NZZ Folio 01/92 - Thema: Entsagung   Inhaltsverzeichnis

Im Ent-Zug

Von Adolf Muschg

Eigentlich hatte er längst mehr als genug. Jetzt ergriff eine umfassende Störung Besitz von ihm, die sich vom Magen her ausbreitete. Besser: sie übernahm wieder die Mutterstelle der Vernunft an einem Menschen, der sich schon eine Weile für erwachsen gehalten hatte und von der Behauptung lebte, er sei für sich selbst verantwortlich. Was offenbar zu so viel verschwiegener (ein Mann klagt nicht) Gewaltanwendung führte, dass der Organismus eines Tages aufbegehrte: Nicht mit mir. Rotlicht! - Aber was ein Mann sein will, lässt sich bei der Erfüllung seines Terminkalenders nicht durch ein bisschen Bauchweh stoppen -

For I have promises to keep

And miles to go before I sleep -

Wenn ein Mechanismus nicht funktioniert, muss er dem Fachmann zugeführt werden. Ein ziemlich schleppender Transport zum Arzt. Wenn dieser ein Freund ist, sieht er mit einem Blick: eigentlich sollte er sich nicht zum Komplizen eines Nötigungsversuchs machen. Der Besucher braucht kein Medikament, sondern Ruhe. Aber der will nicht «krank geschrieben» sein. Er macht seinen Sachzwang geltend. Er hat seinen Vortragstermin in Deutschland, er muss reisen. Zum Gesundwerden - oder zum anständigen Kranksein - hat er erst übermorgen wieder Zeit. Besseres Wissen hin oder her: er braucht seine Droge. Zur Überbrückung -

Aber da, auf der Reise, beim halben Nicken in der Ecke des Abteils, bekommt das Bauchweh seine Chance, schleicht sich das bessere Wissen, vom Taktschlag der Räder gelockert, langsam herbei. Der Mann, der als Erfüller eines Terminkalenders in den Intercity eingestiegen ist, nimmt allmählich wieder Ich-Form an. Ich fühle mich elend, und für ein paar Stunden Fahrt macht es nichts, darf es so sein. Während ich tiefer rutsche in meinem Sitz, fühle ich mich zugleich getragen vom Einverständnis mit meiner Schwäche. Ein immer weniger unangenehmer Zustand - das Bauchweh eingeschlossen. Ich unterdrücke es nicht mehr, da findet es seine Sprache. Wahr oder nicht, dass ich überfordert bin? Korrektur: dass ich mich überfordert habe? Ich hatte die Störung dringend nötig, zur Erinnerung, dass ich mich ziemlich gestört verhalten habe. Aus Überfluss an Arbeit? Aus Mangel an Umgangsform mit ihr. Ich habe sie mit dem Druck der Ungeduld behandelt, und nun wundere ich mich über den Druck im Leib? Warum war ich zu blöd, mich über mich selbst zu wundern? Endlich habe ich Ruhe, den Mangel gelten zu lassen. Ich nehme ihn an: da fängt er schon ein wenig an, sich zu geben. Ich darf krank sein, jetzt erst habe ich die Chance zu heilen. So einfach ist das.

«Les maladies sont les voyages des pauvres» - (Valéry)

Wie arm muss einer sein, um sich sogar diese Reise nicht zu leisten?

Ich hatte mir vorgenommen, im Zug zu lesen, war sicher, es gebe für meinen Termin noch allerhand vorzubereiten. Jetzt verzichte ich nicht einmal darauf, ich lasse es nur. Der Vorsatz braucht dem Hämmern der Schienen nicht standzuhalten. Ich fahre besser so. Die Pfeife, die kleine zwanghafte Versicherung meiner Identität? Ich lasse sie; und schon fehlt sie mir nicht mehr.

