Vierzehnter Dezember 2002. Manchester United gegen West Ham United auf Old Trafford. Das erste Tor fällt in der 15. Minute. Etwa zwei Minuten später auch das zweite. Manchester United gewinnt mit 3:0.
In Swistow an der Donau sitzt Manchester Sdrawkow Lewidshow-United vor dem Fernseher auf seinem Glücksplatz rechts auf dem Sofa, drückt die Daumen und greift ab und zu nervös zu seiner Zigarette. Eine Manchester-United-Mütze auf dem Kopf, roter Pullover an. Die grosse schwarzweisse Katze Beckham schleicht sich auf seinen Schoss und murrt zufrieden. Nur sie darf während des Spiels stören. Dieses Privileg hat Beckham von ihren Vorgängern geerbt: den Katern (Steve) Kopel und (Bryan) Robson.
In die Wohnung in der kleinen bulgarischen Stadt an der Donau geht man durch eine rote Tür, an der die britische Nationalfahne hängt. Im Wohnzimmer ist nur der Fernseher schwarz. Alles andere ist Manchester-United-rot: Teppich, Tisch-, Sofa- und Hockerdecken, Heizkörper, Regal. Die Wände sind mit Manchester-United-Posters und anderen Attributen der Lieblingsmannschaft bedeckt: Schal, T-Shirts, ein grosses Badetuch. Auf dem Fernseher haben eine Manchester-United-Mütze und eine Manchester-United-Tasse ihre Plätze.
Der 39-jährige Bauarbeiter ist ein inniger Fan von Manchester United seit seiner Kindheit. Mit zehn sah er zum ersten Mal seine Lieblingself spielen. «Im rumänischen Fernsehen. Wir konnten es empfangen, da unsere Stadt nah an der rumänischen Grenze liegt.» An dem Tag veränderte sich sein Leben. Er fing an, fieberhaft alles über den englischen Fussball und besonders über Manchester United zu sammeln, hatte ein riesiges Archiv, das 1994 bei einem unglücklichen Zusammenbruch seines Hauses leider verloren ging.
Als Kind hatte er natürlich Fussball trainiert, seine Kameraden nannten ihn Kopel; Steve Kopel war damals sein Favorit. Zu der Zeit hatte Manchester noch Marin geheissen, Marin Sdrawkow Lewidshow. Als er 1979/ 1980 an der Oberschule für Industriechemie lernte, kam ihm die Idee, seinen Namen zu ändern. Die Frage war, ob er sich nach Steve Kopel oder Bryan Robson nennen sollte. Endlich entschied er sich doch für den Namen der ganzen Mannschaft: Manchester United. «Sonst hätte ich meinen Namen ja alle fünf, sechs Jahre ändern lassen müssen.» Seit dieser Zeit nennen ihn alle seine Freunde Manchester. Offiziell benutzen kann er den Namen aber erst seit drei Jahren, nach einem langwierigen und nervenaufreibenden Kampf mit dem bulgarischen Rechtssystem.
Vor der Wende 1989 war eine Namensänderung in Bulgarien ausgeschlossen. An rechtliche Schritte begann Marin Sdrawkow Lewidshow erst 1993 zu denken, als Manchester United englischer Meister wurde. Richtig ging es dann 1999 los, nach dem Champions-League-Final zwischen Manchester United und Bayern München, das ihn Nerven kostete. «Ich war bei einem Freund zu Besuch. Bis zur 90. Minute war es nur abwärtsgegangen, es stand 1:0 für Bayern, ich war ausser mir vor Schmerz. Da versprach ich: Wenn ein Wunder meine Mannschaft zum Sieger macht, werde ich wirklich Manchester United heissen.» Er hielt es nicht mehr aus und beschloss zu gehen. Stand schon in der Tür, als in der 91. Minute Manchester ein Tor schoss. «Keine zwei Minuten später fiel auch das zweite, und meine Jungs waren Champions-League-Sieger!»
Marin wollte «Manchester United» zu seinem Vornamen machen. Er ging von einem Anwalt zum anderen. Keiner glaubte, dass er eine Chance hätte, also ging er allein vor Gericht. Die Richter in seiner Heimatstadt Swistow lachten ihn aus und brachten ihn beinahe zum Weinen. Er ging weiter zur höheren Gerichtsinstanz im Gebietszentrum Weliko Tarnowo. Zur Gerichtsverhandlung erschien er in kompletter Manchester-United-Ausrüstung: T-Shirt, Mütze, Schal, Abzeichen.
