NZZ Folio 06/04 - Thema: Soundcheck   Inhaltsverzeichnis

Schmalz für die Ohren

© Thileeban Thanapalan
«So I say thank you for the music, the songs I’m singing / Thanks for all the joy they’re bringing.» (Abba)
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Zehn Sekunden Intro, nach einer Minute der Refrain und dann ein Halbton rauf. «Music Star»-Produzent und Musiker Greg Manning erklärt, wie ein Hit funktioniert und warum er Musik nach Rezept schlimm findet.

Von Daniel Weber und Mikael Krogerus

GREG MANNING wurde 1964 in Nigeria geboren, wuchs in der Schweiz auf, studierte Klavier und Filmmusik in Boston, lebt in Los Angeles. Er ist Keyboarder, Komponist, Produzent und wirkt als musikalischer Leiter bei Jonathan Butler. Er schrieb das Schweizer Musical «Keep Cool», produziert Künstler in den USA und in der Schweiz (Funky Brotherhood). Zuletzt war er der musikalische Leiter der Fernsehsendung «Music Star».

Herr Manning, was macht eigentlich ein Produzent?

Er wird von Künstlern oder Plattenfirmen angegangen, die einen Song herausbringen wollen. Aus dem soll er das Beste machen. Er arrangiert das Stück, er wählt Musiker aus, er mischt den Sound ab. Dann lehnt er sich zurück und sagt vielleicht: Nein, so gefällt mir das noch nicht. Kann ich das bitte noch mal anders haben.

Sind Produzenten verhinderte Musiker?

Nein, überhaupt nicht. Die angesehensten Produzenten im Moment sind DJ, wie etwa Timbaland oder die Neptunes. Es gibt Produzenten, die nicht Musiker sind, sondern einfach ein brillantes Gespür dafür haben, wie etwas tönen muss, und es von anderen umsetzen lassen. Aber es gibt natürlich auch die klassischen Produzenten wie mein Vorbild Quincy Jones, das sind sehr oft begnadete Musiker.

Wann ist ein Song «gut produziert»?

Wenn man nicht merkt, dass er produziert, nachgebessert ist. Wenn man das Gefühl hat, das war eine spontane Aufnahme, auch wenn es Monate gedauert hat, bis sie im Kasten war. Viele Stücke, die gut klingen, sind sehr sparsam, mit wenigen Instrumenten produziert worden. Aktuelle Hits sind oft überproduziert.

Die Verlockungen der Technik ...

Klar, Studios mit der Musiksoftware Pro Tools verfügen heute über 128 Tonspuren, die man zusammenmischen kann, die Beatles hatten nur 4. Die Songs sind perfekter geworden. Aber das heisst nicht: besser.

Wie viele Spuren braucht man im Normalfall?

Ich sage immer: Brauchst du mehr als 24 Spuren, ist entweder der Song schlecht oder der Sänger, und dann muss nachgebessert werden.

Auf wie vielen Spuren wurde der Piero-Song «Celebrate» für den Eurovision Song Contest aufgenommen?

Auf 40 Spuren (lacht). Aber das lag an den vielen Rhythmusinstrumenten. Das Demotape war auf 12.

Kann man auch schlechte Songs gut produzieren?

Klar, man braucht sich nur die Hitparade anzuhören.

Die Nummer eins in den USA, «Yeah» von Usher ...

Das ist super produziert, starker Rhythmus, frischer Sound – und kein Inhalt. Da geht es vor allem um die Verpackung. Und die ist bis zur Perfektion durchgearbeitet. Fehlt der Inhalt, braucht’s gute Produzenten.
Elektronische Musik ist inhaltsleer?

Techno, R’n’B oder Sampling würden ohne die Sounds und Filterschrauben gar nicht funktionieren. Da ist die Verpackung zum Inhalt geworden. Auch das ist eine Kunst. Aber oft ist es der verzweifelte Versuch, fehlenden Inhalt mit glitzernder Verpackung aufzumotzen. «Ear Candy» – Zucker für die Ohren –, sagen die Amerikaner dazu. Die Haltbarkeit solcher Songs ist kurz.

Gibt es Toplieder, die schlecht produziert sind?

Norah Jones ist inhaltlich top und hat phantastische Melodien. Aber sie ist nicht besonders gut abgemischt.

Was hätten Sie anders gemacht?

Ich finde die Balance zwischen Stimme und Bass und Klavier nicht so gelungen. Der Sound ist bei ihr extrem trocken, fast ohne Raum aufgenommen. Aber dadurch hebt sie sich natürlich ab vom zurzeit Gängigen.

Produzenten wie Pharrell Williams oder Timbaland werden heute wie Stars behandelt. Wie wichtig waren Produzenten früher?

Sie waren immer sehr wichtig. Sie standen nur nicht so im Rampenlicht. George Martin ...

... der fünfte Beatle ...

... war ein Genie. Ohne ihn hätten die Beatles eine so komplexe Aufnahme wie zum Beispiel «Strawberry Fields Forever» nie hingekriegt. Ohne die raffinierte Abmischung hätte der Song nicht diese Magie. Auch bei Chaotenbands wie den Rolling Stones brauchte es einen, der sagte: «O. k., jetzt mal Ruhe, jetzt nehmen wir auf», sonst hätte das nie geklappt. Wie wichtig der Produzent sein kann, sieht man auch bei Michael Jackson. Der hat seit der Trennung von Quincy Jones keinen wirklich guten Song mehr gehabt.

