NZZ Folio 12/06 - Thema: Freiheit   Inhaltsverzeichnis

Das Experiment -- Vor dem Versuch bitte Füsse waschen

Der Psychologe Larry Weiskrantz versuchte 1970 mit einer Kitzelmaschine zu klären, warum wir uns nicht selber kitzeln können.

Von Reto U. Schneider

Irgendwo in einem Abstellraum der Universität Oxford steht ein seltsames Gerät: eine Holzkiste mit einem Schlitz auf der Oberseite, aus dem knapp die Spitze einer Stricknadel ragt. Mit einem Hebel an der Stirnseite der Box lässt sich diese Spitze im Schlitz hin und her bewegen. Kein Uneingeweihter könnte erraten, dass dieser krude Apparat eine Fusskitzelmaschine ist. Gebaut hat sie der Psychologe Lawrence Weiskrantz 1970 mit zwei seiner Studenten.

Weiskrantz war nicht der erste, der sich mit dem Phänomen Kitzeln beschäftigte. Grosse Denker wie Aristoteles, Francis Bacon oder Charles Darwin hatten schon darüber philosophiert. Eine der Fragen, die sie immer wieder beschäftigte, war: Warum kann sich der Mensch nicht selbst kitzeln? Darwin schrieb dazu: «Aus der Tatsache, dass sich ein Kind kaum selbst kitzeln kann, muss man schliessen, dass es den genauen Ort, der beim Kitzeln berührt wird, nicht kennen darf.» Das hielt Weiskrantz nicht für die ganze Wahrheit: «Die meisten Kinder sind kitzlig, selbst wenn sie wissen, wo und wann der Kitzelreiz erfolgt.» Er schlug zwei Studenten vor, die Sache in einem Forschungspraktikum unter die Lupe zu nehmen.

«Als erstes bestimmten wir die Körperteile, die wir kitzeln konnten, ohne sozial unkorrekt zu sein», erinnert sich Weiskrantz. «Die besten Kandidaten waren die Fusssohlen.» Damit sich die Resultate unter verschiedenen Versuchsbedingungen vergleichen liessen, musste der Kitzelreiz standardisiert werden. Dafür war der Apparat da. Er war so gebaut, dass die einen Millimeter dicke Spitze mit einem konstanten Druck von 17 Gramm auf die Fusssohle drückte. Um den Kitzelreiz auszulösen, wurde der Hebel mit der Plasticspitze vier Sekunden lang zehn Zentimeter hin und her geschoben. Ein Metronom gab den Takt vor: Jede Sekunde fand ein Richtungswechsel statt.

Die dreissig Studenten, die am Versuch teilnahmen (und sich vorher die Füsse gewaschen hatten), waren sich einig: Wenn eine fremde Person den Hebel bediente, waren sie viel kitzliger, als wenn sie es selbst taten. Interessant war vor allem die Variante, bei der zwar jemand anderes den Hebel führte, die Versuchspersonen aber ebenfalls die Hand an den Hebel hielten und so eine direkte Rückkopplung zur Kitzelbewegung bekamen.

In diesem Fall war die Kitzelempfindlichkeit der Probanden zwar vermindert, aber immer noch grösser, als wenn sie den Hebel selbst führten. Weiskrantz zog daraus den Schluss, dass, anders als Darwin vermutete, die Information darüber, wann und wo gekitzelt wird, nicht ausreicht, um die Kitzligkeit vollkommen zu unterdrücken. Das gelingt nur, wenn man beim Kitzeln auch selbst das Kommando hat.

Weiskrantz’ Studie, die unter dem Titel «Vorläufige Beobachtungen über das Kitzeln von sich selbst» in der renommierten Fachzeitschrift «Nature» erschien, wurde von vielen Zeitungen aufgenommen. Ein englischer Kabarettist wollte die Fusskitzelmaschine sogar auf der Bühne demonstrieren. Weiskrantz lehnte ab.

Aus weiteren Studien mit Kitzelrobotern und Gehirnscans wissen wir heute, welche Bereiche im Gehirn die Nervensignale so zensurieren, dass wir uns nicht selber kitzeln können. Die viel grössere Frage, warum der Mensch überhaupt kitzlig ist, bleibt aber ein Rätsel. Einige Forscher vermuten, dass das Kitzeln die Bindung zwischen Kind und Eltern fördert; andere glauben, dass das Kitzeln bei Kampfspielen unter Kindern den Kampf in Gang hält und auf diese Weise eine bessere Vorbereitung für den Ernstfall ermöglicht. Auch eine Funktion bei der Partnersuche wurde dem Kitzeln schon zugeschrieben.

Es gibt aber auch Forscher, die an sozialen Erklärungen zweifeln. Die amerikanische Psychologin Christine R. Harris hat sich 1999 die Frage gestellt: Sind Menschen auch kitzlig, wenn keine anderen Menschen zugegen sind? Sie machte ihre Versuchspersonen glauben, dass sie zuerst von einem Menschen, dann von einer Maschine gekitzelt würden (in Wirklichkeit war die Maschine eine Studentin, die sich unter dem Tisch versteckt hielt). Wesentlich war: Als die Leute glaubten, sie würden von einer Maschine gekitzelt, lachten sie genau so laut wie beim Kitzeln durch Menschenhand.

Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.




Leserbriefe:

Zu Das Experiment -- Vor dem Versuch bitte Füsse waschen - NZZ-Folio Freiheit (12/06)

Ich habe eine Vermutung zu dem Experiment: Es handelt sich dabei vielleicht um ein Beschwichtigungsverhalten. Man ist an Körperstellen kitzlig, wo besondere Gefahr droht, wo eine Verletzung folgenschwer wäre. Daher wird bei Berührung die Situation durch Lachen entspannt. Dies ist so wichtig, dass es automatisiert wurde. Und es tritt eben nur ein, wenn man weiss, dass es sich bei der Berührung um einen anderen Menschen handelt; ein Tier oder ein Gegenstand lässt sich durch Lachen nicht beeinflussen.
per Email Matthias Pychlau



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