NZZ Folio 09/09 - Thema: Der Lehrlingsreport   Inhaltsverzeichnis

Busfahren im Ferrari-Overall

© Markus Bühler-Rasom, Zürich
Er ist ein überzeugter Handwerker und beim Reifenwechsel schon fast so flink wie die Kollegen vom Ferrari-Rennstall: Kevin Greb. Linktext
Er hat schon einen historischen Ferrari Daytona zerlegt und wieder zusammengebaut, träumt aber selbst von einem Alfa: Kevin Greb, Automechatronikerlehrling bei Foitek in Urdorf.

Von Andreas Heller

Wie die meisten Sekundarschüler absolvierte Kevin Greb im Verlauf des letzten Schuljahres einen Test, um herauszufinden, welcher Beruf denn der richtige wäre für ihn. Das Ergebnis war für ihn «sehr erstaunlich»: Florist oder Gärtner lautete die Empfehlung der Psychologen.

Tatsächlich ist Kevin lieber draussen in der Natur als in der Studierstube, doch seine grosse Leidenschaft sind nun einmal nicht bunte Blumen, sondern schnelle Autos. Schon als Bub hatte er mit dem Vater den Genfer Autosalon und Oldtimerauktionen besucht. «Eigentlich wollte ich schon immer einen Beruf erlernen, der irgendetwas mit Autos zu tun hat», sagt er. «Bloss war mir das Berufsbild noch nicht ganz klar.»

Kevin Greb erzählt die Anekdote im Sitzungszimmer der Garage Foitek AG in Urdorf. Das Gespräch kommt schnell in Gang, Kevin ist ein aufgeweckter, selbstbewusster junger Mann. Er verhehlt nicht den Stolz, dass er in einer Garage für exklusive italienische Sportwagen seine Lehre macht. «Am Anfang bekam ich den Mund kaum noch zu angesichts der Autos, die hier rumstehen.» Aber mittlerweile habe er sich daran gewöhnt, fügt er cool hinzu.

Natürlich bekommt man eine Lehrstelle bei einer Garage wie Foitek nicht einfach so. Um seine Möglichkeiten besser einschätzen zu können, machte Kevin Greb einen weiteren Test, diesmal denjenigen des Automobilgewerbeverbandes. Das Ergebnis war so gut, dass man ihm riet, eine Ausbildung zum Automobilmechatroniker ins Auge zu fassen; in dieser vor kurzem geschaffenen Berufslehre werden die Mechanik des Automobils sowie die immer komplexere Elektronik zusammengefasst. Darauf schrieb er Bewerbungen, mehr als ein Dutzend waren es – und ebenso viele Absagen kamen zurück. Bei der Garage Foitek AG durfte er immerhin mal schnuppern. Erneut wurde er getestet. Er war nicht auf Anhieb der Beste, wie er später erfuhr. Deshalb wurde er für eine weitere Schnupperwoche aufgeboten. Am letzten Tag erhielt er endlich die Zusage: «Wir nehmen dich.»

Ein Lehrling bei Foitek beginnt in der Werkstatt für Alfa Romeo und Lancia. Nebst der eigentlichen Arbeit am Auto muss man am Anfang oft auch putzen, Kübel leeren, Botengänge machen, die Kaffeemaschine in Schuss halten. «Das gehört nun einmal dazu, jeder hat sein Ämtli», sagt Kevin lakonisch. Mit der Zeit könne man aber schon recht viel mitarbeiten. Im zweiten Lehrjahr wechseln die Lehrlinge in die Ferrari- und Maserati-Abteilung. Die Alfa-Latzhosen werden eingetauscht gegen einen schnittigen Ferrari-Overall. Das sei schon ein besonderes Gefühl, meint er. Zu Beginn wollte er das Übergwändli gar nicht mehr ausziehen. Im Ferrari-Dress fuhr er zu den Eltern nach Hause zum Mittagessen. «Da machten die Leute im Bus schon grosse Augen.»

Noch fährt Kevin mit dem Bus zur Arbeit. Seit knapp einem halben Jahr nimmt er Fahrstunden, und sobald er die Fahrprüfung gemacht hat, will er sich vom Ersparten – die Hälfte des Lohns fliesst aufs Sparkonto – ein Auto kaufen, wahrscheinlich einen Alfa Romeo. «Da komme ich hier bestimmt an ein günstiges Auto ran», hat er sich ausgerechnet, «und ich kann es auch gleich selber reparieren, wenn etwas kaputt ist.»

Nun kommt Kevin ins dritte Lehrjahr. Das bisherige Highlight war die Zeit, als er in der Klassik­abteilung an einem Ferrari Daytona arbeiten konnte. Das ist ein sehr rares Sammlerstück aus den 1960er Jahren. Das Fahrzeug wurde komplett zerlegt, revidiert, repariert und wieder zusammengebaut. Kevin hat diese Arbeit sehr gefallen, weil man noch ganz in die Feinheiten der Mechanik eintauchen und richtig reparieren könne. Bei den neuen Modellen werden defekte Teile meist kurzerhand durch neue ersetzt – eigentlich schade, findet der angehende Mechatroniker. Echtes Mechanikerhandwerk sei deshalb immer weniger gefragt.

In der Schule werden, wie Lehrmeister Daniel Pejic bestätigt, die Anforderungen an die Auszubildenden immer grösser. In der vierjährigen Lehre zum Mechatroniker wird viel theoretisches Wissen über Elektrotechnik und Elektronik gepaukt. Kevin hat keine grosse Mühe damit. Er möchte nach der Lehre diesem Beruf treu bleiben und sich bereits während der Rekrutenschule mit der Weiterbildung zum Autodiagnostiker befassen. Kevin Greb war schon immer einer, der genau weiss, was er will.

Andreas Heller ist NZZ-Folio-Redaktor.



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