NZZ Folio 04/09 - Thema: Gold   Inhaltsverzeichnis

Das Experiment -- Zufallstreffer

© Charlie Frowd, University of S...
Wer ist es? Lösung im Text. Linktext
Das Phantombild gilt als wichtiges Instrument bei der Suche nach Verdächtigen. Doch im Jahr 2002 zeigte ein Versuch: Die Ähnlichkeit zwischen Bild und Täter ist erschreckend gering.

Von Reto U. Schneider

Kennen Sie die beiden Männer auf dem Bild? Wenn Sie ab und zu ins Kino gehen, sollten Sie eigentlich. Na? – Wenn nicht, sind Sie wenigstens in guter Gesellschaft. Die zwei Portraits sind Phantombilder der Schauspieler Ben Affleck (links) und Matt Damon. Von den achtzig Studenten, denen man sie vorlegte, erkannte sie kein einziger. Anschaulicher kann man nicht zeigen, wie es um die Brauchbarkeit von Phantombildern steht. Glücklicherweise haben Hollywoodschauspieler es nicht nötig, Tankstellen zu überfallen.

Das Experiment mit Affleck und Damon und acht weiteren Prominenten hat der Psychologe Charlie Frowd von der Universität Stirling in Schottland im Jahr 2002 durchgeführt. Am liebsten hätte er ein Verbrechen mit ahnungslosen Zeugen inszeniert. Weil das nicht möglich war, mussten Prominente für seinen Versuch herhalten.

Frowd legte zehn Portraits von Schauspielern und Musikern – darunter Affleck und Damon – auf einen Stapel, den die Versuchspersonen durchblätterten, bis sie auf die erste ihnen unbekannte Person stiessen. Dieses Gesicht konnten sie eine Minute lang betrachten. Nach einer bei Zeugenbefragungen typischen Verzögerung von zwei Tagen kamen sie wieder ins Labor und erstellten dann mit Hilfe eines Spezialisten ein Phantombild von ebendieser Person. Dabei kamen professionelle Programme zum Einsatz, ein geschulter Zeichner oder Frowds eigene Software EvoFit, deren Leistung er mit jener der anderen Programme vergleichen wollte.

Es sei schwierig gewesen, Prominente mit dem richtigen Bekanntheitsgrad für diesen Test zu finden, sagt Frowd. Einerseits unbekannt genug, damit die Versuchspersonen, die die Rolle der Zeugen übernahmen und die Phantombilder erstellten, sie nicht kannten. Andererseits bekannt genug, damit die anderen Versuchsteilnehmer, denen man die Phantombilder zeigte, sie grundsätzlich hätten identifizieren können – wenn sie gut genug getroffen gewesen wären.

Das Ergebnis war nicht nur im Fall von Matt Damon und Ben Affleck ernüchternd. Die aus 80 Studenten bestehende Jury war auch bei den anderen Gesichtern ratlos. In 800 Fällen wurden nur 22 Gesichter erkannt. Das entspricht einer erbärmlichen Quote von 2,8 Prozent. Und das, obwohl die Bedingungen geradezu ideal waren: Die Testzeugen wussten von Anfang an, dass sie sich die Gesichter einprägen mussten, die Bilder waren gestochen scharf und konnten eine Minute lang in Ruhe angesehen werden. Das wäre, wie wenn sich ein Bankräuber bei bestem Licht vor die Zeugen stellen und langsam bis sechzig zählen würde, bevor er davonrennt.

Neue Methode: Evolution als Vorbild

Dass diese schlechten Resultate weder mit der Fähigkeit des Zeichners noch mit der Leistung der Programme zu tun haben, weiss man schon lange. Das Problem ist vielmehr das Verfahren, mit dem die Bilder erstellt werden: Augen, Ohren, Nase, Mund und andere Gesichtsmerkmale müssen einzeln beschrieben und aus einer Vielzahl katalogisierter Formen ausgewählt werden. Doch dafür ist unser Gehirn nicht geschaffen. Wir prägen uns nicht einzelne Merkmale ein, sondern verarbeiten ein Gesicht als Ganzes: Wir erkennen ein Gesicht wieder, ohne zu wissen, dass es aus einer breiten Nase, grossen Augen, schmalen Lippen und kleinen Ohren zusammengesetzt war. Doch genau nach diesem Wissen verlangen die Programme.

Frowd bestreitet nicht, dass mit herkömmlichen Programmen hin und wieder ein brauchbares Phantombild entsteht. Diese vereinzelten Erfolge führten jedoch dazu, dass die Polizei den Phantombildern zu sehr vertraute. In welchem Verhältnis erfolgbringende Phantom­bilder zu nutzlosen stehen, ist nicht bekannt. Schlechte Phantombilder können auch vom richtigen Täter ablenken.

Charlie Frowds eigene Software EvoFit löst das Problem mit den Einzelmerkmalen elegant: Bei EvoFit beschreibt der Zeuge nicht schmale Augen oder dicke Lippen, sondern wählt aus 72 Gesichtern jene 6 aus, die dem Täter am ähnlichsten sehen. EvoFit wirbelt die Merkmale dieser 6 dann durcheinander und brütet daraus in einer Art künstlicher Evolution 72 neue Gesichter aus. Wieder wählt der Zeuge 6 aus. Nach drei Runden erhält man so ein brauchbares Phantombild.

EvoFit schnitt in Frowds Test 2002 gleich gut ab wie die besten merkmal­basierten Systeme, inzwischen hat Frowd das Programm weiterentwickelt, und seine Treffergenauigkeit liegt heute nach zwei Tagen Wartezeit bei erstaunlichen 25 Prozent. Damit liegt EvoFit sogar noch vor den Zeichnern, die bis anhin besser abschnitten als jedes Programm.

Sollten die Geschäfte für Ben Affleck und Matt Damon dereinst nicht mehr so gut laufen, kann man ihnen also nur raten, anständig zu bleiben.

Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.



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