NZZ Folio 04/02 - Thema: Unterwegs   Inhaltsverzeichnis

Ein Zustand, für den andere nach Katmandu reisen

Was einem Bus-Junkie unterwegs zwischen Zürich und Warschau widerfährt.

Von Peter Haffner

Werde ich gefragt, warum in aller Welt ich jeweils mit dem Bus - und nicht mit dem Flugzeug - nach Polen reise, was ich zwei- bis dreimal im Jahr tue, bin ich um eine einfache Antwort verlegen. Dass das Busbillett Zürich-Warschau retour nur zweihundert Franken kostet, ist in der reichen Schweiz kein Argument. Und Angst vor dem Fliegen habe ich nicht. Sollte ich sagen, dass die Fahrt über 1500 Kilometer, wenn’s gutgeht, ja nur dreiundzwanzig Stunden dauert?

Die Wahrheit ist, dass ich ein Bus-Junkie bin. Das Reisen selbst, die Bewegung, löst in mir jene Art Glücksgefühl aus, das andere Leute empfinden mögen, wenn sie ihr Silberbesteck polieren. Die Lust am Abreisen und Ankommen, an den Momenten, in denen man ein anderer Mensch wird, lässt sich nur auskosten, wenn das Dazwischen eine gewisse Grösse nicht nur im Raum, sondern auch in der Zeit hat. Wer einmal mit dem Schiff über den Atlantik nach Amerika gefahren ist, weiss um den Unterschied.

Warum also nicht mit dem Bus nach Polen. Ich will niemanden langweilen mit der Schilderung der Vorbereitungen, die eine solche Reise erfordert, den Erörterungen, wie viele Brötchen man streichen und womit man sie belegen soll (dreizehn, nicht zu salzig und nicht zu fad), welche Früchte sich zum Verzehr unterwegs eignen und welche nicht (saftig ja, aber nicht so, dass man dem Nachbarn eine Serviette umbinden muss), was und welche Menge man zu trinken mitnehmen soll (alles ausser Kaffee und Bier), damit man vor dem nächsten Zwischenhalt, der alle vier Stunden erfolgt, nicht in Nöte kommt und die bordeigene Toilette aufsuchen muss, die zwar ganz in Ordnung ist, es sei denn, der Bus fahre gerade über ein Schlagloch. Was, ist das der Fall, einem hinwiederum klarmacht, dass man jetzt in Tschechien oder vielleicht sogar schon in Polen, sicher aber nicht mehr in Deutschland ist, denn in Deutschland ist die Autobahn glatt wie ein Kinderpo.

Das Wichtigste ist, den richtigen Sitzplatz zu ergattern (im hinteren Drittel, aber nicht über dem Rad), und wenn möglich einen ohne Nachbarn, was man aber leider nicht beeinflussen kann, zumal wenn die Dame, die sich schnaufend an allen freien Nebensitzen vorbei quer durch den Korridor schiebt, einen so nett fragt, ob der Platz neben einem noch frei sei.

So freut man sich halt über die Gelegenheit zu plaudern, erfährt dabei allerlei über die Dame und ihre Familie, die wie alle polnischen Familien auf der ganzen Welt verstreut ist, und ist bald herzlich eingeladen, Enkel und Tanten, Vettern und Brüder zu besuchen, sollte man zufällig gerade in Chicago, Melbourne oder Ouagadougou sein, wohin man ohnehin schon lange einmal reisen wollte, wenn auch vielleicht nicht unbedingt mit dem Bus.

Wie auch immer, spätestens wenn der Film beginnt, ein Hollywoodstreifen, der à la polonaise synchronisiert ist, also von einer Stimme begleitet, die alle Rollen übernimmt, hat man seine Ruhe. Für mich heisst das, ich streife den Kopfhörer über und höre meine Kassette, Miles Davis’ «Kind of Blue», immer wieder und wieder, elektrisiert von den schwebenden Trompetentönen des Meisters, dem leichtfüssigen Spiel Cannonball Adderleys, Coltranes drängendem Tenor. Hunderte von Malen habe ich auf meinen Busreisen dieser Musik gelauscht, so oft, dass, wenn immer ich sie höre, ich sofort im Bus bin, das Grau des vorbeifliegenden Asphalts sehe, Wolken, die über den Himmel ziehen, eine Landschaft, die in der Dämmerung versinkt.

Und dann, wenn der Tag erwacht, nach einer Nacht, in der man immer wieder eingenickt und aufgewacht, an irgendeiner Autobahnraststätte mit eingerosteten Beinen aus dem Bus gestolpert und schlaftrunken in Richtung Toilette gewankt ist, das Gehirn auf den während vieler Reisen eingeübten minimalen Aufmerksamkeitszustand geschaltet - sich merken, wo der Bus steht, nichts liegenlassen -, hat man jenen Zustand gleichgültiger Souveränität erreicht, für den andere nach Katmandu oder zum Psychoanalytiker pilgern. Die Augen sind nur noch offen für das absichtslose Staunen, das aus der Welt einen Film macht, die Schlusssequenz einer Space Odyssey, rhythmisch gegliedert von den gelben Warntafeln, die überall in Polen am Strassenrand stehen: mit einem Auto darauf und einem Fussgänger, der durch die Luft fliegt. «Uwaga Wypadki» steht darunter, was nicht etwa «Unfallgefahr», sondern «Achtung Unfälle» heisst.

Der Rest ist Dulden. Einmal hoffte ich, mein malträtiertes Steissbein mit einem aufblasbaren Sitzkissen entlasten zu können, doch schon in Basel war das Ding futsch, die Luft draussen. Ein andermal, als ich von Polen losfuhr, meine dreizehn Brötchen im Beutel, nahm mir der tschechische Zöllner sie allesamt ab, weil gerade die Maul- und Klauenseuche umging und Brötchen nur über die Grenze durften, wenn sie nicht mit Butter beschmiert waren. Er gab mir fünf Minuten, sie an Ort und Stelle aufzuessen, was ich nach einer kurzen Rechnung - dreizehn Stück in fünf Minuten macht zwei Komma sechs pro Minute - dann doch nicht tat und sie gleich alle in den bereitstehenden Eimer warf.

Ich bin dann das nächste Mal mit dem Flugzeug gereist. Es war kein besonders glücklicher Zeitpunkt in meinem Leben; nichts klappte, wie es sollte, und so packte ich meinen Koffer, hängte das Saxophon über die Schulter und flog kurzerhand nach Warschau, von wo ich den Bus nach Lodz nahm. Zehn Minuten nach Abfahrt merkte ich, dass ich mein Jackett samt Pass und Brieftasche am Gepäckrolli an der Terminal-Haltestelle hatte hängen lassen. Von Panik ergriffen, rannte ich durch den Buskorridor und klagte dem Fahrer im besten Polnisch, das mir in der Aufregung zur Verfügung stand, mein Unglück. Er zögerte keine Sekunde, wendete den Bus und fuhr mit mir und dreissig weiteren, verständnisvoll lächelnden Fahrgästen zurück zum Flughafen, wo mein Jackett noch immer am Rolli hing.

Versuchen Sie mal, einen Piloten zu so etwas zu bewegen.

Peter Haffner ist Redaktor bei NZZ Folio.

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