte zu verfassen: «Wir sind pedantisch und humorlos. Wir sind geldgierige Profiteure. Wir sind arrogant und hochnäsig. Und wir sind schlechte Verlierer. So sieht uns das Ausland.» Die Titelzeile wird vom Grafiker mit einem Bild von Goldbarren unterlegt, hinzu kommt das durchgestrichene «Sion 2006»-Logo. Unten rechts wird der Bericht des Bundeshauskorrespondenten zu den Kosovo-Flüchtlingen placiert, dann wird aufgefüllt mit Kurzmeldungen, Anrissen der grösseren Geschichten im Blattinnern und dem obligaten Käfer, der diesmal verkündet: «Eine Frau mit Pfeffer und Salz-a».
Es ist bald acht Uhr. Die meisten Redaktorinnen und Redaktoren machen sich langsam auf den Heimweg, die Abschlussredaktoren und der Blattmacher 2 harren noch aus, wer weiss, vielleicht hält der Tag, dieser flaue 21. Juni, doch noch eine Überraschung bereit.
Für den Blattmacher bleibt noch die Aufgabe, das Kioskplakat zu texten, und zwar eine A- und eine B-Variante; die Kioskfrau kann dann auswählen, welche ihr besser gefällt. Beide Plakate bestehen aus je zwei Schlagzeilen, und besonders wichtig ist auch hier die richtige Mischung von Politik, Sport und Unterhaltung. Immer bei der A-Variante dabei ist der Aufmacher, heute also die 15 Kilo Gold. Der Blattmacher schreibt: «50 Vorurteile aus dem Ausland: <Schweizer haben 15 Kilo Gold unterm Bett>». Damit der Leser den Zusammenhang erkennt, fügt er links oben hinzu: «Olympia-Debakel». Zweite Schlagzeile ist der Luchs «Tito», Tiergeschichten kommen immer gut an. «Luchs <Tito>: Schlauer als sein Jäger», lautet die erste Variante. Zu persönlich: Der «Blick» will den Jäger nicht der Lächerlichkeit preisgeben. Also: «Schlauer Luchs <Tito> lässt seinen Jäger ins Leere laufen». Zu lang und zu umständlich. Besser: «Schlauer Luchs <Tito> trickst seinen Jäger aus». Auf die B-Version kommen Maja Brunner und die Aargauer Polizisten, die Weltspitze sind.
«Die Schweiz ist ein Schlafmittel.» Vorurteil Nummer 47 war an diesem Tag schwer zu entkräften. Aber schon bald wird das Boulevardblatt aus seiner temporären Verlegenheit erlöst werden: von der «Messer-Mörderin» und «Feuerteufelin» C. H. - willkommenes Nachrichtenfutter für Tage.