«Krankheitsgewinn»: die stille Weisheit meines defizitären Zustands fängt an, sich auszubreiten. Das ungeschlachte Wiegenlied der Räder singt mich in die Kindheit zurück. Ich war zwölf, hatte mir von einem Schulkameraden den «Schatz im Silbersee» ausgeliehen und sollte ihn morgen schon zurückbringen. Zu Hause konnte ich ihn nicht ungestört lesen; meine Eltern betrachteten Karl May als unerwünschten Autor. So ging ich in den Wald, noch immer Schauplatz von Indianerspielen, und hatte das Buch, um einen Besuch im Schwimmbad vorzutäuschen, in die Baderolle gepackt. Aber in meinem Versteck angelangt, fand ich es nicht mehr. Die Angst, es unterwegs verloren zu haben, war nicht so durchdringend wie die Öde plötzlicher umfassender Enttäuschung. Was sollte ich jetzt hier noch, gottverlassen, ohne die angefangene Lektüre, die unersetzliche?

Ich breitete das Badetuch aus und warf mich auf den Rücken. Meine Langeweile wollte bodenlos werden. Da stiess mir etwas zu. Ich begann zu sehen. Ich sah auf einmal die Bewegung der Laubkronen über mir, ihr schwerfälliges und etwas pompöses Nicken im Wind. Wie sie sich unter dem Druck zurückbogen und gedehnt wieder vornübersinken liessen, wobei jeder Ast seinen ganz eigensinnigen Ausdruck annahm. Und da: ohne dass ein Ruck geschehen wäre, lag der Himmel auf einmal nicht mehr über, sondern unter mir, ein stoffloser Abgrund. Ich haftete ohne Gewicht in einer halsbrecherischen Höhe und empfand zugleich, mit dem Rücken gegen die Erde, das Gefühl vollkommener Sicherheit. Ich sah die Blätterkronen wie schwankende Angeln ins Grundlose ausgeworfen und nach den durchziehenden Wolken tauchen. So hatte ich die Welt noch nie gesehen - und sah sie doch nicht zum ersten Male so. Aber ein Wort wie «Déjà-vu» kannte ich noch nicht. Nicht ich war es, der so blickte, es war ein viel älterer Blick, der mir durch und durch ging. Die veränderte Perspektive bannte mich, eine ungemessene Zeit. In diesem Nu von Offenbarung sah ich von einem Wald nichts mehr, sah nur noch Baum um Baum. Jeder war eines meiner Organe und mir zugleich so fern wie möglich in dieser spiegellosen Tiefe. Eine neue Lesart des Wirklichen ging mir auf, unvergleichlich mit jedem Schatz im Silbersee. Aber hätte mir das Buch nicht so gefehlt - der Blick hätte keine Gelegenheit gehabt, mich zu finden. «Heimzusuchen».

Das Fenster, an das ich lehne, spiegelt nicht in meinem verdunkelten Abteil. Bewohnte Orte werfen Lichtsignale herein, beschleunigt ziehen die näheren vorbei, gelassener die entfernten. Die Kurvenbahn des Zuges suggeriert einen Wechsel der Fahrtrichtung. Wenn es gelänge, ihn bis zur Umkehr zu treiben, dem Ganzen eine unverhoffte Wendung zu geben? Im Halbschlaf verallgemeinert sich mein Bauchweh, verschmilzt träumerisch mit dem Unbehagen einer ganzen Zivilisation. Dem Unbehagen? Dem Katastrophenbefund.

