DER SÜDEN FRANKREICHS gilt zu Recht als die Wiege des französischen Rebbaus. In dieser uralten Weingegend mit dem mediterranen, trockenen Klima hatten bereits die Römer Reben kultiviert, und noch Anfang des letzten Jahrhunderts galten die Weine aus dieser Region als besonders hochwertig. Die drastische Erweiterung der Anbaufläche in den Ebenen führte dann aber zu einer vermehrten Produktion von billigen Massenweinen und einem Niedergang der Qualität. Seit einiger Zeit hat der Trend wieder geändert, und er trägt bereits derart schöne Früchte, dass sich die kräftig- würzigen, die Kräuter und Gewürze der Garrigue widerspiegelnden Gewächse wieder steigender Beliebtheit erfreuen bei den nach Sonne dürstenden Mitteleuropäern. Allen voran die Weine des Languedoc-Roussillon, das mit seinen rund 300 000 Hektaren zu den wichtigsten Anbauregionen der Welt zählt.
Bei einem Streifzug durch das derzeitige Angebot entdeckten wir erstaunlich gefällige, preiswerte Weine, die mit ihrem eigenen Charakter eine wohltuende Alternative zum immer mehr verbreiteten Cabernet-BarriqueEinerlei sind. Typisch für diese Weine ist eine intensive, fast «süsse» Frucht. Sehr erfreulich fanden wir beispielsweise den 95er Château Les Ollieux. Der aus Syrah und Mourvèdre bestehende Wein war ziemlich massiv und sein Bouquet voll und üppig. Nobel, reichhaltig und differenziert zeigte sich der reinsortige 95er Syrah der Domaine Richeaume aus der Provence. Sie wird vom Deutschen Henning Hoesch geleitet, der sich dem biologischen Anbau verpflichtet hat. Grundsätzlich eignet sich Südfrankreich ganz besonders für einen naturnahen Anbau, da das heisse, trockene Klima und der Mistral ein Ausbreiten von Pilzkrankheiten weitgehend verhindern. Exzellent, mit spezieller, südländischer Frucht und sehr viel Finesse schmeckte auch der Château Hélène «Cuvée Hélène de Troie» 1995 aus dem Corbières, der von Marie-Hélène Gau, einer ehemaligen Psychologin, gekeltert wurde.
Südfrankreich ist die Heimat unzähliger Rebsorten. Als eine der edelsten gilt die spätreifende Mourvèdre, die jedoch schwierig zu ziehen ist. Einer der führenden Betriebe, die diese Rebsorte keltern, ist die Domaine de Pibarnon in Bandol. 1995 gelang ihr ein Wein voll südlicher Würze mit verführerischer, «süsser» Frucht. Fünf Traubensorten, darunter Cinsault und Carignan, wurden für den 95er Domaine d'Aupilhac verwendet. Die alten, bis zu 70jährigen Rebstöcke ergaben einen besonders dichten, wuchtigen Wein mit gut stützendem Gerbstoff; leichter, von geschmeidiger, nuancierterer Art zeigte sich die 95er «Cuvée Prestige» der Domaine du Mas Rous.
Aus Mourvèdre und Syrah besteht der Château de Gourgazaud Réserve aus dem Minervois. Die beiden Besitzer Guy Bascou und Roger Piquet gelten als Vorreiter des Qualitätsweinbaus des besonders guten Gebiets La Livinière. Ihr 95er hatte eine tiefe, schwärzliche Farbe; am Gaumen war er voll und sehr konzentriert und liess den Ausbau im Barrique erkennen. Grosser Beliebtheit erfreute sich in der Degustationsrunde auch die 95er «Grande Cuvée» der Domaine de l'Hortus. Der Winzer Jean Orliac gewann aus den Traubensorten Syrah, Grenache und Mourvèdre einen Wein voll frischer, reintöniger Frucht mit viel Charme und anhaltender Länge.
In unmittelbarer Nähe zu Montpellier befindet sich schliesslich die Domaine von Pierre Clavel. Das Terroir mit seinem kargen Geröllboden ähnelt demjenigen von Châteauneuf-du-Pape. Der 96er «Copa Santa», sein bester Wein, erschien momentan vielleicht etwas schwülstig und südländisch, gefiel jedoch durch seine charmante, gefällige Art. Herber, fast bordeauxähnlich war dagegen der vorwiegend aus Mourvèdre bestehende La Courtade von der kleinen Insel Porquerolles.