Sie waren CD-Produzent und musikalischer Leiter der «Music Star»-Sendung. Was genau war Ihre Aufgabe?

Ich habe den Songpool bestimmt, aus dem die Kandidaten ihre Wahl trafen. Dann koordinierte ich die Produktion der Songs für die Auftritte und war nach der Sendung auch der Produzent im Studio. Die «Music Star»-CD-Kollektion hat übrigens zweimal Gold und zweimal Platin erhalten.

Die Teilnehmer von «Music Star» waren doch nur bessere Karaoke-Sänger.

Nein, das waren sehr gute Talente, und die im Finale konnten tatsächlich alle singen. Man muss natürlich sagen, dass wir bei der knappen Zeit im Studio schon ab und zu mal nachbessern mussten.

Ohne welches Gerät kommt man denn als Produzent im Studio nicht aus?

Das wichtigste Instrument ist weiterhin der Kehlkopf, die Stimme ... Aber gut, es gibt Auto-Tune. Das ist ein Computerprogramm, das automatisch und in Echtzeit falsch gesungene Töne mit der Stimme des Sängers korrigiert. Man kann es übrigens auch bei Liveauftritten verwenden. Aber letztlich hört man es. Es klingt richtig, aber nicht menschlich.

Welche Topstars benutzen Auto-Tune?

Viele. Jennifer Lopez, um nur ein Beispiel zu nennen. Als Auto-Tune vor sechs Jahren auf den Markt kam, haben es fast alle benutzt. Aber Menschen sind nicht Maschinen. Je älter ich werde, desto schöner finde ich es, dass manche Fehler machen.

Wir wollen in fünf Monaten mit einem Lied in die Hitparade. Mit welchem Musikstil verkaufen wir diesen Herbst gut?

Vielleicht mit etwas in der Art von Norah Jones: erdig, glaubwürdig, echt.

Nehmen wir einen Sänger oder eine Sängerin?

Wir brauchen ein Videoclip, also besser eine Frau.

Welche Tonart?

Das spielt eigentlich keine Rolle, beim Zuhören merken die meisten keinen Unterschied. Entscheidend ist, was der Sängerin behagt. Also nehmen wir mal C-Dur, wenn es ein bisschen fröhlich sein soll. Ich arbeite aber ungern in dieser Tonart.

Lieber b-Moll?

Ja, am liebsten spiele ich Klavier auf den schwarzen Tasten, so wie Stevie Wonder. Meine Lieblingstonart ist es-Moll.

Können Sie den idealen Songaufbau buchstabieren?

Intro, Vers, Pre-Chorus, Refrain, zweiter Vers arrangiert, Refrain, Vers transponiert, Refrain, Fadeout.

Noch mal langsam …

Viele Songs verzichten auf ein Intro und gehen direkt in die erste Strophe, aber beim perfekten Hitsong machen wir zehn Sekunden Intro. Dann vierzig Sekunden die erste Strophe, dann Pre-Chorus, das ist der Aufgang zum Refrain, damit die Leute merken: Achtung, jetzt geht’s los. Und nach einer Minute der Refrain. Das ist klassisch: Bei Popsongs beginnt der Refrain nach einer Minute.

Welcher Takt ist am hitsichersten?

Wenn wir bei Norah Jones bleiben, nehmen wir ein mittleres Tempo, also zwölf Takte pro Strophe, dann vier Takte Pre-Chorus, dann den Refrain. Dann wieder eine Strophe plus Refrain, eine Parallelwiederholung.

Keine neuen Elemente nach dem ersten Refrain?

Doch, wir können den Trick anwenden, den Phil Collins fast immer braucht: Harmonie und Melodie bleiben bei der zweiten Strophe gleich, aber das Arrangement wird raffinierter. Es klingt nicht anders, aber dichter.

Viele Songs haben Probleme nach dem zweiten Refrain .

Genau, jetzt müssen wir noch mal Gas geben: Transponieren. Die Wiederholung des zweiten Refrains machen wir einen Halbton höher, damit es nicht langweilig wird. So wie bei dem Song «Man in the Mirror» von Michael Jackson.

Können wir noch etwas tun, damit es auch zwischendurch nicht langweilig wird?

Nach dem zweiten Refrain acht Takte lang Breakdown. Das machen wir am Mischpult, wir verdünnen einfach den Sound. Wir nehmen alle Instrumente raus ausser Bass und Schlagzeug. So wird die Stimme betont. Und dann gehen wir wieder zurück zum Thema.

Und wie ist der Schluss?

Fadeout, damit der Song im Ohr des Hörers weiterklingt. Der durchschnittliche Song im Radio läuft heute drei Minuten, das heisst, wir haben nicht ewig Zeit, deshalb muss der Refrain mindestens zweimal wiederholt werden, um in Erinnerung zu bleiben.

Was braucht es noch?

Gutes Marketing. Und viel Glück. Aber ich möchte gern noch sagen, dass ich auf diese Weise kalkulierte Musik eigentlich schlimm finde. So wird die Musik zur Ware.

Daniel Weber und Mikael Krogerus sind Mitglieder der NZZ-Folio-Redaktion.

www.greg-manning.com




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