Überall sind die Umkehrbewegungen zu spüren, in Gesprächen, in den Pausen dazwischen; Widerstände gegen den Selbstlauf der Sachzwänge, der Termine; Lebensversuche gegen den Druck des Überflüssigen. Unsere Gesellschaft ist auf Überfluss programmiert, der Freiheit verspricht und sich als Pression bemerkbar macht: Einzelne, ganze Gruppen wenden ihr den Rücken und möchten gegen ihren Strom kleine Dämme errichten, Inseln lebensrettenden Verhaltens. Was zu tun ist, wissen sie viel weniger klar, als was sie nicht mehr wollen. (Die Programmdebatten der Grünen!) Weg vom Verschleiss, vom gedankenlosen Verderb, von der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen, vom Raubbau an der Schöpfung - nur weg, aber wohin? Der guten Gründe gegen den reissenden Status quo ist kein Ende, und ihre Vertreter haben so viele moralische, faktische und apokalyptische Überzeugungskraft für sich, dass diejenigen, die sie sich nicht zu eigen machen, von Freiheitsberaubung sprechen. Sie halten sich dann, um die Botschaft zu ignorieren, an den Ausdruck, die Heftigkeit der Mahner: müssten sie nicht, frei nach Nietzsche, erlöster aussehen, damit man an ihre Erlösung glauben könnte? Aber: ob Johannes der Täufer, der Rufer in der Wüste, besonders gewinnend ausgesehen hat? Leute, die sich von Heuschrecken und von wildem Honig ernähren, machen sich in keiner Gesellschaft beliebt, die für ihren Konsum die gleichen respektgebietenden Gründe vorzuweisen haben will wie für ihre Dauerleistung . . . Dass es «so nicht weitergehen kann», darf sich, als Gefühl im Bauch, neben so viel dringenderen Sorgen (etwa um Arbeitsplätze) nicht sehen lassen. Konsumentenschutz - so weit gut, damit der Konsum ungestörter bleibe. Die Zumutung, ihn einzuschränken, wirkt ohnehin nur in Überflussgesellschaften nicht ganz frivol. Da stimmt sie wenigsten von ferne mit Fitnessprogrammen, Diätempfehlungen und Freizeitstrapazen zusammen.

So viel Verzicht ist den Leistungsträgern gerade noch abzugewinnen - wenn er die gesund genannten Grenzen wahrt, seine Zweckbindung an das (noch) bessere Leben erkennen lässt. Aber ohne diese Bindung betrachten wir einen Verzicht als Störfall, der unser Leistungsprodukt beleidigt. Ein von Magersucht besessenes Kind tut seiner Umgebung (ausser Sorgen) eine empfindliche Kränkung an: Woran hat sie es fehlen lassen, dass es keine Nahrung mehr von ihr nimmt, als der leibhaftige Mangel herumläuft? Auf dem Schauder vor selbstzugefügtem Mangel beruht ja auch die Wirkung eines Hungerstreiks, das (womöglich in Spott umgebogene) Unbehagen vor asketischen Bewegungen, wohl auch die Aggression gegen zölibatäre Lebensformen. Was fehlt einem, der sich das Normalste nicht gönnt?

Auf dem Hintergrund der Lebens- und Glückserwartungen, die wir seit dem Ende des Mittelalters aufgebaut haben, ertragen wir das Bild unbegreiflicher Selbstbeschränkung nicht. Der Geissler, der seinen eigenen Rücken züchtigt, schlägt zugleich einem Anspruch ins Gesicht, den wir für menschlich halten: the pursuit of happiness.

Der Terrorismusvorwurf an die radikalen Ökologen: wir wollen uns die Einschränkung, die sie kategorisch fordern, nur in Belagerungszuständen bieten lassen. Die Überflussgesellschaft muss die Forderung für spielverderberisch, mürrisch oder zynisch halten. In der Tat: die bekannte Gesundheit der Zähne in Kriegszeiten lässt sich schwerlich als Argument für den Krieg verwenden.

Dass es in der Schweiz eine Autopartei geben kann (wie auf Neuguinea den Cargo-Kult), die gerade entdecken musste, dass sie den Heiterkeitserfolg ihres Namens nicht abschütteln kann, ohne zugleich die Magie des Fetischs loszuwerden . . . hat mit der Verstocktheit unseres Wohlstandswillens zu tun. Der will ja nicht über Generationen gespart (also gewiss auch: entbehrt) haben, um sich eines Tages das Symbol seines Durchbruchs, das Auto, madig machen zu lassen. Das Auto bedeutet: es ist erreicht, ich kann mich bewegen. Die Zweckfreiheit dieses Triumphs hat sich längst von der Zweckbestimmung des Vehikels emanzipiert. Wäre es anders, müssten die Staufahrer an ihm verzweifelt sein. Tatsache ist aber: der Stau, als Naturtatsache behandelt, entwickelt bereits seine eigene Kultur. Man könnte sie eine der forcierten Freizeit nennen. Auf der Terminflucht: eine Ruhepause, die durch einen Sachzwang moralisch gedeckt ist. Dazu, in Hi-Fi-Qualität, die richtige Musik von der Kassette oder auch: das Radio, das zu hören man sonst nie Musse hat. Sitzt der Stauhäftling ausnahmsweise nicht allein in seiner Zelle, kommt es auch einmal zu einem Gespräch, aus dem er nicht davonlaufen kann. Oder er gönnt sich eine Besinnung über den vergangenen Tag, den nächsten, oder gar darüber hinaus.