Am 13. März 2000 wurde Marin mit einer freudigen Nachricht aus dem Bett geholt: Er hiess Manchester! Der ergebenste bulgarische Fan der englischen Mannschaft war überglücklich. Aber das war erst der halbe Sieg, denn er wollte ja Manchester United heissen. Also sparte er von neuem und ging zwei Jahre später wieder vor Gericht. Manchester Sdrawkow Lewidshow war entschlossen, notfalls vor das Oberste Gericht nach Sofia oder gar nach Strassburg zu gehen.
Die Gerichtsverhandlung war auf den 25. Juni 2002 angesetzt. Doch der 21. Juni war ein sehr unglücklicher Tag: England erlitt eine schwere Niederlage gegen Brasilien an der WM. Zutiefst verzweifelt stieg der Manchester- und Englandfan Manchester auf sein Fahrrad, um nach Hause zu fahren. Blind vor Schmerz übersah er ein Taxi. Er erwachte im Krankenhaus mit Verwundungen und Prellungen. Vier Vorderzähne fehlten. Trotzdem erschien er vier Tage später im Gerichtssaal. Diesmal nahmen ihn die Swistower Richter ernst und erlaubten ihm, United als Beinamen zu seinem Nachnamen zu tragen.
Nun bereitet Manchester Sdrawkow Lewidshow-United aus Swistow sich darauf vor, zum dritten Mal vor Gericht zu gehen: Er will United nicht als Beinamen zum Nachnamen, sondern als Teil des Vornamens tragen. Inzwischen hat er neue Zähne; er hat sie mit dem über Jahre gesparten Geld für eine Reise nach England bezahlt und muss die Erfüllung seines innigsten Traumes wieder verschieben: seine Mannschaft live im Old-Trafford-Stadion spielen zu sehen.
Zweimal war er seiner Mannschaft schon ganz nah gewesen. 1983, als sie ans Schwarze Meer kam, um im Europacup gegen Spartak Warna zu spielen. Marin Sdrawkow Lewidshow ging an dem Tag nicht zur Arbeit, er fuhr mit einem Auto nach Warna. Unterwegs platzten hintereinander zwei Reifen, und er musste umkehren. 2001 war er als Bauarbeiter kurz in Deutschland, in Ulm, etwa hundert Kilometer von München entfernt, wo am 17. März Manchester United gegen Bayern München um den Europapokal spielen sollte. Marin hatte eine Eintrittskarte und konnte vor Aufregung nicht mehr schlafen. Dann stellte man einige Tage vor dem ersehnten Tag die Bauarbeiten in Ulm ein, und die bulgarischen Arbeiter mussten nach Hause.
Manchester Sdrawkow Lewidshow-United gibt nicht auf, er spart weiter für eine Reise nach Manchester. Als Bauarbeiter in der kleinen Stadt hat er aber höchstens sechs Monate im Jahr Arbeit, und die ist auch noch ziemlich schlecht bezahlt.
Jetzt im Winter sitzt er meistens zu Hause. Im Winter ist es in Swistow oft neblig, und da stellt Manchester sich gern vor, er sei in England. Das Wichtigste in seinem Leben sind die Spiele von Manchester United. Er verfolgt sie alle im Fernsehen. Dabei sitzt er immer auf demselben Platz rechts auf dem Sofa. Er hat schon viele Plätze probiert und festgestellt, dass dieser seiner Mannschaft am meisten Glück bringt. Früher war es der Hocker links. Aus Aberglaube spielt er seit Jahren kein Toto mehr. Das letzte Mal hatte er auf eine Niederlage von Manchester United getippt und recht bekommen.
Manchester Sdrawkow Lewidshow-United sucht noch nach der richtigen Frau: «Sie soll meine Leidenschaft teilen und einverstanden sein, dass unsere Kinder nach den Stars von Manchester United benannt werden, nach David Beckham, Ryan Giggs, Paul Scholes.» Auch wenn es Mädchen sein sollten.
Ekaterina Popova ist Redaktorin bei der bulgarischen Wochenzeitung «Kapital». Sie lebt in Sofia.