So leistet das ruhiggestellte Auto seinem Fahrer einen ähnlichen Dienst wie das Feierabendbänklein dem bäuerlichen Urgrossvater oder der Samadhi-Tank den Kindern des Wassermann-Zeitalters. Der Stau wird zum geschützten Meditationsraum, und die Drehbewegung am Zündschlüssel bringt auch das Umweltgewissen zum Schweigen. Fast ausnahmslos ohne Geräusch stehen sie vor ihren Rotlichtern, die lackierten Prozessionen. Auf dem Hinweg noch ungeduldig, üben sie auf dem Rückweg Gelassenheit. Die Freizeit hat schon begonnen, und die meisten werden es zu Hause nicht so ruhig haben. Man behält seine Lust (am Auto) und büsst sie zugleich. Der Gurt über der Brust garantiert Sicherheit noch im Stillstand. Man ist (jedenfalls ohne Natel) für eine Zwischen-Zeit unerreichbar und doch inmitten des Gedränges einer gleichfalls stillgelegten Kumpanei, eine Monade mit getönten Fenstern. Die Hand locker auf dem Steuer, das einem zugleich aus den Händen genommen ist: was für ein fabelhafter Mix von Ohnmacht und Selbstgefühl! Und ein so sinnreiches Spielzeug will man uns nehmen?

Es ist den PR-Leuten ernst, wenn sie die Anschaffung eines Zweitwagens mit günstigen Abgaswerten als Beitrag zum Umweltschutz verkaufen. Fromm, wenn auch kostenlos, verneigen wir uns vor dem ökologischen Imperativ, wenn wir leichter rauchen, leichter essen, leichter sterben. Der Spass hört erst auf, wenn ihn uns einer ganz verderben will. Eine Produktwerbung wie «Nur nichts kaufen ist billiger . . .» will ja nicht beim Wort genommen sein. Reines tongue in cheek. Von einem kranken Zahn ist dabei nicht die Rede.

Wer noch lange so weiterfahren will, findet seine Bundesgenossen am sichersten dort, wo man vom Fahren erst träumen kann. In den Ländern der Ärmsten muss es schon als Demonstration von Lebenserwartung gelten, wenn ein Lastwagenchauffeur seinen Motor laufen lässt, während die Räder stillstehen. Er hat eben andere Sorgen, sagen die Parteigänger des Fortschritts, und meinen damit: wirkliche Sorgen. Und in der Tat: Wer darf Wein trinken und Wasser predigen? Ohne einen Überfluss der Güter gibt es ja nicht einmal die Chance, ihn zu begrenzen. Erst einmal bitte das Auto, dann die Moral! Wo ist, zum Beispiels der gestern noch so unerschütterlich scheinende Ostblock geblieben? Seine Trümmer stehen zum Abtransport aus der Geschichte bereit - auf Millionen-Rädchen des Freien Marktes. Übergelaufen zur Grossen Autopartei.

Nun gibt es zwar auch in den Chefetagen des allgemeinen Supermarkts Leute, die sich Gedanken machen, wo wir hinkommen - und damit ihr Produkt -, wenn es überall hinkommt. Angenommen, Luft, Wasser und Boden vertragen den vergifteten Output noch ein paar Jährchen: die Globalisierung dieses Outputs - und das heisst ja zugleich: den ungebremsten Triumph des Grossen Marktes - würde unsere natürliche Trägerschaft mit Sicherheit nicht akzeptieren. Für diese Feststellung muss man kein Gewissen haben, ein Taschenrechner genügt. Das Ozonloch würde - wird sich ins Apokalyptische öffnen. Ein Ding, das wir immer noch schamhaft «Umwelt» nennen - als ginge es da um einen Zuschauersport -, würde unserer Verschleisswirtschaft gleich radikal den Boden entziehen wie vor ein paar Jahrmillionen ein Meteoritenhagel den Sauriern, die scheinbar auch fürs Gröbste gerüstet waren. Anders als das Hirn der Saurier, hätte das unsere den Notwehrexzess der Natur auch noch kommen sehen können, denn es hat die Not dazu selbst geschaffen.

Oder verlassen wir uns darauf, dass die Technologie mit einem grossen Sprung alles noch einmal richtet? Dafür müsste sie gegen die Natur eine unbehagliche zweite Front errichten - in den Genlabors zum Beispiel, wo, nach verpackungsgünstigen Vierecktomaten und virusimmunen Kartoffeln, auch eine katastrophengängige Mutation unserer eigenen Sorte fällig würde. Nur möchte ihr dann dies und das fehlen, was wir bisher mit dem Adjektiv «menschlich» verbunden haben. Nicht allzu menschlich ist auch die stille Erwartung, die Masse der Vielzuvielen auf der Welt werde sich bald von selbst wegselektionieren - etwa vermöge jener Seuche mit dem merkwürdigen Nothilfeklang im Namen. Oder müssen wir auf einen neuen Grosstyrann im Süden und im Osten warten, der den Mangel - natürlich nur bei den andern - wieder zum System betoniert und Mittel findet, die Verdammten dieser Erde wirksam abzukoppeln von unserer Schönen Neuen Welt? Die Modellversuche mit diesem Typus lassen ahnen, dass er es ohne Krieg nicht tun würde. Und beweisen nicht ganz nebenbei, dass es unsere Seite wäre, die ihm auch noch die Waffen dazu liefern würde. Auch dieser Markt will ja seine Freiheit haben.

Der Zug, der mich schläfrig geschüttelt hat, rüttelt mich langsam wieder wach und dem Ort meiner Bestimmung immer näher, von der mich die gesunde Schwäche eine Weile dispensieren wollte. Dort soll meine Rede sein von «Literatur und Arbeitswelt». Arbeitswelt? In unserer Gegend entfernen sich die rauchenden Schlote, die laufenden Bänder immer mehr in die Vergangenheit. Ihre Belegschaften sind (wenn sie Glück haben) als Angestellte in die Büros, an die Terminals eines zunehmend gegenstandslosen Verkehrs umgezogen, der sich «Dienstleistung» nennt und einen Rohstoff namens Information bearbeitet. Unser Bewusstsein wird mit Zeichen bedient, die sich von den Sachen immer weiter gelöst haben und immer freier - beliebiger - verfügbar sind. Ihr Sinn ist plastisch, sie lassen sich ebenso als Reizträger verwenden wie als Vermittler von Gleichgültigkeit - der Überfluss von Information selbst sorgt für diese, macht aber auch den Austausch, der keine Grenzen mehr kennt, immer symbolischer.

Diese Folie, dieser Film der Metapher, der die Erde überzieht: soll er sie konservieren helfen oder nur uns selbst vor der Wahrnehmung schützen, wie weit der Zerfall darunter fortgeschritten, wie rettungslos die Zivilisation mit ihren natürlichen Grundlagen zerfallen ist? Steht das Schlüsselchen dieser postindustriellen Herrlichkeit, der Mikrochip, im Dienst einer tödlichen Fiktion oder einer gnädigen, wenn sie die Grenzen von Arbeit und Spiel, Produktion und Konsum, Freiheit und Bedürfnis immer mehr verwischt? Wenn ein Salat-Dressing mit gleichem Recht revolutionär genannt werden kann wie ein Volksaufstand: ist darin eine lebensrettende List der Vernunft zu vermuten, oder werden wir unbemerkt, auf Nimmerwiederleben, in ein semantisches Hexenhaus eingesperrt? Wenn unsere Geschichte denn am Ende sein sollte: ist die elektronisch gesteuerte Posthistorie, die sie ersetzt, eine raffinierte Verschleierung unseres Ruins oder der dringend gebotene Handlungsverzicht im Kleide des Daueramüsements: damit aber auch der Verzicht auf Verbindlichkeit, guten Sinn und wahre Bedeutung? Alles soll uns leicht gemacht werden auf diesem Grossen Markt - um den Preis des spezifischen Gewichts? Aber wo gibt es die Stelle noch, wo dieses nachgemessen werden könnte? (Die schöne Literatur?)

Dieser Markt weiss (anders als der real nicht mehr existierende Sozialismus) seiner Widersprüche zu spotten. Es gibt ihn ja längst auch schon, den Markt für die allerneueste Entbehrung, für den schicken Verzicht. Je gesuchter der gute Rat, desto teurer darf er sein. Und wenn's zum Markt keine Alternative mehr gibt, wird «alternativ» zum Logo unter anderen - inzwischen so gut eingeführt, dass es für Exklusivität und sophistication steht. 

Ökologie liegt im Trend, und kleiner, doch feiner Konsum zieht an. Überfluss macht nicht weniger erfinderisch als die Not, und wenn nötig, weiss er den Mangel, dem er abzuhelfen verspricht, selbst herzustellen oder glaubhaft zu inszenieren. Die Früchte der Zivilisation sind inzwischen so täuschend gemalt, dass auch die wahren Bedürfnisse auf sie fliegen . . . oder sich durch sie erst als wirkliche bestätigen lassen.

Was ist aus meinem Bauchweh geworden? Ich wollte mir doch eine kleine Heldengeschichte des Verzichts daraus machen . . . des Beinaheverzichts auf eine Dienstreise; ein Lob dessen, was uns ausnahmsweise stark genug machen kann, eine Leistung zu verweigern, einen Termin fallenzulassen. Mit diesem Fund wollte ich mich ein paar Stunden in meine Dämmerecke zurückziehen, nur noch bei mir sein, im schönen Gefühl, dass es auch etwas weniger sein darf. Und siehe da . . . gleich lande ich mit meiner Mangelweisheit auf dem weit offenen Markt. Keine Chance, dass mein Schrei dort auch nur zum Letzten würde, der wäre schon von gestern. Der seriöse Markt des Konsumverzichts ist kein Spielplatz für das moralische Bauchweh eines Dilettanten. Der kleine Anlauf zu einem antizyklischen Verhalten geht unter im grossen Zyklus der neuen Warenströme. Inzwischen rotten sich die Lichter vor den Fenstern. Nur noch eine Stunde trennt mich von meinem Termin:

Von der Rede über eine «Arbeitswelt», die inzwischen zu einem Bild ihrer selbst geworden sei; ein einziger Laptop rechnet ein ganzes Industrierevier aus der Welt. Um so schlimmer für die Belegschaft, wenn sie sich nicht gleichermassen in Luft auflösen kann. Nicht überall will die Not über Nacht zur Metapher werden. Erfinderisch machen muss sie überall. Sonst kommt sie nie mehr ins Bild.

Der Zug verlangsamt seine Fahrt; neben den Geleisen stehen sie schon im Stau. Feierabend; in den meisten Wagen der Umriss eines Einzelmenschen. Vielleicht hört der eine oder andere einen Vortrag aus dem Zweiten Programm darüber, dass wir so nicht weiterfahren können, und nickt dazu.

Wie soll der Einzelne sich einen Schrecken von so hoher Allgemeinheit zu eigen machen? Umgekehrt: Was gibt es an einem privaten Bauchweh zu verallgemeinern?

Ich breche den Versuch ab. Der Krankheitsgewinn: geschenkt.

Aber die Bäume, die damals, als mir die richtige Indianergeschichte fehlte, plötzlich in den Himmel hinunterwuchsen: die behalte ich für mich.

Adolf Muschg lebt als Schriftsteller in Männedorf ZH.


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